Das Ansehen der Bildung ist in der deutschen Geschichte auf ihrem Tiefpunkt angelangt. Dort, wo Bildung nicht mir “Ausbildung zur Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt” gleichgesetzt werden kann, wird sie von den allermeisten in unserer Gesellschaft als nutz- und wertlos, ein Hemmklotz auf dem Weg zum lange ersehnten wirtschaftlichen Aufschwung und aus der Massenarbeitslosigkeit angesehen.
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Mitverantwortlich für diese Misere ist die verfehlte Bildungspolitik der letzten dreißig Jahre
Durch die deutsche Gesellschaft geht ein tiefer Riss in Fragen der Bildung. Diejenigen, für die Bildung nicht mehr zu sein hat als reine Verwertungsmasse persönlicher Ausbildungsanstrengungen, stehen denjenigen, für die Bildung Massenware und Menschenrecht zugleich ist, unversöhnlich gegenüber. Die letzte Gruppe sieht sich gerne selbst verklärend als (aller)letzte, linke, aufrechte Kämpfer für die Sache der 68er, kommt meistens aus mehr altlink angehauchten Akademiker- und Intellektuellen-(sprich: Lehrer-)haushalten und spricht eine Sprache in Seminaren für Soziologie, Politikwissenschaft und Pädagogik, die aus der Mottenkiste des Kommunenjargons der siebziger Jahre zu stammen scheint. Von “Emanzipation” bildungsferner Schichten (die zu einer diskriminierten Randgruppe wie Homosexuelle, Ausländer und, ach ja, Menschen mit anderen Behinderungen außer Bildungsferne erklärt werden) ist da die Rede, und immer wieder vom “Imperialismus” der bösen Amerikaner und Israels, das noch viel böser wäre, wenn es die “Zufluchtsstätte für alle vom Antisemitismus Verfolgten” wäre. Ein freies “Recht auf Bildung” und “Bildung für alle” fordern sie auf ihren Transparenten bei der Anti-Studiengebühren-Demo, was dann immer so ein bisschen klingt wie das “Recht auf Faulheit” oder auch das “Recht auf Blödheit” – “Bildung sei Menschenrecht” ist ebenfalls ein beliebter Slogan; ja, schön, Menschen sind wir ja alle, aber dazu kommen wir gleich.
Zuerst zu der zweiten Gruppe: Die steht der ersten ziemlich gleichgültig gegenüber, soll heißen, von Ideologien hält sie nichts, man will ja nicht als Postmaterialist gelten, also konzentriert man sich auf’s Karrieremachen, man identifiziert sich mit der FDP aber irgendwie auch mit den Grünen, wenn die nicht so gezwungen “alternativ” wären, ach ja, ein bisschen soziales Engagement für Greenpeace oder Amnesty macht sich gut auf dem Lebenslauf und bla… Aber Bildung als Lebensziel, ein gebildeter Mensch zu werden, sich selbst zu bilden und andere (z.B. Kinder) bilden zu wollen – die Unfähigkeit der jetzigen Bildungsgeneration und heranwachsenden “Bildungselite” Bildung überhaupt noch einen mehr als pekuniär umsetzbaren Wert beizumessen, zeigt sich am deutlichsten darin, dass sie keine Kinder mehr bekommen möchte: Wozu denn, wir sind ja selbst viel zu unreif, um uns über uns selbst Gedanken zu machen und stattdessen mit unseren Karrieren beschäftigt, einen anderen, kleinen Menschen zu einem vollwertigen, autonomen Individuum mit eigenem Willen, eigenen Träumen und Eigenverantwortung erziehen zu wollen, überfordert uns doch schon ans uns selbst!
Bildung für alle
Wenn also die arbeitsmarktverwertbare (oder auch nicht – die meisten Propagandisten dieser Programmatik scheinen selbst nicht immer die Fächer gewählt zu haben, die krisensicher am Arbeitsmarkt sind – Aber welche sind das denn heute noch?) Bildung Allgemeingut und für alle frei zugänglich wird, dann darf in Zukunft also auch der Müllmann an Leichen in der Medizin zeigen, wie viel Erfahrung er aus seinem alten Beruf für den Arztberuf mitbringt und Dönerbuden-Besitzer darf uns alle im Chemielabor darüber aufklären, wie man aus lauter hochgiftigen Substanzen scharfe Soße für “Döönerrr mit alläsch?” herstellt. Dafür braucht man dann nicht mal mehr Abitur: Der Polizist studiert Jura und wird Richter, der Banker Volkswirt und der Typ, der Samstags immer nervige Werbung in den Briefkasten schmeißt, studiert dann sicherlich bald Kommunikationswissenschaft und der Telefonagent Linguistik.
