Das späte Leid der 68er Revolutionäre (II)

DER REVOLUZZER (Teil 2) Nach seiner Entlassung aus der Strafhaft 1968 setzt Lunkewitz seine schulische Ausbildung auf der Herderschule fort. In einem Beitrag der schuleigenen Zeitung schreibt er unter dem Titel “Kinderchen liebt Euch” wie folgt: “Wenn erst einmal die Pille auf der Schulbank liegt, haben es die Jungen leichter,

lunk.jpgDER REVOLUZZER (Teil 2)

Nach seiner Entlassung aus der Strafhaft 1968 setzt Lunkewitz seine schulische Ausbildung auf der Herderschule fort. In einem Beitrag der schuleigenen Zeitung schreibt er unter dem Titel “Kinderchen liebt Euch” wie folgt: “Wenn erst einmal die Pille auf der Schulbank liegt, haben es die Jungen leichter, die Mädchen davon zu überzeugen, dass ihre Angst vor dem Koitus Quatsch ist. Es geht uns keinesfalls darum, die heutigen repressiven Sexualnormen durch ebenfalls repressive, vielleicht promiskuöse (in beliebiger Partnerschaft) Normen zu ersetzen, sondern wir wollen die tatsächliche Befreiung. Denn wir wissen, dass die sexuelle Unterdrückung genauso wie die repressive Entsublimierung und die partielle Freisetzung der Sexualität ganz bestimmten ökonomischen Interessen dient, die Ursachen der Ausbeutung der Massen sind. Das zeigt die Ebene, auf der wir kämpfen: Wir wehren uns gegen die ideologischen und moralischen Ansprüche unserer Pädagogen.”

In diesem Aufruf zur sexuellen Befreiung fehlt selbstredend nicht der Hinweis auf den klerikalen Muff der sündigen, enthaltsamen, bescheiden Erfurcht vor dem Vater, dem himmlischen und irdischen.

Der eigene Vater scheint Lunkewitz nicht gut genug.

Er sehnt sich schon früh nach “herer” Abstammung. Bescheidenheit ist ihm zuwider. Für viele in dieser Zeit ist der Patriarch Ziel der Gegnerschaft. Dass nun Vaddern denkt und Muttern unter der Bettdecke lenkt, mit sanften Nachdruck, bleibt außen vor. Und auch nicht zu unrecht versucht eine Generation sich rudimentärer, nationalsozialistischer Strukturen zu entledigen. Dafür organisieren sie schon mal einen Sitzstreik auf dem Schulhof der Herderschule und Lunkewitz ist damals bereits eine treibende organisatorische Kraft.

Problemstellung ist die “Raumnot” der Herderschule. Durchwirkt ist der Schülerstreik aber bereits von der “Arbeiterschaft Unabhängiger Sozialistischer Schüler”, kurz AUSS, die bereits die von Ulrike Meinhof in ihrem Buch Bambule angerissenen Probleme der Heimzöglinge politisieren und die schon mal dazu aufrufen, Kofferradios zum Streik mitzubringen – denn Streik muss Spaß machen. Nach dem Motto: Zerschlagt die Klassenjustiz, Kampf dem Heimterror in den kapitalistischen Anpassungslagern und Freiheit für Protze, Löw und Schröder.

Dieses aus dem Munde des mit Privilegien überhäuften ehemaligen Stargefangenen Lunkewitz, dem man Engagement en detail für die Probleme der Inhaftierten nicht nachweisen kann, lässt wundern.

Da kackt einer in die gute Stube und behauptet, es seien Cognackirschen.

Schüsse am Weinberg

Grund genug für seine ideologische Ausrichtung hat er. Im September ’69 beteiligt er sich an einer Demonstration gegen eine Wahlveranstaltung der NPD. Der damalige Vorsitzende Adolf von Thadden will in der Kasseler Stadthalle zu seinen Anhängern sprechen. 1.500 Menschen organisieren am 17. Sept. ’69 eine Gegendemonstration. Um 20.05 Uhr verkündet die Polizei vor der Stadthalle in Kassel über Lautsprecher, die NPD habe ihren Widerspruch gegen das Verhandlungsverbot zurückgenommen, die Stadthalle bleibe geschlossen. Daraufhin macht sich eine 300 Köpfe starke Gruppe, nicht wie von der Polizei gewünscht, auf den Heimweg, sondern marschiert schnellen Schrittes zur Innenstadt, dem Parkhotel Hessenland gilt, der Besuch. Hier sitzen der Parteivorsitzende von Thadden und seine Begleiter beim “Dämmerschoppen”.

