Von Antennen und einer SENDUNG

Mögen auch viele verlernt haben, die uns naturgemäß innewohnenden, dem menschlichen Körper quasi seit Urzeiten serienmäßig “eingebauten” Antennen vernünftig zu gebrauchen, bzw. deren von “Draußen” aufgefangenen Signale zu empfangen oder auch uns zum Nutzen folgerichtig zu entschlüsseln – die Anzeichen mehren sich dennoch: Wir stehen in vielerlei Hinsicht am Abgrund.

P_Antenna_63644.jpgMögen auch viele verlernt haben, die uns naturgemäß innewohnenden, dem menschlichen Körper quasi seit Urzeiten serienmäßig “eingebauten” Antennen vernünftig zu gebrauchen, bzw. deren von “Draußen” aufgefangenen Signale zu empfangen oder auch uns zum Nutzen folgerichtig zu entschlüsseln – die Anzeichen mehren sich dennoch: Wir stehen in vielerlei Hinsicht am Abgrund.

Die Klimakatastrophe ist längst kein Phänomen mehr, sondern inzwischen spürbare Realität. Finanzkrisen machen von sich reden: die große Zockerei des wieder wilder gewordenen Raubtiers Kapitalismus, der nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme Anfang der 1990er Jahre über die Maßen Blut geleckt hat, tritt jetzt als “Globalisierung” kostümiert auf – welche uns die Mächtigen gerne als ein Naturereignis vekaufen wollen. Gegen das wir “alle” machtlos sind – aber dennoch nichts anderes ist, als der schon hinlänglich bekannte Monopolkapitalismus mit zugeschaltetem Turbolader, der dank sekundenschneller elektronischer Verbreitung übers Internet weltweit nahezu gleichzeitig unterwegs ist und nach irgendeiner Transkaktion auch über die gesamte Welt verstreut seine tiefen Furchen in den einzelnen Gesellschaft hinterläßt. Freilich auch: den Reichtum mehrt. Den Reichtum weniger…

Claus Peymann: 40 Jahre erfolgreich am und fürs Theater

So in etwa sieht es auch Claus Peymann, der als großer Mann des deutschsprachigen Theaters inzwischen seit 40 Jahre erfolgreich Inszenierungen auf unsere Bühnen bringt. Die Presse nennt den 1937 in Bremen geborenen Peymann deshalb gern den “Papst der deutschen Theaterszene”. Peymann lächelt darüber. Fakt ist: er hat das deutsche Theater belebt und belebt es weiter. Peymann leitete Theater in Stuttgart, Bochum, arbeitete in Salzburg, stand 13 Jahre an der Spitze des Wiener Burgtheaters und ist seit 1999 der Erste Mann an Brechts BE, dem Berliner Ensemble.

Eine wirkliche SENDUNG

Am Abend des 14. April plauderte der Journalist Frank A.Meyer mit Peymann im Rahmen der vom Schweizer Fernsehen produzierten und auch auf 3sat ausgestrahlten Gesprächsreihe “Vis-á-vis”. Aus dem im Allgemeinen nicht selten kakophonem Konzert eines heutzutage oft laut, grell, dümmlich-platt und schreiend-bunt daherkommenden, von dämlich-aufdringlicher Werbung aller naselang unterbrochen Fernsehprogramms stach diese Ausstrahlung im wahrsten Sinne, des unterdessen in jungen Ohren womöglich etwas altertümlich, wenn nicht gar altbacken klingenden Wortes als wirkliche SENDUNG heraus. Und hatte auch noch eine! Wo heute Regierende immerfort bis zum Abwinken nervig wiederholen, die Politik müsse doch die Menschen “mitnehmen” (wohin eigentlich?); konnte, wer wollte und wach genug dafür war, aus diesem Gespräch etwas mitnehmen. Wenn man so will: sich sogar am Zur-Sprache-Gekommenen erbauen…

Theaterskandale lassen sich nicht einfach “herstellen” – Der Stoff macht es, welcher sich an Geschichtlichem und der Wirklichkeit reibt

Peymann, der längst kein junger Wilder auf dem Theater noch sonst mehr ist – und wohl auch nicht mehr sein will (und muss) – hat nichts gegen provokantes Theater, und auch nichts gegen solches, dass 200 Jahre alte Stücke versucht in unsere Zeit zu verpflanzen, indem man den Stoff über Gebühr “modernisiert”, statt auf die oft bis heute anhaltende Kraft der Dichterworte zu vertrauen – nur an seinem Haus gibt es so etwas eben nicht, sagt er. Wenn manchem Regisseur auf Grund eigner sexueller oder sonstiger Defizite, die es aufzuarbeiten gilt, der nackte Hintern einer Figur oder der aus der Hose heraushängende Pimmel eines Schauspieler wichtiger ist, als das Stück bzw. dessen Botschaft – bitteschön! Wir lernen: Manche solcher “Modernisierungen” auf dem Theater funktionieren, andere wiederum nicht. Das Theater regelt solche Sachen von selbst. Und manche Geschichten – Gott sei Dank! – laufen sich halt irgendwann tot. Provokationen, ist sich Claus Peymann sicher, lassen sich schwer einfach so “herstellen”. Es macht oft der Stoff , der Inhalt der Stücke aus – die wichtigen Ingredienzien eben, welche sich an der Wirklichkeit und auch an Geschichtlichem reiben. Peymann nennt als Beispiel dafür seine Burgtheater-Inszenierung von Thomas Bernhards “Heldenplatz”. Die geriet nur zum größten Theaterskandal Österreichs nach dem Krieg, weil die Österreicher sich nach 1945 immer gern mehr als Opfer denn auch als Mit-Täter gesehen hätten. Und die Konfrontation dessen mit Bernhards Stück habe eben diese explosive Stimmung “gemacht”.

