Umbruchjahr 1968 (VIII): Kinderheime auf Tagesordnung gesetzt – dort sind Heime immer noch

“Bambule – Fürsorge – Sorge für wen?” heißt ein Buch von Ulrike Meinhof, das 1971 erschienen ist. Geschildert wurde von der späteren Terroristin der Aufstand von Mädchen in einem Berliner Heim. Der von ihr für den Südwestfunk gedrehte Film zum gleichen Thema ist erst in den 90er Jahren ausgestrahlt worden.

hienf.jpg“Bambule – Fürsorge – Sorge für wen?” heißt ein Buch von Ulrike Meinhof, das 1971 erschienen ist. Geschildert wurde von der späteren Terroristin der Aufstand von Mädchen in einem Berliner Heim. Der von ihr für den Südwestfunk gedrehte Film zum gleichen Thema ist erst in den 90er Jahren ausgestrahlt worden. Diese Tatsache symbolisiert immer noch die Herangehensweise an heiße Eisen.

Ist ein Eisen erst abgekühlt, trauen sich immer mehr heran, wie in der heutigen Ausgabe die “Westdeutsche Zeitung”, die ungeschminkt über kirchliche Einrichtungen in den 50er und 60er Jahren berichtet und gleichzeitig der 68er-Generation bescheinigt, auch hier für einschneidende Reformen gesorgt zu haben.

Unzählige aktuelle Berichte ehemaliger Heimkinder zeugen vom Alltag in diesen Heimen: Prügel, Unterdrückung, so viel Schulunterricht wie gerade noch nötig, Zwangsarbeit.

Versprechen der Caritas

Mut haben die Betroffenen geschöpft, als sie in der katholischen “Tagespost” vom 16. Februar 2006 lasen: “Nach dem Zweiten Weltkrieg in kirchlichen Einrichtungen misshandelte Heimkinder können auf Unterstützung durch den Deutschen Caritasverband (DCV) hoffen. ´Wir wollen die heute Erwachsenen nicht mit den in ihrer Kindheit entstandenen Traumatisierungen alleine lassen´, sagte DCV-Präsident Peter Neher in einem am Dienstag im Internet verbreiteten ´Spiegel´-Interview. Er sprach sich für individuelle Entschuldigungen und eine Überprüfung von Rentenansprüchen aus. Zudem sollten die Betroffenen gegebenenfalls ihre Akten einsehen können. Um nachgewiesene Arbeitszeiten bei der Berechnung der Rentenansprüche zu berücksichtigen, regte er eine Prüfung durch die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte und die Rentenversicherungsträger an.”

Dieses Versprechen ist aber augenscheinlich bis heute nicht eingelöst worden, ehemalige Heimkinder schreiben mir: “Bei mir hat sich noch niemand gemeldet.” Andere berichten von verschwundenen Akten und über Hinhaltetaktik – bis wie bei “Bambule” wieder so viel Zeit vergangen ist, dass man die Täterinnen und Täter nur noch auf dem Friedhof besuchen kann?

Masche funktioniert nicht mehr

Doch die Masche, zwei Schritte vor, drei zurück, Thema wieder fallen lassen, scheint nicht mehr zu funktionieren. Beispiel: Döbeln, eine Kleinstadt in der Nähe von Leipzig. Dort gibt es seit 2001 das Café Courage, eine Begegnungsstätte für Jung und Alt, in der am 29. März, 20 Uhr, eine Lesung des freien Journalisten Bernd Drücke stattfindet. Das Thema “NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand”, angeknüpft wird in diesem Buch laut Veranstaltungshinweis “an die aktuelle Debatte über die Heimkindererziehung in den 50er und 60er Jahren, die beeinflusst worden sei von ‘der Ideologie der Ausmerzung’ aus der NS-Zeit.”

Das hört heute niemand mehr gern – die 68er aber haben es ausgesprochen – und so auch etwas erreicht. Damit es auch dieses Mal nicht beim Versprechen bleibt, sondern auch Taten folgen, habe ich heute bei der Caritas nachgehakt, wie viele ehemalige Heimkinder inzwischen in den Genuss von Entschuldigungen und Entschädigungen gekommen sind. Auf die Antwort bin nicht nur ich gespannt.

Kommentare

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  1. Heute schreibt mir die Behörde LVR in Köln Martin S.:

    “Das Landesjugendamt besitzt weder eine Aufsichts – noch eine Weisungsfunktion gegenüber Jugendämtern. Wir beraten vielmehr Jugendämter.”

    Was war das für eine “Beratung” in den 50er und 60er Jahren?

    Dieses Buch könnte die Wahrheit berichten wie die Ämter und Kirche drauf waren!
    Lebensunwert? NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand
    http://www.paul-wulf.net/Bild/Titel-Buch.pdf

    Freier Journalist Bernd Drücke und Paul Wulf – 1992 Foto
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=11027

    Nachruf
    http://www.paul-wulf.net/Nachruf.htm

    Herr Präsident Peter Neher (Caritas) wann wollen Sie ihr versprechen einlösen welches Sie im “Spiegel”-Interview Anfang 2006 gegeben haben?

    Antworten Sie mir bitte!