Unterhält man sich mit langjährigen Fußballfans des Berliner Erstligisten Hertha BSC Berlin über die Zeit in der ersten Hälfte der Neunziger, als die Hertha eine mittelmäßig Zweitligamannschaft war, werden sie fahl im Gesicht. Im damals noch nicht renovierten Olympiastadion verloren sich selten mehr als 5000 Zuschauer, im Schnitt waren es sogar nur 3000. Die Stimmung bei den Heimspielen glich einer Geisterkulisse und hat ihren Teil dazu beigetragen, dass die Hertha in jener Zeit über den Status einer grauen Zweitligamaus nicht hinaus kam.
Und vermutlich wäre sie es heute noch, wenn überhaupt, hätte es in der Zeit nach der Entscheidung für Berlin als neue alte Bundeshauptstadt nicht das Bedürfnis nach einem „Hauptstadtklub“ gegeben, der die Stadt und die Bundesrepublik in der 1. Bundesliga und wenn möglich in den europäischen Pokalwettbewerben repräsentiere. So begann eine Konzentration seitens der Politik und der Wirtschaft auf den Verein, der einstmals im Wedding zu Hause war, die zum Aufstieg in der Saison 1996/1997 führte. Wenn es nach der Stadt Berlin ginge, so würde die geisterhafte und zerstörerische Kulisse jener Zeit wiederkehren – diesmal allerdings für den 1. FC Union Berlin.
Zu Ostzeiten Sammelbecken der Unzufriedenen
Der derzeitige Drittligist, der seit Gründung des Vereins in Berlin-Köpenick beheimatet ist, hat sich längst als zweite Kraft der Stadt etabliert – eine Parallele zu Ostzeiten. Damals war der Stasi-Verein BFC Dynamo die Nummer Eins in Stadt und Land und Union nur die zweite Berliner Mannschaft – zwischen DDR-Oberliga und 2. Liga der DDR hin und her pendelnd. Und auch das Image und Publikum der Köpenicker unterschied sich eklatant vom Rekordmeister der DDR, Union entwickelte sich im Lauf der Jahre zu einem Sammelbecken für alle, die auf die eine oder andere Weise ihren Unmut gegen den Staat ausdrücken wollten. Immer wieder wurde der Verein gezwungen, seine besten Spieler an den verhassten Erzfeind abzugeben, immer wieder wurden Spiele zugunsten des Lieblingsklubs Erich Mielkes verschoben und für eine lange Zeit wurde Union gezwungen, seine Heimspiele gegen den BFC im heute nicht mehr existierenden Stadion der Weltjugend auszutragen.
Die Alte Försterei – Ein Kleinod für Fußballfans
Nach der Wende ereilte Union dann das Schicksal vieler ostdeutscher Vereine. Lange dauerte es, bis der Verein mit den veränderten wirtschaftlichen Bedingungen zurecht kam, der Tanz auf der wirtschaftlichen Rasierklinge ist bis heute nicht beendet. In dieser äußerst schwierigen Situation hat der Klub neben der Treue der Fans und der mittlerweile recht kontinuierlichen sportlichen Arbeit nicht viele Trümpfe in der Hinterhand – das Stadion An der Alten Försterei ist der stärkste. Zwar ist dieses an vielen Stellen marode und der Klub darf schon seit Jahren nur noch mit Ausnahmeregelungen dort spielen, doch drei Stehplatztribünen, die Tatsache, dass es das einzige reine Fußballstadion – also ohne Laufbahn – in Berlin ist und die relativ steilen Ränge machen das kleine Stadion in Köpenick zu einem Kleinod für Fußballfans und einem überlebenswichtigen Faustpfand für den Verein.
