Desaströses Prinzip: Auge um Auge…

Nach dem blutigen Anschlag auf eine Rabbinerschule in der vergangenen Woche, verübt von einen palästinensischen Selbstmord-Attentäter, mit Toten und Verletzten in Jerusalem, scheint der auch ohnedies schon bisher schwer erreichbare Friede zwischen Israelis und Palästinensern in Nahost in noch unerreichbarere Ferne gerückt zu sein. Dem Anschlag vorangegangen waren Angriffe der

08-02-22_Fotos_London_24_236299.jpgNach dem blutigen Anschlag auf eine Rabbinerschule in der vergangenen Woche, verübt von einen palästinensischen Selbstmord-Attentäter, mit Toten und Verletzten in Jerusalem, scheint der auch ohnedies schon bisher schwer erreichbare Friede zwischen Israelis und Palästinensern in Nahost in noch unerreichbarere Ferne gerückt zu sein. Dem Anschlag vorangegangen waren Angriffe der israelischen Armee auf Ziele im Gaza-Streifen. Auch sie forderten Tote und Verletzte. Wiederum zuvor hatte offenbar die Hamas von dort aus Kassam-Raketen auf israelische Ortschaften (u.a. Sderot) abgefeuert…

Sumaya Farhat-Naser will diese Entwicklung nicht hinnehmen

Die Scharfmacher auf beiden Seiten verfahren also weiterhin nach dem katastrophalen Motto AUGE UM AUGE – ZAHN UM ZAHN. Eine, die das nicht hinzunehmen gedenkt, ist Sumaya Farhat-Naser. Die evangelisch-lutherische Christin wurde 1948 in Birseit bei Jerusalem geboren. Sie studierte Biologie, Geografie und Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg. Von 1982-1997 arbeitete sie als Dozentin für Botanik und Ökologie an der palästinenschischen Universität Birseit. Seit 1997 leitet Sumaya Farhat-Naser das palästinensische “Jerusalem Center for Woman”. Farhat-Naser ist u.a. Trägerin des Bruno-Kreisky-Preises, sowie des Versöhnungspreises “Mount Zion Award”. Außerdem erhielt sie bereits 1989 die Ehrendoktorwürde der theologischen Fakultät Münster.

Dieser Tage weilt Sumaya Farhat-Naser wieder einmal in Deutschland. Am vergangenen Freitag gab sie u.a. in einer Sendung von Funkhaus Europa Auskunft über die Lage der Palästinenser im Gaza-Streifen.

Palästinenser werden schikaniert

Bethlehem_164713.jpgFür Sumaya Farhat-Naser ist die augenblickliche Lebensituation der Menschen in Gaza aussichtsloser denn je. Es fehlt im Grunde an allem. Auch an Lebensmitteln. Wasser ist knapp und Elektrizität nur sporadisch vorhanden. Lebensnotwendige Medikamente werden dringend benötigt. Dadurch und wegen der häufigen Stromsperren kommen besonders die Krankenhäuser in Schwierigkeiten. Patienten sterben. All das dringend Benötigte kann nur von Israel nach Gaza gelangen. Die dortigen Behörden entscheiden gewissermaßen nach Gutsherrenart, wann was wie und auf welchem Wege nach Palästina gelangt. Zudem (sh. Foto) sind die Palästinensergebiete in etliche Flecken zerstückelt und teils durch eine gewaltige Hightech-Mauer von Israel abgetrennt. Selbstmordattentäter sollen auf diese Weise von israelischem Territorium ferngehalten werden. Behindert werden dadurch aber immer wieder diejenigen Palästinser, welche nach Israel zum Arbeiten müssen, bzw. ihre Verwandten in den anderen palästinensischen Gebieten besuchen wollen. Ein nur für Israelis zugelassenes, gut ausgebautes und asphaltiertes Straßennetz verbindet jüdische Siedlungen; zerschneidet aber gleichzeitig die alten Wege der Palästinenser. Selbst der Flughafen von Tel Aviv ist für Palästinenser gesperrt, so dass diese nach Jordanien, nach Amman, müssen, wollen sie ins Ausland fliegen.

TV-Journalist Ammer: DDR-Grenzübergänge waren gegenüber den Checkpoints der Israelis “humanitäre Einrichtungen”

Der WDR-Fernsehjournalist Andreas Ammer nach einem Besuch im Gaza-Streifen: “Gegenüber den Checkpoints (der Israelis; d. A.) waren die DDR-Grenzübergänge humanitäre Einrichtungen”. Diese Palästinenser werden von israelischen Soldaten oft wie der letzte Dreck behandelt. Sumaya Farhat-Naser selbst ist seit Jahrzehnten davon betroffen. Es ihr verboten nach Jerusalem zu reisen. Zehn Jahre hat sie dieses Gesetz gebrochen und ist illegal nach Israel eingereist. Die Israelis wollen mit ihren “Maßnahmen” die Hamas sozusagen “austrocknen”, treffen aber stets doch nur die einfache ohnehin bettelarme Bevölkerung. So macht man die Palästinenser zu Menschen dritter Klasse.

