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Politik + Vermischtes

Protestaktionen für Tibet - Qui bono?

Donnerstag, den 10. April 2008 um 16:24 Uhr von Claus-Dieter Stille
“Olympia und die Freiheit;Photo/Quelle:Gerd Altmann/via Pixelio”

Schon jetzt liegt in Form des “Tibet-Problems” ein häßlicher Schatten über den Olympischen Spielen von 2008. Werden die Tibet-Protestaktionen das weltgrößte Sportfest gar die gesamte Austragungszeit über begleiten? Wie auch immer, die diesjährigen Olympischen Sommerspiele könnten bei allen Beteiligten - vor allem beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) - einen schlechten Nachgeschmack hinterlassen.

Tibet-Protestkationen, ein Zufall?

Ganz ohne Zweifel verletzt China u.a. auch in Tibet die Menschenrechte. Allerdings nicht erst seit kurzem, sondern bereits viele Jahrzehnte lang. Bislang hat das kaum eine Regierung verstärkt aufs Tapet gebracht. Auch die der westlichen Demokratien nicht. Von Ausnahmen abgesehen. Dass nun ausgerechnet jetzt im Vorfeld Olympias die Tibet-Proteste ausgebrochen sind, dürfte alles andere als ein Zufall sein. Entweder kam die Idee dazu tatsächlich von den Tibetern selbst. Oder dem bei den Tibetern ohnehin vorhandenen und über eine lange Periode angestauten Unmut wurde von anderer Stelle ein wenig “nachgeholfen”.

Gibt es eine organisierte Tibetkampagne?

Man kann jedenfalls durchaus den Eindruck gewinnen, dass die Exil-Tibeter betreffs ihrer Proteste beraten wurden. Ganz offenbar aber schlecht. Die Internetplattform german-foreign-policy.com (gfp) etwa sieht eine “Vorfeldorganisation der deutschen Außenpolitik” nämlich “maßgeblich in die Vorbereitung der aktuellen antichinesischen Tibetkampagne involviert”. So soll die Kampagne von einer Zentrale in Washington gesteuert werden, die “im Mai 2007 auf einer Tagung der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung mit der Organisierung weltweiter Proteste beauftragt worden ist.” Es heißt, dass die Pläne unter Mitwirkung des US-Außenministeriums und der tibetanischen Exilregierung entstanden sind. Die gfp-Informationen stützen sich angeblich auf “Recherchen eines kanadischen Journalisten”. So viel aber indes dürfte sicher sein: Die Friedrich-Naumann-Stiftung Berlin hat seit Anfang der 1990er Jahre mit Tibetaktivitäten zutun. Die Organisatoren einer ensprechenden Jahrestagung 2007 in Brüssel sprachen seinerzeit von den “Chancen, die sich den Tibetern mit dem kommenden Jahren in China bieten.”

Wie auch immer: Das Eine wie das Andere hat augenscheinlich unmittelbar mit den Olympischen Spielen zutun. Alle anderen Begründungen wären naiv zu nennen. Proteste im Umfeld der Spiele erreichen naturgemäß und garantiert die gesamte Weltöffentlichkeit, sind also auf jeden Fall ein scheinbar gute Publicity für die Sache Tibets. Ergo gab es ausgerechnet im Vorfeld der Olympischen Spiele die Tibet-Proteste.

Wem nützt es?

Nur darf in diesem Zusammenhang auch eine Frage nicht vergessen werden: Qui bono? - Wem nützt es? Es könnte nämlich durchaus sein, dass die Tibeter selbst zu den absoluten Verlierern der ganzen - von wem auch immer jetzt aufs Tapet gehobenen - Proteste gehören werden. China-Experten und weisen nämlich daraufhin, dass sich die aufstrebende neue Weltmacht durch die Tibet-Proteste in keiner Weise wird beeindrucken lassen. Selbst dann nicht, wenn die Volksrepublik durch die internationalen Proteste einen Imageverlust erleide, meint Prof. Dr. Eberhard Sandschneider, Direktor des Forschungsinstitutes der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin. Den von den Tibet-Protesten ausgehenden Effekt für die Menschenrechte hält der China-Experte für “eher negativ als positiv”. Den “Menschen in Tibet”, so Professor Sandschneider, werde es deshalb später nicht einmal “ansatzweise” besser gehen. Stattdessen blieben zwar Worte und Fernsehbilder, aber es werde “am Ende niemand bereit sein…, “irgendwelche harte Boykottschritte wirklich zu gehen”. Sandschneider muss es wissen, denn er promovierte über die Militärpolitik Chinas: Wer “Peking an den Pranger stellt”, meint der Experte, ändere nichts: “Der Weg zur Verbesserung der Situation in Tibet führt über Peking”.