Polizeipräsident Ahlborn (der später Schlagzeilen durch den Bau seines Swimmingpools machte, dessen Grube er von Hand durch Strafgefangene für eine Tagesgage von DM 10,- ausheben ließ. Anm. d. Autors) ruft aus der Stadthalle die Hotelleitung an und hört, Thadden und fünf Männer seien bereits aus dem Haus gegangen. In Wirklichkeit ist die Gruppe aber erst auf dem Weg nach draußen, der durch die Hotelgänge zum ehemaligen Eingang an der Friedrichstraße führt. Diese Tatsache ist wichtig, denn später wird Präsident Ahlborn sagen: “Wäre mir mitgeteilt worden, die Gruppe sei tatsächlich noch im Hotel, hätten wir vieles verhindern können, zumal ausreichende polizeiliche Sicherungskräftekräfte vorhanden waren.” So geht die Sechsergruppe durch den früheren Hoteleingang gegen 20.25 Uhr auf die Friedrichstraße, am Pressehaus vorbei zur Weinbergstraße. Es ist dunkel und diesig.

Inzwischen haben einige Demonstranten von der Stadthalle her die Innenstadt erreicht. Sie sehen von Thadden sowie seine Begleiter und laufen hinterher. Weitere Demonstrantengruppen kommen in Personenwagen. Etwa in Höhe des Henschelgartens wird von Thadden erstmals von etwa 70 Demonstranten gestellt. Sie versuchen, mit ihm zu diskutieren. Es kommt zu keinerlei Zwischenfällen, nicht einmal zu einer Rangelei. Die NPD-Gruppe geht langsam weiter, umringt von politischen Gegnern. Kurz vor dem Haus Weinbergstraße 35 kommen von Thadden und seine Begleiter nicht mehr weiter. Die Demonstranten wollen diskutieren. Die Gespräche werden lauter, gereizter und aggressiver. Die Weinbergstraße wird lebhaft, von allen Seiten kommen Demonstranten und Polizeibeamte, dazwischen fließt der Fahrzeugverkehr in beide Richtungen. Soeben hat ein Personenwagen vom Typ Fiat die diskutierende Gruppe passiert, als ein Mercedes heranrollt. Das Auto fährt langsam auf die Gruppe zu. Die rechte Tür öffnet sich, der Beifahrer tritt auf die Straße. Er nähert sich der “Menschentraube”, die sich langsam zum Haus Weinbergstraße 35 vorschiebt, dessen Eingangstür sich öffnet. Der Beifahrer aus dem Mercedes hält plötzlich eine Pistole in der Hand: “Ein kleines Ding mit kurzem Lauf”, wird Lunkewitz aussagen. Der Mann feuert einen Schuss in die Luft ab und ruft laut: “Polizei! Machen Sie den Weg frei!” Lunkewitz geht auf den angeblichen Polizisten zu und fragt nach dem Ausweis. Da schießt der bisher Unbekannte aus drei bis vier Metern Entfernung zweimal. Lunkewitz und sein Kollege Hokes brechen zusammen. Sie bluten stark. Die Geschosse haben den rechten Unterarm von Lunkewitz und den linken Oberarm von Hokes durchschlagen. Beide Verletzten werden sofort ins Elisabethkrankenhaus gebracht, wo sie bis Ende der Woche verbleiben müssen.

Nach der Beobachtung von Tatzeugen läuft der Pistolenschütze in das Haus des NPD-Landtagsabgeordneten Werner Fischer. Der widerspricht dieser Zeugenaussage wenig später energisch: “Jeder Verdacht, dass der Schütze meine Wohnung betreten hat, entbehrt jeglicher Grundlage.” Im übrigen seien in der Begleitung von Thaddens keine Ordner der Partei gewesen, auch vor seinem Hause hätten sich zu keinem Zeitpunkt Ordner aufgehalten. Dagegen der Kasseler NPD-Ordnungsleiter F. Freiling (verstorben): “Wir hatten alles total durchorganisiert und überall zivile Ordner und Meldefahrer, zudem hatten wir eine Funkleitstelle und verschiedene Eingriffskommandos mit unterschiedlicher Bewaffnung.” .