Ein Beispiel: bereits 2002 erhielt ein Palästinenser pro Tag nur 32 Liter Wasser, ein Israeli aber 220 Liter, ein Siedler sogar 330 Liter. Ein Palästinenser zahlte damals für einen Liter 4,6 Schekel, ein Israeli aber nur 0,8 Schekel, ein Siedler nur 0,3 Schekel.

WDR-Reporter Ammer sagte damals: “Wer von Beginn seines Lebens an derart gedemütigt wird, der schnallt sich irgendwann einen Bombengürtel um”. Farhat-Naser ahnte zur selben Zeit betreffs der Selbstmordbomber: “Heute sind es hundert, morgen tausend, die sich eine Bombe umschnallen wollen.” Eines der Mädchen, die sich damals 2002 in die Luft sprengten kannte sie persönlich: Ihr Verlobter und ihr Bruder wurden zuvor von israelischen Soldaten einem Grenzübergang erschossen, als ihre Wagen gegen den Befehl nach vorne rollte.

Es herrscht eine sehr hohe Arbeitslosigkeit. Die Politik der Israelis hält Farhat-Naser für einen schlimmen Fehler. Sie wird eher eine weitere Soldiarisierung mit der Hamas zur Folge haben. Und ein unerreichbares Jerusalem, meint sie, wird die Stadt gerade für palästinensische Jugendliche “noch heiliger und zu einem Mythos werden lassen, der sich leicht mit religösen Argumenten füllen läßt”.

Bruderkrieg zwischen Fatah und Hamas – Der Westen ignoriert demokratisch zustande gekommene Wahlergebnisse

Was die Lage der Palästinenser noch mehr verschlimmerte, ist der zwischen den Anhängern der Fatah und denen der Hamas ausgebrochene Bruderkrieg. Ganz unschuldig ist der Westen – die USA und die EU – an dieser Situation nicht. Schließlich war die Hamas durch freie und demokratische Wahlen (die ja der Westen stets gefordert hat und in aller Welt nach wie vor fordert) an die Regierung gekommen. Die Bevölkerungsmehrheit hatte offenbar die korrupte Fatah-Regierung satt gehabt. Dass der Westen mit der Wahl der Hamas nicht glücklich war, ist nur zu verständlich: zuviel Blut klebt an den Händen der Hamas. Aber klebte das nicht zuvor genauso an den Händen der Fatah und denen Yassir Arafats? Die Fatah wird aber im Gegensatz inzwischen als politische Kraft durchaus allgemeinhin akzeptiert.

Arafat ist tot, Scharon liegt im Koma und Bush ist eine “lahme Ente”…

Immer wieder hat Sumaya Farhat-Naser versucht, den Palästinensern die Sinnlosigkeit der Attentate vor Augen zu führen, weil sie gegen die Gesellschaft gerichtet seien. Bislang ohne Erfolg. Einmal bekam sie zur Antwort: “Wenn mein Leben für die Israelis nichts wert ist, ist mir deren Leben auch nichts wert.” Farhat-Naser gab ihren Kampf für einen Frieden bis heute nicht auf. Früher schon forderte sie: “Die Verantwortung für Geschichte hat nur einen Sinn, wenn man Gegenwart und Zukunft gelten lässt.” Die friedensbewegte Frau fand es gleichfalls unmöglich zu warten, bis Arafat, Scharon und Bush weg sind.

Inzwischen ist Arafat tot, Scharon liegt im Koma und Bush ist politisch längst a lame duck, eine “lahme Ente” geworden und bald auch mit seiner Amtszeit und seinem Latein wohl schon jetzt am Ende. Ein Frieden in Nahost scheint aber dennoch im Augenblick unmöglicher denn je geworden zu sein.

“Sumaya”, schrieb Helmut Frank einmal, “heißt übersetzt: ‘kleiner Himmel’. “Heute ist der Ausblick in ein autonomes Palästina ferner denn je. Kleiner könnte der Himmel nicht sein.”

An dieser Einschätzung hat sich nichts leider geändert. Eher ist die Lage noch hoffnungsloser geworden. Nach wie vor gibt es allerdings auf beiden Seiten – bei den Israelis und den Palästinsern – Menschen, denen es an einem Frieden gelegen ist. Einer von ihnen auf israelischer Seite ist der am 10. September 1923 als Helmut Ostermann in Beckum geborene Uri Avneri. Der israelische Journalist, Schriftsteller und engagierte Friedensaktivist war insgesamt zehn Jahre Abgeordneter der Knesset, dem israelischen Parlament. Neben anderen Mitkämpfern wird auch Avneri nicht müde, darauf hinzuweisen, dass es eigentlich unvermeidlich ist, mit der Hamas zu verhandeln, will man ernsthaft zu einem friedlichen Nebeneinander – von einem Miteinander will er schon gar nicht träumen – eines selbstständigen palästinensischen Staates und Israel kommen. Es reiche eben in keiner Weise aus, ausschließlich nur mit der Fatah von Mahmud Abbas zu verhandeln. Schließlich galt ja auch immer schon: mit Feinden muß verhandelt werden. Nicht oder kaum ausschließlich mit Partnern, mit denen man fast einer Meinung ist. Man nannte das einmal Diplomatie…