Haben die Politiker noch nie was von der Generation Praktikum gehört?
Und wer macht dann noch die “normalen” Berufe? Da sind wir nämlich bei einem ganz anderen Problem. 40 Prozent eines Jahrgangs wollen die Politiker in die Universitäten boxen, ob die sich das wünschen oder nicht. 40% Prozent? Schon jetzt haben Absolventen aus sämtlichen Fächern Probleme, vernünftig ins Berufsleben zu finden – nicht nur Absolventen der “brotlosen Künste” wie Philosophie, Geschichte oder Vorderasiatische Altertumskunde, sondern durchaus auch Juristen, BWLer, Naturwissenschaftler und Architekten. Haben die Politiker noch nie was von der Generation Praktikum gehört? Einmal anerkannt, dass viele Absolventen nur deshalb schwer ins Berufsleben finden (Tun sie das wirklich, oder ist das auch nur so ein unbewiesener, nicht einmal durch gefälschte Statistiken untermauerbarer Mythos des Alltagslebens?), weil ihre Ansprüche an den richtigen Job einfach zu hoch sind und weil ein Beruf, der sie ernähren kann, ihnen nicht “hip” genug ist, so ist es auf dem deutschen Arbeitsmarkt mit seinen IHK-zertifizierten Berufen, hohen Nebenkosten, Kündigungsschutz und Tarifverträgen für einseitig qualifizierte wie z.B. Bergleute und VW-Monteure tatsächlich schwer, außerhalb von Nischen Fuß zu fassen. Das sollte unseren Politikern mal zu denken geben, ob Wirtschaften andernorts nicht einfach dynamischer sind, weil die Menschen dort flexibler (und man glaubt es kaum: oftmals trotzdem glücklicher und zufriedener) sind als in Deutschland?
Zudem sind die Geisteswissenschaften, die traditionell von vielen als die “leichten Fächer” angesehen werden (DAS SIND SIE NICHT!!!), seit Jahrzehnten überlaufen, über 50 Prozent einer Studierendengeneration müssen sie schlucken, bei anhaltenden Mittelkürzungen. Wohin mit all den klugen, gut ausgebildeten, flexiblen und gutaussehenden (sic!) Akademikern? Noch viel schwerwiegender und schwieriger zu beantworten ist aber die Frage: Wo sollen sie überhaupt herkommen. Die Hälfte aller Abiturienten entscheidet sich mittlerweile gegen das Studium, weil das ja ohnehin nichts mehr bringt, außer den Eltern oder dem Staat viel Kosten und einen Bummelstudenten, der bis 30 zu Hause rumhockt und vom Geld anderer Leute lebt.
Bildung soll den Menschen frei machen
Kommen wir zurück zum eigentlichen Thema: Der Verachtung für Bildung in Abgrenzung zu Ausbildung, für zweckfreies Lernen, weil erst die Beschäftigung mit Zweckfreiem und Nutzlosem den Menschen zu einem freien Wesen macht. Weil diese Freiheit nicht mit Computer- oder Rollenspielen, RTL2 und Sat1 vergeudet werden sollte. Dies ist ein Plädoyer für zweckfreies sich bilden und sich bilden lassen von einer Universität, die nicht Ausbildungs-, sondern Kultur- und Bildungsstätte ist, ein Hort des Wissens, der Wissenschaft und der Bildung – und kein Produzent von Humankapital, sei es für eine Volkswirtschaft oder Politiker, die sich im OECD-Vergleich hohe Absolventenzahlen bei den nächsten Wahlen auf die Fahnen schreiben wollen in der Illusion, dass die irgendwem nützen könnten – Das tun sie nicht! Und das sollen sie auch nicht. Denn das ist nicht die Aufgabe von Bildung. Bildung soll den Menschen nur eines machen: frei!
Ich habe deinen Beitrag gestern auf deinem Blog gelesen und fand ihn schon sehr inspirierend. Sehr viel Wahres schreibst du hier, v.a. durchdacht und differenziert.