Ich fuhr zu einer unerhörten Geschichte eines Schülers, der sich über seinen Direktor so sehr geärgert hatte, dass er in einem Supermarkt die Spritze ansetzte und auf diese Weise eine farbige Flüssigkeit in Packungen mit Orangensaft fabrizierte, von der er auf einem Zettel, den er neben den Packungen zurückließ, behauptete, sie sei giftig.
“Wir haben davon nichts an die Öffentlichkeit dringen lassen, weil wir sicher waren, dass der Schüler sich nur einen Dumme-Jungen-Streich erlaubt hatte”, lieferte der Revierleiter uns einen Bericht, der am nächsten Tag bei einer Boulevardzeitung doch noch in der Giftküche gelandet war, die ihrem Prinzip der Übertreibung treu blieb, obwohl sie in der Überschrift aus der Kleinstadt ein Dorf gemacht hatte und titelte: “Ein Dorf in Panik”.
So sah die Medien-Welt eben manchmal aus: Ein Junge hatte mit einer farbigen Flüssigkeit ein in Wirklichkeit völlig ahnungsloses “Dorf” in Panik versetzt, doch auch diese Überschrift war an der Wirklichkeit vorbei geschrieben worden: “Chaoten prügeln sich mit der Polizei.”
Aus Gewerkschaftsmitgliedern werden Chaoten
Geschehen sein sollte das bei einer Demonstration in Frankfurt, die sich gegen einen Aufmarsch der NPD auf dem Römerberg richtete, auf dem benachbarten Paulus-Platz von den Gewerkschaften organisiert wurde und an der auch meine damalige Frau und ich teilnahmen.
Wir passierten einen Ring aus Polizeibeamten und als mir einfiel, dass ich im Auto etwas vergessen hatte, durfte ich den Paulus-Platz nicht verlassen.
Zu dieser Demonstration waren so viele Menschen gekommen, dass einige 100 auf dem Römerberg standen. Als der erste Redner auf der Bühne erschienen war, setzte die Polizei Wasserwerfer in Bewegung, Menschen drängten vom Römerberg auf den Paulus-Platz, wir wurden zusammengetrieben wie eine Viehherde, blutende Demonstranten suchten Schutz vor den Gummiknüppeln, der Spuk schien kein Ende zu nehmen. Auch auf der Bühne herrschte lähmendes Entsetzen, bis sich ein Gewerkschafter zum Mikrophon aufrappelte und den Einsatz der Polizei zum Stoppen brachte: “Liebe Kollegen, was macht ihr da. Ich bin Mitglied der Polizeigewerkschaft. Dies ist eine Demonstration der Gewerkschaften.”
Polizei falsch informiert – dpa auch
Wir verließen den Platz, kamen an einem Polizeibeamten vorbei, der immer noch bleich im Gesicht war und fragten ihn, warum seine Kollegen und er so brutal gewesen waren. Zur Antwort bekamen wir: “Die Polizeiführung von Frankfurt hat behauptet, dies sei eine Demonstration der Chaoten.”
Das behauptete auch die Deutsche Presse-Agentur (dpa), eine hannoversche Tageszeitung übernahm diese Agenturmeldung und kümmerte sich nicht um ihren guten Ruf, um den sich auch der Chefredakteur nicht kümmerte, nachdem ich ihn auf die Tatsachen hingewiesen hatte.
“Für Agenturmeldungen übernehmen wir keine presserechtliche Verantwortung”, lautete seine schriftliche Antwort, eine Richtigstellung werde er nicht veröffentlichen und meinen Brief auch nicht. Sonst hätte ich die Medienwirklichkeit über den Haufen geworfen – welche Zeitung will das schon?
- Medienwirklichkeit statt Wirklichkeit (I)
- Medienwirklichkeit statt Wirklichkeit (II)
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