Die frierenden Hunde – Eine Vertreibungsgeschichte

Als ich drei Jahre alt war, stellte mich meine Mutter in Berlin Treptow im heißen Juli vor die Tür einer Piperlaube, klopfte, verschwand hinter einem Busch. Der Mann der herauskam, nahm mich hoch, fragte: “Wer bist du denn, Kleener?” Es war mein Vater. Als meine Mutter hinter dem Busch hervortrat,

maifl.jpgAls ich drei Jahre alt war, stellte mich meine Mutter in Berlin Treptow im heißen Juli vor die Tür einer Piperlaube, klopfte, verschwand hinter einem Busch. Der Mann der herauskam, nahm mich hoch, fragte: “Wer bist du denn, Kleener?” Es war mein Vater. Als meine Mutter hinter dem Busch hervortrat, ließ er mich vor Schreck fallen. Während sich die Erwachsenen stritten, sah ich im Garten zwei Hunde die zitternden. Sie froren, dachte ich…
Es war das einzige Mal im Leben, dass ich meinen Vater sah. Erst nach der Grenzöffnung besuchte ich ihn auf dem Friedhof. Er liegt ganz in der Nähe von Berthold Brecht beerdigt. Ich weinte ganz schrecklich. Was ich gar nicht verstand, hatte mich der Vater doch zeitlebens verleugnet.

Ich machte mir die Mühe um ein wenig Wahrheit

1943 trafen sich Franz R. und Ludmilla K. unter einem Fliederbusch in Oberhohenelbe, CSSR. Er, Franz, war abgestellt zur Überwachung von Zwangsarbeitern aus dem KZ Auschwitz für die kriegswichtige Produktion der Firma Radio Lorenz. Seit 1929 Mitglied der KPD und mit Ersatzreserve 2 von den Nazis gemustert, nicht gut genug für das KZ, zu wehrkraftzersetzend für die kriegsführende Truppe, arbeitete er dort als Prüfer. Man sagt, er soll sterilisiert worden sein. Belegt ist das nicht. Ludmilla K. war zurück von ihrer Zwangsrekrutierung als Luftwaffenhelferin der Nazis aus Riga. Dort hatte ihr ein Landarzt gesagt, sie sei unfruchtbar, weil sie an einer Eileiterverklebung leide. Sie ist Tschechin, er Deutscher.

Bis zu diesem Tag unter dem Fliederbusch. Sie wurde schwanger. Was Franz entrüstete, denn er war anderorts verheiratet. Ludmilla zeterte im Dorf und Franz wurde abberufen. Das Kriegsende nahte. Die Firmen zogen sich auf sichere Standorte zurück. Im März 1945 wurde ich geboren, im Mai war der Krieg zu Ende und die Nachkriegsräumkommandos zogen übers Land.

Die Zeit der Rache begann

Tschechen warfen mich am Tag der Flucht in die Elbe und als Großmutter mich todesmutig rettete, beschossen sie uns. Völlig unterkühlt band mich Ludmilla vor den Bauch, auf dem Treck in Viehwagons. Aus denen wurden bevorzugt Kleinkinder den Müttern entrissen, an den Wagons totgeschlagen und neben die Gleise geworfen. “Dass Du noch lebst, war einfach Glück…”

Nach dem Krieg nahm Ludmilla den Vater ihre Kindes in die Pflicht, doch der bestritt die Vaterschaft, bis sie mich vor seine Tür setzte.
“Junge, hätte der mir gesagt, dass er verheiratet ist, hätte ich mich nie mit ihm eingelassen.”

Franz wurde ein guter Kommunist. Baute die DDR nach dem Krieg mit auf, arbeitete für den russischen Gemeindienst SMAD, entführte Naziverbrecher vom Westen in den Osten, wurde von CID gejagt. Zweimal stand ich Anfang der siebziger Jahre in Berlin vor seiner Tür und machte wieder kehrt. 1973 schrieb ich ihm einen Brief und er antwortete. Ein großer Teil des Inhalts erging sich in Erklärungen, warum ich auch gut von einem anderen sein könnte. Zum Schluss lud er mich jedoch ein, dass wir uns endlich kennen lernten. Mit diesem Brief in der Tasche starb er ein paar Tage später. Ludmilla starb ein Jahr danach. Unversöhnlich blieben sie beide bis zum Schluss.

Erst nach der Grenzöffnung ging ich auf den Spuren zurück

Im Bundesarchiv in Berlin entdeckte ich 50 Seiten Material über den Vater. Während meine Halbgeschwister, die ich zwischenzeitlich kennen gelernt hatte, mich abhielten, der Geschichte nachzugehen, ließen mir die Fragen keine Ruhe. Warum, fragte ich mich, wurde meine Mutter als einzige von vier Geschwistern einer alteingesessenen tschechischen Familie vertrieben. Weil sie als Luftwaffenhelferin bei den Nazis verpflichtet worden war oder weil sie von einem Deutschen ein Kind hatte, was im Dorf ja nicht verborgen geblieben war? Eine Antwort blieb mir die Geschichte bis heute schuldig.

Die frierenden Hunde waren Windspiele. Ich erinnerte mich an einen Psychologen, der mir einmal sagt: Gefühle sind Windhunde, sie kümmern sich nicht um Wahrheit…

Die ganze Geschichte: www.doccumenta.de

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