Selbstständige Lokalzeitungen sind fast vom Markt verschwunden, die meisten Zeitungen bekommen die überregionalen Seiten, Berichte über das Bundes- und Weltgeschehen (so genannter “Mantel”) von anderen Verlagen. Deswegen gleichen sich manche Seiten wie ein Ei dem anderen – aber ei – gestern ist das in Wilhelmshaven anders gewesen.
In dieser Mittelstadt an der Jade gibt es nur noch ein lokales Blatt: die “Wilhelmshavener Zeitung” (WZ), die im Laufe der Jahrzehnte das “Wilhelmshavener Tageblatt”, die “Rundschau für Wilhelmshaven und Friesland” und die “Wilhelmshavener Presse” verdrängt hat. Den so genannten “Mantel” bekommt diese Zeitung von der “Nordwest-Zeitung” (NWZ) aus Oldenburg. NWZ-Aufmacher ist gestern gewesen: “JadePort erst 2011 fertig”.
Diese Überschrift hat dem WZ-Chefredakteur Gerd Abeldt offenbar nicht gefallen. Er machte “1000 Meter Kai bis Oktober 2011″ daraus. Das klingt besser in den Ohren der Wilhelmshavenerinnen und Wilhelmshavener, die sich inzwischen daran gewöhnt haben, dass der geplante Containerhafen ohne Pannenserie nicht auskommt. Einige haben aber noch nicht vergessen: Dieser Hafen muss 2010 fertig sein, sonst gibt es Zoff mit dem Hafenbetreiber Eurogate aus Bremen.
Marx und Lenin als Gehilfen
Diese Tatsache bekommt Gerd Abeldt nur mit Hilfe von zwei Altkommunisten weg. Sie heißen: Marx und Lenin, von denen die Theorie stammt, dass die Presse Agitator und Propagandist zu sein habe, mit der Propaganda werden Fernziele angepeilt, mit Agitation die Nahziele. Alles, was auf dem Weg zum Ziel hinderlich sein könnte, müsse verschwiegen werden.
Da dem marxistisch-leninistischen Pressetheoretiker Gerd Abeldt nicht nur die NWZ-Schlagzeile, sondern der ganze Bericht missfallen hat, schrieb er einen neuen. Unter den Berichtstisch ließ er dabei durchaus Wichtiges fallen. Der Enter-Taste des WZ-Chefredakteurs fiel erst einmal folgende NWZ-Mitteilung zum Opfer: “Ursprünglich sollte der Containerhafen 2010 fertig sein.” Nicht weiter schlimm: Das weiß man in Wilhelmshaven. Gestrichen wurde auch: “Die Verzögerung um ein Jahr stellt den Betreiber vor Probleme.” Als Zensor betätigte sich Gerd Abeldt ebenfalls bei dieser Aussage desEURogate-Geschäftsführers: “Wir müssen an anderen Standorten deutlich mehr tun. Das Problem brennt uns unter den Nägeln.”
Noch mehr weggelassen
Wenn man das weglassen kann, wird sich der WZ-Chefredakteur gedacht haben, dann muss man auch dies nicht mehr erwähnen: “Die Grünen im Landtag nannten die Verzögerung ´blamabel für die Landesregierung und teuer für den Steuerzahler´.”
Und so arbeitet nicht nur Gerd Abeldt von der “Wilhelmshavener Zeitung” an einer Medienwirklichkeit, die mit der Wirklichkeit nicht in Einklang zu bringen ist. Marx und Lenin würde es gefallen
- Medienwirklichkeit statt Wirklichkeit (I)
Photo Quelle/Copyright: Axel V, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr
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