Öl, Kokain und Geschichte: Hintergründe der Krise in Südamerika (Teil 1)

Kolumbien, Ekuador und Venezuela haben an den Grenzen Truppen aufmarschieren lassen. Die Armee Kolumbiens war nach Auswertung amerikanischer Spionagebilder in Ekuador eingefallen und hatte in einem Gefecht den kolumbianischen Guerillaführer Raul Reyes getötet. Nun gehen Ekuador und Venezuela gemeinsam gegen Kolumbien vor, womit sich ein historischer Grundsatz der Geopolitik in

southa.JPGKolumbien, Ekuador und Venezuela haben an den Grenzen Truppen aufmarschieren lassen. Die Armee Kolumbiens war nach Auswertung amerikanischer Spionagebilder in Ekuador eingefallen und hatte in einem Gefecht den kolumbianischen Guerillaführer Raul Reyes getötet. Nun gehen Ekuador und Venezuela gemeinsam gegen Kolumbien vor, womit sich ein historischer Grundsatz der Geopolitik in Südamerika bestätigt. Und der lautet: “Bist Du mein Nachbar, so bist Du mein Feind, aber ich verbünde mich mit Deinem anderen Nachbarn, mit dem ich keine Grenzen habe!” Daher unterhält Ekuador beste Beziehungen zu Venezuela, das aber seinem Nachbarn Kolumbien gegenüber wenig Freundschaft empfindet.

Peru wiederum hat gegen seinen südlichen Nachbarn Chile im 19. Jahrhundert zwei Kriege geführt. Mit seinem nördlichen Nachbarn Ekuador ist es im 20. Jahrhundert mehrmals zu Grenzkämpfen gekommen. Chile wiederum ist mit seinem Nachbarn Argentinien verfeindet, pflegt aber gute Beziehungen zu Ekuador. Und so weiter.

Diese geopolitische Konstellationon wird fallweise von Ideologie überlagert.

Das Regime Alvaro Uribe in Bogota gilt als rechtsorientiert, während Venezuela unter Hugo Chavez und Ekuador unter Rafael Correa linkssozialistisch regiert werden. Hinzu kommen wirtschaftliche Interessen, die durch Erdöl und Kokain angeheizt werden. Die amerikanische Truppenpräsenz in Kolumbien und in Ekuador spielt ebenso ein Rolle wie Grenzstreitigkeiten und Ansprüche aus der Entstehungsgeschichte dieser drei Staaten.

Der große Befreier Simon Bolivar war zweimal im Krieg gegen die Spanier gescheitert. Erst der dritte Anlauf gelang. Nachdem Bolivar in komplizierten Fedzügen 1819 endgültig gesiegt hatte, fasste er das spanische Vizekönigtum Neu-Granada, das aus den heutigen Staaten Venezuela, Kolumbien und Ekuador bestand, in Groß-Kolumbien zusammen. Dann brach Bolivar als lebende Legende zu weiteren Feldzügen in den Süden auf, wo ihm aus dem Vizekönigtum La Plata mit General San Martin ein südlicher Befreier entgegenkam. Groß-Kolumbien hatte Bolivar für diese Jahre seinen Mitkämpfern und Generälen Francisco de Paula Santander und Jose Antonio Paez überlassen. Bolivars Versuch, Groß-Kolumbien mit Erweiterung durch die heutigen Regionen von Peru und Bolivien noch größer zu machen, ist gescheitert.

Bolivar hatte eine Diktatur der Tugend angestrebt, aber die befreiten Gebiete waren dafür ein denkbar ungeeigneter Platz. Die ehemals spanischen Gebiete waren zu groß, um dort eine Zentralregierung wirken zu lassen. Allerlei Caudillos suchten Teile an sich zu reißen. Es regierten Verrat, Gesetzlosigkeit, Raub, Ausbeutung und Trunksucht. Nach seiner Rückkehr aus dem Süden war nichts mehr zu retten. Bolivar entließ Santander als Vizepräsidenten von Groß-Kolumbien. Er stellte sich auf die Seite von Paez, der ihn später verraten hat. Paez hat Venezuela aus dem Bolivarstaat herausgerissen, um 1829 sein erster Präsident zu werden. Santander wurde 1832 Staatschef des Restes von Groß-Kolumbien in den ungefähren Grenzen des heutigen Staates. Der große “Libertador”, der wie viele Befreier der Geschichte immer mehr und noch mehr wollte, ist 1830 einsam, verbittert und entkräftet gestorben.

In Rest-Kolumbien regierten einmal die Konservativen, dann die Liberalen, wobei der Machtwechsel in blutigen Bürgerkriegen vollzogen wurde.

