Offenes Polen – Eine Entdeckung des Naheliegenden

Polen ist offen. Dieses geflügelte Wort, welches vermutlich aus der Zeit stammt, als der polnische Adel untereinander heillos zerstritten war und keine effektive Zentralmacht zuließ, hat in der Gegenwart eine gänzlich neue Bedeutung erhalten. Auch wenn die verschiedenen, aberwitzig erscheinenden Phobien der Kaczynskis und die dumpfe Polemik von Radio Maryja

polen2.jpgPolen ist offen. Dieses geflügelte Wort, welches vermutlich aus der Zeit stammt, als der polnische Adel untereinander heillos zerstritten war und keine effektive Zentralmacht zuließ, hat in der Gegenwart eine gänzlich neue Bedeutung erhalten. Auch wenn die verschiedenen, aberwitzig erscheinenden Phobien der Kaczynskis und die dumpfe Polemik von Radio Maryja die Nachrichten aus Polen prägen, unser östliches Nachbarland ist anders. Das neue, junge Polen ist nicht nur tolerant und geistig rege, nein auch innovativ und vor Energie sprühend. Viel Neues im Osten!

Und nicht nur dort, auch mitten unter uns ist Polen. Mit derzeit 362.000 Menschen sind Polen die drittgrößte Ausländergruppe in Deutschland. Sie gehören zu eine der ältesten Migrationsgruppen in der Bundesrepublik und sind dennoch im Gegensatz zu beispielsweise Türken oder Italienern im öffentlichen Leben kaum bemerkbar.

Es ist an der Zeit hier die Wahrnehmung neu auszurichten und liebgewonnene Sehgewohnheiten zu überprüfen.

Die deutsche Sichtweise, die sich meist dadurch auszeichnete, ein wenig Sympathie mit wohlwollender Herablassung zu vereinen, ist angesichts des prosperierenden und modernen Polens nicht mehr angebracht. Denn jenseits der ermüdenden Plattitüden von Schnurrbärten und Autodieben, “polnischer Wirtschaft” und der stereotypen polnischen Putzfrau hat sich hinter der Oder etwas entwickelt, was mehr als einen Blick lohnt. Die Tuchfühlung wird hier noch zusätzlich durch eine erfrischende Art der Selbstdarstellung, welche in jüngster Zeit zu genießen ist, erleichtert. Erstaunlich abwechslungsreiche Zeitschriften und ungemein unterhaltsame Bücher zu Polen bieten dem aufgeschlossenen Zeitgenossen einen unterhaltsamen Einstieg in das polnische Universum.

cover5.jpgAn erster Stelle sei hier polenplus erwähnt. Dieses bemerkenswerte Magazin erscheint seit 2007 vierteljährlich jeweils mit einem besonderen Schwerpunkt. Stilsicher erwarb ich Anfang des Jahres zu einer Reise nach Polen im Bahnhofskiosk ein Exemplar von polenplus und vertiefte mich, sobald ich im Zug saß, in jenes Magazin. Ich las es im wahrsten Sinne des Wortes in einem Zug durch. Das Thema des Hefts war in diesem Falle “Männer, Macht, Spiele” und Themenvielfalt wie Aufmachung fesselten mich von der ersten bis zur letzten Minute.

Es kommt nicht oft vor, dass ich in einer Zeitschrift tatsächlich jeden Artikel lese, doch in diesem Falle war es so. Ob es sich um den “Homo polonicus homoeroticus” drehte, Malenczuk, der böse Bruder von Blixa Bargeld vorgestellt wurde oder man anhand eines Artikels über Podolski und Klose einen besseren Einblick in deren speziellen Lebensweg erhielt, als alle deutschen Gazetten es bislang vermochten – solang man nur ein wenig Interesse für Polen mitbringt, polenplus wird einen nicht mehr loslassen.

