Steven, Du hast soeben einen der prestige-trächtigsten Korrespondentenposten überhaupt verlassen. Glücklich, nach Paris umgezogen zu sein?
Bien sur! Et pourquoi pas?
Mag ein bisschen naiv tönen, aber: Wird Dich Paris nach der Zeit in Jerusalem nicht allzu sehr langweilen?
Kann schon sein, aber anders als Du vielleicht denkst: Der Nahost-Konflikt kann ja auch langweilig werden – eine andere Art von Ghetto. Man kann dort Geschmack an der Scheinheiligkeit kriegen, aber selbst die feinste Form der Scheinheiligkeit tendiert dazu, sich nach einer gewissen Zeit zu wiederholen.
Wenn Du auf Deine knapp vier Jahre in Israel/Palästina zurückblickst: was war die wohl größte Herausforderung für den Bürochef einer der weltweit einflussreichsten Zeitungen?
Du hast es soeben beschrieben: Über einen für sehr viele Leute enorm wichtigen Konflikt mit Distanz zu berichten, kühl zu bleiben – aber gleichzeitig Mitleid zu haben ohne Partei zu ergreifen, für alle mitzufühlen und analytische Distanz zu wahren.
Das tönt nicht nur heikel – das ist es auch… Welche Bilanz ziehst Du denn bezüglich des Konflikts, jetzt da Du die Region verlassen hast?
Der Konflikt ist zu kompliziert, als dass man das kurz zusammenfassen könnte. Es reicht zu sagen, dass ich auf längere Zeit hinaus keine Lösung erwarte. Wenn schon befürchte ich, dass eine Stagnation die Extremisten stärkt, was wiederum Fortschritte hin zum Frieden blockiert. Ein allfälliger Fortschritt müsste meiner Meinung nach schrittweise erfolgen, damit er tragfähig ist – und politisch vertretbar für Israeli und Palästinenser.
Ist es nicht frustrierend, dass die Politiker nicht einmal dazu in der Lage sind, wenigstens die Gewaltspirale zu stoppen, von einer wirklichen Annäherung zwischen Israeli und Palästinensern gar nicht erst zu sprechen.
Nun, die Gewalt ist ein Symptom des ungelösten Konflikts. Das ist ein nicht beendeter Krieg von 1948 – 49. Die Gewalt wird nicht aufhören, bis der Krieg zu Ende ist; im besten Fall mit einer Verhandlungslösung, die zwei überlebensfähige unabhängige Staaten bringt.
Deine Analysen des Konflikts bestachen durch ihre hohe Treffsicherheit – und wurden von uns Kollegen meist sehr genau gelesen Und es ist wohl kaum übertrieben zu sagen, dass die “New York Times” eine der wenigen Zeitungen ist, die zu Recht einen Einfluss auf die US-Administration für sich reklamiert.
Danke für die Blumen… Die “New York Times” wird genau gelesen, und wir berichten über den Konflikt detaillierter, als es möglicherweise nötig wäre. Aber unsere Leser interessiert’s, und sie erwarten das von uns. Und sie nehmen uns sehr ernst – manchmal mit etwas zuviel Herzblut, würde ich meinen.
Aus Gaza, aber auch aus Israel zu berichten, ist eine heikle Arbeit. Inwiefern unterscheidet sich für Dich als erfahrener Korrespondent mit mehrjähriger Erfahrung in anderen Kriegsgebieten die Arbeit im Nahen Osten?
Jede Konflikt-Gegend unterscheidet sich von einer anderen, und jedes Mal, wenn du rein gehst, präsentiert sich die Lage wieder anders. Wichtig ist, nicht faul zu werden und zu meinen, alles sei wie beim alten geblieben. Die Entführung unseres BBC-Kollegen Alan Johnston, ein alter Freund aus dem Kosovo-Konflikt, hat mich sehr geärgert. Und ich muss sagen, danach habe ich sehr viel mehr Vorsichtsmaßnahmen getroffen.
Zum Beispiel?
Nach Alans Entführung habe ich nur noch mit Leuten aus Gaza zusammengearbeitet, die ich seit langem kannte, ich habe mich nur noch ohne lange voraus geplante Abläufe im Gaza-Streifen bewegt, trug praktisch kaum noch Helm und Schutzweste und bin nie alleine irgendwo hin gegangen. Und manchmal habe ich einfach jemanden angehauen um zu sehen, wie die anderen Leute auf mich reagieren – unseren Fahrer mit wartendem Auto immer in der Nähe wissend.
Du warst auch im Juli während der blutigen Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen…
auf dem Höhepunkt der internen palästinensischen Kämpfe gab es keine Sicherheit mehr, nirgends. Gleichzeitig bin ich mir auch bewusst, dass eine israelische Rakete unterwegs sein kann, während du einen Hamas-Leader interviewst. Die israelischen Angriffe können gefährlich sein, denn normalerweise sind wir Journalisten ja bei solchen Angriffen physisch auf der palästinensischen Seite wie normale Bewohner des Gaza-Streifens, aber nicht unterwegs mit den Israeli oder palästinensischen Kämpfern.
Diese Erlebnisse prägen, keine Frage. Was ist mit dem Journalisten Steven Erlanger geschehen während seiner knapp vier Jahre im Nahen Osten?
Nun, ich habe sehr viel geschrieben! Um ehrlich zu sein, mit mir ist nichts fundamental Einschneidendes geschehen, dass meine journalistischen Grundsätze oder mich als Journalisten verändert hätte. Dieser Konflikt hat vielmehr eine starke Ueberzeugung von mir gestärkt: Ein Opfer zu sein ist eine Tragödie, aber das rechtfertigt nicht alles.
Was wird Dich journalistisch die nächsten Wochen beschäftigen?
Ich muss eine Wohnung finden. Dann versuche ich die Verbindung zu Freunden und Kontakten in Frankreich undEURopa wieder aufzunehmen, inklusive Themenbereichen wie der Nato. Zudem werde ich mein neues Büro beschnuppern, und die neue Beziehung zur “International Herald Tribune” abklären, die ja zu unserem Konzern gehört. Und ich werde, ohne Bedauern, die Beiträge von anderen über Condoleezza Rice’s nächsten Besuch in Jerusalem und Ramallah lesen.
Dieses Interview erschien zuerst auf andremarty.com.
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