Keine Ausnahmegenehmigung des DFB mehr
Doch diese Zeit scheint bald vorbei zu sein. Die Ausnahmeregelung des DFB wird nicht weiter erteilt. Für den Verbleib im Stadion müssten, sollte Union der Einzug in die neue Dritte Profiliga gelingen (und danach sieht es momentan aus), der Sicherheit zuliebe bautechnische Auflagen an den Rängen erfüllt werden. Sollte gar der Aufstieg in die Zweite Liga gelingen, und auch das ist zur Zeit für den Viertplazierten der Regionalliga Nord im Bereich des Möglichen, kämen weitere Auflagen hinzu, sowie die Forderung nach dem Einbau einer Rasenheizung. Auflagen, deren finanzieller Umfang vom finanziell gebeutelten Köpenicker Verein nicht zu stemmen sind – und eigentlich ist er dafür auch nicht verantwortlich, schließlich gehört das Stadion dem Bezirk Treptow-Köpenik.
Es ist nicht so, dass das Problem die Beteiligten völlig unvorbereitet trifft, weder die Stadt noch den Verein. Seit vielen Jahren gibt es immer wieder Anträge seitens Unions an die Stadt, die dann immer wieder finanzielle Mittel verspricht, in letzter Sekunde aber doch aus dem Haushalt streicht. Seit einigen Jahren existiert nun der Plan, dem Verein das Gelände rund um die Alte Försterei für den symbolischen Preis von einem Euro zu übertragen, auf das dieser dann das Stadion saniere oder ein Neues baue.
Die Pläne dafür liegen bereits fertig in der Schublade, für 17 Millionen – was ein wahres Schnäppchen wäre, vergleicht man es mit den vielen anderen neuen Stadien, die zur Fußball-WM in Deutschland entstanden – könnte eine neue Alte Försterei entstehen, zur Freude der Fans ebenfalls mit drei Stehplatztribünen, dafür aber mit Dach. Doch nach zwei Jahren Beratungen und Verhandlungen mit dem Senat gab der nun rotes Licht – aus der geplanten Übertragung für einen Euro wird nichts, statt dessen wurde der Preis von 1,98 Millionen aufgerufen – für ein Stadion, dass im derzeitigen Zustand nicht länger bespielbar ist, wohlgemerkt. Damit brachen alle Finanzierungspläne zusammen und Union beendete die Verhandlungen.
Tolldreiste Vorschläge des Senats
Die Stadt Berlin aber hatte einen tolldreisten Plan für die Zukunft parat. In Gestalt des Staatssekretärs der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Thomas Härtel (SPD) ließ sie verlautbaren, sie wisse gar nicht, wo das Problem sei, schließlich gäbe es auch andere bespielbare Stadien in der Stadt, Union müsse dann halt umziehen. Das einzige Stadion Berlins, dass die Auflagen des DFB erfüllt, ist aber das Olympiastadion. Dieses liegt nicht nur am entgegengesetzten Ende der Stadt, womit jedes Heimspiel zu einem Auswärtsspiel für Union würde, es ist mit seiner Kapazität von knapp 75.000 Plätzen auch viel zu groß.
Eine Geisterstimmung, wie anfänglich beschrieben, wäre die Folge, zumal nicht wenige Union-Fans den weiten Weg nach Charlottenburg verständlicherweise boykottieren würden. Dass das Olympiastadion aufgrund der Weite, des schneidenden Windes und der großen Laufbahn eh als Stimmungstod unter Fußballfans gilt, läßt die Idee zu einer echten Gruselvorstellung werden. Unions Präsident Dirk Zingler bezeichnete diesen Vorschlag auch sofort als Schlag ins Gesicht und schloß einen Umzug des Vereins nach Charlottenburg aus.
Die andere, theoretisch gangbare, Alternative wäre der in Prenzlauer Berg gelegene Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Mit einem Fassungsvermögen für knapp 20.000 Zuschauer ist das Stadion den Unionern bereits bekannt, hier spielte der Verein, als er nach Erreichen des Pokalfinales 2001 im UEFA-Cup spielte und aufgrund der strengeren Auflagen der UEFA nicht in der Alten Försterei spielen durfte. Doch den Vergleich zum Stadion im Heimatbezirk kann der Jahnsportpark keineswegs aushalten: Auch dieses Stadion ist eher ein Leichtathletik- als ein Fussballstadion und zudem diente es zwischen 1971 bis 1992 dem großen Rivalen BFC als Heimspielstätte – wäre Union gezwungen, dorthin zu ziehen, wäre das ein später Triumpf für Mielkes Mannen. Und sollte der Aufstieg in die Zweite Liga gelingen, müsste dort ebenfalls eine Rasenheizung eingebaut werden sowie sicherheitstechnische Maßnahmen durchgeführt werden, wenn auch bedeutend kleinere.
