Weiter Bahn-Mobbing gegen “Zug der Erinnerung”
Artikel von Claus-Dieter Stille vom 11.04.2008, 12:35 Uhr im Ressort Politik, Vermischtes, Social Media | 6 Comments
[1] Der “Zug der Erinnerung” ist seit einigen Monaten auf Tour durch Deutschland. Es handelt sich dabei um eine rollende Ausstellung, welche an die Deportation von hunderttausenden Kindern während der Nazi-Zeit in die deutschen Vernichtungslager erinnern möchte. Die Initiative wird von einem Verein getragen. Wenn der Zug 3000 Kilometer hinter sich gebracht hat, wird er dieses Jahr am Ende seiner Fahrt die Gedenkstätte im Vernichtungslager Auschwitz erreicht haben.
Die Bahn AG torpediert die Ausstellung wo sie nur kann
Die Deutsche Bahn AG hat der fahrenden Exposition immer wieder unsägliche Schwierigkeiten bereitet. Sie verlangt u.a. von der Initiative Trassengebühren und stellt ihr die Nutzung von Elektrizität während der Standzeit des Zuges auf den jeweiligen Bahnhöfen haarklein in Rechnung. Viele Tausend Menschen besuchten unterdessen die Ausstellung mit Zeugnissen der deportierten Kinder. Das Besucherbuch des Zuges ist voll des Lobes über die oft als notwendig und richtig bezeichnete Ausstellung, aber auch reichlich angefüllt mit Sätzen, mit welchen erboste Ausstellungsbesucher Unverständnis und Ärger über das mehr als schändliche Verhalten der Deutschen Bahn AG der Initiative gegenüber zum Ausdruck bringen. An der Bahn aber prallt offenbar jegliche Kritik ab. Sie torpediert die Exposition weiter wo sie nur kann.
Für die DB ist der “Zug der Erinnerung” eine einzige Gefahr
Auch jetzt, wo der “Zug der Erinnerung” nun eigentlich am Wochenende in den Berliner Hauptbahnhof einfahren sollte, stellt sich die Deutsche Bahn in typisch Mehdornscher Prellbockmanier wieder stur und die Einfahrtssignale auf “Halt”. Dabei wäre eine Gedenken im Berliner Hauptbahnhof, der früher Lehrter Bahnhof hieß, so wichtig gewesen. Vereinsvorsitzender Hans-Rüdiger Minow erinnerte daran, dass die Faschisten von dort aus in den Jahren 1941/42 mehr als 7000 Menschen deportieren ließen. Die Bahn bleibt jedoch betonhart. Auch eine “nachdrückliche” Intervention seitens der Bundesnetzagentur bei der DB AG blieb ohne Wirkung. Darüber zeigte sich gestern der Präsident der Agentur, Matthias Kurth, enttäuscht. “…Leider ist das Eisenbahnrecht nicht die geeignete Grundlage, dieses historisch bedeutsame und sensible Anliegen sachgerecht zu lösen”, hieß es von dort. Die Bahn selbst verwies darauf, dass es durch den “Zug der Erinnerung” zu Verspätungen im normalen Reiseverkehr kommen könnte. Ohne die Opfer, an welche der Zug erinnern möchte, auch nur mit einem einzigen Wort zu erwähnen, führt die DB AG als Begründung an, den beantragten Schienenweg nicht zur Verfügung stellen zu können, weil man keine “Restkapazität” habe. Auch um weitere Ausreden technischer Natur sind die Bahner nicht verlegen: So könnte der Erinnerungszug ebenfalls eine “Verunreinigung der (zwischen den Schienen liegenden) Schallabsorber” herbeiführen.
