Der Blaue Salon (II) - ein Plädoyer für den Rauchgenuss
Artikel von alexander günther vom 03.05.2008, 15:52 Uhr im Ressort Kultur | 12 Comments
Im Zentrum des “Blauen Salons” steht dieses Mal eine Wortmeldung zum Thema, die der Debatte ums Rauchen einerseits außergewöhnlich geistreiche Überlegungen hinzufügen soll und sich andererseits durch innovative Gedankenzüge auszeichnet. Schließlich soll an dieser Stelle eine fruchtbare Diskussion ausgelöst und unterstützt werden. Wir wollen weg von den ausgetretenen Pfaden, die ermüdend zwischen „ich-bin-dagegen-basta“ und „ich-bin-gegen-dagegen-ätsch“ pendeln.
Besagter Beitrag ist vollständig auf dem [1] Blog von Miss Fallen zu lesen. Es handelt sich um eine überaus scharfsinnige und intelligente Zusammenfassung der Debatte ums Rauchen. Miss Fallen sieht in der Debatte um das Nichtraucherschutzgesetz nur eines von vielen Beispielen, welche darauf hinweisen, dass eine „Neue Ära“ anbrechen könnte. Denn, was den meisten Kritikern des Rauchens anscheinend noch nicht ganz klar ist: „Es geht schließlich um viel, viel mehr als das Rauchen.“ Denn die, von ihr als „Neue Ära“ bezeichnete Periode, spricht von einer Gesellschaft, „in der wir unsere Körper nicht mehr frei, nach eigenem Wissen und Glauben behandeln dürfen.“ Der im Entstehen begriffene Präventionsstaat hält sich beileibe nicht beim Rauchen auf. Alkoholkonsum und Vorratsdatenspeicherung gehören ebenso auf seine Agenda.

Doch zurück zum Rauchen. Dieser Problematik nähert sich Miss Fallen wohltuend trocken und prägnant. Ausgehend vom Hintergrund der internationalen Anti-Rauch-Kampagne der World Health Organisation (WHO), welche Rauchen nicht nur als eine „schwerwiegende gesundheitliche Bedrohung“ einschätzt sondern es schlichtweg „gesellschaftlich inakzeptabel“ bezeichnet, erkennt Miss Fallen in den verschiedenen Maßnahmen, die den Nichtraucherschutz als moralisches Schild nutzen, letztlich das Ziel, „Raucher auszugrenzen“ und Jegliche, auf Tabak basierende Kultur zu vernichten.
Daher wendet sie ihren Blick kurz auf die Gefährlichkeit des Rauchens. Dabei ist es selbstredend nicht ihre Absicht zu beweisen, dass das Rauchen ungefährlich sei. Sie weist lediglich drauf hin, „dass die aktuellen Studien definitiv nicht ausreichen, um einen Rauchverbot in öffentlichen Räumen, in dieser Art und Weise zu begründen.“ Mit knappen aber entwaffnenden Worten meint sie hierzu:
„Es ist in der Tat unmöglich, eine realistische Schätzung der Todesfälle aufzustellen, die ausschließlich auf den Tabakkonsum zurückzuführen sind. Nicht nur weil Krebs, Kreislauf- und Atmungssystemserkrankungen in einem komplizierten, noch verschlüsselten Verhältnis zu mehreren anderen Risikofaktoren stehen, sondern auch, weil die Mehrheit dieser Studien direkt oder indirekt von der Pharmaindustrie bzw. den Tabakkonzernen finanziert werden. Wer solche genauen Zahlen nennt, kann und soll nicht ernst genommen werden.“
In der Kritik stehen hier auch die Medien, welche das Thema genauso populistisch behandeln, wie andere „Gesundheitstrends“: „faszinierend und fanatisierend.“ Im weiteren widmet sich ihre Analyse der Schieflage vom Verständnis der Gesundheit in unserer Gesellschaft. Denn, so Miss Fallen,
