DIE K(L)ASSENKÄMPFER (Teil 1)
Der denkwürdige Aufstieg vom Kasseler Einbrecher-Revoluzzer zum Frankfurter Immobilienzar
Bernd Lunkewitz, Immobilienmillionär, Inhaber des Aufbau-Verlages
“Er jongliert mit Millionen. Sein Geschäft ist der Immobilienmarkt. Der Mann ist ein Ästhet und lacht selten und wenn doch, geht die Sonne auf”, schreibt der Pflasterstrand. Prince, Karl Lagerfeld, Cohn-Bendit und die schönsten Frauen Frankfurts treffen sich in seiner Villa am Lerchesberg, wo einst der Graf von Galen residierte. Er war ein 68er und wie viele der Marschierer durch die Institutionen ist er heute Mitglied der SPD. Die Spendensummen für seine Partei sollen sechsstellig sein. Doch die Geschichte des Bernd Lunkewitz bietet mehr Einbrüche, als die bekannten Widersprüche eines im Establishment erstarrten Ex-Revoluzzers. Der Mann, von dem der Pflasterstrand behauptet, er sei “der gute Spekulant”, lernte sein Handwerk von der Pike auf – als stadtbekannter Dieb.
Trotzkid
Die Bombenkrater in Kassels Innenstadt sind noch nicht entfernt, der Traum vom Wirtschaftwunder noch nicht geträumt, da erblickt 1947 Bernd Lunkewitz das Licht der Welt. Sein Vater betreibt eine Wäscherei in Kassels Innenstadt. Sohn Bernd besucht die Volksschule und kommt nach einer Prüfung auf die Herderschule, eine Mittelschule. Die Eltern wollen, dass das Kind etwas Ordentliches lernt und es zu etwas bringt, fleißig und sparsam lebt: “Bescheidenheit, Sauberkeit und korrekte Lebensführung” ist ihre Devise.
Nach dem Schulwechsel beginnt Lunkewitz aus der Art zu schlagen. Das bereitet seinen Eltern Sorgen. Er wird auffällig. Der “autoritären” Schule gilt es mit Schirm, Charme und Melone zu entrinnen. Ungewöhnlich für sein Alter, promeniert der 14-Jährige im Stresemann und spitzen Lackschuhen über Kassels Prachtstrasse Kö. Die “feine Lebensart” gerät schon in der Pubertät zur dominanten Triebfeder. Unverkennbar sein früher Drang zu Villen, der ihn später auch Einladungen zu Gartenpartys bei der Tochter des ehemaligen hessischen Justizministers K. Hemfler einbringt.
Doch der Traum vom großen Lebensstil sollte vorläufig jäh enden. Er, der “Edeldezente”, von dem der Pflasterstrand heute schreibt, man könne sich ihn schwer mit “einer Pulle Bier in der Hand vorstellen,” fällt bereits im zarten Alter von 15 Jahren durch seine flinken Finger auf. Der Jugendrichter muss maßregelnd eingreifen, und auch das Jugendamt wirft einen strengeren Blick auf den jungen Mann.
Der Einbrecher
Im Februar 1965 kommt es nach einer Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht wegen schweren Diebstahls und Urkundenfälschung zu einer ersten Bewährungsstrafe. Das schreckt den so Gemaßregelten keineswegs. Neue “Brüche” veranlassen die Polizei, ihm am 23. Juli 1965 auf die Bude zu rücken. Als sie in seinen Taschen nach gestohlenem Geld zu suchen beginnen, schluckt er es lieber runter. Das muss ihm so viel Verdauungsprobleme bereitet haben, dass er flugs durchs Toilettenfenster der elterlichen Wohnung entschwindet.
Aachen, Paris, Antibes, Monaco, Nizza, Strassburg beglückt er danach mit einer Serie von Einbrüchen, 50 an der Zahl, nach dem Motto: Im Frack und mit Brechstange unter die Dächer von Nizza.
Das ruft selbst Interpol auf den Plan. Am 19. August 1965 trifft Lunkewitz mit einem Komplizen wieder In Deutschland ein, genauer in Stuttgart, doch das schwäbische Intermezzo währt nur kurz. Fahrzeugkontrolle bemerken Beamte allzu viel Geldrollen im Auto. Er wird verhaftet. Am 23. August 1965 bewegt er sich wieder, diesmal im Gefangenentransport Richtung Heimatstadt Kassel, Endstation Untersuchungshaftanstalt, genannt “Elwe”, weil Hausnummer 11.
Er liebt die Freiheit und will sie selbst bestimmen, auch seine Frisur. Um jeden Preis, ohne sich Gedanken über die Machtmittel des Staates zu machen. Der fackelt nicht lange und wirft ihn ins Loch.
