“Kein Kind ist unmusikalisch!” – Schüler treffen auf Klassik

Es ist mucksmäuschenstill, als ich heute Morgen den Musiksaal der Staatlichen Realschule Bad Brückenau betrete. Die Jungs und Mädels der Klasse 5 a sitzen gespannt am Boden und lauschen den Ausführungen von Flötist Christian Mattikk, dem Klarinettisten Heinz Friedl sowie Kollegin und Fagott-Spielerin Ruth Gimpel, allesamt Bläsersolisten des Bayerischen Kammerorchesters

stock2.JPGEs ist mucksmäuschenstill, als ich heute Morgen den Musiksaal der Staatlichen Realschule Bad Brückenau betrete. Die Jungs und Mädels der Klasse 5 a sitzen gespannt am Boden und lauschen den Ausführungen von Flötist Christian Mattikk, dem Klarinettisten Heinz Friedl sowie Kollegin und Fagott-Spielerin Ruth Gimpel, allesamt Bläsersolisten des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau (BKO). Einige halten Topfdeckel in den Händen, andere spielen mit Holzstöcken, ein weiterer hat eine traditionelle Klapper auf seinem Schoß platziert. Doch dann fliegen die Ideen nur so durch den Raum, es scheppert, kracht und klopft in allen Winkeln…

Was sie sonst höchstens bei den Großeltern zu hören bekommen, hält derzeit Einzug in ihr Klassenzimmer. Modest Mussorgskys’ “Bilder einer Ausstellung” in der Bearbeitung für zwölf Blasinstrumente und Kontrabass von Andreas N. Tarkmann stehen auf dem Programm. Doch eigentlich erinnern nur die Notizen zu Baba Jaga und ihrer ungewöhnlich anmutenden Hütte auf Hühnerfüßen an das eigentliche Thema. Im Rahmen eines Familienkonzerts des BKO am 19. April erarbeiten sie gemeinsam mit den großen Profis und parallel zur Klasse 6a des Martin-Pollich-Gymnasiums, Mellrichstadt eine völlig eigenständige Interpretation von Mussorgskys Klavierzyklus, den er 1874 in Erinnerung an seinen verstorbenen Freund und Maler Viktor Hartmann geschrieben hat. Aber vielleicht sollte man besser sagen, es handelt sich hier um gänzlich eigenständige, noch nie gehörte Kinderkompositionen, die nun in mehreren Workshops erarbeitet und dann in die Originalkomposition integriert werden.
kasten.JPG
Offen für Neues

“Programmmusik für Kids?”, könnte hier manch’ Erwachsener zweifelnd einwerfen. Das Ensemble des Bayerischen Kammerorchester sagt hierzu eindeutig “Ja!”. Durch den direkten Kontakt möchten sie den Schülern die Schwellenangst vor klassischer Musik nehmen. “Kein Kind ist unmusikalisch. Sie wollen sich ausprobieren, verbessern und das ganz unvoreingenommen und ohne Leistungsdruck”, betont Heinz Friedl und erstaunt die anwesenden Journalisten mit der Aussage, dass die Nachwuchskünstler vor ihm auf den Boden sogar sein eigenes Spiel beeinflussen würden. “Kinder erweitern den Horizont für das eigene Spiel. Sie gehen ganz anders als Berufsmusiker an die Dinge heran. Sie kennen noch keine Regeln oder gar Fachtermini.”

Das kann auch Musiklehrer Andreas Kleinhenz bestätigen, der es im Vorfeld des mehrteiligen Workshops tunlichst vermieden hat, die Kinder mit Informationen über Komponist und Werk zu füttern. Lediglich im Kunstunterricht wurde sich mit dem Thema befasst. “Die Schüler sind kreativ und sehr konzentriert bei der Sache. Da es hier um das Ganze geht, sind sie auch stetig dabei, sich selbst zu verbessern”, stellt er fest. Josephine und Ann-Kathrin, zum Beispiel, beide elf Jahre alt, können dem nur zustimmen. Beide erklären, dass sie nun viel mehr Lust auf Musik hätten und vielleicht sogar ein Instrument lernen möchten. Auf jeden Fall sind sie bereits jetzt begeistert von den vielen Tricks und Kniffs, die ihnen die Herren und die Dame aus München gezeigt haben und sehr angetan von den ungeahnten Möglichkeiten, die die einzelnen Instrumente bieten.
flote.JPG
Weg von “Leuchtturmprojekten”

Schon vor dem großen Auftritt also ist die Begeisterung aller Beteiligten nahezu physisch zu spüren. Die musikpädagogische Offensive des BKO, das sich bereits seit seiner Gründung, also seit fast 30 Jahren, im Bereich Nachwuchsförderung engagiert, scheint aufzugehen. Denn über den Werte- und Kulturverlust in der heutigen Gesellschaft, vor allem bei der Jugend, wird viel diskutiert. Dringend werden innovative Projekte gebraucht, die dem Nachwuchs in angemessener Form die Fähigkeit zum Zuhören, gegenseitiger Rücksichtnahme und Teamfähigkeit durch aktives künstlerisches Tun vermitteln.

Hier, im Musiksaal der Realschule gibt es kein Richtig oder Falsch – die gebotene Abwechslung zum leistungsorientierten und kopflastigen Unterricht ist herzlich willkommen. Das sieht auch der Vorstand des BKO, Matthias Rietschel so, der ganz klar zu verstehen gibt: “Wichtig bei solchen Dingen ist die kontinuierliche Arbeit. Es muss weggehen von so genannten ‘Leuchtturmprojekten’, die nur einmalig stattfinden und keinen Anschluss bieten.” Die Linie, die ihm und dem Orchester vorschwebt beginnt daher schon im Kindergarten und führt dann in den Schulen weiter. Die künstlerische Kontinuität sei entscheidend, bekräftigt er das Engagement des Ensembles. Offensiv muss seines Erachtens in Schulen und Kindergärten gegangen werden und nach intensiver Vorbereitung gemeinsam mit den Pädagogen ein Kontrastkonzept zu dieser medienüberschwemmten Zeit geboten werden. “Musik bei Kindern ist mehr als nur das Produzieren von Tönen”, ist Rietschel überzeugt. Darüber hinaus hätten sie Mut und würden sehr auf Qualität achten, ergänzt Musiklehrer Kleinhenz.
skunst.JPG
Von Mut und Qualität kann sich die Öffentlichkeit natürlich auch am 19. April überzeugen. Doch das wichtigste Ergebnis dieses Projekts wird wahrscheinlich länger wirken. “Die Kids hören ganz andere Sachen, wenn sie durch die Straßen laufen”, schildert Friedl die bisherigen Erfolge aus ähnlichen Veranstaltungen der Initiative “Musik zum Anfassen“, die 2004 vom Deutschen Musikrat und der Yamaha-Stiftung mit dem Preis “Inventio” für herausragende Innovationen auf dem Gebiet der Musikpädagogik ausgezeichnet wurde. “Sie gehen mit anderen Sinnen durch die Welt.” Und so verwundert es nicht, dass die Klasse auch nach Ende des aktiven Workshops wieder mucksmäuschen still ist und den Klängen von Haydn lauscht, die sie als kleines Zubrot von den Musikern zu hören bekommen.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Pingback: Readers Edition » Local Heroes (Vol. 37): SPECIAL FOR KIDS