Es ist die nonchalante Art der Vermittlung, die so sehr besticht. In der ersten Ausgabe, die ich später las, steht zu Beginn etwas, was mir aus dem Herzen spricht und der rote Faden des Magazins zu sein scheint: “Polen ist im Aufbruch. Das Land verändert sich. Meldungen über wachsenden Wohlstand, Erfolge in Wirtschaft, Bildung und Innovationen kontrastieren das Bild vom ewigen Wanderarbeiter, der polnischen Putzkraft, dem versierten Autoklauer.” Es ist dies eben nicht das bekannte, selbstmitleidige Gejammer über Nichtverstandensein und Zurückgesetztwerden – hier ist eine Stimme zu vernehmen, die nichts Geringeres vorhat, als unverbraucht und selbstbewusst ein Land und seine Bewohner vorzustellen. Das Bild, welches man hier gewinnt ist keineswegs eines von einem osteuropäischen Wirtschaftswunderland ohne jegliche Probleme. Doch es ist der Eindruck von einem lebendigen und inspirierenden Land, welches die Möglichkeiten der lang vermissten Freiheit erprobt.

titel.jpgPolenplus lebt sicher auch vom Kontrast zu dem Veteran der polnisch-deutschen Kulturvermittlung “DIALOG”. Nichts gegen dieses deutsch-polnische Urgestein, welches jüngst sein 20-jähriges Bestehen feierte. Fraglos leistet es der Polonia (Bezeichnung für die polnische Diaspora, die gegenwärtig etwa 20 Mio. Menschen in der gesamten Welt umfasst) unschätzbare Dienste und ist für zahlreiche Polen in Deutschland ein nicht mehr wegzudenkendes Organ, quasi eine Institution des soliden Kulturaustauschs. Doch Aufmachung und Inhalte kommen zu trocken daher und erinnern unwillkürlich an offizielle Bulletins und andere, Schläfrigkeit erzeugende Veröffentlichungen.

Steffen Möller “Viva Polonia”, Scherz 2008

Nein, für einen spritzigen und unterhaltsamen Einstieg in die Welt zwischen Oder und Bug ist dann wohl eher Steffen Möllers Erstlingswerk zu empfehlen. Das, in hiesigen Journalen und Zeitungen heftig beworbene Buch, gipfelt in dem Versprechen, dass man nach seiner Lektüre “wahrscheinlich die polnische Staatsbürgerschaft beantragen wird”. Der kompakte Schmöker von Steffen Möller trägt dann auch den programmatischen Titel “Viva Polonia” und ist gegenwärtig DIE Lobhudelei an unseren östlichen Nachbarstaat schlechthin. Selbst meine Wenigkeit, die Polen doch sehr positiv gegenübersteht, musste hier bisweilen ein wenig schlucken und relativierend protestieren. Doch es sollte nicht vergessen werden, dass es sich bei Möller um einen Kabarettisten handelt und seine Aussagen naturgemäß ein wenig überspitzt daherkommen müssen.
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Ein paar Worte zum Autor: Möller ist eine große Ausnahmeerscheinung in Polen. Aus Wuppertal kommend, betrat er vor nicht mal 15 Jahren recht ahnungslos polnischen Boden und vermochte es innerhalb dieser Zeit zum wohl beliebtesten Deutschen in Polen aufzusteigen. Nach relativer Bekanntheit durch sein Kabarettprogramm schaffte er schließlich durch eine Rolle in der erfolgreichsten polnischen Fernsehsendung, der Telenovela “M jak milosc” (L wie Liebe), den Durchbruch und ist seitdem ein gefeierter Superstar. Der Rudi Carell Polens. Der Rechenschaftsbericht eines solchen enfant terrible ist hinsichtlich der eingeforderten Neujustierung des deutsch-polnischen Verhältnis natürlich von besonderem Interesse.

