Ein wenig bekannter Aspekt in der gegenwärtigen Krise zwischen Kolumbien, Venezuela und Ekuador ist die “Währungspolitik” der FARC. Anfangs haben die Guerillas noch Geldtransporte und Banken überfallen und Milliarden des kolumbianischen Pesos erbeutet, die aber durch die rasende Inflation mit jedem Monat immer weniger wert waren. Daher wurde die Fälschung des US-Dollars in Angriff genommen. Das Problem hierbei war weniger die Bildgestaltung, sondern eher das spezifische Papier der amerikanischen Banknoten. Das Design kleiner Dollarnoten wurde daher durch chemische Prozesse ausgebleicht und dann mit höheren Werten überzogen. Die Produktion der FARC-Dollars war kompliziert, wie auch die Guerilla-Blüten leicht entdeckt werden konnten.
Ab dem Jahr 2000 haben sich jedoch fast gleichzeitig neue Nachschublinien und Absatzmärkte entwickelt. 100 neue venezolanische “Bolivares” im Wert von wenigen Cents hatten auf Millimeter genau das Format der in allen Denominationen gleich großen Dollarscheine. Nur war der einst stolze “Bolivar”, der über Jahrzehnte mit 5:1 zum Dollar gegeben und genommen wurde, unter Chavez derart abgestürzt, so dass man ihn nicht einmal mehr rauben musste. FARCistas kauften in Venezuela kiloweise bolivarische Hunderter ein, liessen sie dann erblassen und zu Hundertdollarscheinen werden.
Gleichzeitig öffnete sich mit Ekuador ein neuer Absatzmarkt.
Im Jahr 2000 hat eine proamerikanische Regierung in Ekuador die historische Währung des “Sucre” durch den US-Dollar ersetzt. Der weit überzogene Wechselkurs hat hunderttausende Bürger noch tiefer ins Elend gestürzt. Verwirrung schuf auch die Tatsache, dass Werte unter einem Dollar als Centavo-Münzen mit Aufdrucken erschienen, die als Hohn und Verspottung angesehen werden konnten. Die kleinste Münze von einem Centavo hatte die Prägung: “Luz de America” (Licht Amerikas). Es folgten auf 5, 10, 25 und 50 Centavos die Anweisungen: Bellezza (Schönheit), Verdad (Wahrheit), Libertad (Freiheit) und Bondad (Güte oder Gutheit).
Große Verwirrung war die Folge, denn bisher hatte man den Wert der Sucre-Scheine an Größe und Farbe erkannt. Nun gab es nur mehr gleich große und gleich grüne US-Dollars. Die Fälscher der FARC haben sofort Millionen Dollar, die einst hundert Bolivares gewesen waren, nach Ekuador geschmuggelt. Dort hat man zur Reissprobe gegriffen. Ein echter Dollar gibt bei schnellem, nicht wirklich zerreissenden Auseinanderziehen ein anderes Geräusch wie der gefälschte FARC-Dollar.
Ekuador war eine “Audiencia Quito” oder eine Subregion im spanischen “Neu-Granada” gewesen.
Doch immer wenn ein großes Reich zusammenbricht, will man an allen Ecken und Enden ein Staat werden. Auch die Audencia von Quito sah sich dazu berufen. Nach Ermordung des bolivarischen Generals Sucre hat Carlos Flores diesen Teil Groß-Kolumbiens als selbstständigen Staat konstituiert und nach dem das Land querenden Äquator “Ekuador” genannt. In Guayaquil an der Küste sammelte sich die Opposition um Vincente Rocafuerte, der bei Groß-Kolumbien bleiben wollte. Nach einem Bürgerkrieg versöhnte sich Flores mit Rocafuerte, um einander im Präsidentenamt abzulösen. Die Spaltung des Landes in die reiche Küstenregion Guayaquil und die Hochlandsaristokratie von Quito setzte sich fort. Flores ging 1845 in Exil, wurde aber bei Ausbruch eines Bürgerkrieges zurückgeholt. Er verlor den Kampf um das Präsidentenamt gegen den katholische Fortschrittlichen Gabriel Garcia Moreno.
Dieweil war ein Grenzkrieg mit Peru ausgebrochen, in dem Flores getötet wurde. Moreno begann eine konservative, katholische Diktatur und suchte Anschluss an Frankreich. Ekuador war für ein paar Jahre ein frankophoner Polizeistaat. Moreno ließ die Indianer von französischen Geistlichen erziehen. 1875 wurde er ermordet. Später kamen die Liberalen ans Ruder. Der liberale Caudillo Eloy Alfaro trat gegen Quito an und blieb siegreich. Seit 1895 im Präsidentenamt begann er mit einer Modernisierung des Landes. Hartnäckiger Widerstand der Konservativen von Quito ließ ihn bald zurücktreten. Er wurde von Mestizen gelyncht, doch die Liberalen der Küste regierten weiter, bis 1926 ein Militärputsch ihre Herrschaft beendete.
In Ekuador hat zwischen 1900 und 2000 fünfzig Mal die Präsidentschaft gewechselt.
1934 hatte in Quito ein Drama begonnen, das bis 1972 dauerte. Die USA haben Millionen Dollar und viele Energien eingesetzt, um die Wahl des Nationalisten Jose Velasco Ibarra (1893-1979/Fünf Amtszeiten) zu verhindern. Philip Agee (“Inside CIA”) hat diese tragische Komödie genau beschrieben. Velasco wurde als Kommunist verdächtigt, da er als begnadeter Populist auf allen Klavieren spielte. Velasco verbündete sich im Wahlkampf mit allen Gruppen, darunter auch mit den Kommunisten. Einmal gewählt, trennte er sich von bisherigen Kampfgefährten und suchte als milder Autokrat zu regieren. Dabei gelang ihm ein Weltrekord. Er ist gegen den Willen und trotz heftiger Intrigen der USA fünfmal zum Staatschef gewählt worden: 1934-35/1944-47/1952-56/1960-61/1968-72.
