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Politik

Dutschke, Bild und die Gewalt - Zum 40jährigen Jahrestag des Attentats auf Rudi Dutschke

Freitag, den 11. April 2008 um 18:10 Uhr von Martin Stahlke
Ein Attentäter und mehrere Helfer.
Grafik:shivaelektra

Es war ein heutzutage unvorstellbares Fest: Am vergangenen Donnerstag wiederholte 3sat im Rahmen des Themenabends „Der Traum von 68“ eine Sendung des österreichischen Programms club 2 vom 13.06.1978. Damals, zehn Jahre nach der 68er Revolte, saßen neben Gastgeber Günter Nenning vier Personen zusammen und diskutierten unvorstellbare dreieinhalb Stunden: Daniel Cohn-Bendit, Springer Journalist Matthias Walden, der Münchner Politologie Professor Kurt Sontheimer - und Rudi Dutschke. Dutschke starb knapp anderthalb Jahre später an den Spätfolgen des Attentats auf ihn, dass sich heute, am 11. April 2008 zum vierzigsten Mal jährt.

Du dreckiges Kommunistenschwein!

Am Morgen des 11. April wartete Josef Bachmann auf dem Kurfürstendamm in Berlin auf Dutschke. Als dieser das Gebäude, in dem sich das Zentrum des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) befindet, verläßt, kommt Bachmann auf ihn zu. Er fragt ihn „Sind Sie Rudi Dutschke?“, stößt auf dessen Bejahung ein wütendes „Du dreckiges Kommunistenschwein!“ aus, zückt eine der beiden Pistolen, die er bei sich trägt und schießt – dreimal, erst in die Wange, dann als Dutschke schon auf dem Boden liegt, ein weiteres Mal in den Kopf und ein drittes Mal in die Schulter.

Zwar überlebt Dutschke das Attentat wie durch ein Wunder, doch der epileptische Anfall, der dazu führt, dass er 11 Jahre später, Heiligabend 1979, in seiner Badewanne ertrinkt, ist eine Spätfolge des Attentats. So erreichte Josef Bachmann, der sich 1970 im Gefägnis umgebracht hatte, sein Ziel doch noch. Direkt nach dem Attentat hatte er Dutschkes Überleben noch mit den Worten „Ich hätte eine Machinenpistole kaufen können. Wenn ich das Geld dazu gehabt hätte, hätte ich Dutschke zersägt.“ bedauert.

Es ist eine gewalttätige und für die globale Linke eine verlustreiche Zeit. Sechs Tage zuvor wurde Martin Luther King in Memphis niedergestreckt, ein halbes Jahr zuvor Che Guevara in Bolivien erschossen. Und in Deutschland wurde ein dreiviertel Jahr zuvor der Student Benno Ohnesorg von einem Berliner Polizisten ermordet. Lange bevor sich Terroristische Vereinigungen wie die RAF bildeten, schlug das Establishment brutal zurück und reagierte mit Gewalt auf die radikalen sozialen und politischen Bewegungen dieser Zeit.

Ergeift die Rädelsführer und Volksfeinde!

Die unverholenen Aufrufe zur Gewalt gegen die maßgeblichen Figuren der 68er Bewegung sind bestens dokumentiert. In Bachmanns Jacke fand sich ein Ausschnitt aus der rechtsradikalen National-Zeitung mit der Überschrift „Stoppt Dutschke jetzt“ darunter ein Steckbriefähnliches Bild. Doch weit größeren Einfluss auf die Stimmung im Land als das kleine und unbedeutende Blatt der Rechtsradikalen hatte die Zeitung mit den großen Buchstaben, die Bild Zeitung und mit ihr der Axel-Springer-Verlag. Und diesen Einfluss nutzten sie, um ihre zu Hass geronnene Angst vor Veränderung hinaus zu tragen: So forderte die Bild-Zeitung zum Beispiel wenige Tage vor dem Attentat die „Ergreifung der Rädelsführer“, ein Höhepunkt in der monatelangen Agitation gegen die Studentenbewegung. Am 11. April dann mischte sich Blut in die Druckerfarbe des Blattes. Und auch der Berliner Senat, allen voran Innensenator Kurt Neubauer, hatten mit markigen Worten zu der gewalttätigen Stimmung beigetragen. Im Februar des gleichen Jahres trugen Demonstranten bei einer vom Senat organisierten Pro-Amerika-Demonstration Schilder mit der Aufschrift „Volksfeind Nr. 1: Rudi Dutschke“.

Der Verfassungsschutz liefert Waffen und forciert die Eskalation

Und die Studenten reagierten – noch am Abend des 11. April zogen sie vor das Axel-Spinger-Haus in Berlin um die Auslieferung der Bild-Zeitung zu verhindern - “Heute darf keine Springer-Zeitung die Druckerei verlassen” hieß die Parole. Es kommt zu Straßenschlachten, bis plötzlich Peter Urbach auftaucht und den Studenten erklärt, wie man am besten Autos umkippt (nämlich so, dass das Benzin ausläuft) und zündbereite Molotowcocktails verteilt. Urbach jedoch tut dies nicht aus Überzeugung, er hat dazu den Auftrag bekommen – er ist V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes und verteilte zwischen 1967 und 1970 Bomben, Molotowcocktails und Pistolen, auch an spätere Mitglieder der RAF. Längst schon hatte der Staat begonnen, die Eskalation der Gewalt zu steuern, um auf diesem Wege die Studentenbewegung zu delegitimieren.