In lockerer, lexikalischer Systematik klappert Möller munter all die Allgemeinplätze aber auch eher unpopuläre Stichwörter des polnischen Daseins ab. Wir erfahren viel über die polnischen Ausprägungen von Fatalismus, Ehre und Freiheit, welche unabdingbar sind um Polen in seiner Gesamtheit auch nur ansatzweise verstehen zu können. Ebenso wird uns die Dreieinigkeit Improvisation, Individualismus und Organisationstalent und deren ewiger Stiefschwester, der allgegenwärtigen Nörgelei erklärt. Nicht zuletzt bietet Möller immer wieder entspannte Einblicke in die Diabolik der polnischen Sprache und vermittelt allein durch die reizende Tatsache Hoffnung, dass schon sechs kurze Wörter zusammen Sinn ergeben können (O! No bo po co to? – Oh, na wozu das denn?).
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Dieses Buch ist uneingeschränkt lesenswert, auch wenn ich mir ein wenig Kritik nicht verkneifen kann. Manches erscheint mit dann selbst unter dem Vorbehalt, dass man kabarettistische Freiheit einberechnet, unzulässig erhöht. Beispielsweise begreife ich die Besonderheit der polnischen Bescheidenheit nicht als so abweichend von der deutschen. Die herausgekehrten Unterschiede habe ich hierbei jedenfalls nicht so erlebt. Mag sein, dass dies den langen Polenaufenthalten Möllers geschuldet ist, die einen irgendwann überall kulturelle Differenzen ausmachen lassen, oder, dass meine deutschen Erfahrungen andere sind. So sehr ich zum Beispiel die polnische Gastfreundschaft als etwas besonderes empfinde, habe ich zu Gast in Deutschland, noch niemals 50 Pfennig für die Benutzung der Dusche zahlen müssen.

Adam Soboczynskis “Polski Tango”, Aufbau Verlag 2008

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Wem die ironische Herangehensweise nicht so liegt dem sei Adam SoboczynskisPolski Tango” ans Herz gelegt. Hierbei handelt es sich um eine feinfühlige und tiefgehende Reportage eines deutsch-polnischen Grenzgängers. Soboczynski, der mit sechs Jahren von Polen nach Deutschland übersiedelte und seine ersten journalistischen Meriten in Deutschland sammelte (schrieb für Tagesspiegel und Monopol, 2005 Axel-Springer-Journalistenpreis), ist “in beiden Kulturen gleichermaßen zuhause und fremd” und besitzt hierdurch einen Zugang zu der Thematik um die Klischees beider Seiten anzugehen.

Der Titel “Polski Tango” steht, um die prompte Beschwerde einer polnischen Freundin von mir mal gleich aus dem Weg zu räumen, für eben diesen Konflikt Soboczynskis. Eigentlich müsste es “Polskie Tango” heißen, doch die zweigeteilte Biographie, welche letztlich zu dem Dilemma führte, dass er in Polen als “Deutscher” und in Deutschland als “Pole” wahrgenommen wird, zieht sich als roter Faden durch die Betrachtungen Soboczynskis. Sie ermöglichen aber erst jene erfrischenden Einblicke und Beobachtungen die viele Aspekte der gegenseitigen Wahrnehmungen von Polen und Deutschen schildern.
Rahmen des Buches ist eine wochenlange Reise durch Polen, die für Soboczynsiki aufrichtig auch als eine Art Aussöhnung mit der einst als peinlich empfundenen polnischen Vergangenheit verstanden wird.

Es ist dies daher auch eine hervorragende Annäherung an die Gratwanderung zwischen Isolation und Integration von Polen in Deutschland, die der Autor hier beschreibt. Jener Minderheit, die in der Integrationsdebatte selten vorkommt. Polen haben sich in ihrem neuen Heimatland weder integriert noch isoliert – sie haben sich schlichtweg unsichtbar gemacht.

Kritisch angemerkt sei jedoch, dass sich Soboczynski entgegen seinen erklärten Vorhaben, dann doch bisweilen zu stark von Klischees antreiben lässt. Merkwürdig außerdem das im Buch beschriebene Treffen mit Steffen Möller (Viva Polonia). Die hier aufgezeichneten Bemerkungen Möllers waren dann doch ein wenig zu deckungsgleich mit den Anekdoten und Beobachtungen in dessem Buch. Entweder hat sich da also der Autor die Arbeit ein wenig leichter gemacht oder Möller hat tatsächlich nicht mehr auf dem Kasten.

“Alphabet der polnischen Wunder”, Suhrkamp 2008

wunder.jpgEin Buch, besser gesagt eine Enzyklopädie, die sich keinesfalls mit dem Problem mangelnder Ideen oder unoriginellem Inhalts auseinandersetzen muss, ist dagegen das, vor kurzem erschienene “Alphabet der polnischen Wunder“. Dieses steht als Sahnehäubchen am Ende dieser kleinen Empfehlungsliste für eine unterhaltsame Beschäftigung mit Polen. Es ist ein so gewagter wie reizvoller Versuch, sich dem polnischen Wesen zu nähern. Dieses Wörterbuch will erklärtermaßen mit dem “enzyklopädischen Positivismus” brechen und den “Fetisch der objektiven Wahrheit anderen überlassen”. Man will sich hier ganz den “Eigentümlichkeiten, die oft nur in Zwischenräumen anzutreffen und nicht so leicht zu begreifen sind”, widmen, um fern der Schlagworte wie “Europamüdigkeit, Vertreibungsdebatte, deutsch-polnische Debatte” jenes “Provisorium im Dauerzustand” aufzuspüren, welches von umtriebigen, erfinderischen Leuten in Polen am Leben gehalten und ständig weiterentwickelt wird.