Man konnte es wissen – Die “Judenkisten” sind nur ein Beispiel

Peymann hat – obwohl damals noch Kind – auch nicht vergessen, was heute wieder so mancher am liebsten vergessen bzw. gar nicht erst wissen will (siehe die leidige Diskussion um den “Zug der Erinnerung”) – dass die Deutschen zur Zeiten der Judenvernichtung im Dritten Reich mehr wussten, als sie nach dem Krieg und später noch in der Adenauer-Ära (Peymann bemängelt, dass Adenauer alles andere als positiv zu bewerten ist und selbst heute noch völlig verklärt dargestellt wird) zugeben wollten. Der Bremer Claus Peymann nennt als Beleg dafür die zur Nazi-Zeit in der Hansestadt auftauchenden sogenannten “Judenkisten”, welcher sich die Menschen dazumal gern bedienten. Vielleicht, um irgendetwas daraus zu bauen, oder sie einfach als Karnickelställe zu nutzen. In diesen Kisten waren aus dem durch Wehrmacht und SS “judenfrei” gemachten Osten die wertvollsten der zurückgebliebenen Habseligkeiten der deportierten und später der “Vernichtung” zugeführten Menschen jüdischen Glaubens per Schiff nach Bremerhaven gelangt.

Defizite in heutige Zeit

Gegenwärtig findet es Peymann mehr als bedauerlich, dass Bundespräsident Horst Köhler nicht den Mut und die Weitsicht aufgebracht hat, den einstigen Terroristen Christian Klar zu begnadigen. Klar hatte Peymann lange bevor dessen Begnadigung medienwirksam aufs Tapet kam, um eine Praktikumsstelle am BE gebeten. Später erst war es Peymann gelungen, zusammen mit dem BE-Betriebsrat eine Lösung zu finden: Das Theater bot Klar eine Lehrstelle als Bühnenarbeiter an. Aus der Begnadigung wurde nichts. Stattdessen setzte eine unsägliche Diskussion ein. Was zeigt, dass Deutschland betreffs der RAF-Zeit noch immer an Aufarbeitungsdefiziten zu arbeiten hat und offenbar auch weiter an noch nicht gänzlich verheilten Wunden leidet.

Die Idee von der gerechteren Gesellschaft ist noch nicht “abgefrühstückt”

Bei Claus Peymann arbeiten die feinen, dem menschlichen Körper eignen, inneren und äußeren Antennen noch einwandfrei. Weshalb auch der Theatermann unsere heutige Welt, uns Menschen, in vielerlei Beziehungen gewaltig nahe am Abgrund stehen sieht. Von dem Friedrich Nietsche sinngemäß einmal sagte, dass, blicke man lange genug in ihn hinein, dieser schließlich auch in einen selber zurückblicke. Peymann ist dabei jedoch niemand, der resigniert. Ein wenig Hoffnung, die ja bekanntlich immer zuletzt stirbt, bleibt. Es ist u.a. die, von einer durchaus möglichen gerechteren Gesellschaft. Die Idee von der Herbeiführung einer so gearteten Gesellschaft sei, so Peymann, längst “noch nicht abgefrühstückt”. Wie diese auch, so sie denn eines Tages käme, zu nennen sein wird, wie immer sie verfaßt sein mag – der momentane globlalisierte Kapitalismus kann, Peymann zufolge, nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Frank A. Meyer hatte eingangs des Gespräches mit Peymann Kritik am Wort “Raubtierkapitalismus” – das auch von Peymann selbst schon benutzt worden war – geübt: schließlich täte man damit den Raubtieren Unrecht, denn diese fräßen ja immer nur soviel, wie sie benötigten, um satt zu werden. Das leuchtete Claus Peymann ein. Klar ist jedoch trotzdem, was damit gemeint ist. Sicher ist womöglich wohl auch, dass die gegenwärtige Ausformung des Kapitalismus sich selbst der größte aller Feinde ist. Rudolf Leonhard schrieb schon: “Der Kapitalismus hat nichts so zu fürchten wie seine Vollendung.”

Wir sollten wieder lernen, unsere inneren und äußeren Antennen – auch, wenn sie vielleicht etwas eingerostet sind (siehe Foto) – zu benutzen. Manchmal ist ein in diese Richtung gehender Versuch sogar von Erfolg gekrönt und man empfängt eine erbauliche SENDUNG…

Kommentare

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  1. Schöner Artikel – auch sehr lesenswert geschrieben. Schön ist auch, dass in der Kulturszene der gesunde Menschenverstand noch zu finden ist. Schade ist die Tatsache, dass es der etablierten Politikerkaste an dieser Basisqualifikation mangelt. Eine gerechtere Gesellschaft werden unsere Politiker verhindern, zumeist ohne das explizit zu wollen. Die eigene Entscheidungskompetenz wurde leider an Dritte abgegeben, die nur noch die Bedürfnisse kapitalgewaltiger Minderheiten durchsetzen. Das ist keine Demokratie mehr …