Allerdings scheint mir diese, wie ich finde, richtige Erkenntnis noch sehr lange zu brauchen, um auf fruchtbaren Boden zu fallen. Erst recht, wenn permanent Scharfmacher auf beiden Seiten glauben, weiter nach dem desaströsen Prinzip AUGE UM AUGE – ZAHN UM ZAHN handeln zu müssen. Befördern könnte die Weltgemeinschaft – besonders die USA und die EU – eine ins Positive weisende Entwicklung im Nahen Osten, setzte man allgemeinhin wieder mehr auf Diplomatie im Umgang und dem Verkehr zwischen den Völkern mit- und untereinander, statt immer öfters – wie ja die Negativbeispiele Afghanistan und Irak schmerzlich zeigen – die militärische Karte zu spielen. Ein kurzsichtiges Vorgehen, das wiederum meist nur neue folgenschwere Konflikte gebiert.

Kommentare

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  1. ich denke, das die Situation der Palästinenser sicher miserabel ist. Es gibt Dinge, die ich selbst nicht ganz verstehe. So wird teilweise Israelischer Müll in der Westbank abgekippt, anstatt in Israel. Auch die Checkpoints sind sicher nicht so einfach zu verkraften. DOCH: Aus meiner Sicht wird in den Medien oft einiges überspitzt. Da dürfen Palästinenser nicht an den Ben Gurion (was absolut nicht stimmt…zumindest für Palästinenser mit israelischen Pass). Oder es werden Palästinenser gezeigt, die Stundenlang in der Hitze des Hochsommers an einen Checkpoint stehen müssen. So etwas müssen aber auch Touristen durchmachen. Und aus meiner Erfahrung waren es Palästinenser, die bestimmt haben, wer weiter gehen durfte und wer nicht. Die Israelis sassen hinter ihrem Betonklotz und haben zugeschaut und Pässe kontrolliert. So am Checkpoint vor Jericho. In Bethlehem kamen solche Massenaufläufe und lange Wartezeiten fast gar nicht vor. Selbst Palästinenser durften nach dem Gang durch die Sicherheitsschranke ohne weitere Wartezeiten den Checkpoint passieren.

    Die Situation in Bethlehem ist meines Erachtens tatsächlich dramatisch. Hier verläuft ein Teil der 3% aus Mauer bestehenden Sicherheitsanlage, trennt Häuser etc….Ironischerweise haben die Israelis am Stadteingang ein großes Werbeschild angebracht: “Gehet in Frieden. Israelisches Tourismusbüro.” Fährt man aber ans Stadtende auf die andere Seite zum Beispiel Richtung Herodion oder anderen Sehenswürdigkeiten in der Westbank, so ist von der Mauer und dem so genannten “Ghetto” nichts mehr zu sehen. Wo ist plötzlich die Mauer hin, die angeblich Bethlehem einzingelt? Ich weiss es nicht…

    Zu Sumaya Farhat-Nasser: 2003 durfte ich diese beeindruckende Frau in Emmaus in der Westbank mit Zivikollegen selbst erleben. Was ich interesant fand, war vor allem, dass sie die radikalen Muslime für die christliche Auswanderung aus dem Heiligen Land verantwortlich machte. Es werden immer mehr Moscheen gebaut, Christen schikaniert und in Stadträten wie in Bethlehem haben die radikalen Muslime schon längst das Altagsleben in eigener Hand. In der Jerusalemer Altstadt kam ich zu einem ähnlichen Treffen mit einem Christen, der uns zu sich auf seine Dachterasse am Jaffator einlud. Bei arabischem Nanatee und arabischen Leckereien erzählte er uns von dem Leid, welches ihn und seine Mitchristen in der Jerusalemer Altstadt täglich widerfährt: “Nicht die Juden sind das Problem, vielmehr sind es die Muslime”.

    Das das oben genannte Prinzip “Auge um Auge, Zahn um Zahn” nicht aufgeht beweist schon die Bibel. Hier wird “Auge um Auge, Zahn um Zahn” spezifisch für das Schuldbekenntnis der Israeliten am jüdischen Sühnetag Yom Kipur benutzt. Es geht hier also nicht um ein angebliches Recht von Gewalt und Gegengewalt, welches Antisemiten den Juden mit diesem Satz immer anhängen wollten, sondern um das Gebot einen angemessenen Schadensersatz in allen Fällen von Körperverletzung dem Opfer zu entrichten. Siehe hierzu auch den Artikel der Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Auge_f%C3%BCr_Auge