Wenn Medien durch den Tunnel blicken

In Diktaturen haben die Medien mit der Zensur zu kämpfen. In der überschaubaren Pressewelt der “größten DDR der Welt” – wie einst Kabarettisten des verflossenen Landes spotteten – gab es auf eventuelle Nachfrage westlicher Journalisten freilich die Antwort, in der DDR gäbe es keine Zensur. Man durfte eben nur nicht

100_0134_52886.jpgIn Diktaturen haben die Medien mit der Zensur zu kämpfen. In der überschaubaren Pressewelt der “größten DDR der Welt” – wie einst Kabarettisten des verflossenen Landes spotteten – gab es auf eventuelle Nachfrage westlicher Journalisten freilich die Antwort, in der DDR gäbe es keine Zensur. Man durfte eben nur nicht alles schreiben! Aber das selbstverständlich aus gutem Grund: Die Medien hatten nämlich einen “Klassenstandpunkt” und die Sache des Sozialismus zu vertreten. Und den gab DIE PARTEI (die, die bekanntlich – einem Liedtext nach – immer Recht hatte) vor. Nicht umsonst wurden Redakteure des Zentralorgans der SED und deren Bezirkszeitungen auch PARTEIJOURNALISTEN – treffend – genannt. Da war die Linie klar…

Hat die Pressefreiheit einen Schaden? Statt Zensur gibt es diffizilere Strafaktionen

Wer allerdings heute aufmerksam Zeitung liest, Fernseheninformationen verfolgt oder interessiert den Radionachrichten lauscht, könnte ebenfalls teils beängstigende – nennen wir es einmal – Deformationen innerhalb der Medienwelt entdecken. Einhergehend mit Beschädigungen unserer Demokratie erleidet in diesem wenig bekömmlichen Klima auch das hohe Gut der Pressefreiheit immer weiteren Schaden. Um ehrlich zu sein, auch in der ach so freien, sich oft überdies noch hochtrabend unter dem Etikett “Unabhängig-Überparteilich” verkaufenden, westlichen Presse konnte man nie wirklich alles schreiben, was man wollte. Doch, so beklagen Experten, es ist schlechter geworden. Was einerseits mit einer veränderten und globalisierten Welt zusammenhängt, andererseits jedoch auch damit, dass große Zeitungen kaum noch von Verlegerpersönlichkeiten etwa eines Rudolf Augstein, sondern stattdessen mehr und mehr von knallharten Investoren herausgegeben werden, welche mit den verkauften Druckerzeugnissen hauptsächlich ordentlich Kohle machen wollen. Kritische Berichterstattung stört da selbstredend, macht Probleme, läßt große Anzeigenkunden abspringen und schmälert den Profit. Ein solches Denken macht es nötig, auch die Redaktionen arg zusammenschrumpeln zu lassen. Nach draußen heißt es dann vielversprechend: sie würden für den Leser auf den modernsten technischen Stand gebracht. Fachjournalisten sind da kaum noch gefragt. Journalisten werden zu Mädchen für alles. Schreiben mal über dies, mal über jenes. Da bleibt manches auf der Strecke. Allein schon aus zeitlichen Gründen. Vorallem die Qualität. Ganze Artikel lesen sich schon wie Texte aus Werbebroschüren. Und sind es auch: fix und fertig produziert von der Industrie, der Reisebranche oder den großen für Politik und Wirtschaft tätigen think tanks. In der Tat findet Zensur in unseren Medien so nicht statt. Es gibt ängst viel diffizilere, aber äußerst wirksame, ‘Strafaktionen’, die eigentlich letztlich auf dassellbe hinauslaufen. Zum Beispiel: Interview-Absagen durch Politiker. Oder “unbequeme” Journalisten werden einfach nicht mehr zu wichtigen Veranstaltungen eingeladen. Die oft unter Druck stehenden Redaktionen reagieren meist postwendend und schicken genehmere Schreiberlinge aus. Die machen dann auch Karriere. Beim Sender. In ihren Zeitungen. Ausnahmen bestätigen die Regel…

