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Wissenschaft

Prof. Harald Walach über größte Akupunktur-Studie

Sonntag, den 27. April 2008 um 14:39 Uhr von Claus Fritzsche
Clinical Research in Complementary
Therapies von George Lewith, Wayne B.
Jonas und Prof. Harald Walach

Die bis dato größte randomisierte Akupunktur-Studie sorgte 2004 weltweit für großes Aufsehen, als sie die Wirksamkeit der Akupunktur erstmals wissenschaftlich solide dokumentierte. Ein Team um den Biometriker Prof. Hans-Joachim Trampisch untersuchte im Auftrag von AOK, BKK, IKK, Bundesknappschaft, Landwirtschaftliche Sozialversicherung und See-Krankenkasse, ob und in welchem Maße Akupunktur bei chronischen Kreuz- und Knieschmerzen wirkt.

Kommentar von Prof. Harald Walach

Die Fachzeitschrift “Forschende Komplementärmedizin” veröffentlichte soeben einen Kommentar von Prof. Harald Walach, der die Ergebnisse der Studie nun in ein neues Licht stellt. Walach betont anlässlich der Veröffentlichung der letzten noch offenen Studiendaten*, dass es den auftraggebenden Krankenversicherungen gelungen ist, eine wissenschaftliche Fragestellung einigermaßen abschließend zu klären, “nämlich die Wirksamkeit der Akupunktur so schlagend zu belegen, dass selbst dem Bundesausschuss nichts übrig blieb, als in den sauren Apfel der öffentlichen Bezahlung der Akupunktur bei Rückenschmerzen zu beißen.”

Signifikate Überlegenheit der Akupunktur

Die Studie belegt laut Walach, dass Akupunktur in der Behandlung chronischer Rückenschmerzen konventionellen Behandlungen signifikant überlegen ist. Und dies, obwohl die Studienteilnehmer gegenüber dem Normal-Patienten eher eine “Optimal- als eine Normalbehandlung” erhalten haben. “Die konventionelle Behandlung mobilisierte alles, was das Arsenal an Physiotherapie, Massage, Rückenschule und Schmerzstillung dem deutschen Rückenschmerzpatienten zu bieten hat.”

Dezente Kritik an der Aussagekraft der Daten

Walach schränkt die Aussagekraft der Studie allerdings insofern ein, als er auf den großen Einfluss der inneren Einstellung des Patienten hinweist. Es macht aus seiner Sicht einen großen Unterschied, ob sich Patienten aus eigener Initiative heraus bewusst für eine konventionelle Therapie entscheiden oder in der Studie durch die Macht des Zufalls zu einer Therapie gezwungen werden, hinter der sie vielleicht nicht wirklich stehen. “Was wir hier sehen, dürfte also weniger der ‘wirkliche’ Effekt konventioneller Behandlung sein bei denen, die sich diese suchen, sondern der minimale Effekt konventioneller Behandlung bei denen, die ‘eigentlich’ etwas anderes erwartet haben.”

Kritik an Methodik medizinischer Forschung

Interessanterweise wird der Effekt der Erwartungshaltung des Patienten in der etablierten medizinischen Forschung ganz allgemein unterschätzt. Diese betrachtet Studienteilnehmer als “zufällig disponible passive Empfänger von Interventionen”. Walach fragt sich, in welchem Maße medizinische Studien aussagekräftig sind, die Patienten zufällig auf Therapieoptionen verteilen, ohne ihre innere Haltung (Befürwortung, Ablehnung, Indifferenz) zu einem Therapieverfahren zu berücksichtigen. Hat Erwartungshaltung einen Effekt, so muss laut Walach automatisch ein medizinwissenschaftliches Dogma hinterfragt werden, demzufolge nur randomisierte Studien verlässlich Auskunft über Therapieeffekte geben können.

Akupunktur und Pseudoakupunktur wirken fast gleich gut

Obwohl die Therapieerfolge in der Akupunkturgruppe mit ca. 48 Prozent fast doppelt so hoch waren wie in der konventionellen Therapie mit gut 27 Prozent, gibt es eine nachdenklich stimmende Besonderheit. Akupunktur und Pseudoakupunktur sind praktisch nicht zu unterscheiden. “Als brave Wissenschaftler schließen wir daraus: Scheinakupunktur, also das Hineinstechen mit Nadeln, wo es einem gerade passt … ist deutlich wirksamer als das Beste, was die deutsche Medizin zu bieten hat: Physiotherapie, Massage, Warmpackungen, Pharmakologie, alles inklusive.”

Spezifische und unspezifische Wirkfaktoren

Damit führt auch diese Studie wieder zu einem Thema, welches in der medizinischen Forschung aktuell heiß diskutiert wird. Was wirkt in einer Therapie? Der italienische Arzt Fabrizio Benedetti konnte in mehreren Studien nachweisen, dass ein verdeckt verabreichtes Morphin gegen Schmerzen weniger gut wirkt als ein offen verabreichtes Morphin. Dies spricht für die Möglichkeit, dass Erwartungshaltung nicht nur in der Alternativmedizin sondern auch in der etablierten schulmedizinischen Therapie einen viel größeren Einfluss hat, als man bisher unterstellte.

Was wirkt in der Psychotherapie?

