Am gestrigen Donnerstag und heute Vormittag feierte die Fokolarbewegung im Französischen Dom auf dem Berliner Gendarmenmarkt ihr 50-jähriges Bestehen in Deutschland. Die katholische Bewegung mit ökumenischer Orientierung, deren Gründerin Chiara Lubich vor weniger Wochen verstarb, setzt sich weltweit für den interreligiösen Dialog und die Verständigung zwischen Religion und Gesellschaft ein.
Ihre Rolle in Deutschland war vom “doppelten Kreuz” unseres Landes geprägt: einerseits von der politischen Teilung und andererseits der konfessionellen Spaltung. Auf der Festveranstaltung erinnerten zahlreiche Beiträge daran, dass jene mittlerweile überwunden, diese aber zu überwinden immer noch eine wichtige Aufgabe für beide Kirchen sei. Insbesondere aus den Grußworten Lubichs, die diese kurz vor ihrem Tod zu Papier gebracht hatte, klang Zuversicht heraus, dass dies einst gelingen wird.
Arbeit im Untergrund
Chiara Lubich erhielt im Jahre 2000 das Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Damit wurde die Bedeutung der Fokolarbewegung für die jüngste deutsche Geschichte gewürdigt. In der Tat führte die Spiritualität des Evangeliums, die Betonung der Liebe und der Einheit aller Menschen, zu einer offenen Haltung dem kommunistischen Osten Deutschlands gegenüber, die auf dem Wege der Diplomatie nicht möglich war. Im Zuge der Arbeit im Untergrund wurde insbesondere dringend benötigtes medizinisches Fachpersonal in die DDR geschleust. Über Schwierigkeiten mit der Stasi wird heute offen gesprochen, wobei dieses hochinteressante Kapitel deutsch-deutscher (Kirchen-)Geschichte noch einer genauen Aufarbeitung harrt.
Eine weitere große Leistung der Fokolarbewegung betrifft die andere Trennungsthematik, ist also insbesondere kirchenpolitischer Natur: Die Begründung des Ökumenischen Zentrums in Ottmaring bei München. Hier treffen sich seit Jahrzehnten nicht nur katholische und evangelische Christen, sondern auch Christen anderer Konfessionen, Angehörige anderer Religionen und nichtreligiöse Menschen: ein Begegnungszentrum, wie es zeitgemäßer kaum sein könnte.
Viele Klein- und Kleinstprojekte, die unserer Gesellschaft gut tun, können an dieser Stelle gar nicht oder nur kursorisch erwähnt werden, etwa das Drogenrehabilitationsprojekt “Hof der Hoffnung” im brandenburgischen Gut Neuhof (bei Berlin) oder das in vielen Schulen Deutschlands bereits erprobte Anti-Gewalt-Projekt “Stark ohne Gewalt”, an dem die Bewegung über ihre Musikgruppe “Gen Rosso” Anteil hat, viele Aktionen in den Pfarreien und die Ansätze zu einer neuen solidarischen Ökonomie, die unter dem Begriff “Wirtschaft in Gemeinschaft” seit den 1990er Jahren Betriebe nicht nur auf Gewinn, sondern zudem auf soziale Ziele ausrichtet.
Bei all dem ist die offene Beziehungskultur der Schlüssel zum Erfolg.
Der Anfang der positiven Veränderung beginnt bei jedem einzelnen Menschen selbst. Ziel der Fokolarbewegung ist es, diese Veränderungen zu einem Miteinander, das durchdrungen ist von der Sehnsucht nach Einheit in einer zerrissenen Welt, in möglichst viele gesellschaftliche Bereiche zu tragen, um in der Pluralität zu einer Verständigung zu kommen, die letztlich allen dient. Schaut man auf das Wirken der Fokolarbewegung in der DDR, die Einsatzbereitschaft, die schier unermessliche Energie und den Willen vieler ihrer Mitglieder, die ihrer freiheitlichen Heimat den Rücken kehrten, um in einer Diktatur Hoffnungszeichen zu setzen, so erscheint dieses Ansinnen nicht mehr ganz so utopisch.
Danke für den ausgewogenen Artikel zum 50-jährigen Bestehen der Fokolar-Bewegung in Deutschland. Ein kleiner Schönheitsfehler: der link zu “Fokolar-Bewegung” und zu “Chiara Lubich” hätte angebrachter auf die Seiten der Fokolar-Bewegung unter http://www.fokolar-bewegung.de verwiesen als auf die bekanntermaßen nicht ganz objektiven Seiten von Wikipedia.