Schäden für die Demokratie sind schon beträchtlich

Zensur kann man das, was aus all dem folgt kaum nennen. Dabei ist der Effekt oft genug der gleiche. Die Einschränkungen der Pressefreiheit erfolgt heutzutage auf immer subtilere Weise. Dies zu erkennen fällt immer schwerer. Vor allem der breiten, ohnehin von immer mehr Reizen überfluteten, Masse der Medienkonsumenten. Die Schäden für die Demokratie aber sind durchaus schon beträchtlich.

Johan Galtung: Bericherstattung westlicher Medien oft zu oberflächlich

Neu ist der Ausspruch nicht: bad news, are good news – Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Deshalb neigen Medien seit eh und je eher zu einer negativen Berichterstattung. Gewalttäter erlangen so freilich auch eher Aufmerksamkeit, als etwa Friedensinitiativen, über deren – wenn auch oft kleinen, aber wichtigen – Erfolge so gut wie nicht, oder nur am Rande, berichtet wird. Der Mathematiker und Soziologe und Träger des Alternativen Nobelpreises für seine Friedensarbeit, Johan Galtung, der bereits im Jahre 1959 das erste Friedensforschungsinstitut (PRIO), gründete, beklagt dies und darüberhinaus die seiner Meinung nach zu oberflächlich Berichterstattung in westlichen Zeitungen und Sendern. Das führe dazu, dass die Öffentlichkeit den Kontext vieler Konflikte nicht verstehe. In einem Interview mit Claudia Isabel Rittel, welches u.a. auf Qantara.de nachzulesen ist – was ich empfehle zu tun – nimmt Galtung ausführlich zu vielen mit dem Thema in Verbindung stehenden Problemen Stellung. Für Johan Galtung haben die Medien folgende Hauptaufgabe: sie müssten es sein, welche “den gesellschaftlichen Diskurs” definieren. Galtung: “Es kommt darauf an, wie man über bestimmten Sachverhalt redet und schreibt. Wenn man zum Beispriel über Rußland und Putin redet, muss man auch einfach (…) Jelzin erwähnen, die Umzingelung Russlands durch die Nato und die enge Kooperation der USA mit Japan(…)” Dann erst sollte etwas über die Fakten gesagt werden. Aber es liefe eben nicht so. “Unser Blickwinkel”, sagt Galtung, “ist sehr stark von den engen Beziehungen unserer Länder zu den USA beeinflusst. Das suggeriert den Lesern, wie man über bestimmt Themen reded und was man nicht zu wissen braucht.”

Weglassen ist beinahe schlimmer als lügen

Die Interviewerin darauf: “Das klingt nach Zensur.” – “Ja”, antwortet Galtung, “aber die Vorfestlegung auf einen bestimmten Blickwinkel ist eigentlich noch schlimmer. Zensur verbietet bestimmte Fakten zu nennen. Wenn Journalisten wichtige Details auslassen – ob aus Desinteresse oder Unvermögen – fallen oft ganze Dimensionen unter den Tisch.” Deshalb käme es auf den Blickwinkel der Medien an. Jeder Blicklwinkel biete sein eigne Teilwahrheit. Der Teilwahrheiten aber, so Galtung, seien aber viele. Und Aufgabe der Medien sei es, diese zusammenzubringen. Nur so können sich die Medienkonsumenten halbwegs ein eignes Bild machen, sich eine Meinung bilden. Das Gegenteil von dem aber, so beobachten wir es immer öfters, geschieht: uns werden Informationen als Wahrheiten verkauft, die wir gar nicht verifizieren können. Oft genug entsprechen diese (Teil)-”Wahrheiten” aber nur dem, was die Meinung unserer Verbündeten (und auch nur deren Interessen entspricht) ist. Andere dazugehörige Teile davon läßt man aber geflissentlich weg. Das ist beinahe schlimmer, als lüge man. Entsteht dabei nicht auch so etwas wie ein medialer Tunnelblick? Ein weiteres Beispiel für das Ausblenden eines wichtigen Blickwinkels benennt Johan Galtung, indem er an den 1945 geschlossenden Vertrag zwischen Saudi-Arabien und den USA erinnert: “In dem Vertrag verpflichten sich die USA, das Königreich Saudi-Arabien gegen die eigene Bevölkerung in Schutz zu nehmen. Im Gegenzug haben sie Zugriff auf Ölquellen bekommen.” Bedenke man dies aber mit, so erschiene auch der Terrorismus in anderem, erhellendem Licht.