Die Liberalen spalteten sich. Um 1860 beherrschten die radikalen Liberalen als “golgotas” die Küste, während gemäßigte Parteikollegen als “draconianos” in Bogota regierten. Die Konservativen sammelten dieweil ihre Kräfte zum Sturz beider liberalen Fraktionen. Der Liberale Rafael Nunez war mit einem Programm der Erneuerung 1880 zum Präsidenten gewählt worden. Er schaffte einen komplizierten Ausgleich, der mit einer neuen Verfassung eine Atempause ermöglichte.

Bald aber traten Liberale und Konservative zu neuen Kämpfen an.
Kolumbien wurde der Staat des permanenten Bürgerkrieges, der “Violencia”. Konservative und Liberale sind in Südamerika Hilfsausdrücke, hinter denen sich mehrere Spaltungen verbergen: Radikale gegen Gemäßigte, Rechts gegen Links, Stadt gegen Land, Caudillos gegen Gelehrte, Freigeister gegen Katholiken, Indios gegen kreolische Aristokratie, Nationalisten gegen ausländische Einmischung. Die Konservativen hatten 1946 bei Präsidentschaftswahlen gesiegt, da die uneinigen Liberalen mit zwei Kandidaten angetreten waren. Das konservative Bogota ging sofort an die Ausschaltung der notorisch liberalen Provinzen. Die Liberalen wurden von dem großartigen Redner Jorge Gaitan angeführt, der an der Spitze riesiger Schweigemärsche durch Bogota pilgerte. Seine Ermordung hatte 1948 den Massenaufstand in Bogota, den “bogotazo”, zur Folge.

Die Präsidentschaft des konservativen Hardliners Laureano Gomes führte zu gegenseitigen Massakern und zu Migrationswellen. Die Armee setzte schließlich General Gustavo Rojas Pinilla (1900-75/ Amtszeit: 1953-57) als Staatschef ein, der die Gräben zwischen Konservativen und Liberalen per Diktat zuschütten wollte. Das wiederum führte zu einem Schulterschluss der Parteiführer. Sie verpflichteten einander in einem nationalen Pakt, für 16 Jahre in der Präsidentschaft abzuwechseln und die Staatsorgane jeweils zur Hälfte mit ihren Parteigängern zu besetzen. Damit ging die “Violencia” zwischen Liberalen und Konservativen zu Ende.

Kolumbien war durch diese Kämpfe zu einem Staat der Massenarmut herabgesunken.

Bald bildeten sich kommunistisch orientierte Guerillabewegungen, um den Bürgerkrieg fortzusetzen. Die FARC (Forzas Armadas Revolutionarias de Colombia) unter ihrem legendären Führer Marulanda oder “Tirofijo” kontrollierte bald riesige Gebiete an den Grenzen zu Venezuela und Ekuador. Aus Peru kommendes und selbst angebautes Koka wurde in Dschungelaboren zu Kokain verfeinert und über das Verteilernetz der Drogenbarone in die USA und nach Europa geschmuggelt. Das rief bald die USA auf den Plan, da in Kolumbien auch Erdöl gefunden worden war. Mit einer Pipeline wurde es zur Verschiffung an die Küste gepumpt. Die US-Armee, deren Präsenz in Kolumbien auf 30.000 Mann geschätzt wird, baute mehrere Stützpunkte, um die Pipeline zu bewachen.

Die Guerillas der FARC griffen immer öfter das Erdöl an. An der Grenze zu Venezuela konnten sie einen eigenen Staat schaffen, in dem Bogota nichts mehr zu sagen hatte. Mit der Entführung von begüterten Politikern wie etwa der Präsidentschaftskandidatin Betancourt, aber auch mit Geldfälschung gelangte die FARC zu großen Reichtum. Man konnte moderne Waffen kaufen und die Verteilernetze ausbauen. Die USA unterstützten hierauf die Schaffung von “Selbstverteidigungstruppen” (Autodefensa oder AUC), die anfangs unter Kontrolle Bogotas standen, aber heute als unabhängige Kraft agieren und ebenfalls im Kokainhandel verstrickt sind. Gegenseitige Massaker führten zu Flüchtlingsströmen der gequälten Zivilbevölkerung.

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  1. Der Artikel ist sehr interessant und würde von mir verlinkt (www.peymanian.com). Er wäre noch interessanter gewesen, wenn der Autor die Rolle der DEA beim Drogenhandel nach der Ermordung Pablo Escobar und die plötzliche Drogenflut deutlicher thematisiert hätte!