rebell.tv – “das wunder des gesprächs!”

Er ist kühn, frech, nimmt sich selbst nicht allzu ernst und ist darüber hinaus auch noch preisgekrönt. Unzählige Gründe gibt es, sich etwas genauer mit ihm zu beschäftigen. Ich befragte den rebell.tv-Macher Stefan M. Seydel zu seinem vielfältigen Schaffen in der digitalen Welt, zu politischen und anderen Visionen und zu

gfhfdh.jpgEr ist kühn, frech, nimmt sich selbst nicht allzu ernst und ist darüber hinaus auch noch preisgekrönt. Unzählige Gründe gibt es, sich etwas genauer mit ihm zu beschäftigen. Ich befragte den rebell.tv-Macher Stefan M. Seydel zu seinem vielfältigen Schaffen in der digitalen Welt, zu politischen und anderen Visionen und zu der alles entscheidenden Frage: Was kann ein Schweizer den Deutschen noch beibringen?

RE: Das Chaos hat ja bei dir System … hättest du ohne ein solch “gesundes” Durcheinander überhaupt so ein Format wie rebell.tv auf die Beine stellen können?

// :: einige medientheoretiker sagen, wir stünden vor einem nächsten wechsel des “dominanten verbreitungsmediums”: von “oral” zu “schriftlich” zu “buchdruck” zu “computer”. das sensationelle chaos entstünde demnach dadurch, dass die langen linear-kausal aufgereihten gedankenketten zwischen zwei buchdeckel gepresst, digitalisiert worden sind und wir jetzt hyperlinks dazwischen bauen. wir com-puten. wir bringen getrenntes zusammen. du sagst es ganz richtig: dieses “chaos” verlangt geradezu nach einem “system”. in dem wir zeigen, wie wir “systematisch” den täglichen information-overkill bearbeiten, haben andere rebell.tv als “die form der unruhe” beschrieben. supr, odr?

RE: rebell.tv ist “die technische näherbringung von fernscheinenden (“tele-vision”) ideen eines einmal völlig anders erträumten lebens”, so liest man bei dir. Wie sähe das Leben in deinem Traum aus? Oder anders: Wie sieht der Gegenentwurf zur „Idee Staat” aus, an der Du dich nach eigener Aussage (Zitat magazin.rebell.tv) reibst?

// :: ich denke nicht an einen “gegenentwurf zur idee staat”. wir heissen ja nicht nur “tele-vision”, sondern vorher auch noch “rebell”. das ist eine unterscheidung von revolution. diese geht davon aus, dass nichts mehr zu gebrauchen ist und alles neu erfunden werden muss. rebellion klagt einmal vereinbarte abmachungen wieder ein. hip gesagt: “200 jahre sind genug!” jetzt bauen wir “staat 2.0″!

RE: „Was auch immer rebell.tv tut, die „soziale Frage” steht im Mittelpunkt.” (Magazin) – Du siehst dich selbst als Sozialarbeiter. Inwiefern bist Du ein Helfender?

// :: im gegensatz zu engagierten und laien, lernt der professionell sozial arbeitende als erstes NICHT zu helfen. die frage eines professionellen ist, was muss ich tun, damit gruppen von menschen oder einzelperson NICHT auf hilfe angewiesen sind. nun kann aber beobachtet werden, dass ich für mein businessmodell hilflose menschen brauche, wie ein arzt patienten und ein autospengler blechschäden. als professioneller beginne ich mich dafür zu interessieren, wer sich auch noch um anpassungen interessiert von dem, was ganz offensichtlich nicht mehr passt.

RE: Einer der 99 Namen von rebell.tv lautet: „Tägliche Gegenöffentlichkeit eines Journalisten”. Wozu braucht es eine „Gegenöffentlichkeit”?

// :: “gegenöffentlichkeit”! ein blinder kampfbegriff der 68er gegen das establishment! seit diese herren den marsch durch die institutionen vollzogen haben und selbst am müllen und betonieren sind, haben wir diesen satz bloss dazugenommen, um jene zu ärgern, welche meinen, sie hätten es geschafft.

RE: In deinen zahllosen wunderbaren Interviews die Du führst: Welche Grundfrage steht für Dich hinter allen Fragen?

// :: das wunder des gesprächs! das spiel von nähe und distanz. die ausgewogene mitte suchen und wissen, dass es darum geht spannungen nicht aufzulösen, sondern sie weise aufzuspannen.

.

“Weisheit der Massen? wenigstens wir im deutschsprachigen raum sollten sofort kotzen, wenn wir dieses wort nur schon hören!”