Darüber hinaus entstehe “Lärm”, der das Wohnumfeld beeinträchtige. Und das “Niederschlagswasser” der den Zug ziehenden Dampflok belaste die Umwelt in nicht hinnehmbarer Weise, weil “Rußpartikel” unaufbereitet in die Kanalisation gelangen könnten, müsse mit einer “Umweltgefährdung” durch den “Zug der Erinnerung” gerechnet werden. Man vergaß abseits der schwierigen “technisch und betrieblichen Bedingungen”, die der Einfahrt des Zuges entgegenstehen, wohl bloß noch zu erwähnen, dass ja auch von der möglicherweise vom Zug angestoßenen Erinnerung an die Verbrechen der Nazis und die Mitschuld der Deutschen Reichsbahn daran eine nicht unerhebliche Gefahr ausgehen kann.
Stieß auf Unverständnis: Die Bahn wollte sich mit 100 000 Euro freikaufen und damit den “Zug der Erinnerung” abstrafen
Lale Süskind, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, wandte sich mit einen Brief an Bahnchef Hartmut Mehdorn und appellierte darin an die Bahn AG, “alles zu unternehmen, um das Projekt” mit dem von den Nazis deportierten jüdischen Kindern und Jugendlichen gedacht wird, “ohne Einschränkung verwirklichen zu können.” Mit Unverständnis reagierten die verkehrspolitischen Sprecher aller Bundestagsfraktionen dieser Tage auf den Vorschlag des Bahn-Aufsichtsrates, eine Spende mit Höhe von 100 000 Euro an eine jüdische Einrichtung und ausdrücklich nicht an die Initiative “Zug der Erinnerung” zu geben - der man ja seitens der Bahn Geld abknöpft, wo es nur geht - und wiesen ihn daher empört ab.
Zug darf auf Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald, wo laut DB AG eigentlich keine öffentlichen Gleise zur Verfügung waren
Immerhin darf der Zug nun auf dem Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald halten, von wo aus in den Jahren 1941-1945 zirka 50 000 Menschen in die Vernichtungslager abtransportiert worden waren. Zunächst hatte die DB AG auch diesen Bahnhof betreffend nach Ausflüchten gesucht, um einen Halt dort zu verhindern. Es hatte geheißen, dort stünden öffentliche Gleise nicht zur Verfügung. Die Bahner lenkten erst ein, nachdem von Medienvertretern, darunter auch ausländische Pressevertreter, das Gegenteil festgestellt worden war. Die Initiative “Zug der Erinnerung” besteht auch weiterhin auf ihrer Forderung die Exposition zur Erinnerung an die während der Nazizeit unter den Tarnnamen “DA” (David) in die Vernichtungslager deportierten Kinder- und Jugendlichen in den Eisenbahnwaggons des “Zuges der Erinnerung” auf dem Berliner Hauptbahnhof zu zeigen.
Das Verhalten der Deutschen Bahn AG ist nicht nur unwürdig und zudem völlig unverständlich, sondern über die Maßen schändlich. Die Weltöffentlichkeit wird es hoffentlich entsprechend zu würdigen wissen.
Vor kurzem teilten die Initiatoren des “Zuges der Erinnerung” mit, dass die rollende Ausstellung - nachdem die DB auch eine Einfahrt in den Bahnhof Zoologischer Garten versagt hatte - nun am Sonntag 12 Uhr in den Berliner Ostbahnhof einlaufen wird. Eine ensprechende Anfrage sei der DB zugegangen. Der “Zug der Erinnerung” wird demnach am Sonntag in Rathenow (Brandenburg) losfahren und über den Berliner Ring zum Ostbahnhof gelangen, wo er Gleis 1 beanspruche. Für den Fall, dass die Bahn auch diesen Bahnhof nicht freigibt, kündigten die Initiatioren “stadtübergreifende Proteste” an.
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2008/04/11/weiter-bahn-mobbing-gegen-zug-der-erinnerung/
Links im Artikel:
[1] Der “Zug der Erinnerung”: http://www.zug-der-erinnerung.eu
[2] “Zug der Erinnerung” sagt uns auch: Wehret den Anfängen: http://www.readers-edition.de/2008/02/10/zug-der-erinnerung-sagt-uns-auch-wehret-den-anfaengen/