Die Vorschläge des Senats bedeuten eine Zerstörung der Identität des Vereins
Beide „Alternativen“ wären ohne einen Umzug des kompletten Vereins nicht denkbar. Der Vorgänger des Vereins (der durch die vielen historischen und politischen Veränderungen der Stadt immer wieder gezwungen war, sich äußerlich neu zu erfinden) ist seit der Gründung 1906 in Köpenick beheimatet, in der Alten Försterei spielt er seit achtundachtzig Jahren. Umso verständlicher, dass die ignorante Haltung des Senats und der damit verbundene sportpolitische Offenbarungseid die Fans und Offiziellen des Vereins wütend macht. Dass ein Umzug in den Westteil der Stadt oder in den, sich mittlerweile fest in westdeutscher Hand befindlichen, Prenzlauer Berg auch ein weiterer Schlag für die eh schon angekratzte Ost-Identität wäre, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Stärker ist das Gefühl, wieder einmal von der Politik verraten und verkauft zu werden, wie schon zu Ostzeiten.
46 Millionen Euro gab das Land Berlin 2004 dazu, um das Olympiastadion für den „Hauptstadtklub“ Hertha BSC und die WM zu sanieren. Einen solchen prozentualen Anteil würde Union mit Kusshand nehmen. Doch die Realität sieht anders aus: Nicht einen müden Cent ist der Senat bereit zu zahlen. Und nicht wenige der alteingesessenen Fans haben selbst schon viel Hand angelegt, um die Alte Försterei zu dem zu machen,was sie heute ist: Anfang der Achtziger Jahre wurden im gemeinsamen Subotnik zwei der vier Seiten des Stadions aufgeschüttet und hochgezogen. Fraglos wären sie dazu heute auch wieder bereit, nur muss bezweifelt werden, dass sich die Anforderungen des DFBs auf diese Weise bewerkstelligen lassen. Realistischer erscheint da schon die verrückte Idee einiger Fans, eine Sammlung zu starten, um das Gelände selbst zu kaufen. Nicht-Fußballfans mögen die Verzweiflung, die die Union-Fans aufgrund des Verhaltens des Senats überkommt, vielleicht nicht verstehen, doch die forcierte Entwurzelung käme einer Zerstörung der Vereinsidentität gleich, die den Verein mittel- und langfristig wohl vernichten würde.
Letzte Hoffnung Gazprom?
Wenn man Gerüchten glauben darf, so könnte Hoffnung aus dem Osten kommen. Angeblich weilten am vergangenen Samstag bei Regionalligaspiel gegen Eintracht Braunschweig zwei Mitarbeiter der Marketingabteilung des russischen Energieriesen Gazprom im Stadion An der Alten Försterei. Und waren angeblich ob der Kulisse und der Tatsache, dass die Fans trotz des 0:2 Rückstandes zu Halbzeit nicht pfiffen und ihre Mannschaft in der zweiten Hälfte zum 2:2 peitschten, begeistert. Ob da allerdings etwas wahres dran ist, ist völlig offen. Und für die Stadt Berlin wäre es ein weiteres Armutszeugnis, dass ein russischer Energiekonzern sich begeistert auf das brachliegende Potential stürzt, für dessen Pflege und Nutzung der Senat nicht einen Finger krümmen will.
Ich bin zwar großer Fußballfan, sehe es aber nicht ein, wenn der Staat für Profivereinen Stadien baut. Ich fand das in der Vergangenheit nicht in Ordnung und das gleiche gilt für Union Berlin, auch wenn ich den Verein sympatisch finde.