.

RE: Wie sieht dein Lieblings-Wertequadrat aus (magazin.rebell.tv, S. 33)?

// :: die beiden positiven werte: “kartoffel und döner”. übertreibst du das erste, hast du ein giftiges mus eines nachtschattengewächs für zahnlose menschen. übertreibst du das zweitere isst du gammelfleisch. tina piazzi hat uns dieses wertequadrat entwickelt, wie ich bloggenderweise mit bashar mit der bahn von berlin nach tehran gereist bin. logo: scherz! bitte zeige es dem entwickler dieses denkmodells, prof. dr. friedemann schulz von thun an der uni hamburg, nicht. danke!

etger1.jpg

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

RE: Glaubst Du an die “Weisheit der Massen”?

// :: hör mal! wenigstens wir im deutschsprachigen raum sollten sofort kotzen, wenn wir dieses wort nur schon hören! wer weise massen will, muss dafür sorgen, dass menschen unabhängig und selbstständig leben können. auch ich vermute, dass heute geld das mittel zur freiheit ist.

RE: Was ist das Religiöse am Kapitalismus?

// :: monotheistische religionen ähneln sich in der beantwortung der frage nach dem guten leben. sie sagen: „glaube, gehorche und siehe: alles wird gut. spätestens nach dem tod.” und das scheint zu stimmen: immerhin ist noch nie ein toter zurückgekommen und hat die hohenpriester der wahren wahrheit übers knie gelegt.

RE: Inwiefern kannst Du als Schweizer uns Deutschen noch etwas beibringen?

// :: ich kann der gegenwart erinnerung beibringen. zum beispiel, dass friedrich schiller das theaterstück “willhelm tell” nicht für die schweiz geschrieben hat, sondern selbstverständlich für deutschland. der hut hängt wiederum auf der hohen stange. und wer nicht fröhlich-lächelnd, eigenmotiviert und inspiriert grüsst, erfährt von der obrigkeit förderung & forderung.

RE: Zum Magazin: Seit kurzem gibt es auch ein rebell.tv-Magazin. Warum jetzt das Magazin? Welche Stellung nimmt das Magazin in deinem Kosmos ein, ist dies jetzt in seiner Komprimiertheit und Übersichtlichkeit die reife Frucht aller vorhergehenden und nebenbei laufenden Aktivitäten?

// :: nö. anfänge und enden sind interpunktionen. ich mag alle teile: TV, RADIO, BLOG, PRINT, MAGAZIN. auf herbst wollen wir noch mit einem nächsten teil kommen. das verrate ich aber noch nicht. bei uns gilt: “process as content” ;-)

RE: Was will das magazin.rebell.tv, was unterscheidet es von anderen Magazinen?

// :: im moment zeigen wir ja erst die dreiteilige, inhaltliche struktur und die prächtige softwarmässige umgebung, in welcher wir dieses multimediale magazin entwickeln werden. wir haben uns zwei jahre zeit gegeben, die entwickelten inhalte von rebell.tv in dieser “analogen” art und weise zur darstellung bringen zu können. der grösste unterschied, die einzigartigkeit, ist wohl nicht das magazin, sondern “die form von rebell.tv”, die art und weise der arbeit an und mit daten, informationen und wissen.

RE: Auf den ersten Blick zumindest erscheint das Magazin intellektuell sehr anspruchsvoll – Systemtheoretiker und Philosophen geben sich die Klinke in die Hand. Die breite Masse wird so sicher schwer zu erreichen sein. Willst du das überhaupt?

// :: der journalismus neigt dazu didaktisch-pädagogisch zu handeln und einem schlechter informierten publikum geschichten aufzubereiten. diese haltung ist uns völlig fremd. egal worüber wir reden, schreiben, podcasten, filmen: nicht nur technisch können das andere viel besser, auch inhaltlich sind nutzende von rebell.tv kompetenter als wir selbst. wir leben eine art “professioneller dilettantismus”. oder anders: wir stellen tonennweise “dumme fragen”. nicht als taktik, sondern aus purem unvermögen! es geht um eine sehr ernsthaft gelebte subjektivität.

RE: Ich greife eine Frage aus dem Magazin auf, kannst Du diese für dich selbst beantworten: „Woran können wir uns noch bedenkenlos freuen?”

// :: ja. da habe wohl nicht nur ich mich entschieden. das “burn-out syndrom” ist jene soziale bewegung, welche dieser depression am umfassensten ausdruck verleiht. wozu aus dem bett steigen und huch!innovation hecheln, wenn ich doch erahne, wo dieses ding enden wird?