Zu ähnlich spektakulären Ergebnissen kommt auch die Psychologin Nadine Reiband in ihrer Analyse der modernen Psychotherapie-Forschung, dokumentiert in ihrem Buch “Klient, Therapeut und das unbekannte Dritte - Placeboeffekte in der Psychotherapie und was wirklich wirkt”. Analog zur Akupunktur-Studie und zu den Experimenten von Fabrizio Benedetti sind laut Reiband auch in der Psychotherapie die unspezifischen Wirkfaktoren wie z. B. Erwartungshaltung des Patienten oder Selbstüberzeugtheit und Suggestivkraft des Therapeuten die Einflussgrößen, welche ganz zum Schluss über Erfolg und Misserfolg einer therapeutischen Maßnahme maßgeblich entscheiden.

Therapieerfolg durch Stimulation der Erwartungshaltung

In Hinblick auf die Akupunktur stellt Walach die Frage, ob es nicht die logische Konsequenz wäre, “ein paar Flachnadler in Schnellsiederkursen auszubilden, ihnen zu zeigen, wo sie nicht hinstechen dürfen (Augen usw.), und sie auf öffentliche Kosten auf die Heerscharen von leidenden Rückenschmerzpatienten loszulassen? Alles, was man den Patienten sagen müsste, wäre: Hier ist die neue, aus den Tiefen der Wissenschaft generierte, evidenzbasierte, klinisch getestete, randomisiert untersuchte, sorgfältigst analysierte Art der postmodernen Nadelung – und Rückenschmerz ade.”

Homöopathie und die Wirkung der Bedeutung

Dass es sich hier um ein sehr komplexes Thema handelt, welches mit “Wirkung von Einbildung und seelischen Streicheleinheiten” nur sinnentstellend und falsch umschrieben wird, zeigen Walachs Arbeiten zur Homöopathie-Forschung. Walach verfolgt ebenso wie auch Dr. Otto Weingärtner, Dr. Lione R. Milgrom und Dr. Walter von Lucadou den Forschungsansatz, dass es sich im Falle der Homöopathie um - im quantenphysikalischen Sinn - nichtlokale Korrelationen in psychophysikalischen Systemen handelt. Die Homöopathie hätte danach einen rein geistigen Wirkmechanismus. Das homöopathische Präparat wäre jedoch eine wesentliche Informationsgröße, vergleichbar mit dem Impuls einer spezifischen Erwartungshaltung.

* Haake M, Muller HH, Schade-Brittinger C, Basler HD, Schafer H, Maier C, Endres HG, Trampisch HJ, Molsberger A: German Acupuncture Trials (GERAC)for chronic low back pain: randomized, multicenter, blinded, parallel-group trial with 3 groups. Arch Intern Med 2007;167:1892–1898.

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  1. Nach dem »Homöopathie-Paradoxon« nun auch das »Akupunktur-Paradoxon« | H.Blog: Homöopathie & Forschung

    am 14. August 2008 um 11:34 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] READERS EDITION: Prof. Harald Walach über größte Akupunktur-Studie […]

  2. Der Placebo-Effekt: Vom schwarzen Schaf zum geliebten Kind der Medizin | H.Blog: Homöopathie & Forschung

    am 14. August 2008 um 11:55 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Wie eine Homöopathie-Outcome-Studie der Berliner Charité und die berühmte gerac-Akupunkturstudie zeigen, kann die nicht klar definierte Wirkstärke »Placebo« dabei auch eine Überlegenheit gegenüber schulmedizinisch etablierten Behandlungsmethoden bedeuten. »Placebo« ist nicht gleichbedeutend mit wirkungslos und was »Placebo« im Kontext einer Studie exakt bedeutet, das wird in randomisierten Doppelblindstudien (RCTs) nicht ermittelt. Siehe zu diesem Thema auch der Artikel »Das Wirksamkeitsparadox in der Komplementärmedizin« von Prof. Harald Walach. […]

  3. Das Wirksamkeitsparadox in der Alternativ- und Komplementärmedizin | H.Blog: Homöopathie & Forschung

    am 15. August 2008 um 12:06 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Beide Gruppen können sehr wohl therapeutisch wertvoll sein und sie können wie im Falle der Homöopathie-Outcome-Studie der Berliner Charité und der berühmten gerac-Akupunkturstudie sogar effektiver sein als konventionelle Therapien. Genau dies ist ein Indiz dafür, dass auch in konventionellen Therapien der Wirkstoff primär der temporären Symptomunterdrückung dient (zeitlich so lange, wie der Wirkstoff einen Effekt auslöst), die eigentliche Heilung jedoch wieder auf der Ebene der Selbstregulationsfähigkeit eines Menschen zu suchen ist und mit dem Wirkstoff selbst wenig zu tun hat. […]

  4. Esowatch.com im Münchhausen-Test: »Akupunktur« | H.Blog: Homöopathie & Forschung

    am 12. Januar 2009 um 22:44 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] (→ Prof. Harald Walach über größte Akupunktur-Studie) […]

  5. Coup: Prof. Dr. Dr. Harald Walach übernimmt Professur an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) | H.Blog: Homöopathie & Forschung

    am 12. Januar 2010 um 18:31 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] (2008) Claus Fritzsche: „Prof. Harald Walach über größte Akupunktur-Studie“, READERS EDITION. O-Ton Walach über die gerac-Studien: „Als brave Wissenschaftler schließen wir daraus: Scheinakupunktur, also das Hineinstechen mit Nadeln, wo es einem gerade passt … ist deutlich wirksamer als das Beste, was die deutsche Medizin zu bieten hat: Physiotherapie, Massage, Warmpackungen, Pharmakologie, alles inklusive.” […]

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