Vorige Woche kam er nun raus: Der lange mit Schrecken erwartete “Anti Islam”-Film “Fitna” von Geert Wilders. Er ist eine Collage aus Youtube-Videos, Zeitungsausschnitten und Koranversen, die ein Schwarz-Weiss Bild des Islams im Nahen Osten und Holland zeichnen soll. Wir, die “friedliebenden” und säkularisiertenEURopäer, sind bedroht von einer Horde von “gewaltbereiten”, “antisemitischen”, und “rückständigen” Moslems, die nur darauf aus sind den “Westen” in einen “islamischen Gottesstaat” zu verwandeln. “Willkommen inEURabien” mag es nach Wilders Statistiken in kurzer Zeit heißen.
Doch ist das wirklich der Islam, den Milliarden von Moslems bewundern und mit tiefer Ehrfurcht nacheifern?
Vor ca. 1400 Jahren gründete der Prophet Mohammed den Islam, welcher als monotheistische Religion die Vielgötterei ablehnte und gegenüber dem Christentum die Einheit Gottes lehrte. Der Islam basiert vor allem auf dem für gläubige Muslime “unverfälschlichen Wort Gottes”, dem Koran. Neben dem Koran gibt es noch eine zweite Erkenntnisquelle, den Worten und Handlungen Mohammeds (Sunna). Die fünf Säulen (Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosensteuer, Fasten und die Pilgerfahrt) bilden dabei den Grundstock des islamischen Glaubens. [mehr...]
Die Scharia bildet das islamische Recht, welches nicht im Koran und in der Sunna behandelt wird. Vielmehr ist sie eine Sammlung von religiösen Lehrentscheidungen, den so genannten Fatwas, die von Religionsgelehrten (Muftis) auf Grund der Auslegung von Koran und Sunna getroffen werden. Diese Fatwas behandeln alle Bereiche des Lebens, wie Ehe-, Kauf-, Vertrags-, und Strafrecht, sowie die Beziehung zu der nichtmuslimischen Welt.
Es werden in der Scharia Menschen in zwei Gruppierungen geteilt, die in ihren Untergruppen jeweils verschiedenste Rechte genießen bzw. Strafen erleiden müssen:
- Zum einen sind dies die Bürger des islamischen Staates, die sich aus Muslimen und den so genannten Dhimmis, Schutzbefohlene (Monotheisten: Juden und Christen) zusammensetzen. Muslime haben dabei alle Rechte, Dhimmis hingegen nur Eingeschränkte. Sie sind auch verpflichtet Sondersteuern zu bezahlen, sind allerdings staatlicherseits geschützt.
- Die zweite Gruppe sind Bürger nichtmuslimischer Staaten, die Harbis und Muhadis genannt werden. Unter der Kategorie der Harbis fallen all diejenigen Nicht-Muslime, die sich im Kriegszustand mit den Muslimen befinden. Sie sind, mit Ausnahme von Frauen, Kindern und am Krieg nicht beteiligten Personen, nach islamischen Recht zu töten. Muhadis sind Nicht-Muslime, die sowohl Götzendiener als auch Juden und Christen sein können, mit denen ein Friedensvertrag abgeschlossen wurde. Sie zu töten ist eine große Sünde nach der Scharia.
Die Scharia setzt sich aus verschiedensten Quellen zusammen und wurde von Land und Region verschieden beeinflusst. So kann es sein, dass zum Beispiel in Ägypten und Jordanien andere Gesetzesvorschriften vorliegen, als zum Beispiel in Afghanistan. Auch zwischen den einzelen Untergruppierungen des Islam, die nicht auf Sunniten und Shiiten allein beschränkt sind, gibt es maßgebliche Unterschiede. [mehr...]