Rücksichtslosigkeit statt Mitmenschlichkeit

Auch was Galtung zu und über Afrika sagt, ist nicht uninteressant. Der Friedensforscher beklagt in diesem Zusammenhang, dass unsere westlichen Gesellschaften sich nicht selten arrogant gegenüber dem Schwarzen Kontinent verhielten. Beispielsweise könnten die Medien einmal über Ubuntu berichten. Es handelt sich dabei um eine afrikanische Lebensphilosphie der Mitmenschlichkeit. Ubuntu geht davon aus, dass wir alle Teile voneinander sind. Doch davon, meint Galtung, entfernten wir uns gerade weltweit immer weiter. Stattdessen müsse ein Mangel an Rücksicht konstatiert werden. Das sei gleichzeitig auch die Ursache des weltweiten Armutsgefälles. Galtung: “Die Hauptursache ist das kapitalistische System. Es verschiebt Werte systematisch von unten nach oben.” Das erzeuge “verschiedene Wirkungen – je, nachdem, ob man unten steht oder oben”. Einer Verbesserung des Lebensstandarts der Menschen steht Galtung zufolge “die Politik der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds entgegen”. Aber zum Schluß des Interviews äußert sich Johan Galtung, der heute das Internationale TRANSCEND-Netzwerk für Frieden und Entwicklung leitet, die Zukunft betreffend dennoch ein wenig optimistisch. Dass die Lateinamerikaner, um etwas von der Abhängigkeit von den USA wegzukommen, die Banca del Sur gegründet haben, hält Galtung schon einmal für ein gutes Zeichen.

Ob sich die Presse und mit ihr die Pressefreiheit wieder von den Angriffen gegen sie erholt, muss abgewartet werden. Viele Menschen setzen ihre Hoffnungen diesbezüglich auch in die internationale Blogger-Szene. Abzuwarten bleibt dagegen, ob die Hoffnungen trügen, bzw. diese Entwicklung, diese neuen Medien, sogar positiv auf die konventionelle Medienlandschaft zurückstrahlen.

Kommentare

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  1. Eine wirklich erhebender Beitrag zu einem tieftraurigen Thema. Wir erleben es tagtäglich, dass ganze Heerscharen von Journalisten angehalten werden, so zu tun,
    als ob unser Arbeitsmarkt boome, ja dass sogar wieder die Vollbeschäftigug möglich sei. Das angesichts der bekannten Statistiklügen! Wenn ich Millionen Menschen einfach als nicht merh arbeitssuchend streiche oder zum vorzeitigen Ruhestand zwinge, wenn ich unbezahlte Praktianten als beschäftigt registriere und 1-Euro-Jobber die Hartz IV beziehen, nicht mehr arbeitslos nenne, kommt man zu solchen bewusst irreführenden Darstellungen. Es ist aber bestimmt kein Zufall, dass die Szene so verkommt. Die Sache wird von wenigen Mächtigen hier und auf der anderen Seite des Atlantik gesteuert.

    Kein Wunder übrigens, dass Schäuble so großen Wert auf den Zugriff auf die privaten PC’s legt. Er fürchtet unkontrollierbare Wirkungen aus der Mitte des Volkes.
    Gut ist nur, dass er keinen Erfolg haben wird. Denn rechtlich wird er mit seinen
    Ungereimtheiten immer unterliegen!