Die Legitimität von Gewalt

Mit Erfolg, denn zehn Jahre später, als im Club2 unglaubliche drei Stunden miteinander diskutieren wird (man stelle sich mal vor, so etwas würde heute zur Prime Time gesendet), sind es bei der 1978 natürlich höchst aktuellen Frage der Legitimität von Gewalt in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, vor allem Dutschke und der vor sich hin kichernde Cohn-Bendit, die sich erklären müssen. Sie distanzieren sich von der RAF und verweisen auf den Vietnamkrieg, den brutalen und ungerechten Krieg der US-Amerikaner, der „den Nährboden für uns und die RAF“ (Cohn-Bendit) geliefert hat, doch die Gewalttätigkeit, mit der die bundesdeutsche Gesellschaft auf die Studenten reagierte, wird kaum thematisiert. Immerhin zeigt sich die strukturelle mediale Diktatur in dem von Dutschke und Cohn-Bendit wieder und wieder vorgetragenen Vorwurf, dass sie oder andere in der Bundesrepublik kaum im Fernsehen zu sehen seien, und schon gar nicht so frei und offen reden dürften. Ein Land hatte Angst vor den Gedanken und den stakkatoartigen Sätzen des Rudi Dutschke und seiner Freunde.

Und auch die Bildzeitung mag bis heute den Kampf gegen Dutschke nicht aufgeben. Als auf Initiative der taz die Berliner Kochstraße, die am Axel-Springer-Haus vorbeiführt und später an die Axel-Springer-Straße stößt, in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt werden soll, führt die Zeitung mit den großen Buchstaben und dem kleinen Inhalt einen erbitterten Kampf dagegen, den sie, so nicht noch weitere Klagen folgen, verlor.

Photo Quelle/ Copyright: shivaelektra, cc creative commons
Namensnennung - NichtKommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen (via flickr)

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4 Reaktionen zu “Dutschke, Bild und die Gewalt - Zum 40jährigen Jahrestag des Attentats auf Rudi Dutschke”

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  1. Ronin

    am 11. April 2008 um 18:25 Uhr | Link | Kommentar melden

    Chapeau !!!

  2. Lukas Lehmann

    am 11. April 2008 um 19:04 Uhr | Link | Kommentar melden

    “Längst schon hatte der Staat begonnen, die Eskalation der Gewalt zu steuern, um auf diesem Wege die Studentenbewegung zu delegitimieren.”

    Es gibt auch eine andere Lesart dieser These:

    “Widerspruch gegen diese Lesart kam unter anderem von dem Historiker und Publizisten Gerd Koenen. Auch er kritisierte zwar die Tatsache, dass Urbach später vom Berliner Verfassungsschutz außer Landes gebracht und mit einer neuen Identität ausgestattet wurde, als einen der “unglaublichsten Skandale des bundesrepublikanischen Staatswesens”. Gleichzeitig kritisierte Koenen aber auch die bei Baumann zu beobachtende Tendenz der frühen Stadtguerilleros, sich selbst “über diesen Super-Agenten einen Persilschein ausstellen” zu wollen.[10] Nachdem im Jahr 2005 bekannt geworden war, dass Urbach auch die Bombe für das Attentat auf das jüdische Gemeindehaus durch die Tupamaros West-Berlin geliefert hatte, änderte Koenen seine Meinung und äußerte sich sehr nachdenklich:[3]

    „Die Rolle des Verfassungsschutzagenten Peter Urbach in dieser Geschichte - die in Wirklichkeit die seiner Führungsoffiziere und Vorgesetzten ist - mag oft überzeichnet worden sein. Die von ihm gelieferten Bomben haben in der Regel nicht funktioniert. Die in der Szene bald umlaufenden Waffen sollen nicht von ihm gestammt haben. Aber weiß man das genau, und ist das, was man weiß, nicht vielleicht nur ein Ausschnitt? (…) Oder muss man davon ausgehen, dass dem Ex-Agenten Urbach über Jahre eine Art Schweigegeld aus öffentlichen Mitteln gezahlt worden ist - und vielleicht bis heute gezahlt wird -, damit er die eigentlich Verantwortlichen nicht nennt? (…) Was im Dunkeln liegt und umso mehr verstört, ist die andere Seite des Schweigens, das diesen vielleicht größten Skandal seiner Art in der Geschichte der alten Bundesrepublik umgibt.“”

  3. Allein gegen die BILD | Dutschke, Bild und die Gewalt - Zum 40jährigen Jahrestag des …

    am 12. April 2008 um 11:31 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Weiter: Zum ganzen Artikel […]

  4. Rönald McDönald

    am 12. April 2008 um 15:14 Uhr | Link | Kommentar melden

    Eine Zusammenfassung der oben genannten Sendung gibts übrigens hier (mit Videos)!

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