„die WHO beschreibt die menschliche Gesundheit nicht als die Absenz von Krankheit sondern als einen ‚Status absoluten physischen, mentalen und gesellschafltichen Wohlbefindens‘. Dabei wird unser ‚Wohlbefinden‘ alleine von WHO und Staat definiert. Freiheit, Genuss, Solidarität, Kreativität und Wissen hinken hinter Vorsorge und Kosteneinsparungen her. Die Gesundheit wird zu einer bloße Aufrechterhaltung des Immunsystems degradiert, eine konsumierbare und kostenintensive Pflicht – uns wird die Utopie eines Lebens ohne Leid und Tod aufgezwungen.“
Worte, die zum Nachdenken anregen und die Debatte in den Kontext verlegen, wo sie hingehört. Fazit der Überlegungen ist, dass es in jener „neuen Ära“ hauptsächlich darum gehen wird „ zu überwachen, zu speichern, zu verwerten und zur Kasse gebeten werden.“ Die Gesundheit des Einzelnen steht in Wahrheit im Hintergrund und dient nur als Feigenblatt der „selbstgetragenen Inquisition“. Auch wenn durch die Gängelung allein in Deutschland 30 Millionen Raucher betroffen sind, es sei nochmals gesagt: Es geht hier um mehr, und zwar um das Recht auf Selbstbestimmung und kritikfreie Lust!
Wem das zuvor gesagte zu weit geht oder wer dies alles noch ein wenig unterfüttert haben will, dem sei ein ungemein interessanter [2] Material- und Analyseband empfohlen, welchen ich auf der Seite von [3] netztwerk-rauchen.de fand . Es handelt sich hierbei um eine Analyse, welche die Argumente, Ziele und Denkweisen der Alkohol-Prohibitionisten aus den 20er Jahren mit denen der heutigen Tabak-Antis vergleicht und dabei zu interessanten Ergebnissen kommt. Eine wirklich empfehlenswerte Lektüre, die neben zahlreichen Aha-Erlebnissen auch eine Menge Sorge verursacht.
Aktuelle Meldungen:
Bekannterweise nutzt die Berliner CDU ja jedwede Gelegenheit ihren Dilettantismus durch populistische Kampagnen und Initiativen zu übertünchen. Nun sieht sie anscheinend den Zeitpunkt gekommen um sich bei den Rauchern anzubiedern und erklärte, dass sie sich für ein [4] „Rauch-Wahlrecht“ in den traditionellen Berliner Eck-Kneipen stark machen will. Schauen wir mal, was dabei rauskommt! +++ Richtiggehend positive Nachrichten sind dagegen aus Österreich zu vernehmen. [5] „Wer rauchen will, hat künftig die Wahl, wo“ heißt es aus unserer befreundeten Alpenrepublik.

Grundsätzlich gilt zwar auch hier ab 2009 in der Gastronomie ein Rauchverbot. Doch die „Österreichische Lösung“, sieht vor, dass in einem Lokal aus mehreren Räumen, lediglich der Hauptraum rauchfrei sein muss. Bei Einraumlokalen unter 80 Quadratmetern darf dann geraucht werden, wenn der Lokalbesitzer nachweisen kann, dass eine Abtrennung nicht möglich ist. Aus unseren Augen geht dies ja prinzipiell in die richtige Richtung auch wenn ein kurzes Abschätzen unserer jetzigen „Raucherclub“-Kneipe leichtes Stirnrunzeln hervorrief. 80 Quadratmeter sind halt schon sehr klein. +++ Auch in der Schweiz tobt sich die Diskussion um die Umsetzung des Nichtraucherschutzes in hart umkämpften Stellungskriegen aus. In der zuständigen Kommission des Nationalrates gab es in Sachen Schutz vor Passivrauchen kaum Einigkeit. [6] Sämtliche Entscheide sind äußerst knapp gefallen. Jedoch will die Kommission Raucherbetriebe erlauben. In Übereinstimmung mit dem Ständerat wurde mit 12 zu 11 Stimmen beantragt, dass eine Bedienung in Raucherräumen, sogenannten Fumoirs möglich sein soll.
