Wenn das Verlangen, am Computer zu spielen oder im Internet zu surfen so groß wird, dass es alle anderen Bereiche des täglichen Lebens überlagert, ist Hilfe geboten. Der Psychologische Leiter der im März eröffneten ersten Ambulanz zur Behandlung von Computerspiel- und Internetsucht am Universitätsklinikum Mainz, Diplom-Psychologe Klaus Wölfling, dazu im Interview auf Readers Edition.
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RE: Mit der Ambulanz soll eine bestehende Versorgungslücke geschlossen werden. Wie genau definiert sich diese “Lücke” bzw. wie dramatisch stellt sich die Situation in Deutschland dar?
Wölfling: Es besteht trotz steigender Fallzahlen aktuell ein Versorgungsdefizit für Patienten mit suchtartigem Computerspielverhalten in der medizinischen Versorgung und in den Anlaufstellen der Suchtkrankenhilfe. Hintergrund ist, dass bisher noch keine anerkannte Diagnose in den Klassifikationssystemen psychischer Störungen verankert ist. Zum anderen gibt es fast gar keine therapeutischen Angebote für dieses Störungsbild.
RE: Der Trend, dass immer mehr Jugendliche immer intensiver den Computer nutzen, ist sicher nicht aufzuhalten. Ab wann spricht man diesbezüglich von einer “Sucht” und anhand welcher Kriterien wird dies gemessen?
Wölfling: Grundsätzlich wird eine Abhängigkeitserkrankung – also auch die Computerspielsucht – anhand von negativen Folgeerscheinungen im psychischen, körperlichen und sozialen Bereich diagnostiziert. Um demnach von Computerspielsucht zu sprechen müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein:
- Das unwiderstehliche und gedankenbestimmende Verlangen, am Computer zu spielen.
- Die verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung und Dauer des Computerspielens (Kontrollverlust).
- Anklingende Entzugserscheinungen (etwa Nervosität, Unruhe, Schlafstörungen, aggressive Spannungsabfuhr) bei verhindertem Computerspielen.
- Nachweis einer Toleranzentwicklung (Steigerung der Häufigkeit, Intensität oder Dauer des Computerspielens).
- Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen, also etwa eine Reduktion sozialer Kontakte.
- Anhaltendes exzessives Computerspielen trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen aufgrund exzessiver Spielzeiten (z.B. Leistungsabfall in Schule oder Beruf, Übermüdung, oft auch Fehl- oder Mangelernährung, reduzierte Hygiene, Verwahrlosungstendenzen.)
RE: Wie äußert sich eine Internet- oder Computerspielsucht im Extremfall?
Wölfling: Bei einer extremen Ausprägung von Computerspielsucht sind die Betroffenen nicht mehr willentlich in der Lage, ihre Spielzeiten zu kontrollieren: es kommt zum “Dauerzocken” mit bis zu 48 Stunden am Stück. Ebenso ist bei Entwicklung einer Abhängigkeit keine Seltenheit, dass Spieler pro Jahr weit mehr als 2000 Stunden in von ihnen bevorzugten Spielen verbringen. Dazu kommen soziale Isolation: Abkehr von “realen” Freundschaaften, Partnerschaft oder Familie, Spannungszustände bei Verhinderung des Computerspielens bis hin zu aggressiven Durchbrüchen.
RE: Noch fehlt die gesundheitspolitische Anerkennung dieses Störungsbildes – warum ist das so?
Wölfling: Kürzlich sorgte in diesem Zusammenhang die Entscheidung, ein neues Störungsbild der „Computer- und Videospielsucht“ vorerst nicht in den Kriterienkatalog psychischer Störungen aufzunehmen für erhebliches Interesse in der öffentlichen Wahrnehmung sowie für hinreichend Diskussionsbedarf in medizinischen und psychotherapeutischen Fachkreisen. Im Vorfeld wurde auf Initiative der AMA (American Medical Association) im Hinblick auf die nächste Revision des DSM (“Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disordersâ€) ein Fachkollegium einberufen, das zu prüfen hatte, inwieweit diese Diagnose auf dem Hintergrund der Richtlinien der evidenzbasierten Medizin anwendbar erscheint. Eine Anerkennung des Störungsbildes „Computer- und Videospielsucht“ im DSM wäre auch für Deutschland auf gesundheitspolitischer Ebene richtungsweisend, da die im deutschen Sprachraum angewendeten Diagnosekriterien psychischer Störungen sich inhaltlich nah an denen des DSM orientieren. Der wissenschaftliche Beirat forderte im Ergebnis seiner Prüfung die forcierte Durchführung von empirisch ausgerichteten Untersuchungen zum Symptombild und die Entwicklung von neuen Strategien zur Prävention und zur Behandlung dieses Störungsbildes.
RE: Wie sieht Ihr Therapieansatz aus, wie kann den Süchtigen geholfen werden?
Wölfling: Wir setzen auf ein ambulantes verhaltenstherapeutisch-orientiertes Behandlungskonzept, da die Konfrontation mit den häuslichen Lebensbedingungen und auch das Erleben von Misserfolgserlebnissen (z.B. Rückfälle) direkt in den therapeutischen Prozess mit einbezogen werden können. Ebenso bietet sich das Gruppensetting als Therapieform besonders an, weil gerade der Austausch der Betroffenen untereinander die Chance bietet, am Modell des Anderen zu lernen und Rückhalt in der Gruppe zu finden.
RE: Danke für das Interview.
Die Fragen stellte Felix Kubach
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Klaus Wölfling ist Psychologischer Leiter der im März 2008 eröffneten Ambulanz für Spielsucht, Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, am Universitätsklinikum Mainz.
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Photo1: Rubira, Lizenz: cc creative commons 2.0 – Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr
Wir freuen uns, dass dieses Thema zunehmend zur Kenntnis genommen wird. Unser Anliegen ist, dass vor allem Familien begreifen, wohin das exzessive Computerspielen der Kinder führen kann, deshalb gibt es die Internetplattform betroffener Eltern http://www.rollenspielsucht.de. Im 2. Schritt sind Konsequenzen erforderlich, damit die betroffenen Kinder, Partner oder Freunde geschützt werden können. Frage: Konsumieren Ihre Kinder zuhause Alkohol und Drogen? Warum dürfen sie dann in den eigenen vier Wänden Computerspiele mit hohem Suchtpotenzial spielen ? MFG
http://www.rollenspielsucht.de – eine Initiative betroffener Eltern „Wir haben unseren Sohn ans Internet, an World of Warcraft verloren“