Als die Verletzung der beiden NPD-Gegner bekannt wird, flammen die ersten Tumulte auf. Scheiben in Fischers Haus klirren, Farbbeutel klatschen gegen die Wände. Einige Demonstranten schießen mit der Zwille Glaskugeln ab, eine gefährliche, heimtückische Waffe. Feuerwerkskörper krachen, ein Stein poltert auf die Straße. Die Polizei nimmt einige Demonstranten zur Feststellung ihrer Personalien vorläufig fest. Die Stimmung kommt langsam zum Siedepunkt, ein Funke genügt, und das Pulverfass geht in die Luft.

Zwei Tage später holen etwa 50 Kasseler Jugendliche Bernd Lunkewitz und Michael Hokes am Kasseler Elisabethkrankenhaus ab, um sich sofort zum Tatort zu begeben.

Wie ein Messias

Zurück vom Ortstermin werden die beiden Angeschossenen – die Arme noch in der Halsbinde – von jugendlichen Verehrerinnen mit Küsschen begrüßt. Dazu werden Zeitungen herumgereicht: “Du siehst wie ein Messias aus”, lobt ein Demonstrant Lunkewitz. Doch der findet sich auf einem anderen Foto hübscher.

Während der damalige Bundespräsident Heinemann von einem Mahnzeichen für alle spricht, läuft die Fahndung nach dem Täter Klaus Kolley, der, was die Vorstrafenliste betrifft, Lunkewitz an nichts nachsteht. Insgesamt sind 23.000,- DM Belohnung ausgesetzt. Die Immunität des Landtagsabgeordneten Fischer wird aufgehoben. Ein Verfahren wegen Verdachts der Begünstigung ist eingeleitet. Der eigene Sohn Martin ist Fischer bei einer Vernehmung in den Rücken gefallen und hat bestätigt, dass der Schütze nicht nur ins Haus seines Vaters gelaufen war, sondern von diesem sogar noch Anweisung erhalten hatte, wie er entkommen könne.

Während die Jungrevolutionäre noch ihren Sieg feiern, wird Kolley auf der Knast-Station eingeliefert, die Lunkewitz Monate zuvor verlassen hatte: Zuchthaus Wehlheiden, Station A4. Direkt ihm gegenüber ist bereits Andreas Baader untergebracht – beide unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Klaus Kolley als netter, ziviler und zuvorkommender Gefangener, Baader als Protestler, der schon deswegen schnell in Verruf bei den Knackis und Bediensteten gerät, weil er täglich bis zu 10 Zeitungen erhält, seinen Schiss in der Toilette nie abspült, und diese Aufgabe von einem Gefangenen unter Aufsicht eines Beamten bewältigt werden muss. Aber auch bewundert wird er, der Kaufhausbrandstifter, weil er dem übelsten Schleifer der Uniformierten mitten ins Gesicht spukt, als der ihn auffordert, beim täglichen Hofgang das Hemd anzulassen.

Während Kolley nach einem aufsehenerregenden Schwurgerichtsprozess zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt wird, geht Lunkewitz seinen revolutionären Weg zur Befreiung der Unterdrückten im Allgemeinen und der sexuell diskriminierten Damen im Speziellen. Dass Lunkewitz selbst in Besitz einer scharf geladenen Waffe gewesen sein soll, konnte vom Gericht nicht geklärt werden, auch nicht die Tatsache, dass er beim Ziehen der Waffe einen Schuss auslöste und sich und seinen Politkumpane selbst in den Arm schoss. Von einer echten 6,35, einem Gasrevolver und einer Gaspistole sprechen verschiedene Zeugen. Richtig ist nach Aussagen eines ehemaligen Mitgliedes der KPDML, dass es sich um eine 6,35 gehandelt haben soll, die nach der Tat von Hand zu Hand vom Tatort am Weinberg geschmuggelt worden sein soll. Klaus Kolley dazu: “Hätte ich die Waffe nicht gesehen, würde ich nicht in die Luft geschossen haben.” Auch der mittlerweile auf Teneriffa im Altersruhesitz weilende von Thadden, wie Lunkewitz heute, in der Immobilienbranche tätig, spricht von klaren Beweisen für einen Waffenbesitz von Lunkewitz .

Der Kapitalist

Nach seinem Wechsel zur KPDML nimmt Lunkewitz die übliche mittelständische Revoluzzerkarriere auf. Sprühen von Parolen und 1973 fliegt sein letzter politischer Stein ins Frankfurter IBM-Hochhaus.