Zusätzlich ist zu bedenken, dass die Forderungen der Tibeter bzw. deren Anerkennung durch Peking - so berechtigt sie im einzelnen auch sind - bei der Mehrheit der Chinesen, die sehr stolz sind, die Olympischen Spiele in ihrer Heimat zu haben und sich darauf freuen, weder auf Verständnis stoßen, noch eine Mehrheit fänden. Was freilich auch mit der leidvollen Geschichte der Chinesen in Zusammenhang steht: Zu lange war das Land zersplittert und teils auch fremder Herrschaft und Gewalt unterworfen.

Welches Tibet wollen die Tibetaner? Fakt aber ist: Peking muss mit ins Boot

Fraglich ist überdies, ob ein “Freies Tibet”, im Rahmen einer wie auch immer gearteten Staatsform, wie sie den buddhistischen Mönchen auf dem “Dach der Welt” vielleicht vorschwebt (darüber ist so gut wie nichts bekannt), sich tatsächlich mit den Menschenrechten - wie wir sie verstehen - in Einklang befände. Schließlich steht die tibetanische Lebensart durchaus in Tradition mit im Feudalismus üblichen Formen des Lebens. Unumstritten dürfte jedoch sein, dass es alle Anstrengungen zu unternehmen gilt, die Kultur Tibets und der Tibeter der gesamten Menschheit als Weltkulturerbe zu erhalten. Um in dieser Hinsicht etwas zu erreichen - darauf hat eben China-Experte Professor Dr. Sandschneider explizit hingewiesen - muss Peking, muss die chinesische Führung mit ins Boot genommen werden. Und zwar unbedingt so, dass diese - das ist nun einmal asiatische Realität - dabei nicht das Gefühl bekommt, das Gesicht zu verlieren. China macht derzeit eine rasante Entwicklung durch. Sie ist nicht nur rein wirtschaftlicher Natur. Mit zunehmender ökonomischer Stärke des riesigen Landes kann nämlich auch vermehrt beobachtet werden, wie sich in dem Land die sozialen Rechte weiterentwickeln. Freilich noch in viel zu ungenügendem Maße. Das können wir hart kritisieren, müssen allerdings dabei auch die Größe des Landes mit über einer Millarde Einwohnern mitdenken; und uns darüberhinaus vergegenwärtigen, von welcher Ausgangsposition das Land auf dem Sprung zur kommenden Weltmacht eigentlich ursprünglich “gestartet” ist. Und welche Entwicklung es in jüngster Zeit genommen hat und derzeitig weiter nimmt. Ja, China ist unserem Verständnis nach eine Diktatur und vieles im Lande ist alles andere als in Ordnung.

China die westliche Demokratie ad hoc “überzuhelfen”, hätte Chaos zur Folge gehabt

China-Kenner wie Peter Scholl-Latour - der die Tibetkampagne übrigens für eine antichinesische Maßnahme der USA hält - und Gerd Ruge ( beide kürzlich bei Sandra Maischberger zu Gast) sind der gleichen Meinung, verweisen aber gleichzeitig ebenfalls darauf, dass, hätte Peking auch nur im Ansatz versucht, dem Reich der Mitte quasi von Null auf Hundert eine Demokratie nach unserem Muster ad hoc “überzuhelfen”, wäre die Volksrepublik in einem fürchterlichen Chaos versunken. Und dies wäre ganz sicher auch in unseren Breiten nicht ohne (negative) Auswirkungen geblieben.

