Viersen spart bei Kinder- und Jugendarbeit: Schloss Dilborn soll “Insel” übernehmen

“Es war eine peinliche Schlappe für Schloss Dilborn – die Jugendhilfe: Die Übertragung der Viersener Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung ´Insel´ an den freien Träger aus Brüggen ist in der vergangenen Sitzung des Jugendhilfeausschusses gescheitert”, hat die “Rheinische Post” am 12. April 2008 berichtet. Doch der Jugendamtsleiter Volker Lamerz bleibt dabei, dass

vierse.jpg“Es war eine peinliche Schlappe für Schloss Dilborn – die Jugendhilfe: Die Übertragung der Viersener Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung ´Insel´ an den freien Träger aus Brüggen ist in der vergangenen Sitzung des Jugendhilfeausschusses gescheitert”, hat die “Rheinische Post” am 12. April 2008 berichtet.

Doch der Jugendamtsleiter Volker Lamerz bleibt dabei, dass diese Übernahme die beste Lösung sei – eine Alternative hat er auch nicht mehr, alle anderen Bewerber sind ausgeschieden.

Es ist ein Trauerspiel, die 76.000-Einwohner-Stadt kann sich die “Insel” nicht mehr leisten, seit einem Jahr ist sie auf der Suche nach einem Träger – doch im Netz stellt sie sich immer noch so vor: “Viersen ist eine kinder- und familienfreundliche Stadt. Nach diesem Grundsatz werden hier spezielle Angebote für Kinder und Familien gefördert. So ist hier die großflächige Einführung von ´Tempo 30 – Zonen´ in Wohngebieten genauso eingeführt worden, wie ein vernetztes System von Grünflächen, Spielplätzen, Wegen und Spielstraßen, die den Kindern ein gefahrloses und kreatives Spielen ermöglichen. Zwei großzügig angelegte Kreativspielplätze ergänzen das Angebot. Auch kulturell, musikalisch haben Kinder viele Möglichkeiten. Denn in Viersen befindet sich die Kreismusikschule, in der Festhalle werden regelmäßig Kinder und Jugendtheaterwochen durchgeführt und in der Kinder- und Jugendartothek werden – bundesweit nahezu einmalige – Kunstwerke an Kinder ausgeliehen.”

Ein Standortfaktor weniger

Das nennt der Fachmann Standortfaktoren – der geplante Rückzug der Stadt will dazu nicht so recht passen. Außerdem handelt es sich beim Schloss Dilborn nicht um eine unbefleckte Jugendhilfeeinrichtung. Ehemalige Heimkinder haben bereits Demonstrationen angekündigt, falls sich die “Insel” demnächst unter dem Schloss-Dach befindet.

Auch das ist ein Trauerspiel: Dem Caritas-Präsidenten sind bis heute keine Antworten auf diese von mir am 28. März 2008 gestellten Fragen eingefallen: “Sehr geehrter Herr Neher,

die ´Tagespost´ hat am 16. Februar 2006 eine Meldung verbreitet, in der Sie sich als Präsident des Deutschen Caritasverbandes für die Unterstützung ´in kirchlichen Einrichtungen misshandelter Heimkinder´ aussprechen.

1. Was ist seither geschehen? Wie viele ehemalige misshandelte Heimkinder sind in den Genuss dieser Unterstützung gekommen?

In dem gleichen Artikel heißt es, dass es ´individuelle Entschuldigungen´ und eine ´Überprüfung von Rentenansprüchen´ geben müsse. Wie viele Entschuldigungen sind inzwischen ausgesprochen worden, wie viele Rentenansprüche wurden überprüft?

Weiter heißt es in diesem Bericht, dass die ´Betroffenen gegebenenfalls ihre Akten einsehen können´?

3. Wie oft ist das bislang geschehen?”

Verhärtete Fronten

Außer Absichtserklärungen und ein paar Entschuldigungen ist noch nicht viel geschehen, ehemalige Heimkinder werden immer wütender und die Fronten verhärten sich derart, dass für beide Seiten der Dialog immer schwerer wird. Die Opfer kann man dafür nicht verantwortlich machen, vielen ist die Kindheit gestohlen worden – die kann ihnen niemand zurückgeben. Tut sich der Caritas-Präsident deswegen so schwer mit der Einlösung seiner Versprechen?