Das Verfahren endet mit Freisprüchen. 1973 versucht er sich als Freizeitleiter eines Schüleraustausches in Frankreich. Aber 60 Francs am Tag und die Hoffnung auf idealistischen Politheiligenschein lassen ihn schlussfolgern: “Die Hoffnung auf Revolution in Deutschland ist vergleichsweise dasselbe wie die christliche Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod.”

Der Mann wird “vernünftig” und macht endlich das, was die Eltern schon immer glaubten, dass es das Richtige für ihn sei: Eine solide Ausbildung und danach Geld. Nach dreijähriger Lehre bei einer englischen Immobilienfirma kauft die Konkurrenz, Jones Lang Wooton, den revolutionsgeschädigten Träumer für den großen Coup. Fünf Jahre hilft er beim Aufbau des Frankfurter Büros und später bei großen Deals.

Die “Metropol”, seine eigene Firma, entsteht 1979. Er ist 29 Jahre und Millionär. Mit zig Millionen, zwei Dutzend Angestellten, bedeutendem privaten und gewerblichem Grundbesitz soll er seine marxistische Phase nicht vergessen haben: Kapital sei für ihn nicht Geld, sondern gesellschaftliche Verhältnisse, die es gilt, menschlich zu gestalten. Deshalb residiert er wohl auch in der von Galen-Villa auf dem Lerchesberg. Ebenso nennt er eine klassizistische Villa sein Eigen, die ihm der vom Prince of Wales empfohlene Quinlan Terry mit Säulenportikus auf einem 16.000 Quadratmetergelände in der Mörfelder Landstraße bauen soll. Ökologisch, versteht sich – Ziegelwände, Sandstein und Schieferbedeckung – und vielleicht mit echten Sklaven, selbstverständlich gewerkschaftlich organisiert. Die Römer ebenso wie die Griechen, aber auch die Nazis, hatten eine, Vorliebe für Säulen, denn neben seinem Glauben an seine großartige Kriegsführung, hielt sich Hitler für einen genialen Architekten; und ob Limes oder Westwall, an Gigantomanie litten sie alle in ihrem Männlichkeitswahn. Aber nur einem, dem wahren und einzigen Kapitalisten, gelingt es, die Vergangenheit in die Gegenwart zu versetzen – Dagobert Duck. Nur er würde die Akropolis nach Entenhausen holen.

Wer Geschäfte macht, der kann kein guter Mensch sein

Die Devisen des Mannes: Was nichts kostet, taugt nichts und: Wer Geschäfte macht, kann kein guter Mensch sein. Dies ist seine ironische Meinung, wie der Pflasterstrand schreibt. Was bleibt ihm übrig? Diebstahl, Betrug und Urkundenfälschung sind ein Teil seiner Geschichte. Doch er ist resozialisiert wie Graf Lambsdorf, von Brauchitsch oder Astrid Proll.

Aber das Geschäftemachen bringt ihm dennoch nicht den erfüllenden Orgasmus. Nun ist der “Gute Spekulant” wieder in der Politik. Die SPD ist die wichtigste Kraft im Land, meint er. Ihr gilt seine handfeste Unterstützung. Die FR munkelt von sechsstelligen Spendensummen.

Eine Art Wiedergutmachung

Und auch die freundschaftlichen Spenden sind trügerisch. Schmeicheln sie doch dem Empfänger und nähren seinen Glauben, sie seien eine Art Hochschätzung für seine Politik, derweil sie langfristig, wie die “edlen” Hilfeleistungen von Mafiabossen, ihre Wiedergutmachung als modus vivendi voraus setzen, vielleicht als Steuererleichterung (Flickspendenaffäre) oder nur als “Bevorzugung” bei der Vergabe von Bau und Planungsaufträgen.

Seien wir nicht neidisch und lassen wir die Bewunderung dem Pflasterstrandherausgeber und im Exil lebenden Exrevolutionär Cohn-Bendit und begreifen wir Lunkewitz als das, was er ist – ein Spekulant in sauberen Unterhosen, dessen politische Überzeugung ist: “Es gibt Leute, die rutschen von ganz links nach ganz rechts – ich halt mich an die Mitte” (Pflasterstrand).

Prima, Herr Lunkewitz, nur – wo ist die Mitte?!

Die Geschichte hätte auch ganz anders gewesen sein können. Lesen Sie unter: www.doccumenta.de/literatur

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