Aufrufe zum Olympia-Boykott müssen letztlich als Heuchelei gewertet werden

Über der Sommerolympiade liegt schon jetzt ein Schatten. Das ist wahr. Mancheiner sieht, besonders durch die Störungen und dem dadurch notwendig gewordenen Versteckspiel beim olympischen Fackellauf (zuletzt in den USA), bereits den “olympischen Geist” beschädigt. Sehen kann man das so. Bekanntermaßen aber ist die missbräuchliche Instrumentalisierung der Olympiade für politische Zwecke keineswegs neu. Wenn auch die Geschichte der Olympischen Spiele zeigt, dass die Veranstaltung ganz und gar nicht dazu taugt . Zu vermeiden aber ist dies nicht. Wie wir nun abermals sehen müssen. Wenn allderdings jetzt im Zusammenhang mit den Tibet-Protesten aus bestimmten Ecken heraus zu einem Boykott der Spiele in China aufgerufen wird - und mag das von vielen der Befürworter einer derartigen Form des Protestes auch noch so gut gemeint sein - letztendlich muss all dies leider als pure Heuchelei gewertet werden. Diese Meinung vertrat auch der Autor und Kabarettist Werner Schneyder gestern Abend bei seinem Auftritt in der Talkshow “Johannes B. Kerner”. Ohnedies, sagte Schneyder, träfen sich die Spitzensportler der wichtigsten Diszplinen ja doch auch ohne olympische Spiele meist aller vierzehn Tage bei Sportwettkämpfen in aller Welt. Von Protesten bei diesen Gelegenheiten hört man aber nichts…

Bei Olympia gewinnt vor allem das Geld

Die olympische Idee an sich erleidet auch deshalb immer mehr Schaden, weil das sportliche Großereignis mehr und mehr zu einem gigantischen Geschäft mißrät, an dem man vor allem exorbitant verdienen will. Dem gemäß forderte denn auch der Chef der IOC-Marketingkommission, Gerhard Heiberg zu Beginn des Olympiajahres 2008: “Wir müssen diese Marke schützen, damit sich unsere Partner und Sponsoren sicher fühlen.” Die Geschäftsbeziehungen spülten dem IOC für Olympia in Peking allein 866 Millionen Dollar an Sponsorengeldern und 1,715 Milliarden Dollar aus der Fernseh-Vermarktung in die Kassen. Nach den Spielen in Peking rechnen Fachleute mit Einnahmen für das IOC in Höhe von ca. fünf Millarden Dollar. Zum Vergleich. In Athen 2004 waren es “nur” 4,18 Millionen Dollar.

“Free Tibet”-Forderung ohne Rückgrat - Olympioniken sollen bei Protesten erfinderisch sein

Können wir angesichts eines derartig lukrativen Mega-Geschäftes und es unter dem Aspekt, bedenkend, dass die “gegenseitige Abhängigkeit (des Westens von China und China vom Westen; d. Verf.), die in den letzten Jahren massiv gestiegen ist, und sicherlich noch steigen wird” - so Chinaexperte Prof. Eberhard Sandschneider - tatsächlich und ehrlich darauf hoffen, dass unsere westlichen Regierungen und die dahinter stehenden Mächtigen der globalen Weltwirtschaft, etwas zum Wohle der Tibeter unternimmen, dass China “vergrätzt” und die eignen großen Konzernspitzen zum Toben bringt? Nein, so soll es gehen: Politiker (wie z.B. die deutschen) sagen, sie hätten ohnehin nicht vorgehabt, zu Olympia nach China zu fahren. Gegen die Tibet-Politik Pekings protestieren sollen die Sportler. Irgendwie erfinderisch sollen sie dabei zuwerke gehen. Dabei ignorieren die pfiffigen Ratgeber aus der Politik geflissentlich, dass sie sehr wohl Kenntnis darüber haben, dass die betreffenden Olympioniken dann höchstwahrscheinlich gegen olympische Statuten verstoßen. Ja, den meisten dieser Politiker geht des zwar um ein “Free Tibet”. Aber nur, wenn es möglichst wenig Reputation zu verlieren gilt und wenig Rückgrat kostet…

Heute haben die Abgeordneten des EU-Parlaments mehrheitlich der Forderung nach einem Boykott der Eröffnungsveranstaltung der olympischen Sommerspiele 2008, gerichtet an die Regierungen der EU-Mitgliedsländer zugestimmt. Wie haben eigentlich dieselben EU-Parlamentarier abgestimmt, als es darum ging, grünes Licht für wirtschaftliche europäisch-chinesische Projekte zu geben bzw. um andere Verträge mit China unter Dach und Fach zu bringen?

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7 Reaktionen zu “Protestaktionen für Tibet - Qui bono?”