Entschieden wird der laufende Grenzkonflikt von der lokalen Großmacht Venezuela, denn der dauerhafte Caudillo Hugo Chavez hat das Land mit Ölgeldern aufgerüstet. Die USA beziehen rund 20 Prozent ihres Öls aus Venezuela und müssen daher vorsichtig sein. Columbus hatte 1498 bei Vorbeifahrt an der Küste wegen der eingeborenen Pfahlbauten von einem “kleinen Venedig” oder “Venezuela” gesprochen. Die Französische Revolution und die Invasion Spaniens durch Napoleon liessen in Caracas eine Junta 1811 die Unabhängigkeit erklären.
Dem in Caracas geborenen Simon Bolivar gelang 1817 mit seinen Kommandaten Santander und Paez die endgültigen Vertreibung der Spanier. Als er in maßloser Überschätzung seiner Kräfte sofort nach Süden marschierte, blieb Paez als oberster Verwalter in Caracas zurück, während sein Konkurrent Santander als Vizepräsident Bolivars in Bogota regierte. Dann zerfiel Bolivars Konstrukt. Paez riss Venezuela aus Groß-Kolumbien und wurde dessen erster Präsident. Santander wurde 1832 Staatschef des Restes von Groß-Kolumbien Paez regierte als Caudillo, seine Unterführer folgten ihm im Präsidentenamt.
Ein Nachfolger und Günstling von Paez, Jose Monagas, konvertierte 1846 zu den Liberalen. Nach zwölf Jahren Herrschaft des Monagas-Clans wurde Paez neuerlich zum Präsidenten gewählt. Seiner Restauration folgte ein Bürgerkrieg. Die “Gelben”, das waren Föderalisten und Liberale, siegten unter Antonio Guzman gegen die “Blauen” oder Konservativen. Guzman wandelte sich zu einen diktatorischen Konservativen. Auf den Hauptplätzen der Städte wurden Statuen des Staatschefs errichtet. Guzman pflegte oft gewinnbringende Reisen nach Europa zu unternehmen. Kaum war er fort, stürzten wütende Menschenmassen seine Statuen, die sie nach seiner Rückehr vor drohenden Gewehrläufen wieder aufzurichten hatten.
Juan Vincente Gomes (1857-1935/ Amtszeit: 1908-29) wurde 1908 nach einem Zwischenspiel sein Nachfolger. Er war ein typischer Caudillo, der das Land mit eiserner Faust regierte. Unter Gomes war Öl gefunden worden. Kampfgenossen des Caudillos traten zur Nachfolge und zur Bereicherung an. 1945 beendeten junge Offiziere die verlängerte Gomes-Ära. Durch das Öl und die Industrialisierung hatte sich eine Arbeiterschaft gebildet, die von der “Accion Democratica” (AD) organisiert wurde. AD-Führer Romulo Betancourt (1908-1981) wurde als Übergangspräsident eingesetzt. Er ließ eine neue Verfassung ausarbeiten. Die folgenden Wahlen wurden von dem Dichter und AD-Mitbebegründer Romulo Gallegos (1884-1969) gewonnen. Er wurde nach Monaten vom Militär gestürzt, dessen Kandidat, Oberst Marcos Jimenez Perez, (*1914) sich nach Scheinwahlen zum neuen Präsidenten erklärte.
Der rundliche General profitierte vom Ölboom und baute in dem engen Tal von Caracas gewaltige Straßen und Kreuzungen. Er war in jedem Sinn ein Freund des Verkehrs. In seiner Freizeit pflegte er auf einer Vespa im Garten seiner Residenz Bikinimädchen zu verfolgen und zum Beischlaf einzuholen. Jüngere Offiziere der Luftwaffe und der Marine jagten ihn 1958 ins Exil.
Es kam zu demokratischen Wahlen, die Betancourt gewinnen konnte. Langsam entwickelte sich ein solides Zweiparteienregime, in dem die AD nach Wahlen regelmäßig mit der christlichsozialen COPEI an der Macht wechselte. Das ergab die Frage, welche Partei und welcher Präsident mehr Petrodollars eingesteckt hat. Oberst Hugo Chavez (*1954) hat bei Wahlen von 1998 mit einer populistischen Partei die etablierte Doppelherrschaft gesprengt. Er liess die Verfassung ändern, damit er mit erweiterten Vollmachten öfter zum Staatschef gewählt werden konne. Es folgten Putschversuche, Demonstrationen und Generalstreiks, die Chavez wegen seines Massenanhangs unter den Armen des Landes alle überstanden hat.
Die USA arbeiten zwar an seinem Sturz, während Chavez als mächtigste Verteidigungswaffe den verkürzten Benzinschlauch schwingt. Chavez ist als Nachfolger Fidel Castros zur Leitfigur der Linken in Lateinamerika aufgestiegen. Aus der Üppigkeit des Öls teilt er Geschenke aus. Sein Ziel in dem laufenden Konflikt ist der Abzug amerikanischer Truppen aus Kolumbien. Er will auch die US-Truppen aus ihrer Luftwaffenbasis Manta in Ekuador entfernen, deren Vertrag mit Ekuador in Kürze ausläuft. Von Manta starten US-Flugzeuge, um den Norden Südamerikas zu überwachen. Von Manta aus haben die USA das Reduit der FARC in Ekuador entdeckt.
- Öl, Kokain und Geschichte: Hintergründe der Krise in Südamerika (Teil 1)
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