Die bis dato größte randomisierte Akupunktur-Studie sorgte 2004 weltweit für großes Aufsehen, als sie die Wirksamkeit der Akupunktur erstmals wissenschaftlich solide dokumentierte. Ein Team um den Biometriker Prof. Hans-Joachim Trampisch untersuchte im Auftrag von AOK, BKK, IKK, Bundesknappschaft, Landwirtschaftliche Sozialversicherung und See-Krankenkasse, ob und in welchem Maße Akupunktur bei chronischen Kreuz- und Knieschmerzen wirkt.
Kommentar von Prof. Harald Walach
Die Fachzeitschrift “Forschende Komplementärmedizin” veröffentlichte soeben einen Kommentar von Prof. Harald Walach, der die Ergebnisse der Studie nun in ein neues Licht stellt. Walach betont anlässlich der Veröffentlichung der letzten noch offenen Studiendaten*, dass es den auftraggebenden Krankenversicherungen gelungen ist, eine wissenschaftliche Fragestellung einigermaßen abschließend zu klären, “nämlich die Wirksamkeit der Akupunktur so schlagend zu belegen, dass selbst dem Bundesausschuss nichts übrig blieb, als in den sauren Apfel der öffentlichen Bezahlung der Akupunktur bei Rückenschmerzen zu beißen.”
Signifikate Überlegenheit der Akupunktur
Die Studie belegt laut Walach, dass Akupunktur in der Behandlung chronischer Rückenschmerzen konventionellen Behandlungen signifikant überlegen ist. Und dies, obwohl die Studienteilnehmer gegenüber dem Normal-Patienten eher eine “Optimal- als eine Normalbehandlung” erhalten haben. “Die konventionelle Behandlung mobilisierte alles, was das Arsenal an Physiotherapie, Massage, Rückenschule und Schmerzstillung dem deutschen Rückenschmerzpatienten zu bieten hat.”
Dezente Kritik an der Aussagekraft der Daten
Walach schränkt die Aussagekraft der Studie allerdings insofern ein, als er auf den großen Einfluss der inneren Einstellung des Patienten hinweist. Es macht aus seiner Sicht einen großen Unterschied, ob sich Patienten aus eigener Initiative heraus bewusst für eine konventionelle Therapie entscheiden oder in der Studie durch die Macht des Zufalls zu einer Therapie gezwungen werden, hinter der sie vielleicht nicht wirklich stehen. “Was wir hier sehen, dürfte also weniger der ‘wirkliche’ Effekt konventioneller Behandlung sein bei denen, die sich diese suchen, sondern der minimale Effekt konventioneller Behandlung bei denen, die ‘eigentlich’ etwas anderes erwartet haben.”
Kritik an Methodik medizinischer Forschung
Interessanterweise wird der Effekt der Erwartungshaltung des Patienten in der etablierten medizinischen Forschung ganz allgemein unterschätzt. Diese betrachtet Studienteilnehmer als “zufällig disponible passive Empfänger von Interventionen”. Walach fragt sich, in welchem Maße medizinische Studien aussagekräftig sind, die Patienten zufällig auf Therapieoptionen verteilen, ohne ihre innere Haltung (Befürwortung, Ablehnung, Indifferenz) zu einem Therapieverfahren zu berücksichtigen. Hat Erwartungshaltung einen Effekt, so muss laut Walach automatisch ein medizinwissenschaftliches Dogma hinterfragt werden, demzufolge nur randomisierte Studien verlässlich Auskunft über Therapieeffekte geben können.
Akupunktur und Pseudoakupunktur wirken fast gleich gut
Obwohl die Therapieerfolge in der Akupunkturgruppe mit ca. 48 Prozent fast doppelt so hoch waren wie in der konventionellen Therapie mit gut 27 Prozent, gibt es eine nachdenklich stimmende Besonderheit. Akupunktur und Pseudoakupunktur sind praktisch nicht zu unterscheiden. “Als brave Wissenschaftler schließen wir daraus: Scheinakupunktur, also das Hineinstechen mit Nadeln, wo es einem gerade passt … ist deutlich wirksamer als das Beste, was die deutsche Medizin zu bieten hat: Physiotherapie, Massage, Warmpackungen, Pharmakologie, alles inklusive.”