RE: „Uns dürstet nicht nach „interdisziplinären Dialogen”. Die Herausforderungen haben sich schließlich auch nicht nach den Disziplinen aufgereiht.” (Zitat Magazin) Wie sehen die Herausforderungen heute aus?

// :: vor 200 jahren sind einige ideen entwickelt worden, welche heute sehr kritisch beurteilt werden müssen: für die schweiz würde ich aufzählen: rechtsstaat, demokratie, föderalismus, sozialstaat, die sanfte aber klare trennung von kirche und staat. die anerkennung der individualität als gültige begründung von autorenschaft, ohne welche wissenschaft und kunst nicht so möglich geworden wäre. und anderes mehr. die ideen wurden vor dem hintergrund einer sich industrialisierenden gesellschaft gemacht. tja: und heute? ich denke schon, dass wir “early adopters” im internet als kundschafter für eine “neue gesellschaft” fungieren…

RE: Was hat dich in letzter Zeit am meisten beschäftigt und warum?

// :: ich komme gerade von einem colloquium zu “kultur und digitalisierung”. tolle fachleute aus dem ganzenEURopäischen raum wurden zusammengerufen. ich fürchte, die frage copyright/copyleft wird uns die nächsten monate um die ohren fliegen. das könnte massiv mühsam werden für so winzige projekte wie rebell.tv

RE: Was würdest Du anstellen, wenn Rechner und Internet weltweit plötzlich für immer ausfielen?!

// :: nachtwächter bei einer bank? die haben alle nötigen schlüssel. “anstand beim stehlen zu bewahren” wäre gerade im bankenbereich eine tugend, welche ich als sozialarbeiter sicher prima verkörpern könnte.

RE: Rebell.tv ist unfassbar gut. Warum hat rebell.tv nicht mehr Klicks als Spiegel Online?

// :: gib uns noch ein paar tage! wir haben klare wachstumspläne. das sieht auch “freundliche unfreundliche übernahmen” von freunden vor: zuerst machen wir http://fm4.at in “german-speaking part ofEURope” zugänglich und danach retten wir http://cicero.de! die übernahme eines nachrichtenportals sieht der aktuelle businessplan nicht vor, darum haben wir uns auch noch nicht mit http://readers-edition.de beschäftigt. sorry.

RE: Eine kürzlich veröffentlichte Studie (mehr…) besagt, dass die deutschsprachige Blogosphäre – zumindest im Vergleich zu den USA – noch sehr unreif und unpolitisch ist. Was hältst Du davon?

// :: ich bin überzeugt, dass bloggen die wissenschaftliche karriere einer person massiv gefährden kann: jede noch so verknöchterte berufungskommission kann googeln. wirklich dramatisch wird es aber erst, wenn wissenschafter die so sogenannte blogosphäre erforschen. übrigens: reputations-beratung. big business! profilierungswillige wissenschafter werden eine treue kundschaft sein…

RE: Dankeschön für die erfrischenden Antworten!

Interview: Felix Kubach

- – -

fdafdas.jpgStefan M. Seydel, *1965, (vita) ist italienischer und schweizerischer Staatsbürger.

rebell.tv wurde 2007 mit dem migros jubilee award, in der kategorie „wissensvermittlung“ ausgezeichnet sowie 2007 für den prix ars elektronica in der kategorie „digital communities“ und 2006 für die goldene maus in der kategorie „politik“ nominiert. rebell.tv (bzw. sms ; -) war erster field correspondent (seit 2005) ausserhalb der USA für rocketboom.com und mit dabei an der nomination 2005 „best user of video or moving image” am “webby award” in ny/ny. (Quelle: rebell.tv)

(mehr über rebell.tv hier …)

(und hier… rebell.tv – die form der unruhe)

(und hier… best of)

(und hier… field correspondent für rocketboom.com)

.

Update:

Hier gehts zu einigen Interviews mit Matthias Matussek, Michael Maier, Wladimir Kaminer, Henryk M. Broder, Mathias Döpfner, Wolfgang Clement, Benjamin von Stuckrad-Barre (Teil 1/ Teil 2), Dirk Baecker und Kurt Wyss.

Weitere im Magazin und hier …

… und des weiteren Filme und Interviews auf YouTube…

und hier:

.

.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Pingback: ((( rebell.tv ))) blog - felix kuhbach von readers-edition.de: rebell.tv - "das wunder des gesprächs!"