Seit Jahren geistert das Thema populärwissenschaftlich durch die Feuilletons des Landes. Treffen wir die Entscheidungen oder unsere Gehirne? Glaubt man Hirnforschern wie Wolf Singer und Gehard Roth, ist Willensfreiheit nur eine Illusion. Eine neue Studie liefert nun weiteres Beweismaterial für diese These. Der Täter scheint überführt: Es ist tatsächlich das Gehirn, das unsere Entscheidungen trifft oder zumindest weitgehend vorbereitet.
Laut wissenschaft-online ist es nämlich Wissenschaftlern um John-Dylan Haynes vom Bernstein Zentrum für Computational Neuroscience in Berlin gelungen, Hirnaktivitäten zu messen, die an der Entscheidungsfindung der Probanden beteiligt sind. Das Besondere daran: Mithilfe der Magnetresonanztomografie lokalisierten die Forscher entsprechende Hirnaktivitäten lange bevor die Versuchspersonen das subjektive Gefühl hatten, eine Entscheidung zu treffen. Die Wissenschaftler waren so auch in der Lage, die tatsächlichen Entscheidungen der Testpersonen vorauszusagen.
Bei dem Experiment konnten sich die Probanden entscheiden, ob sie einen Knopf mit der rechten oder der linken Hand drücken. Auch den Zeitpunkt der Entscheidung konnten die Versuchspersonen frei wählen. Mittels einer vor ihren Augen ablaufenden Buchstabenfolge sollten sie den genauen Moment der bewussten Entscheidung bestimmen. Durch die Messung von Aktivitäten im frontopolaren Cortex (ein Gebiet im vorderen Hirnbereich) konnten die Wissenschaftler bereits sieben Sekunden vor der gefühlten Entscheidung voraussagen, welche Hand den Knopf drücken würde. Die Trefferquote betrug zwar nur 60 Prozent, lag damit aber deutlich über der Quote einer zufälligen Auswahl.
Das Leben als virtuelle Benutzeroberfläche
Die Ergebnisse von Haynes und seiner Forschergruppe reihen sich damit nahtlos in andere Ergebnisse der Hirnforschung ein. Grundtenor ist dabei: Unser bewusstes Leben ist nur ein kleiner Ausschnitt der unbewussten Prozesse, die im Gehirn ablaufen. Wir erleben praktisch nur eine virtuelle Benutzeroberfläche, während die eigentlichen Rechenprozesse im Gehirn für uns unzugänglich sind. Das Gehirn hat schon längst Entscheidungen getroffen, bevor wir uns dieser Entscheidungen (nachträglich) bewusst werden.
Kritik an Experimenten zur Willensfreiheit
Schon Ende der 70-er Jahre lösten die Experimente des amerikanischen Neurophysiologen Benjamin Libet Zweifel an der Willensfreiheit des Menschen aus. Libet gelang es, das so genannte Bereitschaftspotenzial im Gehirn zu messen, das dem bewussten Willensakt der Probanden um einige hundert Millisekunden vorausgeht.
Während viele Wissenschaftler aus diesen Ergebnissen den Schluss zogen, das Gehirn sei der eigentliche Entscheider, wurde auch heftige Kritik an dem Experiment geübt. So war es nämlich schwierig, die zeitliche Abfolge von Hirnaktivität und subjektivem Willensentschluss genau zu bestimmen, da es sich um den Unterschied einiger hundert Millisekunden handelte. Außerdem wurde die betreffende Handlung der Probanden zu Beginn des Experiments festgelegt. Die Versuchspersonen konnten lediglich über den Zeitpunkt der Handlung bestimmen. Diesen beiden Einwänden entgeht das aktuelle Experiment der Forschergruppe um John-Dylan Haynes.
Ein weiterer eher philosophischer Einwand trifft aber auch dieses Experiment. Ist die Untersuchung einer einfachen Willkürhandlung – das Drücken eines Knopfes mit der rechten oder linken Hand – geeignet, um das Problem der Willensfreiheit und der moralischen Verantwortlichkeit naturwissenschaftlich zu erforschen?
Quellen:
wissenschaft-online.de
spiegel.de/wissenschaft/mensch/
Abstract: Unconscious determinants of free decisions in the human brain
Nature Neuroscience, Published online: 13 April 2008 | doi:10.1038/nn.2112
http://de.wikipedia.org/wiki/Libet-Experiment
Wo ist der Unterschied zwischen einem Knopf den man in einem Experiment drückt oder die Entscheidung jemanden anzurufen. Der Entscheidungsprozess als solchen, kann nicht viel anders sein?
Interessant sind eher die Schlußfolgerungen solcher Feststellung. Alles was der Mensch als Leistung für sich beansprucht, seien es moralische Wertvorstellungen oder techn. Erfindungen, sind Nebeneffekte einer äußerst komplexen Regelungsvorgabe.