Hamburg: blankes Entsetzen, München: blankes Entsetzen, Berlin: blankes Entsetzen, Frankfurt: blankes Entsetzen, Dortmund: blankes Entsetzen, Saarbrücken: blankes Entsetzen, Hannover: blankes Entsetzen, Magdeburg: blankes Entsetzen, Stuttgart: blankes Entsetzen, Kiel
Am Morgen des 16. April 2016 wird den “Bild”-Redakteuren der Boden unter den Füßen weggezogen, ihr Broterwerb ist in Gefahr, denn bei allen Landeskonferenzen der Innenminister hat es bei der Vorstellung der Kriminalitätsstatistik die immer gleiche Mitteilung gegeben: “Im vergangenen Jahr hat es bei uns keinen einzigen Mord, keinen einzigen Fall von Totschlag, keinen einzigen Fall von schwerem Raub”
Der Chefredakteur der Dresdner Regionalausgabe nimmt eine volle Sprudelflasche und schmettert sie gegen den Bildschirm, auf dem die bundesweite Konferenz aller “Bild”-Redaktionen übertragen wird. Das Bild wird dunkel – so dunkel wie die Zukunft dieser Boulevardzeitung, die von Verbrechen lebt wie keine andere Zeitung.
Keine Verbrechen? Erfinden wir doch eins!
“Schluss jetzt”, schreit er, “die mache ich fertig. Wir werden die Lügen der Innenminister schonungslos entlarven. Es gibt keine Verbrechen mehr? Dass ist nicht lache.”
“Ist doch ganz einfach”, erinnert sich der stellvertretende Chefredakteur an alte Sebnitzer Zeiten, “wir erfinden eins und fragen dann den zuständigen Innenminister, ob er dieses Verbrechen verschweigen will. So machen wir ihn fertig.” Diese “Bild”-Szenen sind frei erfunden.
Diese Geschichte dagegen ist wahr: 15. Dezember 2000, der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf gibt vor dem Landtag eine Regierungserklärung ab, die mit den Worten begonnen hat: “Am 13. Juni 1997, einem Tag mit sonnig-warmem Badewetter, an dem sich zeitweise ca. 100 Badende – mehrheitlich Kinder und Jugendliche – in dem Becken befanden … besuchten ca. 300 Badegäste das Schwimmbad, in dem alle Anlagen, also Innen- und Außenbecken sowie die Sauna, in Betrieb waren. Joseph Abdulla begab sich gemeinsam mit seiner Schwester Diana Abdulla sowie mit zwei weiteren Freunden an jenem Tag gegen 14.23 Uhr in das Dr.-Petzold-Bad.”
Schwimmbadmord macht Schlagzeilen
Dieses Bad machte Schlagzeilen, angeblich wurde Joseph ertränkt, Zeitungen berichteten, dass seine Beine über den Beckenboden schlurften, bevor er starb, ein Regisseur fuhr nach Sebnitz, weil er das schreckliche Ereignis für filmreif hielt – jedoch: Dieser Mord war eine freie Erfindung der Medien – er passte perfekt in die publizistisch weiter bestehende Teilung Deutschlands. Drüben die Fremdenhasser, die tatenlos zuschauen, während ein Kind ermordet wird, hier die lupenreinen Demokraten.
Dann Mittweida, wo sich um die 50 Neonazis die Gründung einer rechtsradikalen Zone in den verwirrten Kopf setzten, und so eine Kleinstadt in schiefes Licht rückten. Schließlich Rudolstadt.
Aus dieser Stadt hat sich jetzt Matthias per Kommentar zu Wort gemeldet:
“Hallo, ich bin Rudolstädter, schon mein ganzes Leben lang und ich verwahre mich dagegen, das Rudolstadt das fremdenfeindlichste Nest der Welt ist. Das wird hier einfach als gegeben hingestellt und das ist es nicht. Die Geschichte um die Pfarrersfamilie ist leider ein Paradebeispiel des Journalismus aktuell in Deutschland. Da wird einfach alles in einen Topf geworfen, Hauptsache die Vorurteile werden bestätigt.”
Recht hat er! Eine differenzierte Betrachtungsweise würde wohl zu viel Redaktionszeit verschlingen, außerdem liegt der Verdacht nahe, dass so von fremdenfeindlichen Tendenzen in den so genannten “alten Bundesländern” abgelenkt werden soll.
Ohne Sensationsmacherei
Zweifellos: Das Thema ist wichtig. Ebenso zweifellos sollte dieses Thema aus der Sensationsberichterstattung herausgehalten werden. Doch das wird so lange nicht gelingen, so lange nicht trotz, sondern wegen solcher Berichte Zeitungen gekauft werden, das Selbstkontrollorgan Presserat ein Papiertiger ist und viele Verlage Redakteure vornehmlich beschäftigen, damit der Raum zwischen den Anzeigen nicht weiß bleibt.
Die Biedenkopf-Rede vom 15. Dezember 2000 hat übrigens zu journalistischen Nachbeben geführt. Das kann man immer noch in der Online-Zeitung “Faktuell” vom 23. Januar 2001 nachlesen. Empfohlen worden ist dem Korrespondenten Sven Siebert von der “Leipziger Volkszeitung” (LVZ): “Geradezu genüsslich könnte er zerpflücken, wie eine Story hoch kommt, wie sie hoch kocht, was die einzelnen Blätter daraus machen oder auch nicht und vor allem – wie ein Journalist nach dem anderen recherchiert: Indem er die Geschichten seiner Kollegen liest.”
2001 ist zu dem angeblichen Mord eine Analyse dieses “Medien-Gaus” erschienen. Lesenswert ist auch eine Hausarbeit aus dem Jahre 2003.
Mein Lieblingssatz:
“…und viele Verlage Redakteure vornehmlich beschäftigen, damit der Raum zwischen den Anzeigen nicht weiß bleibt.”
Das sagt alles.
Gruß
Rainhelt