Raucherzubehör:
Auf unseren Streifzügen durchs Netz fanden wir dieses Mal eine wahrlich außergewöhnliche Seite. Auf
[7] raucherclub.info wird eine weitere schöne Seite des Rauchens in den Vordergrund gerückt. Wahrlich, wer will die Eleganz und Sinnlichkeit rauchender Frauen bestreiten? Sicher, da gibt es einige. Aber jene, die angesichts würziger Tabakschwaden, nicht umgehend mit den ewiggleichen Statistiken und Moraldiktaten kommen, wissen um das Knistern und Prickeln, welches rauchende Frauen auslösen können.

So war es nachvollziehbar, dass wir Idee und Motivation der Seite sofort ins Herz schlossen. Schade nur, dass es sich derzeit noch um eine einzige Baustelle handelt. Weder kann man „Miss Smoky“ wählen, noch die Geschichte von rauchen Frauen begutachten. Einzig die Kategorie „Frauen in der Zigarettenwerbung“ ist verfügbar. Nun denn, wir wünschen dem Projekt viel Erfolg und warten geduldig auf baldige Fertigstellung.
Dem Liebhaber edler Zigarren sind zahlreiche Möglichkeiten gegeben, sich über sein frei gewähltes Laster zu informieren. Auch eine CD für die „Freunde der feinen Lebensart und des guten Geschmacks“ gehört mittlerweile dazu. In einer knappen Dreiviertelstunde will das Genießer-Hörbuch gleichermaßen informieren und unterhalten. Dieses Ansinnen sucht man durch angenehme Hintergrundmusik und ständiges ins Mikro paffen zu erreichen. Dabei erfährt man einiges. Ob es schlichte Benimmregel sind, wie dass man eine Zigarre keineswegs mit einem Benzinfeuerzeug oder gar einer Kerze entzünden sollte, dass sich das Abbeißen einer Zigarre einfach nicht gehört, oder Hintergründe über Anbau, Herstellung und Lagerung von Zigarren sind. Auch simple Anekdoten wie über die längste oder dickste Zigarre der Welt gehören dazu. Ein rundes und kurzweiliges Stück Unterhaltung für den Zigarrenfreund ist herausgekommen, welches wir an dieser Stelle durchaus empfehlen können.
Wie zuvor schon erwähnt, kann der Zigarrenliebhaber hinsichtlich der Informationsbeschaffung aus einem reichen Reservoir an Prachtbänden und Kunstwälzern wählen. Wir nehmen uns dennoch heraus, einen davon an dieser Stelle hervorzuheben. „Das Zigarrenbuch“ von Dieter H. Wirtz ist das gelungene Kompendium einer Leidenschaft. Schon die Erscheinung des Buches ist gewinnend: mit einer Banderole verziert und in einer hölzernen Zigarrenkiste daherkommend, ist das Werk an sich eine Augenweide. Aber auch vom Inhalt her weiße es zu überzeugen ohne zu erschlagen. Eine ausführliche Beschreibung des Produktionsprozess der Zigarre, alles Wesentliche über die Geschichte der Zigarre, über die richtige Verpackung, Lagerung sowie alles Wissenswerte über die verschiedenen Sorten und Typen. Das Ganze ist reich bebildert ohne überladen zu wirken. In den letzten Kapiteln sind lexikalische Verzeichnis der verschiedenen Formate, bzw. der unterschiedlichen Zigarrenmarken enthalten.
Rauchproben:
Auch diese Mal wagte sich der „Raucherclub“ wieder an Produkte, die uns ausprobierenswert erschienen. Den Beginn machten „J. Cortes Club Zigarren“ (Länge 115 mm, Durchmesser 12 mm) . Eingangs von den Traditionalisten in unserem Kreis, ob ihrer stylishen Aufmachung misstrauisch beäugt, wendete sich das Urteil nach den ersten Zügen spürbar zum Besseren. Format und Rauchverhalten erschien uns allen nahezu vorbildlich. Doch auch im Geschmack schnitt die Zigarre bei fast allen gut ab. Deckblatt (Deli-Sumatra) und Einlage (Java Besuki und Bahia Mata) hinterließen in ihrer Gesamtheit einen aromatischen Geschmack im Mundraum, der auch durch den charakteristischen Nachklang die Herzen höher schlagen ließ.
