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Politik

Herr Kollege: Richard C. Schneider, ARD Fernsehen, Tel Aviv

Samstag, den 15. März 2008 um 15:08 Uhr von andré marty
Richard C. Schneider bei der Arbeit. Photo: via Autor

Richard, am Sonntag fliegt Kanzlerin Merkel in Israel ein, zusammen mit dem deutschen Kabinett. Wie steht es um die politische deutsch-israelische Freundschaft?
Deutschland ist nach den USA der zweitwichtigste Partner Israels. Damit ist eigentlich alles gesagt.

“Alles” wohl kaum: Wie gehst Du als ARD-Verantwortlicher in Israel mit der offensichtlich nach wie vor nicht normalisierten deutsch-israelischen Beziehung um?
Die Frage stellt sich für mich in der täglichen Arbeit überhaupt nicht. Es gibt international ein grundsätzliches Verständnis zum Nahostkonflikt: Israels Existenzrecht steht nicht zur Debatte, ebensowenig das Recht Israels auf sichere Grenzen. Und auch die Palästinenser haben das Recht auf einen eigenen Staat, auf Sicherheit und Frieden. Das ist das Grundverständnis und hat nichts mit deutsch-israelischen Beziehungen zu tun. Was nun Israelis und Palästinenser politisch tun, welche Fehler sie begehen, ob Militäreinsätze, Terrorangriffe etc. richtig oder falsch sind, brutal oder nicht, verständlich oder nicht sind und all die vielen Fragen, die sich in diesem Dauerkonflikt ergeben, haben mit dem besonderen deutsch-israelischen Verhältnis gar nichts zu tun. Insofern spielt das in der Berichterstattung keine Rolle.

Mitglieder der jüdischen Gemeinde in der Schweiz nerven sich ab und an gottserbärmlich über die Berichterstattung der Schweizer Medien - meist wird angebliche Unausgewogenheit moniert. Gehen Deutschlands jüdische Organisationen gnädiger mit Dir ins Gericht?
Es gibt sie nicht “die jüdische Gemeinde”. Die ist kein monolithischer Block. Nirgends. Und so gibt es Juden, die unsere Berichterstattung kritisieren, andere finden sie gut. Auf der palästinensischen, arabischen Seite ist das ebenso. Manche kritisieren unsere Arbeit, manche loben sie. Für mich als Journalist gilt: Solange beide Seiten kritisieren, solange ist alles in Ordnung. Dann gelingt uns eine ausgewogene Arbeit. Wir hatten einmal den Fall, dass wir auf einen Beitrag in den “Tagesthemen” einen Brief von einem jüdischen Zuschauer bekamen, der sagte, der Beitrag sei viel zu palästinenserfreundlich gewesen, und zum selben Beitrag bekamen wir auch einen Brief von einem Palästinenser, der sagte, wir seien zu Israelfreundlich gewesen - da wussten wir: es ist alles in Ordnung, wir sind nicht einseitig. So soll es auch sein.

Kritiker werfen Dir einen Schmuse-Kurs mit Israel vor - beleidigt dich das?
Da ich nicht weiss, was sie mir konkret vorwerfen, kann ich dazu nicht Stellung beziehen. Im übrigen ist es immer interessant zu wissen, wo die Menschen, die so etwas behaupten, selbst politisch stehen. Sie meinen ja, dass sie - anders als der “Beschuldigte” - “objektiv” seien.

Nach welchen Kriterien arbeitest Du denn?
Ich versuche in der aktuellen Berichterstattung, dem deutschen Zuschauer zu vermitteln, warum Palästinenser und Israelis agieren, wie sie agieren, versuche also die politische Situation hier so wiederzugeben, dass man begreift, warum die Akteure so oder so handeln. Das bedeutet natürlich nicht, dass man deren Vorgehen gut heissen muss. Wichtig ist mir, dass der Zuschauer in Deutschland den Konflikt verstehen kann. Wie er darüber denkt, das ist seine Sache.

Konkret?
Ein Beispiel: Wir weden demnächst einen “Weltspiegel”-Beitrag über einen sogenannten “illegal Outpost” machen. Werde ich die Menschen, mit denen wir da zusammentreffen werden, verurteilen in dem Bericht? Nein. Ich werde sie sprechen lassen, werde ihre Ideologie vorstellen, werde zeigen, wie sie leben. Werde darauf hinweisen, dass der Begriff “illegal outpost” insinuiert, dass die anderen, grossen Siedlungen bereits “legal” seien, werde auch darauf hinweisen, dass Israel sich verpflichtet hat, die illegal outposts zu räumen, dies aber bis heute nicht getan hat. Werde ich die Siedler verurteilen, negativ darstellen etc.? Das ist für mich keine journalistische Vorgehensweise.