Auch hier wird sich mit den üblichen Verdächtigen aufgehalten. Selbstredend fehlen JPII, Radio Maryja und Solidarnosc auch hier nicht, doch da es den Machern gelingt, mit den Mitteln der Literatur sich dem Zugriff der positivistischen Gesellschafts- und Geschichtswissenschaft zu entziehen, tauchen hier auch Einträge auf, die man in anderen Büchern über Polen nicht finden wird. Betrachtungen über Gartenzwerge finden sich hier genauso wie Erörterungen über den Polski Fiat. Man erfährt, was ein dresiarz ist und bekommt Einblicke in Punk und Hip Hop in Polen. Die Vielzahl der Autoren, die zu dem vorliegenden Band etwas beigesteuert haben, verschafft ihm ein Abwechslungsreichtum hinsichtlich Thematik und Schreibstil, so dass eigentlich jeder hier etwas für sich finden sollte. Mir erging es beispielsweise bei den Beiträgen zu Preußen und Kopernikus so. Wurden doch hier Worte für jenen Streit gefunden, der sich regelmäßig durch lange Abende mit Polen zieht. Die Frage der historischen Identität und der Abgrenzungsreflexe. Wenn also unter Kopernikus folgendes zu lesen ist: “1300 Jahre hat es gedauert, bis Kopernikus das geozentrische Weltbild, dass die Menschen mit dem Irrtum schmeichelte, ihre Erde wäre der Mittelpunkt des Universums, zertrümmerte; noch einmal so lange wird es nicht dauern, bis auch das nationalistische Weltbild, das die Menschen im stolzen Irrglauben belässt, ihr Wesen bestünde aus ihrer Nationalität, in sich zusammengebrochen sein wird.”

So bin ich hinsichtlich der angegebenen Dauer zwar nicht ganz so optimistisch, hätte es aber auch nicht besser sagen können. Auch in dem Beitrag zu Preußen werden Gedankengängen Platz eingeräumt, die eine verkrustete und selbstreferentielle Diskussion helfen könnte, in neue Richtungen zu sprießen. Ist polnische Geschichte nicht auch preußische Geschichte, fragt Gregor Thum, der Autor dieses Artikels. Ist es nicht an der Zeit nach der reflexhaften “Depreussifizierung” in Polen die Initiative zu übernehmen und nun, nachdem Preußen Polen mehrfach teilte, es auch mal so zu sehen, dass Polen gegenwärtig auch Preußen teilt.

Diese und viele interessante Fragen und Thesen sind in diesem absolut empfehlenswerten Werk zu finden, an dem einzig auszusetzen ist, dass es Vergleichbares bislang nur für Polen gibt.

Abschließend sei gesagt, dass diese kleine Einladung zum besseren Kennenlernen des Naheliegenden vielleicht einen, ein klein wenig lobhudelnden Eindruck macht. Dies ist gewollt und beabsichtigt. Selbstverständlich hat Polen auch unangenehme Seiten: horrende Korruption, ausgeprägte Homophobie, inakzeptable Ausländerpolitik sowie etliche dunkle Stellen in der eigenen Geschichte, die unausgesprochen und unbewältigt vor sich hin gären, gehören dazu, um nur einige zu nennen. Doch Ansinnen dieses Artikels war es, Interesse für Polen zu erzeugen und möglicherweise eine Neujustierung des Polenbildes in deutschen Köpfen anzuregen, also im Sinne desEURopäischen Zusammenwachsens Polen besser und unvoreingenommen wahrzunehmen. Auf die Probleme – polnische wie deutsche – kommt man dann von ganz allein zu sprechen

Photo Quelle/Copyright: magnusfranklin, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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