Die meiste Zeit des Tages ist seine Tür nun dicht. Auf dreizehn Quadratmetern hocken drei Leute bei einem Verpflegungssatz, der um drei Mark niedriger als der von Polizeihunden liegt. Auch würden die ob des Gestankes, der von dem in der Ecke vor sich hin miefenden Scheißkübel aus geht, zweifelsohne zu winseln anfangen. Dumm sei Lunkewitz nicht, bescheinigt ihm das Gericht, aber labil und mit krimineller Energie ausgestattet. Manche Kriminelle sehen ganz normal aus und haben Manieren. Er ist keiner von denen mit einer niederen Stirn, brutalen Zügen und dem IQ eines Meerschweinchens das ist klar. Die Richter haben noch Hoffnung.
Der Ausbrecher
Bereits in dieser Phase zeigt sich der lunkewitzige Genius des Erkennens, was andere von ihm wollen – eine glatte Oberfläche. Es verwundert daher nicht, dass der Vollzugsbeamte Reuter von ihm sagt: “Der war immer korrekt, das fing bei der Kleidung an und hörte in der Zelle auf. Immer alles sauber. Nicht einmal wurde der aggressiv oder frech. Eher ist da schon mal ein Beamter ausgerastet, weil der sich dem Lunkewitz unterlegen fühlte!”
Es irritiert daher die Bediensteten sehr, als Lunkewitz urplötzlich eine große Neigung zu Frechheiten und den damit verbundenen Arreststrafen an den Tag legt. Noch mehr erstaunt es die Beamtenschaft, wie ihr korrekter Gefangener in der Arrestzelle des Kellers unermüdlich an der Wand hochspringt oder auch schon mal zwischen den Zellenwänden übereck hüpft. Nun sind Vollzugsbeamte an einiges gewöhnt, vergleichsweise Tierpflegern, die neurotische Tiere in Minizoos versorgen müssen.
So ist zu erklären, dass niemand ernst nimmt, dass Lunkewitz dieses Verhalten auch auf die Gefängnismauer während des Hofganges überträgt. Hier ist die Wand – drauflosgerannt, kontern die Beamten mit einem Nazislogan, und lachen zu seinen Übungen des Schallmauerdurchbruchs. Er aber, Lunkewitz, will hoch hinaus.
Eines Tages, am 14. Oktober 1965 ist es passiert… Dazu der Beamte Reuter: “Es ging alles so schnell, dass ich’s erst mitgekriegt habe, als sich Lunkewitz, oben auf der Mauer hockend, sich von mir verabschiedete – per Winkzeichen”.
Über’s Eck gesprungen, auf einen Mauervorsprung, auf den nächsten, an das untere Fenstergitter, auf die Mauerkrone, in den Garten des Verwalters und dann durch dessen Geranien in die Freiheit.
Von der Fahne ging er der Justitia, wie es im Jargon heißt. Im Abwasserrohr am Ufer der nahen Fulda versteckt, erfreut er sich des Fahndungsmisserfolges der Polizei.
Im Gerangel um die politische Verantwortung dieser Aktion verstieg sich der damalige Minister Laurenz Lauritzen soweit, von einem einem schweren Aufsichtsfehler der Bediensteten zu sprechen. Der Vollzugsbeamte Reuter fast weinend: “Und wenn nun einer von den Knasties fliegen kann, dann bin ich wohl auch noch Schuld? “Wischt sich die Nase und stöhnt wie immer:” Das Ganze ist doch ein Irrenhaus.” Die Öffentlichkeit fühlt sich bedroht. Kann solches nicht auch einem schweren Jungen” glücken?
Das spekulative Genie des Mannes mit den traurigen, braunen Kinderaugen, die so herrlich ehrlich blicken können, hat aufgeblitzt, ganz kurz nur, aber wirkungsvoll. Was noch blitzt, sind die Blaulichter der Streifenwagen. Einen solchen Streich will sich die Exekutive um keinen Preis gefallen lassen. Vorab wandelt sie jedoch lediglich auf den Einbruchsspuren des Ausbrechers.
Nachdem er sich in Kassel per Einbruch mit 800,- DM Startkapital versorgt hat, trifft er am 16. Oktober erstmals mit der Frankfurter Geschäftswelt zusammen. Doch seine damalige Profitrate nimmt sich gemessen an späteren Gewinnen eher bescheiden aus: Bei drei Einbrüchen sahnt er lediglich 400,- DM ab.
Es folgen München, Esslingen, Pforzheim und Stuttgart. Dabei entwickelt er eine außergewöhnliche Geschicklichkeit im Erklimmen von Dachrinnen, Einsteigen durch Oberlichter oder Überwinden von Eisengittern. Erst am 23. Oktober ’65 wird er in Stuttgart wieder verhaftet. Nun legt man ihn auf Nummer sicher, will den “freiheitsliebenden” jungen Mann jedoch schnell wieder loswerden und überstellt ihn am 23. Dezember ’65 dem Gerichtsbezirk Kassel. “Da komme ich nie an,” grient der jovial. Darüber können die Justizangestellten nur lachen, denn aus der guten Minna (Gefangenentransporter) ist allemal noch keiner entwichen. Zur Sicherheit stecken sie ihn in ein Einzelabteil. Mit wenig Mitteln hat der “gute Spekulant” das erreicht, was die Chancen seines Gewinnes sichern würde; allein und in aller Seelenruhe trennt er mit einer Rasierklinge die Gummifassung des Fensters auf, entfernt die Scheibe, zwängt seinen anatomisch schmalen Kopf durch die 57 x 15 Zentimeter große Öffnung und entlässt sich mit einem Sprung, bei einer Fahrt von 65 Stundenkilometern, in der Nähe von Homberg-Efze in die Freiheit. Seither sind die Fenster der Knastbusse mit Bandeisen gesichert: Das Lunkewitzband.