Sondern? Immerhin sind die outposts ja eines der Haupthindernisse für die Annäherung zwischen Israeli und Palästinensern.
Journalist sein heisst für mich: Neugierig sein, versuchen, die Menschen zu verstehen. Ob man mit dem, was sie tun, übereinstimmt, ist eine ganz andere Frage. Als ich einmal die Möglichkeit hatte, den Islamischen Jihad in Gaza zu begleiten, agierte ich ebenso: Ich zeige, was die Menschen bewegt, wie sie denken, warum sie so handeln und nicht anders. Sage, dass sie als Terroristen gesehen werden, sie sich selbst als Freiheitskämpfer sehen, dass sie ihren Kampf als gerecht ansehen. Bin ich bei so einem Bericht dann auf Schmusekurs mit den Palästinensern?

Die Schweiz sehnt sich nach mehr politischem Gewicht im Nahen Osten. Ein Tipp für die Nachbarn?

Kann ich keinen geben. Realistisch gesehen, wird die Schweiz nie etwas zu sagen haben im Nahen Osten, da sie schlicht nichts anzubieten und auch keine Macht hat, irgendetwas durchzusetzen.

Das schmerzt die Schweizer… Im Ernst: Worin liegt für Dich die journalistische Herausforderung als ARD-Bürochef in Israel und den palästinensischen Gebieten?
Wie gesagt: Dem Zuschauer verständlich zu machen, wie beide Seiten agieren und warum. Und: hochnäsige europäische Ueberlegenheitsgefühle gegenüber Israelis und Palästinensern strikt zu vermeiden. Wie oft höre ich in Deutschland und anderen europäischen Ländern Aeusserungen, wonach die Konfliktparteien Barbaren oder primitiv seien, dass sie unfähig sind, im 21. Jahrhundert anzukommen, dass sie irrational, fundamentalistisch oder sonstwas sind. Als ob Europa seit jeher der Ort der Aufklärung und Vernunft gewesen sei.

Wobei das ja ziemlich genau die Worte von Stammtisch-Fanatikern sind…
…wenn man mir solche Dinge z.B. bei Diskussionsrunden in Deutschland sagt, dann erinnere ich die Menschen daran, dass noch vor rund 60 Jahren Europa der brutalste Kontinent der Welt war. Dass zwei Herren, Stalin und Hitler, und damit auch ihre Völker, barbarischer, fundamentalistischer und primitiver waren als alle Akteure im Nahen Osten. Und ein kurzer Blick hinüber ins ehemalige Jugoslawien, ein Blick zurück in die 90er Jahre, als die Europäer nicht in der Lage waren, den Krieg im Balkan in irgendeiner Form zu befrieden, wird dann vielleicht auch den Blick auf den Nahen Osten und seine Konflikte ein wenig verändern.

Was wird Dich journalistisch in den nächsten Wochen beschäftigen?
Neben der aktuellen Berichterstattung produzieren wir im Augenblick vier grösse Filme angesichts des bevorstehenden 60. Jahrestages der Staatsgründung Israels.

1) Ein 45 minütiges Interview mit Staatspräsident Shimon Peres

2) eine 45 minütige Dokumentation über die Geschichte der Palästinenser und ihre Vertreibung 1948

3) eine 45 minütige Reportage über die inneren Spannungen Israels und die Frage, inwieweit es möglich ist “jüdisch und demokratisch” zugleich zu sein und schliesslich

4) eine halbstündige Reportage über die Russen in Israel und wie sie das Land verändert haben.

Daneben haben wir eine Live-Woche mit dem Morgen- und dem Mittagsmagazin der ARD vor uns.

Also - viel, viel Arbeit.

…………………………………………..

Nachtrag: Richard C. Schneider war an einem Treffen des israelischen Botschafters in Deutschland mit ARD-Journalisten nicht anwesend; die israelische Zeitung “Haaretz” hatte berichtet, keiner der ARD-Journalisten habe es für nötig befunden, dem Botschafter eine Frage bezüglich der Situation um den Gaza-Streifen zu stellen.

Dieses Interview erschien zuerst auf andremarty.com.

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