“Deutschsprachige Blogs haben wenig Interesse an Politik und Medienanalyse”

Das Blog ist tot, es lebe das Blog! So oder so ähnlich könnte das Urteil über die deutsche Blogosphäre ausfallen. Würde man zumindest der These der Wissenschaftler der Berliner Humboldt Universität folgen. Diese kamen in einer Studie, die den Reifegrad der deutschen Blogosphäre untersuchte, zu der Überzeugung: “Webblogs in Deutschland:

sgsdf.jpgDas Blog ist tot, es lebe das Blog! So oder so ähnlich könnte das Urteil über die deutsche Blogosphäre ausfallen. Würde man zumindest der These der Wissenschaftler der Berliner Humboldt Universität folgen. Diese kamen in einer Studie, die den Reifegrad der deutschen Blogosphäre untersuchte, zu der Überzeugung: “Webblogs in Deutschland: Deutsche Blogger sind unpolitisch und unreif” (Netzeitung). Dieses Resultat irritiert. Also befragte ich Professorin Bettina Berendt, Mitautorin der Studie.

RE: Auf einen Nenner gebracht: Was hat Ihre Analyse der deutschen Blogosphäre ergeben?

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Berendt: Unsere Ergebnisse lassen darauf schließen, dass populäre deutschsprachige Blogs derzeit (noch) v.a. von Freizeit- und semiprofessionellen Bloggern mit relativ wenig Interesse an Politik und Medienanalyse betrieben werden, im Gegensatz zu den politisierten und oft von professionellen Bloggern gestalteten populären US-amerikanischen Blogs. Diese Schlussfolgerung basiert auf dem von uns durchgeführten Vergleich zweier Top-100-Listen US-amerikanischer und deutschsprachiger Blogs aus dem Mai 2006 (sowie einer weiteren Stichprobe, s. im Einzelnen Originalartikel: http://www.cs.kuleuven.be/~berendt/Papers/berendt_schlegel_koch_2008_proofs.pdf). Dahinter stand, dass wir wissen wollten: Was tun die deutschen Blogger? Was interessiert sie? Wird die neue Publikationsform Blog hierzulande mehr als Online-Tagebuch gesehen, als Korrektiv der etablierten Medienlandschaft oder als noch etwas anderes? All diese “großen” Fragen mussten wir natürlich herunterbrechen auf messbare – in unserem Fall allein anhand der Texte der Blogs messbare – Kriterien, die wir mit statistischen Methoden (z.B. des Textmining) untersucht haben.

RE: Anhand welcher Kriterien wurde der Reifegrad gemessen – sind diese in Ihren Augen hinreichend, das gesamte Phänomen Blogs umfassend zu entschlüsseln und warum?

Berendt: Wir verstehen unter “Reifegrad” das Ausmaß der Professionalisierung des Bloggens vs. Freizeittätigkeit. Hierzu haben wir insbesondere Tageszeit und Datum der Veröffentlichung als Indikator betrachtet; dieser ist jedoch keine “Messgröße” im strengen Sinne, sondern eben nur ein Indikator. Eine genaue Messung wäre nur durch Befragung aller Blogger (oder einer repräsentativen Stichprobe) möglich. Dieses haben wir als unrealistisch verworfen (Details s. Artikel). Darüber hinaus sind wir an “Politisierung” im Sinne der Thematisierung politischer Themen interessiert. Selbstverständlich sind diese Kriterien nicht hinreichend, um das gesamte Phänomen “Blogs” umfassend zu entschlüsseln. Zum ersten gibt es weit mehr Blogs und Blog-Typen als die von uns untersuchten (s. als nur ein Beispiel die Artikel im Buch “Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web” zu Unternehmensblogs). Zum zweiten können unsere Methoden, wie alle Methoden, bestimmte Fragen beantworten und andere nicht (z.B. kann eine detaillierte, von menschlichen Lesern durchgeführte Inhaltsanalyse sicherlich tiefergehende semantische Aufschlüsse geben als statistische Methoden wie unsere; sie ist aber andererseits aus Kapazitätsgründen nicht auf die Gesamtheit der Blogosphäre anwendbar). Und schließlich gibt es viel mehr Fragen an Blogs als die, die wir gestellt haben – wiederum können aktuelle Sammelbände wie dieses Buch oder die vielfältigen Konferenzen zum Thema den Strauß der Fragen und Antworten breiter auffächern. Man vergegenwärtige sich nur, dass Blogs wie Tagebücher, wie Zeitungen, wie Bürgerjournalismus (s. Readers Edition), … sein können – ein solch komplexes Themenfeld kann in einem einzelnen Artikel gar nicht umfassend abgehandelt werden.

RE: Wird nicht die bereits bestehende, oft gepriesene Vielfalt der deutschen Blogosphäre in dieser Studie unberücksichtigt gelassen?

Berendt: Wie bereits in der vorigen Frage angedeutet – wir haben bewusst nur einige Fragen gestellt; eine Untersuchung weiterer Phänomene hätte den Rahmen der Studie gesprengt. So war u.a. eine Messung von “Vielfalt” nicht unser Ziel. Vorsichtig könnte man sagen: Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die in der deutschen Blogs-Stichprobe behandelten Themen nicht so stark wie die der US-amerikanischen “konzentrieren” (die Top-5, Top-10 etc. Themen nehmen prozentual einen kleineren Raum ein). Wenn “Top-Themen” weniger Raum einnehmen, dann bleibt mehr Raum für die (vielen) “kleineren” Themen – was ein Hinweis auf eine größere Themenvielfalt ist. Dieses ist aber nur eine Vermutung und müsste detaillierter untersucht werden.

