Nach frontal 21 am Dienstag frontal 22 am Donnerstag: “In den damaligen Erziehungsheimen, in denen Jugendliche untergebracht waren, gab es eine Arbeitstherapie.” So zitierte das ZDF-Magazin in einem Beitrag über ehemalige Heimkinder die Sprachregelung der katholischen Kirche. Ein Interview wurde abgelehnt, die Bischofskonferenz war lediglich zu einer schriftlichen Stellungnahme zu bewegen. Die las sich auch nicht besser als die zwei Jahre alte “katholische Sprachregelung”. Man habe die Arbeitsbedingungen seinerzeit in den Heimen an die Realität angepasst, ließen die Bischöfe verlauten.
Klaus-Dieter Kottnik, Präsident des evangelischen Diakonischen Werkes, konnte bei der Heimerziehung – immerhin vor laufender Kamera – in den 50-er, 60-er und 70-er Jahren keine Systematik erkennen, deswegen gebe es auch keinen Fond für etwaige Entschädigungen. Für einen Runden Tisch sind aber beide großen Kirchen.
Warten bis Sankt-Nimmerleins-Tag?
Dem hielt die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast entgegen, dass dieser Vorschlag darauf hinauslaufe, dass ehemalige Heimkinder auf den Sankt Nimmerleinstag vertröstet werden. “Die Menschen leiden heute”, fügte sie hinzu.
Es ist ein Kreuz mit der Kirche, jahrzehntelang kehrte sie das Thema unter den Teppich, bis es in Büchern und Artikeln wieder ans Tageslicht geholt wurde, wie am 19. Mai 2003 vom “Spiegel”: “Priester und Nonnen misshandelten in den fünfziger und sechziger Jahren Tausende Jugendliche, die ihnen in Heimen anvertraut waren. Die damals Betroffenen wollen den Skandal nun aufklären, stoßen aber auf eine Mauer des Schweigens.”
Nun wollen die evangelische und die katholische Kirche an runden Tischen weitere Zeit schinden, obwohl Caritas-Präsident Peter Neher am 16. Februar 2006 in der katholischen “Tagespost” versprochen hat, sich für die Rechte ehemaliger Heimkinder einzusetzen? Deshalb bekam er von mir am 26. März 2008 diese Mail: “1. Was ist seither geschehen? Wie viele ehemalige misshandelte Heimkinder sind in den Genuss dieser Unterstützung gekommen?
In dem gleichen Artikel heißt es, dass es ´individuelle Entschuldigungen´ und eine ´Überprüfung von Rentenansprüchen´ geben müsse. Wie viele Entschuldigungen sind inzwischen ausgesprochen worden, wie viele Rentenansprüche wurden überprüft?
Weiter heißt es in diesem Bericht, dass die ´Betroffenen gegebenenfalls ihre Akten einsehen können´.
3. Wie oft ist das bislang geschehen?”
LVR richtet Hotline ein
Antworten darauf sind dem Caritas-Präsidenten bis heute nicht einfallen. Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) dagegen handelt endlich, er hat drei Historiker mit der Aufarbeitung der Geschichte von sechs Heimen beauftragt, die es seinerzeit unter dem LVR-Dach gab, außerdem wurde ein Hotline eingerichtet, die montags von 10 bis 14 Uhr, mittwochs von 13 bis 17 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr unter 0221/809-4001 geschaltet ist.
Ruhe bekommen auch die Kirchen nicht. Heute Abend fragt Monitor ab 21.45 Uhr bei der katholischen Kirche zum Thema “Zwangsarbeiter” nach. Diesen Begriff hören Diakonie und Caritas im Zusammenhang mit der unbezahlten Arbeit von Heimkindern nicht gern.
Bibelstelle rausgeschnitten?
Das dürfte auch für diesen Satz von Jesus gelten: “Was du einem meiner Geringsten getan, das hast du mir getan.” Die Bibelstelle haben sie wohl irgendwann herausgeschnitten – und zwar nicht nur für den Fall, dass sich ein Heimkind meldet.
Die ver.di-Zeitung “Publik” berichtet in ihrer April-Ausgabe, was sich “unter Gottes Dach” sonst noch so tut: “In Deutschland regeln die christlichen Kirchen die Arbeitsbedingungen ihrer 1,3 Millionen Beschäftigten selbstbestimmt. So will es das Grundgesetz. Betriebsräte? Mitbestimmung? Streikrecht? Fehlanzeige.” Damit das auch so bleibt, hat die diakonische Einrichtung Bremen-Friedehorst Mitarbeiter beschäftigt, die einen Vertrag bei einer kircheneigenen Leiharbeitsfirma unterschrieben – und so auf bis zu 30 Prozent Lohn verzichteten. Ein Gericht entschied zwar, dass dies illegal sei, aber – Gottes Mühlen mahlen langsam?
Es ist unglaublich mit welcher Ignoranz und Arroganz Klaus-Dieter Kottnik, Präsident des evangelischen Diakonischen Werkes, von und über Opfer spricht, – und dazu noch die Macht hat die schon geschändeten Menschen noch einmal zu Opfern macht.
Wie lange noch wird die Deutsche Bevölkerung diese Machtherrschaft der Kirchen dulden, wo unschuldige Kinder zu Menschen zweiter Klasse gestempelt und misshandelt wurden?