Vor knapp einer Woche, am 5. März jährte sich der Todestag Stalins zum 55. Mal. Die russischen Medien nahmen diesen Tag zum Anlass, sich mit der Person Stalin auseinandersetzen. Die meisten Betrachtungen folgten hier jedoch reichlich trivialen Fragen, wie solchen was er gegessen, mit wem er geschlafen und wo er seinen Urlaub verbracht hat. Der Guido-Knopp-Virus lässt grüßen. In der “Nowije Izwestia” erschien dagegen eine hochinteressante Analyse, wie das gegenwärtige Stalinbild in der russischen Gesellschaft darstellt wird.
Seit Stalins Tod hat sich die Einstellung zu dem sowjetischen Diktator mehrmals geändert.
In der öffentlichen Meinung galt er mal als ein großer Politiker, der einzelne Fehler begangen hat, mal als ein paranoider Henker. Die trotzigen Rentner, die am Rande vieler politischer Demonstrationen auf dem ehemaligen Gebiet der UdSSR mit Stalinbildern erscheinen, gehören zu den zuverlässigen Klischees mit denen westliche Medien die Sehgewohnheiten ihrer Rezipienten bedienen. Dieser Tage, so die “Nowije Izwestija” hat sich an dieser Erscheinung aber etwas geändert – ein beachtlicher Teil der Jugend, die nichts mehr von den Repressalien der Stalin-Zeit weiß, hat sich der Verehrung Stalins angeschlossen.

Dabei basiert diese Veränderung der Haltung zu Stalin auf zwei geistigen Strömungen. Zum einen handelt es sich um die altbekannte Sehnsucht nach einer “starken Hand” und darum, dass 42 Prozent der russischen Bürger nach Angaben von Soziologen davon überzeugt sind, dass das Land einen solchen Spitzenpolitiker braucht. Zum anderen, und das ist die neuere Tendenz wird Stalins Figur immer mehr eine Mythos-Gestalt. Sie erschreckt nicht mehr, sondern wird immer attraktiver. Beunruhigend ist hier die eindeutig positive Einschätzung von Stalins Handlungen durch einen großen Teil der Jugendlichen. 36 Prozent von ihnen gaben an: “Egal welche Fehler und Sünden ihm auch immer zugeschrieben werden – Hauptsache, dass das Volk unter seiner Führung im Großen Vaterländischen Krieg gesiegt hat”. Jeweils 20 Prozent äußerten: “Nur ein harter Herrscher konnte unter den Bedingungen eines akuten Klassenkampfes und der äußeren Bedrohung für Ordnung im Staat sorgen” und “Stalin ist ein weiser Staatschef, der die UdSSR zu Einfluss und Gedeihen geführt hat.” 16 Prozent vertreten den Standpunkt, dass “unser Volk ohne einen Führer solchen Typs niemals auskommen wird: Früher oder später wird er kommen und Ordnung schaffen.”
Was sich hier nun langsam aber immer spürbarer Platz verschafft, ist das Resultat einer Erziehungspolitik, welche durch Putin eingeleitet wurde. Im Internet gibt es mindestens zehn Webseiten, die Stalin gewidmet sind. Sie enthalten Stalins Werke, Memoiren über ihn und “Entlarvungen” von Antistalinisten wie auch Äußerungen namhafter Zeitgenossen Stalins, die Lobeshymnen an ihn richten mussten. Als Beispiele an dieser Stelle nur die namhaftesten Portale: stalin.su und stalinism.narod.ru
“Das Problem besteht darin, dass es in unserer Gesellschaft keine breite Diskussion über die jüngste Vergangenheit stattgefunden hat”, stellt Arseni Roginski, Vorstandschef des Gesellschaftsvereins Memorial, in der Zeitung fest. “Diese Diskussion wurde durch einen Großmacht-patriotischen Mythos ersetzt, der von der Regierung gefördert wurde.” Es sind dies die Früchte einer Politik, die sich zum Ziel gesetzt hat, dass die Bürger Russlands “vor allem die jungen, stolz auf ihr Land” sein sollen. Dies forderte Putin in einer Rede bei der Landeskonferenz der Lehrer der Geistes- und Sozialwissenschaften im Juni 2007. Er bestand hier im Weiteren darauf, dass “es niemanden gestattet werden dürfe, uns Schuldgefühle einzureden”.
An der Aufarbeitung des Stalinismus kann die Umsetzung dieser Vorgabe ausgezeichnet abgelesen werden. Der neue Leitfaden für Geschichtslehrer “Nowejschaja Istorija, Rossii 1945-2006″ zwängt den durch Stalin begangenen Massenmord in ein vertrautes, aber unwahres Erklärungskorsett: Der große Führer war durch die äußeren Umstände zu derart harten Maßnahmen gezwungen. So werden die Erfolge der Industrialisierung und der militärische Sieg im Zweiten Weltkrieg über die Millionen von Zwangsarbeiter, die Auslöschung ganzer sozialer Klassen und Hungersnöte gestellt. Stalin hat Fehler gemacht? Na wenn schon, jeder macht Fehler.

Natürlich sieht die “Nowyje Iswestija” den wiederentstehenden Stalin-Kult auch im Kontext mit der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Hierbei wird festgestellt, dass trotz der scharfen Strafen, die das Strafgesetzbuch der Bundesrepublik für den Gebrauch von Nazi-Symbolik vorsieht, sich diese nicht immer als effektiv genug erweisen. Auch in Deutschland gäbe es noch reichlich Hitler-Verehrer.
Der international bekannte russische Autor Boris Strugazki sieht die Ursachen für die Stalinismus-Rückfälle “in der zählebigen Neigung unseres Volkes zur Verehrung einer Stärke oder eines Führers”. “Die Meinung, dass ein strenger und mächtiger Monarch in Russland herrschen muss, hat tiefe Wurzeln geschlagen. Sie wurde auch vor Stalin kultiviert…” Stimmen wie diese sind jedoch rar geworden in der russischen Öffentlichkeit. Die kurze Periode des kritischen Hinterfragens der eigenen Vergangenheit, welche unter Gorbatschow eingeleitet wurde, hat längst einer bequemen Bagatellisierung und Verharmlosung der begangenen Verbrechen Platz gemacht. Das stalinistische Vermächtnis vergiftet stärker denn je das politische Leben im postsowjetischen Russland – es ist einer der Ursprünge der Fremdenfeindlichkeit und des Autoritarismus des Kreml.
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“..Das stalinistische Vermächtnis vergiftet stärker denn je das politische Leben im postsowjetischen Russland – es ist einer der Ursprünge der Fremdenfeindlichkeit und des Autoritarismus des Kreml..”
Das sind wohlfeile Phrasen- “Fremdenfeindlichkeit” im Sinne von Rassismus dürfte es in der Stalin-Ära kaum gegeben haben- und der Autoritarismus ist nun einmal von Beginn an Teil der russischen Geschichte.