Studenten! Wo seid ihr?! – Über den abhanden gekommenen Generationskonflikt

Wenn ich alt genug wäre, würde ich schwärmen von meiner Kommune, damals, achtundsechzig, vom freien Sex, von unserem leidenschaftlichen Aufstand gegen die anrüchige Bourgeoise (weil nationalsozialistisch belastet oder zumindest streng konservativ), von Kreuzberg, Steinwürfen, den Diskussionen, dem VW-Bus, Hendrix und natürlich nicht unerwähnt lassen würde ich Marihuana (immer noch in)

zudguo.jpgWenn ich alt genug wäre, würde ich schwärmen von meiner Kommune, damals, achtundsechzig, vom freien Sex, von unserem leidenschaftlichen Aufstand gegen die anrüchige Bourgeoise (weil nationalsozialistisch belastet oder zumindest streng konservativ), von Kreuzberg, Steinwürfen, den Diskussionen, dem VW-Bus, Hendrix und natürlich nicht unerwähnt lassen würde ich Marihuana (immer noch in) und LSD (mittlerweile out). Ich bin aber nicht alt genug.

Ich bin der Spross einer Studentengeneration die genauso farblos, politisch unmotiviert und egoman agiert hat wie die davor und die davor und die davor und die drei danach. Heute sitze ich in einem angenehm temperierten Hochschulbüro und gelte unter Studenten als selbstgefällig und arrogant – was aber leider noch nie jemanden dazu gebracht hat, sich einen derben Studentenulk mit mir zu erlauben oder gar (Gott behüte uns vor dem Bösen!) mir in einem Seminar aufzuzeigen, dass ich von einem bestimmten Thema nicht mehr als ein etwas besseres Wikipedia-Wissen habe. Schade.

Ein gesellschaftlicher Mangel der für uns alle gefährlich ist

Insgeheim bedauere ich das nämlich nicht nur aus persönlichen Gründen. Weil es auf ein größeres Übel verweist, dass Leute wie ich ungehindert ihr Ego in den brutstallwarmen Hochschulstrukturen austoben können. Weil es einen gesellschaftlichen Mangel aufzeigt, der wirklich gefährlich ist: den abhanden gekommenen Generationskonflikt. Dieser kann wesentlich schlechter von den Schichten in der Unterversorgungslage (sprich Armut) ausgeübt werden – auch wenn sich deren Not aufgrund der (gern als „neoliberal“ beschönigten) globalisierten Entfremdungsbedingungen hier in Gewalttaten äußert. Für eine wirkliche, konzept-geleitete Bewegung zur Erneuerung belastender Gesellschaftsstrukturen sind zudem doch wohl die verantwortlich, denen die Gesellschaft die Möglichkeit einräumt, sich relativ frei von Abhängigkeitsverhältnissen zu bilden und die darüber hinaus auch noch die Zeit und die Jugend haben, diese Bildung als Argument in einen Diskurs einzubringen. Stattdessen nutzen Studenten ihre Zeit, um im studiVZ so relevante Gruppen zu unterstützen wie „Bei Werbung schalte ich um und vergesse dann zurück zu schalten“ oder „Wir haben unser Latinum und können trotzdem kein Latein“. Prima. Ich möchte mich zum Sterben auf den Kopierer legen – und dort an meinem Erbrochenen ersticken.

Gegenargumente die zwar stimmen aber

Ich weiß schon, ich weiß schon. Durch meinen täglichen Umgang mit euch kann ich alleEURe Argumente quasi im Schlaf vorwegnehmen: Bei StudiVZ gibt es auch Gruppen wie „Greenpeace – Robbenschutzaktion 2008“ oder „Für weniger Pornographisierung der Gesellschaft“ und überhaupt: DAS INTERNET. Heutiger Protest findet ja gar nicht mehr sichtbar auf der Straße statt, sondern dank Web 2.0 kommt es zu konzentrierten Vernetzungen – die sich nur ganz selten in „First Live“ abbilden lassen. Darüber hinaus habt ihr zu tun,EURer Studium zu finanzieren, ihr müsst SHK-Stellen ausfüllen und am Wochenende kellnern, für Klausuren büffeln und gegenüberEURen Profs seid ihr de fakto abhängig – weil man heutzutage einen megasuperguten Studienabschluss braucht. Die geschlossen konservative Elterngeneration gegen die man geschlossen demonstrieren könnte, gibt es zudem auch gar nicht mehr, sondern die heißt jetzt Patchwork und lebt nach ihrem Outing gleichgeschlechtlich mit zwei Kindern in einer Werbeargentur, ist nach Malle ausgewandert oder findet euch schlichtweg cool: weil ihr so zielstrebig und vernünftig seid. Und darüber hinaus immer charmy lächeln könnt – als wärt ihr schlaue, nette Stewardessen mit Aussicht auf den Captians-Sessel.

eine geheime Sehnsucht bleibt

Trotz dieserEURer unaufschiebbaren Gründe, die Welt nicht zu retten oder auch nur öffentlich auf ihren beklagenswerten Zustand hinzuweisen, habe ich die geheime Sehnsucht, dass irgendwann mal wieder eine Studentengeneration sich keine Studiengebühren aufdrücken (und den Protest der kleinen Gruppe der Engagierten über-)lässt, sondern ihre zahlenmäßige Überlegenheit nutzt, den bestehenden Zuständen die Leviten zu lesen – und zwar kräftig. In diesen Träumen sehe ich euch zu Tausenden auf der Straße, lese ich radikale Parolen; höre ich, wie Seminare und Vorlesungen durch leidenschaftliche Diskussionsbeiträge unterbrochen werden, die zu allem und jeden den gesellschaftlichen Bezug einfordern. Ich bekenne: ich will das Opfer eines derben Studentenulks werden, ich will endlich mal kein unterwürfiges „Guten Tag“ hören, nachdem es viel zu vorsichtig an der Bürotür geklopft hat. Völlig unrealistisch ich weiß. Generationskonflikt bedeutet mittlerweile wohl, dass man mit der Dauer-Abwesenheit einer ganzen Generation ein Problem hat…

Fotoquelle: pixelio.de (Barey O´Fair)

Kommentare

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  1. Kurz und bündig: Ein hervoragender Artikel. Wenn ich in der Jury zur Vergabe des Pulitzer-Preises sitzen würde hätte ich diesen Artikel alleine deswegen vorgeschlagen, um ihm die dringend benötigte Aufmerksamkeit zukommen zu
    lassen.

    Wozu brauche ich den die Meinungsfreiheit wenn keiner mehr denn Mund aufmacht um von dieser auch Gebrauch zu machen. Es lebe die Revolution.