Sexpuppe im Koffer
Er läuft bis nach Bad Hersfeld und versorgt sich dort unverzüglich mittels bargeldlosen “Nachteinkaufs” mit drei Koffern Unter- und Oberwäsche, Mänteln, Anzügen, zwölf Paar Schuhen und so lebensnotwendigen Dingen wie einer Sexpuppe, seinem Lieblingsparfüm und einem Frack. Das alles deponiert er in einer Baubude. Weil er dabei beobachtet wird, muss er jedoch alles im Stich lassen. Seine Liebe zur Textilindustrie ist schon frühzeitig offenkundig. Bis zu einer neuerlichen Verhaftung am 30.12.65 knackt Lunkewitz noch sieben weitere Geschäfte in Frankfurt, bis ihn das Schicksal in Form von Handschellen ereilt.
Da Freiheit ihren Preis hat, soll seine nach dem Willen des Kasseler Jugendschöffengerichts den nächsten Monaten einen Wert haben. Für 85 Einbrüche mit einen Gesamtschaden von 100.000,- DM verknackt man ihn am Rosenmontag 1966 zu dreieinhalbe Jahren.
Kaum in Haft, wird er schnell kooperativ. Entweder er beugt sich oder er läuft weg. Demonstrativ gibt er sogar eine Feile ab, die man ihm für Ausbruchszwecke zugespielt haben will. Trotzdem käme er nicht umhin festzustellen, dass die Behandlung seiner Person ihn doch stark an die HJ und FDJ erinnere. So wolle man einem Nihilisten wie ihm das Recht auf Arbeitsverweigerung nicht zusprechen. Zudem bereite er sich gerade per Fernkurs auf sein Einjähriges vor und ohne Bildung – wo käme er da schon hin? Er hatte sich geweigert, für 8o Pfennige am Tag, Lockenwickler zu drehen.
Aus der Untersuchungshaft chauffiert ihn die Behörde mit Spezialtransport nach Wiesbaden, Holzstraße, in die gerade fertiggestellte neue Jugendstrafanstalt. Da, so glaubt man, sei der junge Mann sicher unter Kontrolle, denn für Schlagzeilen hatte er in ganz Deutschland gesorgt.
Lunkewitz entledigt sich dort schnell der strengen Bestimmungen, denen Fluchtgefährdete unterzogen werden. Artig tut er kund, nun vernünftig sein zu wollen und das Unrechte seiner Taten eingesehen zu haben. Eine Schlosserlehre ist sein sehnlichster Wunsch. Man muss nur einen Instinkt für Angebot und Nachfrage haben, um sich im Strafvollzug vor Konsequenzen zu schützen. Er tritt seine Schlosserlehre an.
Eines Tages fehlt in der Schlosserei eine Feile. Als alle Gefangenen nach Feierabend auf ihren Zellen sind, beginnt eine Großrazzia. Nun gibt’s im Knast vielerlei Verständigungspraktiken, eine davon ist der “Bello” oder die Kloschüssel. Leergepumpt wirkt sie wie ein Schalltrichter. Bevor die Feile bei ihm gefunden wird, drückt er lieber selbst Alarm und gibt sie ab.
“Die ist mir beim Pendeln (mittels einer Schnur und einem durch die Gitter gestreckten Arm werden Gegenstände von Fenster zu Fenster gependelt) zugespielt worden,” türkt er die Beamten. Ganz will man ihm nicht glauben. Vor der Strafkonferenz beteuert er seine Unschuld, wird jedoch verurteilt, was sein Gerechtigkeitsempfinden so stark trübt, dass er noch während der Konferenz dem Gefängnisdirektor offeriert: “Keinen Tag ‘ sitze ich ab, ich komme überhaupt nicht mehr in meiner Zelle an!” Während sich noch die Konferenzteilnehmer darüber amüsieren, setzt er seine Worte in die Tat um, öffnet den Verschluss eines Fensters des Wartezimmers, das keine Gitter hat, springt von dessen Sims zum nächsten vergitterten Fenster (wie ein Affe von Baum zu Baum), dann wieder zum nächsten, anschließend auf die Mauerkrone, danach ist der Weg in die Freiheit gesichert.
Lesen Sie in der nächsten Ausgabe, wie Lunkewitz durch Schüsse national und international bekannt wird und folgen Sie seinen politischen Spuren von: “Ganz links zur Mitte.”
Die Geschichte hätte auch ganz anders gewesen sein können. Lesen Sie unter: www.doccumenta.de/literatur
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