Herr Kollege: Victor Kocher, Neue Zürcher Zeitung NZZ, …

Herr Kocher, seit einem Vierteljahrhundert berichten Sie aus und über den Nahen Osten. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: wird’s Ihnen journalistisch gesehen nicht langsam etwas langweilig? Nein, 25 Jahre Nahostjournaille haben noch keinen Zyniker aus mir gemacht. Ich empfinde saftige Frustration über das unaufhörliche Umgehen einer Lösung. Langeweile kaum,

victork.jpgHerr Kocher, seit einem Vierteljahrhundert berichten Sie aus und über den Nahen Osten. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: wird’s Ihnen journalistisch gesehen nicht langsam etwas langweilig?
Nein, 25 Jahre Nahostjournaille haben noch keinen Zyniker aus mir gemacht. Ich empfinde saftige Frustration über das unaufhörliche Umgehen einer Lösung. Langeweile kaum, zumal der Newspeak, mit dem die Politiker ihre Ausweichmanöver vertuschen, doch mitunter zu erstaunen vermag.

Zumindest beim Fernsehen sinken die Einschaltquoten bei Nahost-News-Berichten – und News ist ja mittlerweile das Normale, und nicht mehr Hintergrund und Einordnung. Wie reagiert Ihre Leserschaft?
Ich verschone sie jedenfalls nicht mit Berichten. Reaktionen erfolgen allerdings meistens nur dann, wenn die Israeli wieder in eine besonders blutige Phase des Konfliktes marschieren.

“Die Distanz auf Zypern schützt mich davor, mich in den laufenden Ereignissen zu verlieren”

Sie sind einer der wenigen Kollegen, der fliessend arabisch spricht, dennoch aber sind Sie in Limassol und nicht in Beirut oder etwa Al-Kahira stationiert. Warum diese Wahl?
Meine Arbeitsweise kombiniert einen rasenden Reporter mit einem Lateinlehrer, der ich von Hause aus bin. Zum Glück verlangt die NZZ keinen Dateline-Hunter, ich reise dann, wenn es am besten passt. Die Distanz auf Zypern schützt mich davor, mich in den laufenden Ereignissen zu verlieren. So kann ich in einer etwas altmodischen, aber soliden Weise, einigermaßen gesicherte Tatsachen und die wesentlichen Entwicklungen herausstellen.

Nun werden Sie in Blogs, Leserbriefen als “Araber-Freund” teils heftigst kritisiert. Zurecht?
Der Vorwurf kommt von Leuten, die anstatt einem Nahostkorrespondenten einen zweiten Israel-Korrespondenten haben wollen, welcher auch noch die Sicht- und Handlungsweise des jüdischen Staats rechtfertigt.

Wie gehen Sie, Ihre Heimatredaktion in Zürich, mit dieser manchmal verletzenden Kritik um?
Wir weisen auf die Arbeit des NZZ-Israel-Korrespondenten hin. Er und ich behandeln sehr häufig die Ereignisse stereo, jeder gibt die Sichtweise von seiner Seite. Ausgewogener gehts nicht.

“Der Vorwurf des Anti-Semitismus ist der schmerzlichste Teil meiner Arbeit”

Mir fällt auf, dass journalistische Kritik an Israels aktueller Politik rasch mit Anti-Semitismus vermischt wird. Erleben Sie das ähnlich?
Ja. Jüdische Freunde übrigens auch. Der Vorwurf des Anti-Semitismus ist der schmerzlichste Teil meiner Arbeit, aber er schärft auch immer wieder die Selbstkritik. Immerhin kann ich sagen, dass ich das Schlimmste schon erlebt habe: Einer der geschätzten Partner in Ihrem Blog, der als Kollege doch die journalistischen Grundsätze kennen sollte, hat mich vor einiger Zeit in seinem Blatt leichtfüssig als Anti-Semiten bezeichnet. Und er war später nicht einmal dazu bereit, sich mit seinem eigenen Urteil auseinanderzusetzen oder mit mir darüber zu reden.

Letzthin wurde ich in einem Blog mit Ihnen verglichen, “nein, für einmal ist es nicht der Kocher, sondern der Marty” – sind Sie jetzt beleidigt?
Ganz im Gegenteil – das bringt mir die größte Erleichterung. Das bedeutet ja wohl, dass meine auf die Interessen der ganzen Region bezogene Berichterstattung nach ein paar Jahren wenigstens die Denkweise von jüngeren Kollegen etwas prägt. Dann können sich die auch einmal vorne hinstellen und Prügel für ein offenes Wort beziehen…

…die Prügel bereiten zwar keine Freude und vermutlich sind es primär einmal die Regeln der “alten journalistischen Schule” die prägen – und das immer weniger tun im heutigen Kurzfutter-Journalismus. Herr Kocher, für wie explosiv halten Sie eigentlich die Lage in und um den Gaza-Streifen?
Solche blutigen Episoden wie die jüngste, in denen die Israeli wieder ein paar Dutzend Militante und ebensoviele Zivilisten, Frauen und Kinder umbringen, sind immer wieder möglich. Die Hamas hat mit ihren Raketen ein besonders unerträgliches Werkzeug gefunden, um den palästinensischen Protest gegen die immer schwerer lastende Besetzung, Blockade und Repression zum Ausdruck zu bringen. Der einzige Ausweg wäre, wie Staatssekretärin Rice richtig sagt, ein Erfolg der Friedensverhandlungen. Doch das impliziert ein Umdenken in Israel und den Verzicht auf Cisjordanien, was die heutige Regierung offensichtlich gar nicht durchsetzen kann, ohne sich selbst zu stürzen.

US-Außenministerin Condoleezza Rice konnte diese Woche keine Annäherung zwischen Israeli und Palästinenser-Präsident Abbas vermitteln. Dann noch der blutige Anschlag vom Donnerstagnacht in Jerusalem. Verlieren die USA weiter an politischem Gewicht in der Region?
Ja. Die Amerikaner sind in den Augen der Araber nicht mehr ehrliche Makler, sondern Kriegspartei. Und trotzdem ist ihr Einfluss auf Israel immer geringer. Und der Nutzen der militärischen Power-Projection ist seit dem Irak-Debakel auch kaum ersichtlich. Der Glaube der Radikalen an einen Sieg im asymmetrischen Widerstandskrieg wächst.

Was wird Sie in den nächsten Wochen journalistisch beschäftigen?
Die erschreckende politische Auswegslosigkeit, welche die Gewaltbereitschaft erhöht und das Leben Ihrer und meiner Freunde in der Region gefährdet.

Dieses Interview erschien zuerst auf andremarty.com.

Kommentare

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  1. Eine tolle Idee, einmal den “alten Hasen” Kocher vorzustellen. Kocher hat die Fähigkeit zum Mitleiden auch nach 25 Jahren nicht verloren, aber auch nicht seine Objektivität.