Mit „Hansa Krüll“ stand seit längerer Zeit ein Pfeifentabak zur Debatte. Also wurden die Pfeifen aus den Taschen geholt und behände gestopft. Laut Firmenaussage ist „Hansa Krüll“ einerseits ein Tabak, „der nach Tabak schmeckt“ und andererseits wird er als „vorzüglich zum Mischen“ angepriesen. Nun, prinzipiell kann man beide Aussagen bestätigen. Es ist ein klassischer Virginia-Tabak. Solide, ohne Glamour – eine ehrliche Haut halt. Wer auf der Suche nach einem guten und verlässlichen „Alltagstabak“ ist, wäre mit „Hansa Krüll“ sicherlich hervorragend beraten.
Und zum Schluss das „Sahnehäubchen“! Mit den Zigarren, die entweder unter dem Namen Curly oder Culebras Aromatic bekannt sind, verband ein Teil des „Raucherclubs“ die angenehmsten Erinnerungen. Erstmals begleiteten sie uns auf unseren Sommerwanderungen durch die Berge Osteuropas. Hier waren sie die perfekten Freunde für das abendliche Lagerfeuer. Würzig und angemessen stark versüßten sie den Abend auch durch die Möglichkeit, dass ei dank des Mundstücks bequem im Mundwinkel hängen konnte, während man die Hände für alles andere frei hatten. Diese Zigarren, welche auch durch den wundervollen Ausdruck „handgezöpfelt“ bezaubern, der ihre Herstellungsart beschreibt und der deutschen Sprache damit einen reizenden Ausdruck schenkt, sind nicht nur durch die ausgewählte harmonische Tabakmischung der Einlage einzigartig, sondern auch durch eben jene Herstellungsart: Nach alter kubanischer Tradition „zöpfeln“ Frauenhände dieses Produkt aus drei feinen und noch feuchten Zigarren. Dennoch muss angemerkt werden, dass die aromatische Variante nicht nur Freunde fand. Vielen überdeckte der markante Vanille-Geschmack den markigen Tabakgeschmack der „Klassiker“ zu sehr.
In diesem Sinne wünsche ich erlesene Rauchgenüsse und eine gepflegte Diskussion!
- [8] Der Blaue Salon (I) - ein Plädoyer für den Rauchgenuss
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Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
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Links im Artikel:
[1] Blog von Miss Fallen: http://missfallen.blogspot.com/
[2] Material- und Analyseband: http://www.netzwerk-rauchen.de/documents/Auferstanden%20aus%20Ruinen.pdf
[3] netztwerk-rauchen.de: http://www.netzwerk-rauchen.de/
[4] „Rauch-Wahlrecht“ in den traditionellen Berliner Eck-Kneipen: http://www.toleranz-fuer-raucher.de/news/allgemeine-news/abrauch-wahlrechtbb-fur-eckkneipen
[5] „Wer rauchen will, hat künftig die Wahl, wo“: http://www.wirtschaftsblatt.at/home/oesterreich/wirtschaftspolitik/325375/index.do?_vl_backlink=/hom
e/index.do
[6] Sämtliche Entscheide sind äußerst knapp gefallen: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/nichtrauchen_schutz_nationalrat_kommission_1.719216.htm
l
[7] raucherclub.info: http://raucherclub.info/miss-smoky.html
[8] Der Blaue Salon (I) - ein Plädoyer für den Rauchgenuss: http://www.readers-edition.de/2008/04/19/der-blaue-salon-i-ein-plaedoyer-fuer-den-rauchgenuss#14914
[9] wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Sherlock_Holmes%2C_No_Smoking.jpg
[10] Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.de
[11] flickr: http://www.flickr.com/photos/lou/293667432/