Der Islam als solches stellt fürEURopa keine Gefahr dar
Der Islam als solches stellt für uns keine große Gefahr dar. Ganz im Gegenteil istEURopa geprägt durch einen säkularen Charakter und ein demokratisches Staatensystem, welches bis auf weiteres gleiche Rechte für jeden gewährleistet, unabhängig von Ethnie oder Religion einer Person. Das islamische Recht der Scharia hat, mit einer Ausnahme, keine Rechtsgültigkeit inEURopäischen Staaten.
Dies könnte sich aber schon alsbald ändern, wenn wir Wissenschaftlern, wie dem Syrer und ehemaligen Göttinger Professor für Internationale Beziehungen Bassam Tibi, glauben schenken. Er spricht schon seit langem von der Gefahr, die von einem politisierten Islam, dem Islamismus, ausgeht, welcher unsere Welt, die Welt des “Westens”, bedroht:
Tibi bringt es auf den Punkt, wenn er nicht den Islam als Religion, sondern den Islamismus als totalitäre Ideologie als Gefahr fürEURopa und unser Wertesystem sieht. Im Gegensatz zu Geert Wilders und anderen Extremisten trennt er Hassprediger und Terroristen von Grund auf von der Religion Islam. Sie sind zwar Moslems und können dadurch mit dem Islam in Verbindung gebracht werden, im Gegensatz zu gläubigen und liberalen Muslimen verfolgen diese aber politische und keine religiösen Ziele.
Ein Reform-Islam kann in eineEURopäische Zivilisation integriert werden
Geert Wilders Film “Fitna” verschweigt diese Trennung, die Prof. Bassam Tibi schon jahrelang in seinen Publikationen vorgenommen hat. Wilders geht es vielmehr um Provokation und um ein Ohnmachtsgefühl des Zuschauers. Werden irgendwann inEURopa Menschen erschossen oder geköpft werden, nur weil sie sich den Gesetzen des Islams nicht unterordnen? Wird noch mehr Terror unsere Welt bedrohen, bis es endlich einen islamischen Staat inEURopa gibt? Diese Fragen bedrücken wahrscheinlich jeden, nachdem er den Film gesehen hat.
Tibi hingegen hat einen anderen Ansatz als Wilders. Er lehnt die Integration von Muslimen inEURopa nicht ab, sondern fragt sich, ob Integration von Muslimen überhaupt inEURopa möglich ist. Basierend auf seinen Forschungen in Afrika, wo sich in Folge seiner Forschungsergebnisse der Islam in die afrikanische Kultur erfolgreich integriert hat, entwickelte er nun das Konzept eines “Euro-Islam”:
Nach seinen Angaben ist dem Islam unser Werteverständnis nicht unbekannt. ganz im Gegenteil hat der Islam im Mittelalter Werte wie Demokratie und Menschenrechte sogar für uns konserviert, wie zum Beispiel der große arabische Denker Ibn Khaldun (1332-1406), dem Wegbereiter der heutigen soziologischen Denkweise, beweist. Im Zuge des Humanismus und der Aufklährung haben wirEURopäer diese Werte durch einen Kulturaustausch mit den Muslimen wieder übernommen. Wenn Muslime sich von dem islamischen Recht der Scharia trennen, den Universalismus ihrer Religion aufgeben und sichEURopäischen Werten und Rechten unterordnen, kann der Islam so erfolgreich auch inEURopa integriert werden.
Nur eine wehrhafte Demokratie kann den Islamismus bekämpfen
In den letzten Jahren gab es vor allem in Holland und Großbritannien große Diskussionen darüber, ob die Scharia ganz oder teilweise in das staatliche Rechtssystem eingegliedert werden sollte, ein Recht welches eindeutig konträr zu unseren Werten von Demokratie und Menschenrechten steht. Dies bildet den Hintergrund von immer wieder aufkommenden antiislamischen Ausschreitungen und Publikationen, wie in Holland durch Tariq Ramadan, Ayaan Hirsi Ali, Pim Fortuyn, Theo van Gogh und zuletzt von Geert Wilders geschehen. Aber wie antiislamisch sind diese Publikationen wirklich?
