Vertrieben vom Ufer des Flusses
Karl Stenzel war 50 Jahre als er sich für seine eigene Geschichte interessierte. Es kam quasi über Nacht: Wo komme ich her. Die berüchtigte altersbedingte Sinnfrage. Obwohl akademisch ausgebildet, hatte er es bis zu diesem Zeitpunk dauerhaft zu nichts Besonderem gebracht. Ihm fehlte die Ausdauer und er war zeitlebens immer unstet und wie heimatlos. Das Einzige was ihn von den Normalen gravierend unterschied: er konnte stundenlang schwimmen. Wenn andere frierend aus dem Wasser stiegen, fing es für ihn erst richtig an. Nicht dass er bei der Bundeswehr als Kampfschwimmer ausgebildet worden wäre, eher im Gegenteil, er war bei den Gebirgsjägern, die er auch nach zehn Monaten einfach verlassen hatte, weil er sich verliebte. Sechs Monate Gefängnis kostete ihn das.
Eines Tages stellte er sich die Frage: wieso schwimmst du eigentlich so lange. Das war der Beginn seiner Erinnerung.
Er ist ein Vertriebenenkind. Im Herbst 1945 wurde er mit seiner Mutter aus der Tschechoslowakei verjagt. Was hieß das, fragte er sich. Er fuhr also in der Zeit zurück und suchte Zeugen. Die sagten: Im kalten Herbst 1945 warfen dich tschechische Milizen in die Elbe und schossen auf dich, während deine Großmutter dich rettete. Zwischenzeitlich verprügelte sie deine Mutter mit Gewehrkolben, weil die die Milizen beschimpfte. Sie war Tschechin. Weil er so fror, band ihn die Mutter während des Transportes im Viehwagons unter einer Decke an ihrem Körper fest. Das rettete ihm das Leben, denn die Milizen rissen bevorzugt kleine Kinder aus den Armen der Mütter, schlugen sie an den Wagons tot und warfen sie neben die Gleise. Die Jahre danach waren eine Flüchtlingsodyssee. Gern waren sie nirgendwo gesehen.
Ein Zeuge sagte: Deine Mutter war für die Tschechen eine deutsche Hure.
Bis dato hatte er sich mit dieser Geschichte nicht sehr beschäftigt. Einige Male hatte er, noch jünger, seine Mutter gefragt, aber die wies ihn ab: soll ich dir das ganze Elend erzählen, meine eigenen Landsleute haben mich kahlgeschoren und nackt durchs Dorf getrieben. Lass mich in Ruhe. Sie starb auch im Alter von 56 Jahren an Heimatsehnsucht und Trunksucht und bis auf den Stiefvater hatte er keine Verwandten in Deutschland, die ihm etwas hätten sagen können.
Erst nach der Grenzöffnung fuhr er zurück in die Geschichte. Warum, fragte er sich, wurde meine Mutter vertrieben, die laut Dokumenten eine Tschechin war und warum war sie für die Tschechen eine deutsche Hure? Niemals hatte er von der Mutter nationalsozialistische Töne gehört. Sie war nicht freiwillig beim Bund Deutscher Mädchen, aber dienstverpflichtet als Luftwaffenhelferin der deutschen Wehrmacht. Das wurden viele Tschechen, die später aber nicht vertrieben wurden.
Was also war der Grund für die Vertreibung. Er erinnerte sich an seinen Erzeuger. Einmal hatte seine Mutter ihn dem Erzeuger, der die Vaterschaft bestritt, vor die Tür gestellt, der nahm ihn ganz herzlich auf den Arm, aber genauso plötzlich ließ er ihn wieder fallen, als die Mutter hinter einem Busch vortrat. Das war seine einzige Erinnerung an den Vater. Einmal nur, er mochte so 15 Jahre alt gewesen sein, wurde er vom Verfassungsschutz über seinen Vater, der in der DDR lebte, vernommen. Sonst wusste er nichts. Erst Jahrzehnte später schrieb er ihm einmal einen Brief. Er erhielt Antwort: zwei Seiten Begründung, warum er auch von einem anderen sein könnte, seine Mutter leichtlebig gewesen sei und im letzen Teil des Briefes lud er ihn zu einem Treffen ein. Ein paar Tage später starb der Vater mit seinem Brief in der Tasche. Zwei Blutuntersuchungen hatten die Vaterschaft zu diesem Zeitpunkt längst geklärt.
Die Halbschwester sagte: Der Vater war ein guter Mensch und guter Kommunist.
Später suchte Karl Stenzel in den Archiven, bis er im Bundesarchiv fündig wurde. 50 Seiten entdeckte er.
Der Vater war 1929 in die KPD eingetreten, hatte sich während der Nazizeit an Flugblattaktionen beteiligt, war mit Ersatzreserve II bei den Nazis gemustert worden, das wurden solche, die für das KZ nicht gut genug waren, aber dienstverpflichtend kontrolliert eingesetzt wurden. So wurde er 1943/44 in Oberhohenelbe für die Firma Radio Lorenz in einem rüstungsproduzierenden Außenlager des KZ Auschwitz als Prüfer eingesetzt. Dort traf er Karl Stenzels Mutter unter dem Fliederbusch hinter ihrem Pferdestall und sagte ihr nicht, dass er verheiratet sei. Als sie dann schwanger war, machte er sich dünne. Zeitlebend leugnete er das Kind. Nirgendwo in den Dokumenten taucht es auf, bei dem hochverdienten Parteisekretär der DDR Nachkriegsgeschichte. Die Frau ließ er zurück: Als deutsche Hure.
Fragt man Karl Stenzel nach dem Fazit: Nur die Traurigkeit im Herbst ist mir geblieben.
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