Das Ende dieser Woche wurde durch einen Paukenschlag eingeläutet. “Ypsilanti gibt auf“, ist da seit heute in den Weiten des Netzes zu lesen. Von Rücktritt ist zwar keine Rede, doch der Wahl zur Ministerpräsidentin will sie sich am fünften April nicht stellen. Sie fürchte um die Mehrheit, weil eine SPD-Abgeordnete nicht für sie stimmen wolle. Soweit der politische Wissensstand dieser Stunden, der sicherlich noch für einigen Trubel sorgen wird. Um Politik und seine Folgen soll es auch in unserem heutigen Wochenrückblick gehen. Die hessische SPD-Landeschefin bleibt hier zwar außen vor, doch brisant geht es in den nachfolgenden Beiträgen allemal zu.
Bewegende Schicksale hier und anderswo
“Abgeschoben: Das langsame Sterben der Gazale Salame” titelt bereits am vergangenen Sonntag unser fleißiger Autor Claus-Dieter Stille. Er berichtet vom bewegenden Schicksal einer Frau, die vor fast zwei Jahrzehnten vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland flüchtete. Sie heiratete, gründete eine Familie, fühlte sich gut integriert. Alles schien bestens bis ihr nach 17 Jahren in der Bundesrepublik die Aufenthaltsgenehmigung entzogen wurde. Am zehnten Februar 2005 musste sich – schwanger mit der jüngsten Tochter – Deutschland Richtung Türkei verlassen. Der Kampf ihres Mannes, der nach wie vor in der Bundesrepublik lebt, mit den Behörden begann. Doch bis heute bleiben sie hart. Nicht nur die dauerhafte Trennung von ihrer Familie, sondern auch das beengende Klima in Gümüspala, einem Stadtteil der Metropole Izmir, machen Gazale zu schaffen. Etwas türkisch hat sie zwar mittlerweile gelernt, doch von einem Gefühl von Heimat ist sie meilenweit entfernt. Inzwischen, so schreibt Stille, denke sie sogar an Selbstmord. Ein Zustand, der so nicht länger hinnehmbar ist. Es muss etwas passieren. Am Ende seines erschütternden Artikels verweist der Autor deshalb auf die Initiative Compact, die dazu aufruft Protestmails an Christian Wulff zu verfassen.
Protest scheint auch das Gebot der Stunde, wenn Julien Germain “Arbeitslose an die Front!” schreibt und damit für gehörig Zündstoff sorgt. Schon der nächste Satz seiner Ausführungen rüttelt auf: “Die Umkehr politischer Inkompetenzen zu Sozialrepressalien” ist da zu sehen, was folgt, liest sich nicht ohne ordentlich Gänsehaut im eigenen Nacken aufkommen zu lassen. So soll es künftig für Arbeitslosengeld II-Empfänger noch härter zu gehen. Neue Arbeitsplätze werden jedoch nicht geschaffen. Was ist da bloß los in Berlin, kann nun gefragt werden. Das Treiben erscheint jeden Sinn zu entbehren. Stattdessen ist wohl eher der “politische Erfolg sinnlosen Tuns garantiert”. Ein-Euro-Job, statt qualifizierte Vermittlung, so lautet heute die Devise. Beschönigung der Arbeitslosenstatistiken ist die angenehme Folge für die Verantwortlichen. Für Germain steht fest, der “Staat tritt die Grundrechte und Grundgesetze mit den Füßen”. Keinesfalls sollten Arbeitslose auch noch per gesetzlicher Regelung unter den wirtschaftlichen Problemen unseres Landes leiden. Tiefensees Vorschlag zur “Entsorgung von Hartz-IV-Empfängern” schlägt da dem Fass noch den Boden auf. Was daraus resultieren muss, sei an dieser Stelle nicht extra erwähnt…
Von unhaltbaren Zuständen
Politisches Fiasko Teil 2 an diesem Donnerstag mit Holger Finn und seinem Beitrag “Wir saufen früher aus“. Übermäßiger Alkoholkonsum von Jugendlichen, Flatrate-Partys, Koma-Saufen, die Alkopop-Diskussion – ein in schön regelmäßigen Abständen gerne wiederkehrendes Thema in Politik und Medien. Und erneut wurde sich der “besorgniserregenden Entwicklung des Alkoholkonsums von Kindern und Jugendlichen” angenommen. Diesmal wagt Baden-Württemberg den Vorstoß, indem der Verkauf von Alkohol an Tankstellen und im Einzelhandel zwischen 22 Uhr und fünf Uhr morgens schlicht verboten werden soll. Toll, schreit es da von politischer Seite, doch Finn ist da anderer Meinung. Kinder und Jugendliche würden einfach früher als bisher aufbrechen, um sich die notwendige Dosis für den Diskoabend noch vor Schließung der Schnapsschalter zu besorgen. Ob diese Initiative also ein Erfolg wird, das sei mal schwer dahingestellt.