Spezifische und unspezifische Wirkfaktoren
Damit führt auch diese Studie wieder zu einem Thema, welches in der medizinischen Forschung aktuell heiß diskutiert wird. Was wirkt in einer Therapie? Der italienische Arzt Fabrizio Benedetti konnte in mehreren Studien nachweisen, dass ein verdeckt verabreichtes Morphin gegen Schmerzen weniger gut wirkt als ein offen verabreichtes Morphin. Dies spricht für die Möglichkeit, dass Erwartungshaltung nicht nur in der Alternativmedizin sondern auch in der etablierten schulmedizinischen Therapie einen viel größeren Einfluss hat, als man bisher unterstellte.
Was wirkt in der Psychotherapie?
Zu ähnlich spektakulären Ergebnissen kommt auch die Psychologin Nadine Reiband in ihrer Analyse der modernen Psychotherapie-Forschung, dokumentiert in ihrem Buch “Klient, Therapeut und das unbekannte Dritte – Placeboeffekte in der Psychotherapie und was wirklich wirkt”. Analog zur Akupunktur-Studie und zu den Experimenten von Fabrizio Benedetti sind laut Reiband auch in der Psychotherapie die unspezifischen Wirkfaktoren wie z. B. Erwartungshaltung des Patienten oder Selbstüberzeugtheit und Suggestivkraft des Therapeuten die Einflussgrößen, welche ganz zum Schluss über Erfolg und Misserfolg einer therapeutischen Maßnahme maßgeblich entscheiden.
Therapieerfolg durch Stimulation der Erwartungshaltung
In Hinblick auf die Akupunktur stellt Walach die Frage, ob es nicht die logische Konsequenz wäre, “ein paar Flachnadler in Schnellsiederkursen auszubilden, ihnen zu zeigen, wo sie nicht hinstechen dürfen (Augen usw.), und sie auf öffentliche Kosten auf die Heerscharen von leidenden Rückenschmerzpatienten loszulassen? Alles, was man den Patienten sagen müsste, wäre: Hier ist die neue, aus den Tiefen der Wissenschaft generierte, evidenzbasierte, klinisch getestete, randomisiert untersuchte, sorgfältigst analysierte Art der postmodernen Nadelung – und Rückenschmerz ade.”
Homöopathie und die Wirkung der Bedeutung
Dass es sich hier um ein sehr komplexes Thema handelt, welches mit “Wirkung von Einbildung und seelischen Streicheleinheiten” nur sinnentstellend und falsch umschrieben wird, zeigen Walachs Arbeiten zur Homöopathie-Forschung. Walach verfolgt ebenso wie auch Dr. Otto Weingärtner, Dr. Lione R. Milgrom und Dr. Walter von Lucadou den Forschungsansatz, dass es sich im Falle der Homöopathie um – im quantenphysikalischen Sinn – nichtlokale Korrelationen in psychophysikalischen Systemen handelt. Die Homöopathie hätte danach einen rein geistigen Wirkmechanismus. Das homöopathische Präparat wäre jedoch eine wesentliche Informationsgröße, vergleichbar mit dem Impuls einer spezifischen Erwartungshaltung.
* Haake M, Muller HH, Schade-Brittinger C, Basler HD, Schafer H, Maier C, Endres HG, Trampisch HJ, Molsberger A: German Acupuncture Trials (GERAC)for chronic low back pain: randomized, multicenter, blinded, parallel-group trial with 3 groups. Arch Intern Med 2007;167:1892-1898.
Pingback: Nach dem »Homöopathie-Paradoxon« nun auch das »Akupunktur-Paradoxon« | H.Blog: Homöopathie & Forschung
Pingback: stern GESUND LEBEN, »Sucht« und Prof. Edzard Ernsts Eminenz-basierte Medizin | H.Blog: Homöopathie & Forschung
Pingback: Prof. Edzard Ernst: Agent provocateur der komplementärmedizinischen Forschung? | H.Blog: Homöopathie & Forschung