“Ich fühle mich nicht im geringsten verletzt”, schrieb letzte Woche die in Deutschland lebende Muslimin und Journalistin Fatma Aykut. Ganz im Gegenteil sind ihr die Bilder antisemitischer Hassprediger und blutrünstiger Islamisten und Terroristen schon längst bekannt:
Bassam Tibi versteht das ganzeEURopäische Theater um die Diskussion über den “richtigen” Umgang mit dem Islam auch nicht. Ganz im Gegenteil wirft er derEURopäischen Öffentlichkeit ein falsches Toleranzverständnis und ein dadurch resultierender Werteverfall vor. Er stellt uns mit dem Schlagwort “EntwederEURo-Islam, oder islamischesEURopa.” vor die Wahl:
Tibis “Euro-Islam” steht fürEURopa als mögliches Lösungs- und Friedenskonzept für das 21. Jahrhundert zur Verfügung. Er fordert uns auf zwischen dem klassischen Islam und gläubigen Muslimen und der politischen und totalitären Ideologie des Islamismus zu unterscheiden. Des Weiteren mussEURopa zu seinen Wurzeln zurück kehren, seine falsche Toleranz gegenüber Islamisten inEURopa aufgeben und diese nachEURopäischen Recht verurteilen, wenn nicht sogar in ihre Heimatländer zurückschicken. Gemäßigte Muslime, die sich in dasEURopäische Wertesystem integrieren wollen, die Scharia ablegen und den Islam unter eineEURopäische Zivilgesellschaft unterordnen bereit sind, soll hingegen Hilfe gegeben werden, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren.
Wir sind aufgefordert etwas zu tun
Als der bekennende Islamkritiker und Filmemacher Theo van Gogh in Holland wegen seiner Vorwürfe gegen radikale Islamisten von diesen kaltblütig ermordet und wie ein Kalb geschächtet wurde, hinterließ der Mörder eine mit einem Messer an der Leiche befestigte Nachricht: “Europa, jetzt bist du dran!” Entgegen damaliger Politiker und Journalisten, sollten wir diese Nachricht nicht verschleiern und unter den Tisch kehren. Vielmehr sollten wir diese und die Gefahr des Islamismus ernst nehmen und endlich darüber reden. Geert Wilders Film “Fitna” hat in diesem Sinne die Mauer des Schweigens gebrochen und somit einen Beitrag für diese dringend notwendige Diskussion gegeben.
Weiterführendes:
- Literatur von Bassam Tibi;
- Bassam Tibi: Keine Selbstaufgabe durch totale Anpassung an den Westen. DerEURo-Islam ist nur im Einklang mit der kulturellen Moderne möglich, In: Das Parlament, Ausgabe 32-33 2005, URL: www.bundestag.de/dasparlament;
- Bassam Tibi: Der importierte Hass, In: Die Zeit, 07/2003, URL: www.zeit.de;
- Bassam Tibi: Aufstieg und Fall der Zivilisationen, In: Welt Online, 19.10.2006, URL: www.welt.de;
- Dorothee Krings: Experte ärget sich über “falsche Toleranz”,EURopa unterschätzt die Islamisten, In: RP Online, 04.03.2008, URL: www.rp-online.de;
- Henryk M. Broder: Der Populist, der keiner ist, In: Spiegel Online, 30.03.2008, URL: www.spiegel.de;
- Islam vs.Islamism [Video], In: Is Islamism Anti Islam?, israelsixty, 30.03.2008, URL: www.israelsixty.blogspot.com;
- Muslims against Sharia, Islamic Reform Movement;
- Robert Spencer: The Fitna Firestorm, In: PajamasMedia, 31.03.2008, URL: pajamamedia.com.