Um Sorgen ganz anderer Art geht es unserem geschätzten Autor André Marty in seinem Artikel “Soldier down“, der schon einleitend mit einer ziemlich irritierenden Frage daher kommt. “Was macht eigentlich einer, wenn er vom Töten nach Hause kommt?” Otto-Normalverbraucher wird darauf keine Antwort finden. Doch genau diese Frage wird durch den Anti-Kriegsfilm “In the valley of Elah” aufgeworfen. Und auch wenn sich der Streifen mit einem zurückgekehrten Soldaten aus dem Irak-Krieg beschäftig, scheint im Zusammenhang mit den Vorkommnissen in Gaza diese Frage ebenfalls mehr als berechtigt. “In Israel begingen in den letzten sieben Jahren 243 Soldaten während des Militärdienstes Suizid. Die nackten Zahlen sind rückläufig, nicht zuletzt wegen eines spezifischen Programms des psychologischen Dienstes der israelischen Armee. Das Drama jedes einzelnen Soldaten bleibt bestehen. Nicht nur im Kino”, stellt Marty fest und bewegt damit erneut auch hierzulande die Gemüter für die Schicksale, die sich im Nahen Osten ereignen.
“Hoffnung liefert keine Ergebnisse”
Wenn das Schicksal von Soldaten angesprochen wird, so ist der Blick in die USA geradezu unausweichlich. Nicht nur die Readers Edition berichtet seit Wochen konsequent von den derzeit stattfindenden Vorwahlen, auch unser Stamm-Autor Heinz-Peter Tjaden hat den Blick über den großen Teich gewagt und eine deutsche Auswanderin zur Stimmung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten befragt. So erfährt der Leser in einem sehr kurzweiligen Gespräch nicht nur, dass es in Amerika mittlerweile mehr als nur Hoffnung bräuchte, denn “Hoffnung liefert keine Ergebnisse”, sondern auch, dass die Menschen sich eigentlich nicht wirklich darüber im Klaren sind, welche Änderungen sie überhaupt konkret anstreben. Und dass, obwohl es auch dort dem Mittelstand mächtig an den Kragen geht. Doch trotz allem Hin und Her der Medien, wer denn nun der bessere Kandidat für das Weiße Haus sei, erklärt Sieglinde Alexander bestimmt: “Die Mehrheit hat begriffen, dass Vorurteile keine Fakten sind… Vor allem wird Barack die US-Außenpolitik auf diplomatischer Ebene führen, nicht mit Waffen.”
Diplomatie statt Waffengewalt – ein schönerer Schlussgedanke ist wohl kaum zu finden. Und so wollen auch wir Sie, liebe Leser, mit diesen Eindrücken ins wohlverdiente Wochenende entlassen. Wie es mit Frau Ypsilanti weitergehen wird, das wird sicher in den nächsten Tagen hier zu lesen sein. Doch bis dahin seien ihnen noch einmal die Artikel des Monats Februar ans Herz gelegt. Den ersten Rang erreicht auf Anhieb unser neuer Autor Lukas Lehmann mit seinem Beitrag “Was von Israels Traum übrig geblieben ist“. Im folgt auf Rang zwei Julien Germain mit “Forsa-Umfrage: Unbegründete Patrioten“. Daran schließt sich auf Platz drei Heinz-Peter Tjaden mit “Die ‘Generation doof’ sitzt zu lange vor TV und Computer” an. Allen Dreien herzlichen Glückwunsch und Dank für Ihr Engagement. Doch nun: Machen Sie’s gut. Bis nächste Woche!
Ihre Redaktion Readers Edition
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