RE: Wie definiert sich ein politisches Weblog im Idealfall – Genügen Artikel mit aktuellen politischen Inhalten (die gibt es auf Readers Edition reichlich und in z. T. sehr guter Qualität) oder orientiert sich der Anspruch hier nur an Artikeln, die wirklichen Aufdeckungscharakter haben, also eine investigative Recherche voraussetzen?

Berendt: Wir haben bewusst einen “breiten” Begriff gewählt – es ging uns nur um die Thematisierung (gemessen durch Nennung) als solche. Wir wollten wissen, inwieweit solche Themen für Blogger interessant sind; eine darüber hinaus gehende Bewertung beabsichtigten wir nicht. Auch können die von uns verwendeten Methoden keine Qualitätsanalyse im journalistischen oder politologischen Sinne liefern. Data-Mining-Methoden sind wertvoll und unverzichtbar, um durch große Textmengen zu “pflügen”; für Fragen der Qualitätsanalyse sind sie aber eher als Hypothesenlieferanten und Selektierer für potenziell interessante Texte zu betrachten, die dann von journalistisch geschulten Menschen detailliert untersucht werden müssten. Wie in allen Bereichen des Webs können statistische / automatisierte Methoden nur Hilfsmittel sein, um Menschen die Selektion und Produktion von Inhalten zu ermöglichen – ein Lern- und Reifungsprozess, der u.a. dazu führen kann, dass neue Formen der Inhaltsproduktion wie Bürgerjournalismus immer besser werden.

RE: “Blogs Making Baby Steps in German Politics“, unter dieser Headline wurde 2005 von der Deutschen Welle die Analyse der der deutschsprachigen Blogosphäre durch den amerikanischen Journalist Sean Sinico veröffentlicht. Wo sehen Sie für die geringe Relevanz deutschsprachiger Blogs in politischer Hinsicht die Gründe und welche Schlüsse, auch auf gesellschaftlicher Ebene, lassen Ihre Ergebnisse zu?

Berendt: Wahrscheinlich ist der Hauptgrund der spätere Beginn der Popularität (und damit auch der Lernprozesse mit einem neuen Medium) in Deutschland. Auch gab es in den USA nicht nur früher und damit mehr Erfahrung mit politischen Blogs (auch denen, die von Politikern selbst gestaltet wurden); es gab auch einschneidende Erfahrungen, die das politische Potenzial von Blogs deutlich machten und damit vielleicht auch mehr Menschen zum politischen Bloggen motiviert haben. Ich denke hier insbesondere an den Kontrast zwischen der offiziellen Berichterstattung im Irak-Krieg und den nichtoffiziellen Berichten in den Warblogs. Hier kamen vielleicht zwei Dinge zusammen: zum einen die generell pluralistische(re) deutsche Medienlandschaft, zum anderen die größere Distanz, die sie zu den Ereignissen im Irak haben konnte, weil Deutschland an diesem Krieg nicht teilnahm. Darüber hinaus kann man über weitergehende Unterschiede spekulieren wie z.B. die in den USA viel stärker als in Deutschland gepflegte Debattierkultur (vgl. z.B. die Debattierklubs, die in Oberschulen und Universitäten der USA Normalität sind) und die größere Selbstverständlichkeit direkter und öffentlicher Kommunikation.

RE: Eine auch im oben genannten Text genannte Frage sollte nicht fehlen: “Ist die Politiklastigkeit der populären US-Blogs überhaupt Ausdruck der höheren Reife?”

Berendt: Wir haben diese zwei Aspekte (Politiklastigkeit und Reife) zum einen als getrennt betrachtet (z.B. durch die Indikatorengruppen). Statistische Methoden erlauben uns, das Nebeneinander solcher Phänomene, nicht aber eine Kausalität zu finden. Daher können wir diese Frage aus dem Datenmaterial heraus nicht beantworten. Zum anderen sehen wir jedoch einen Zusammenhang – vereinfacht ausgedrückt: Es erscheint plausibel, dass jemand, der sein Blog als persönliches Tagebuch betreibt, dieses eben als Freizeitaktivität tut und damit kein Geld verdient (während politisch hochrangig journalistisch arbeitende Blogger Finanzierung im Web finden). Diese Vermutung wäre aber genauer zu untersuchen. Darüber hinaus kann – und sollte – man natürlich fragen, welche Art von “Reife” von Interesse ist. Wenn es “hohe Qualität” bedeutet, so können eine Vielzahl von Blogformen “reif” sein: Dichtung, Fotografie, Bildung, … Und je nach Bereich und Frage hätte das mehr oder weniger oder nichts mit Politiklastigkeit zu tun.

RE: Vielen Dank für die umfassende Beantwortung der Fragen.

Interview: Felix Kubach

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Bettina Berendt (Photo: http://www.cs.kuleuven.be/~berendt/) Bettina Berendt untersuchte zusammen mit Martin Schlegel und Robert Koch von der Humboldt Universität Berlin den Reifegrad der deutschsprachigen Blogosphäre. Inzwischen lehrt sie als Professorin an der Katholischen Universität Leuven (dt.: Löwen), einer niederländischsprachige Universität mit Sitz in Löwen in der belgischen Region Flandern.

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