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  1. Holger Finn

    am 10. April 2008 um 17:09 Uhr | Link | Kommentar melden

    großartiger beitrag!

  2. Ronin

    am 10. April 2008 um 17:31 Uhr | Link | Kommentar melden

    Kann mich Holger Finn nur anschließen.

  3. ali

    am 10. April 2008 um 19:39 Uhr | Link | Kommentar melden

    Noch ein anderer Beitrag:

    Der Dalai Lama ist kein Unschuldsengel

    http://www.stern.de/politik/ausland/:Tibet-Konflikt-Der-Dalai-Lama-Unschuldsengel/616803.html

  4. Roger

    am 11. April 2008 um 03:35 Uhr | Link | Kommentar melden

    Ich habe noch selten einen so schlechten, unschlüssigen Artikel gesehen!

    Nur ein Beispiel (von sicher fünf oder sechs in diesem Artikel!): Am Ende des Artikels sagen sie, es seie inkonsequent auf der einen Seite gegen Menschenrechte in Tibet zu sein aber auf der anderen Seite für Wirtschaftsbeziehungen.

    So ein Blödsinn. Das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun!

    DOCH, man kann durchaus, man sollte sogar, FÜR gesunde Wirtschaftsbeziehungen mit China sein UND GLEICHZEITIG gegen die Folterung der Falun Gong (und die Vergewaltigung von tibetischen Nonnen und die Flutung Tibets mit Han-Chinesen und …)

  5. Marius Klang

    am 12. April 2008 um 02:52 Uhr | Link | Kommentar melden

    Guter Artikel.
    Interessant wäre auch mal zu erfahren was “die” Tibeter eigentlichen selber von der heutigen zentralen Rolle des Dalai Lama in der Unabhängigkeitsbewegung halten (in den westlichen Medien herrscht ja praktisch die Formel “Dalai Lama = tibetische Freiheit, Unabhängigkeit” und die Politik konzentriert zum wesentlichen Teilen weniger direkt um Selbstbestimmung Tibets als das der Dalai Lama nach Tibet zurückkehrt).
    Schließlich wurden der Dalai Lama nie in irgendeiner Weise demokratisch ausgewählt, sondern das Herrschaftssystem zur kurzen Zeit der Unabhängigkeit war eine autoritäre Erbmonarchie (übrigens auch nicht in indirekter Weise irgendwie demokratisch, zur Zeit der Lama-Dynastie war z.B. noch die Sklaverei legal und gang und gebe, siehe auch den Artikel von Ali).

  6. Re: Politschwafler - Special: Politik | Politiklive

    am 12. April 2008 um 09:01 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] politik ich den Link richtig interpretiere, dann stieg die Zahl der > Bedarfsgemeinschaften nicht, sondern sie ist lediglich höher als die > Planung des Ministeriums gewesen. > Aber auch nur WENN. Wörtlich steht da: “Die höheren Zahlungen für das Arbeitslosengeld II von insgesamt bis zu 1,4 Milliarden Euro ergäben sich aus einer höheren Anzahl der Bedarfsgemeinschaften, heißt es weiter.” Und als Quelle dieses Zitates wird der Deutsche Bundestag angegeben. Die logischste Interpretation dieses Zitates ist, daß sich die Zahl der Bedarfsgemeinschaften absolut erhöht hat. Und nicht einfach nur höher als geplant ausgefallen ist. Dann hätte es nämlich sehr wahrscheinlich geheißen, daß die Zahl der Bedarfsgemeinschaften “nicht so stark wie geplant gesunken ist.” Schon, um den Mehrausgaben in der öffentlichen Diskussion noch einen positiven Aspekt abzugewinnen. Eben im Sinne von “Es ist zwar mehr als geplant, aber weniger als im letzten Jahr”. Wäre es so, wie du interpretierst, hätte man sich sicher nicht die Chance entgehen lassen, das auch so zu schreiben. […]

  7. karl nagel

    am 13. April 2008 um 09:25 Uhr | Link | Kommentar melden

    Ich würde ein religiöses Oberhaupt immer mit Vorsicht geniessen. Und wenn wir von Freiheit für Tibet reden und gleichzeitig einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak führen, dann meinen wir vielleicht: Freiheit der Plutokratie und Krieg gegen Kommunisten.

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