Journalismus: eine schmerzvolle Verantwortung

Eine Recherche vor Ort ist der beste Weg, um moralische und ethische Themen zu verstehen Ich bin Studentin eines Journalisten-Lehrganges an einer bekannten Universität in einem Randbezirk von London. Um im britischen Zeitungsjournalismus zu arbeiten ist es unbedingt erforderlich die Gesetze, ein Stenographie-System, genannt “teeline”, und wie die Regierung auf

intervi.jpgEine Recherche vor Ort ist der beste Weg, um moralische und ethische Themen zu verstehen

Ich bin Studentin eines Journalisten-Lehrganges an einer bekannten Universität in einem Randbezirk von London. Um im britischen Zeitungsjournalismus zu arbeiten ist es unbedingt erforderlich die Gesetze, ein Stenographie-System, genannt “teeline”, und wie die Regierung auf regionaler und nationaler Ebene arbeitet, zu erlernen.

Demzufolge erscheint es so, als würde ich eine Menge Zeit damit verbringen, verschnörkelte Zeichen auf Papierstückchen zu bringen, über all das zu lesen was Reporter in Schwierigkeiten bringen könnte und in Erfahrung zu bringen, welche Steuern es gibt und wie sie von der Regierung ausgegeben werden. Manchmal bekomme ich aber die Chance raus zu gehen und ein bisschen zu berichten.

Diese drei Monate nach Weihnachten waren die interessantesten meiner aufkeimenden Medien-Karriere, einfach aufgrund der Leute, die ich interviewt habe. Journalismus ist ein großartiger Vorwand, um aus seinem bequemen Bereich herauszukommen und mit Individuen aus allen Gesellschaftsschichten zu sprechen.

Etwas früher in diesem Jahr traf ich zwei Frauen, die aufgrund ihrer Behinderungen keiner bezahlten Tätigkeit nachgehen konnten und deshalb so viel Zeit wie sie konnten für ein Ehrenamt verwandten. Die eine hatte eine manische Depression und die andere Enzephalitis, eine Entzündung des Gehirns. Beide sprachen mit mir sehr offen über ihre Gesundheit und wie sie durch Arbeit ohne finanzielle Gegenleistung Bedeutung in ihrem Leben gefunden hätten. Nicht lange danach interviewte ich einen christlichen Priester und ein hellseherisches Medium. Auf ihre verschiedenen Weisen sprachen beide über Welten hinter der, die wir mit unseren eigenen Augen sehen können. Ich sprach auch mit einer Reihe von Leuten über Geistererfahrungen, unter anderem mit Psychologen, die sagten, dass das Paranormale mit kognitiven Illusionen erklärt werden könnte.

Gestern Abend ging ich los, um einen gottesfürchtigen Muslimen zu interviewen, der auf Gebetstreffen spricht und den Koran rauf und runter und von vorne bis hinten kennt. Er überraschte mich völlig mit seiner Erklärung, dass Muslime Jesus als einen Boten Allahs verehren. Sie legen einfach ihr Hauptaugenmerk auf den Propheten Mohammed, da sie glauben, dass er Allahs letzter Bote war.

Ich dachte, ich wüsste ein bisschen was über den Islam, das allerdings wusste ich nicht!

Man könnte sagen, dass die Ausübung des Journalismus vor Ort mir zum ersten Mal im Leben die Augen für eine ganze Welt an Menschen, die ich auf andere Weise nicht getroffen hätte, geöffnet hat. Gleichzeitig hat es mich die Verantwortung bewusst werden lassen, die Journalisten durchhalten müssen, falls sie rechtschaffen sind und ihre Arbeit richtig machen wollen.

Gute Methoden, um Notizen zu machen, sind absolut grundlegend. Falls man die Worte nicht akkurat mit einem Aufnahmegerät festhalten kann oder kein gutes Stenographie-System beherrscht, muss man extrem vorsichtig sein. Wenn ein Interview schlecht niedergeschrieben wurde, kann es die Reputation des Reporters und des Interviewten ruinieren.

Wenn du deinen Artikel schreibst, kannst du nicht alles benutzen, was der Interviewte zuvor sagte, es ist normal, die interessantesten Zitate, die die Geschichte am besten erzählen, wiederzugeben. Doch sei vorsichtig! Manchmal, wenn Zitate aus dem Zusammenhang gerissen werden, kann ihre Bedeutung falsch interpretiert werden.

Gesetzlich gesehen könntest du davon kommen, aber könntest du damit leben?

Falls du die Menschen magst, die du interviewst, dann wird die Repräsentation dieser in einwandfreiem Licht so wichtig, dass es absolut nervenaufreibend sein kann. Mein Problem ist, dass ich jeden mag.

Eine Sache, die mir immer Sorgen bereitet ist die, wenn Interviewpartner Dinge sagen, die sie später bereuen könnten, da sie zu persönlich sind. Mal unter uns beiden – und dem Internet – gesagt: Manchmal habe ich den Stift zur Seite gelegt oder habe einfach etwas herausgestrichen, wenn ich mich in einer solchen Situation befand. Das macht mich in vielerlei Hinsicht zu einem schlechten Journalisten. Ich sollte meine Stift als eine Art Vermittler zwischen dem Interviewpartner und der Welt benutzen und nicht die Fakten filtern. Wenn jemand etwas wirklich Privates mit mir teilen möchte, wer wäre ich, wenn ich sie oder ihn zensieren würde?

Ich kenne Journalisten, die sagen: “Nun, sie haben das nun mal gesagt, nun können sie nicht jammern, wenn es gedruckt ist.”

Ich sage: “Aber sie sagten das, weil sie aufgrund der Tatsache interviewt zu werden aufgeregt waren und sie vertrauten mir. Vielleicht gingen ihre Zungen mit ihnen durch. Vielleicht bereuen sie es morgen.”

Die Journalisten sagen: “Mach dir nicht so viele Gedanken. Einige Menschen tun alles dafür, um in die Zeitung zu kommen. Regt dich nicht auf.”

Ursprünglich wurde ich zum Historiker ausgebildet und ich denke oft darüber nach, wie viel leichter es war im Vergleich zum Journalismus. Geschichte ist bedeutungsvoll und sie kann Schmerz unter den Lebenden erzeugen, wenn die Fakten verdreht wurden, doch Historiker sind gegenüber Journalisten viel freier, was die moralische Verantwortung angeht.

Wenn ich über private Dinge von Heinrich VIII., dem großen König der Tudors, schreibe, wird dieser meine Zeilen nicht lesen und sich wünschen, dass sich der Boden am nächsten Morgen auftun und ihn verschlucken würde. Als Historiker kann ich über die privaten Leben und die Gedanken von tausenden von Menschen hinweggehen und es würde nichts ausmachen, da sie ja alle tot sind.

Als Journalist kann ich, wenn ich alles berichte, was Menschen mir sagen, ein großes Schamgefühl, Peinlichkeit und Schmerz erzeugen.

Das mag ich nicht. Ich mag das überhaupt nicht.


Dieser Artikel erschien zuerst auf Ohmy News. Die Übersetzung und Veröffentlichung durch die Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Ohmy News.

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