„Völlig Matsch“ – Über die Bedeutung Psychologischer Erster Hilfe

Stellen Sie sich vor, Sie fahren über die Autobahn und hören gerade über den CD-Spieler eine wirklich gut dazu passende Musik. Sie sind gut gestimmt, die Autobahn ist frei und Sie sind gerade recht zufrieden mit sich und der Welt. Plötzlich gibt es einen Knall und der Wagen bricht aus

Unfall.JPGStellen Sie sich vor, Sie fahren über die Autobahn und hören gerade über den CD-Spieler eine wirklich gut dazu passende Musik. Sie sind gut gestimmt, die Autobahn ist frei und Sie sind gerade recht zufrieden mit sich und der Welt. Plötzlich gibt es einen Knall und der Wagen bricht aus (wie man Ihnen später mitteilt, ist ein Reifen geplatzt). Das nächste was Sie wieder mitbekommen ist blitzendes Blaulicht, dass der Asphalt um Sie herum voller Blut ist, oben ein paar Wolken und wie sich fremde Leute über Sie beugen bzw. irgendwie an Ihnen zu schaffen machen. Sie versuchen zu sprechen, aber Sie können sich nicht bewegen. Überhaupt scheint niemand weiter wirklich von Ihnen Notiz zu nehmen. Jemand sieht Ihnen direkt in die Augen und sagt deutlich vernehmbar: „Völlig Matsch.“

Kontrollverlust, Unterbrechung, Rollenwechsel

In Notfällen (Unfälle, Gewalttaten, Plötzlicher Säuglingstod und anderes) kommt es in der Regel zu starken körperlichen (u.a. hormonellen) und psychischen Reaktionen, wobei letztere unter anderem durch einen plötzlichen Kontrollverlust, ein abruptes Abreißen des gewohnten Handlungsstromes und ein Herausgerissenwerden aus dem sozialen Gefüge („vom Mitspieler zum Opfer“) bedingt sind. Zudem treten für Betroffene in Unfallsituationen (Blaulicht, Blut, Bewegungsunfähigkeit) nahezu zwangsläufig Todesängste auf (auch wenn die tatsächlichen Verletzungen weit weniger gravierend sind). Unabhängig von der Qualität der medizinischen Erstversorgung erscheint es also humanitär geboten, eine Psychologische Erste Hilfe zu leiten. Allein – dieser wichtige Aspekt hat bis heute keinen Eingang in die Erste-Hilfe-Ausbildung (wie sie beispielsweise zur Erlangung des Führerscheines abzulegen ist) gefunden. Dabei lässt sich qualifizierte Psychologische Erste Hilfe (im Gegensatz zu ihrem medizinischen Pendant) mit wenigen, durch jeden zufälligen Zuschauer problemlos durchzuführenden, Maßnahmen leisten.

Senkung des Letalitätsrisikos, Verbesserung der Verarbeitung von Schadensereignissen

Eine frühzeitige psychologische Unterstützung der von Notfällen Betroffenen kann einige gute Argumente aufweisen. In Fällen von herz-kreislauf-bedingten Notfällen können durch einen psychologisch geschickten Umgang mit den Opfern weitere Aufregung gemildert und so unter Umständen die Überlebenschancen deutlich erhöht werden. Darüber hinaus sind stress-senkende Maßnahmen überall dort zwingend angezeigt, wo starke Blutungen auftreten, die durch den hohen Stress des Opfers (und damit einhergehender Beschleunigung des Pulses und der Erhöhung des Blutdrucks) noch verstärkt werden. Aber auch in anderen psychischen Krisen (Einbruch, Vergewaltigung, Tod eines nahen Angehörigen, Großschadensereignisse) sind frühzeitige psychologische Interventionen der langfristigen psychischen Verarbeitung dienlich.

Einfache Regeln für die Psychologische Erste Hilfe

Die Notfallforscher Lasogga und Gasch haben einige einfache Regeln zur Psychischen Ersten Hilfe entwickelt, die jeder Laie bei Notfällen einfach befolgen kann. Da es eine der schlimmsten Ängste von Notfallopfern ist, allein gelassen zu werden, ist die erste Regel schlicht:

1. Sagen Sie, dass Sie da sind und dass etwas passiert!

Hierzu gehört, dass man sich nicht von weit oben (oder gar von hinten) über den Betroffenen beugt, sondern sich möglichst auf seine Ebene begibt. Eine kurze Selbstvorstellung („Ich heiße…“) ist wichtig, um die Anonymität der Situation zu lindern. Allein der Satz: „Der Rettungswagen ist unterwegs. Ich bleibe bei Ihnen, bis er da ist.“ kann dem Notfallopfer das wichtige Gefühl geben, dass die Dinge in irgendeiner Form unter Kontrolle sind und dass es Beistand erhält.

2. Schützen Sie die Würde des Betroffenen

Hierzu gehört, dass man eventuell entblößte Körperstellen des Opfers abdeckt, aber auch dass man Zuschauer fernhält. Dies geht am Besten, indem man Zuschauer konkret anspricht und zur Mithilfe auffordert („Sie da, in dem gelben Mantel! Bitte besorgen Sie einen Sichtschutz!“). Darüber hinaus sollte alles, was mit dem Opfer geschieht, vorher einordnend kommentiert werden („Ich gehe jetzt hinter Sie, um eine Decke unter Ihrem Kopf zu platzieren.“).

3. Suchen Sie vorsichtigen Körperkontakt

Kontakt und Berührungen werden in Stress-Situationen in der Regel als beruhigend erlebt. Bewährt haben sich vor allem sanfte Berührungen an Oberarmen und Schultern oder das Halten einer Hand. Vermieden werden sollten aber der Kopf und tieferliegende Körperteile.

4. Sprechen und Zuhören

Wenn das Opfer von sich aus spricht, hören Sie zu. Reden entlastet. Auch selbst zu sprechen (und für das Opfer nicht sichtbare Abläufe zu kommentieren, um ein Erleben von Kontrolle herzustellen) hat sich bewährt. Auf Fragen wie „Werde ich sterben?“ sollte man eher beruhigend eingehen („Es sieht oft schlimmer aus, als es ist.“).

Dont´s

Neben diesen vier Regeln gibt es natürlich auch „Don´ts“ die auf den ersten Blick eingängig erscheinen, im Stress einer Notfallsituation aber nicht so leicht erinnerbar sein können. Hierzu gehört es mit Sicherheit, Vorwürfe zu vermeiden (auch wenn das Opfer durch sein Verhalten entscheidend zum Unfallhergang beigetragen hat). Ebenso ist sichtbare Hektik äußerst kontraproduktiv zur Beruhigung – gleichfalls Bemerkungen, die das Ausmaß der Verletzungen und die (vermeintlich) geringe Überlebenschance hervorheben.

Buchtipp:

Lasogga und Gasch. Notfallpsychologie – Ein Lehrbuch für die Praxis. Springer-Verlag.

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