Für den Viersener Jugendamtsleiter Volker Lamerz scheint dennoch alles kinderleicht zu sein, in einer Mail schreibt er an ein ehemaliges Heimkind: “Ich habe Ihren Appell, die Freizeiteinrichtung ´Die Insel´ nicht auf den Träger ´Schloß Dilborn´ zu übertragen, zur Kenntnis genommen.

Mir ist sehr wohl bekannt, dass es nach dem Krieg – und noch bis in die sechziger Jahre hinein – zu Übergriffen und Mißhandlungen von Kindern gekommen ist, die man eigentlich zu ihrem Schutz ´in die guten Hände´ einer Heimeinrichtung gegeben hatte. Viele Heimträger arbeiten heute diese traurige Kapitel ihrer Geschichte auf. Es wäre aber nicht richtig, die jetzt handelnden Personen für die mehr als 40 Jahre zurückliegenden Verfehlungen Anderer verantwortlich zu machen; im Übrigen ist mir auch nicht bekannt, ob es bei ´Schloß Dilborn´ zu solchen Verfehlungen gekommen ist.

Das Jugendamt Viersen und viele andere Jugendämter arbeiten seit langem mit der Heimeinrichtung ´Schloß Dilborn´ zusammen. In dieser Zeit sind nie Übergriffe der genannten Art bekannt geworden, auch nicht bei der Heimaufsicht, die das Landesjugendamt über diese und andere Heimrichtungen ausübt.

Es sind daher für mich keine Gründe erkennbar, die gegen eine Übertragung der ´Insel´ auf ´Schloß Dilborn´ sprechen.”

Lesen Jugendamtsmitarbeiter der Stadt Viersen die Lokalzeitungen nicht? Stöbern sie nie im Internet? Bekommen sie deshalb nicht mit, dass am 15. November 2006 drei Schützlinge nach Schulschluss nicht ins Schloss Dilborn zurückgekehrt sind, dass sie mit einem Vierten auf einem ehemaligen Ziegeleigelände übernachteten, wo ein 15-Jähriger bei einer Explosion ums Leben gekommen ist? Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die unter dem Aktenzeichen 603 UJs 10/07 geführt werden, sind noch nicht abgeschlossen. Auf weitere Beispiele soll verzichtet werden.

Traurige Stadt

Es ist traurig genug, dass sich die Stadt Viersen die “Insel” nicht mehr leisten kann, noch trauriger aber sind die Begleitumstände, die ehemalige Heimkinder auf die Barrikaden treiben müssen.

Auf Schloss Dilborn sollten die Verantwortlichen endlich allen Mut zusammennehmen und öffentlich erklären, wie die Vergangenheit bewältigt und wie heutige Missstände abgestellt werden sollen. Dann klappt es auch mit der “Insel” – wenn die Stadt wirklich diese Bankrotterklärung unterschreiben will

Photo Quelle/Copyright: via wikipedia.org, GNU-Lizenz

Kommentare

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  1. Ein sehr guter Artikel. Danke.

    Wie ist es nur möglich das die Organisationen, die sich mit Kinder- und Jugendhilfe befassen, immer mächtiger und reicher werden? Wie kann Schloss Dilborn es schaffen, die „Insel“ mit nur den halben kosten zu betreiben und auch noch länger aufzuhaben? Liegen da nicht ganz andere Interessen im Vordergrund?
    Sie betreiben Kinderheime die immer gut gefüllt sein wollen und da ist die Insel der richtige Abschöpfknoten. Mit List und Tücke erwecken sie seit 60 Jahren den Anschein wie wichtig doch ihre Kinder und Jugendhilfe ist. Nein, versagt haben diese Organisationen und das wird nun immer deutlicher und klarer. In den 50zigern schossen 3000 Kinderheime aus dem Boden um die Kinder alle aufzunehmen, die den jungen Frauen entrissen wurden. Eine Industrie hat sich daraus entwickelt, ein Wolf der immer hungriger wird. Hier wurde bewusst ein Menschenhandel installiert ,um ihre eigenen Arbeitsplätze zu sichern. Bedient wurden aus diesem Fundus: Kliniken, Gefängnisse, RAF und viele andere. Und wer darf das alles bezahlen?
    Der Steuerzahler!
    Kein Wunder das für die Familien kein Geld mehr übrig bleibt.