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@Lukas Lehmann: “Ich will Ihnen in diesen Punkt widersprechen. Ich sehe den Bielefeld-Text ein wenig anders, auch wenn seine Überschrift ein wenig verwirren tut. Zum Beispiel schreibt er von den Menchenrechten, die Muslime u.a. in Kairo für sich bechlossen haben. Tibi schrieb dazu mal in einem Artikel, dass diese sich sehr stark von unseren Menschenrechten unterscheiden, auch wenn dies von Muslimen bestritten wird. Die Kairoer Papiere stelle nichts anderes dar, als eine Zielsetzung zur Instalaion der Scharia.”
Daß er davon schreibt, ist richtig. Allerdings nur um nach einer analogen Art der Verklärung gleich weiterzueilen und in die selbe von ihm kurz zuvor noch kritisierte Kerbe zu schlagen. Zum Abschluß dieses Absatzes wird dann natürlich alles gut:
“So kann gerade der für den Islam charakteristische strenge Monotheismus durchaus auch zur Begründung säkularer Freiheitsrechte führen.”
Woher Herr Bielefeld den Glauben daran hernimmt, schreibt er nicht. Fest steht nur, daß diejenigen Moslems, von denen er sich wegen der Kairoer Erklärung hübsch in aller Form distanziert, auf einmal verschwunden sind.
Sind Sie nicht versucht zu fragen, wo die geblieben sind? In Bielefeldts Gleichung tauchen sie nicht mehr auf. Also muß er sie, wenn sie sich nicht hinter der “Wächterrolle” gegen Ende des Artikels verstecken, irgendwo anders hingepackt haben. Was wäre Ihr Tip, wo man sie suchen soll? Mein Tip wäre, daß er sie im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen durchaus gut aufgehoben sieht. Irgendeinen Protest gegen die faktische Machtergreifung der Islamisten in diesem Gremium
http://www.blog.gruene-pest.com/2008/04/07/menschenrechte-“todlich-getroffenâ€/
hat man von Bielefeldt jedenfalls noch nicht hören können.
@Lukas Lehmann: “Letzte Kategorie würde zum Beispiel auch Intellektuelle wie Bassam Tibi einschließen, die, wie schon erwähnt, eine starke Abgrenzung zwischen Staat und Religion fordert.”
Daß es die gibt, bestreitet ja niemand. Das Problem ist nur, daß die so weit vom glaubensmäßigen Mainstream entfernt sind, daß praktisch niemand sie ernst nimmt.
@Lukas Lehmann: “Nicht zu Letzt auf deren Schriften und Denkansetze beruht auch unser Demokratie- und Rechtsverständnis.”
Nicht zuletzt? Na Sie sind ja lustig. Mag durchaus sein, daß z.B. nach der Vertreibung der Mauren aus Spanien der eine oder andere Aspekt moslemischen Rechtsverständnisses entlehnt wurde, aber weitergehendes einfach so zu behaupten und dann auf eine Quelle zu verweisen, die sich erst mal über eine augenscheinlich mit Steuermitteln geförderte “Außenkulturpolitik” ausläßt, war doch ein wenig nachlässig von Ihnen.
Erwähnenswert wäre übrigens noch, daß Bielefeldts Papier von seinem eigenen Ansatz her schon den Menschenrechten widerspricht, weil er es sich herausnimmt, den Menschen Dialogpflichten mit Zwangsregeln aufzunötigen, bei denen sie sich ihr Recht auf “freie und volle Entfaltung der Persönlichkeit” abschwatzten lassen sollen. Weshalb das den Menschenrechten widerspricht, sollten Sie sich von Charles Malik dem Hauptautor der Allgemeinen Menschenrechte erklären lassen
http://www.politikstube.de/forum/blogs/haiduk/116-charles_malik_erklaert_die_menschenrechte_teil_i.html
Beste Grüße,
Haiduk
PS: Daß Sie keine Antwort auf die Frage wüßten, wo eigentlich Atheisten und Agnostiker mit ihren Einsichten bleiben würden, hat mich übrigens nicht wirklich überrascht.