Diese Meldung ist noch kein Jahr alt: Ein 16-Jähriger klettert in Mammendorf (Landkreis Fürstenfeldbruck) auf eine abgestellte S-Bahn, berührt die Oberleitung und bekommt einen tödlichen Stromschlag. Drei weitere Jugendliche kümmern sich nicht um den Toten. Sie machen sich aus dem Staub.
Im Bahnhof von Borken steigt ein 15-Jähriger auf einen Zug, der auf die Abfahrt wartet, die Oberleitung versetzt ihm einen Stromschlag, er fällt auf das Gleis und wird von seinen beiden Freunden ins Bahnhofsgebäude getragen. Rettungskräfte bringen den 15-Jährigen in ein Kasseler Krankenhaus.
Zwischen diesen beiden Nachrichten über unglaublichen Leichtsinn liegen keine zwölf Monate, denn zu dem Unfall in Borken kommt es am 20. März 2008. Bei Eschweiler erleidet ein 13-Jähriger bei einem Stromschlag schwere Brandverletzungen (April 2008).
Tod durch Stromschlag
Auf diese Weise gestorben sind innerhalb eines Jahres in Fulda ein 20-Jähriger nach einer Rosenmontagsfeier, im Bahnhof Norf ein junger Mann, während ein Gleichaltriger schwer verletzt wird (März 2008), in Opladen ein 24-Jähriger im Stellwerk der Deutschen Bahn (Januar 2008), ein 15-Jähriger in Frankfurt-Süd, der seiner gleichaltrigen Freundin imponieren will (August 2007), in Frankfurt am Main ein 19-Jähriger, der auf dem Dach eines Containerwagens einen Hobbyfilm drehen will (Juni 2007).
Konstruktive Vorkehrungen
Zwischen all diesen entsetzlichen Meldungen findet man aber auch die Nachricht, dass etwas zum Schutz waghalsiger Kinder und junger Leute getan wird? Hört sich fast so an: “Aus diesem Grund verlangt das Gesetz die Schaffung von konstruktiven Vorkehrungen beim Bau neuer Anlagen.”
Doch – stopp. Diese Erfolgsmeldung ist nicht nur schon über sechs Jahre alt, sie stammt außerdem vom Deutschen Naturschutzbund, es geht um “Vogeltod durch Stromschlag”. Die Nachrüstung der bestehenden Mittelspannungsleitungen wird bis zum 3. April 2012 angepeilt.
Vor der Deutschen Bahn AG sind aber auch Vögel nicht sicher. Die Vorschrift gilt nämlich nicht für die Oberleitungen der Bahn. Begründung des Gesetzgebers: Die Deutsche Bahn AG strebe eine einheitliche europäische Lösung an, auf eine nationale Lösung wolle sie sich nicht festlegen lassen.
Deswegen lautet der entsprechende Paragraph zum “Vogelschutz an Energiefreileitungen”:
“Zum Schutz von Vogelarten sind neu zu errichtende Masten und technische Bauteile von Mittelspannungsleitungen konstruktiv so auszuführen, dass Vögel gegen Stromschlag geschützt sind. An bestehenden Masten und technischen Bauteilen von Mittelspannungsleitungen mit hoher Gefährdung von Vögeln sind innerhalb von zehn Jahren die notwendigen Maßnahmen zur Sicherung gegen Stromschlag durchzuführen. Die Sätze 1 und 2 gelten nicht für die Oberleitungsanlagen der Bahn.”
Bleibt also nur der eindringliche Hinweis an den menschlichen Nachwuchs: Klettert woanders!
Die Überschrift hätte genau so in der BILD stehen können, dafür schonmal herzlichen Glückwunsch. Ansonsten ist die ganze Geschichte Ausdruck einer Mentalität, die alles und jeden gegen alle Eventualitäten geschützt und abgesichert haben will, ganz gleich wie idiotisch derselbe sich verhält. Wer an Fahrleitungen kommt, wird einen – höchstwahrscheinlich tödlichen – Stromschlag erleiden. Das ist sicher eine Gefahr, die von der Bahn ausgeht. Aber auch eine allseits bekannte Binsenweisheit. Folgt man dieser Argumentation, so sollte man sich einen hübsch gepolsterten Raum im Keller schaffen, in dem man dann in Ruhe verhungern kann. Denn im Essen könnten ja gefährliche Stoffe sein. Essen tötet, immer mal wieder. Und rausgehen auf die Straße ist auch nicht drin. Man könnte überfahren werden. Die Straße tötet. Und atmen? Man könnte was giftiges einatmen. Atmen tötet…
Das Leben ist in vielerlei Hinsicht lebensgefährlich. Trotz langer Tradition der elektrischen Traktion mit Fahrleitung schaffen es die weitaus meisten Menschen, dem tödlichen Strom zu entgehen. Und trotz der und beständig umgebenden Lebensgefahren gibt es den Menschen immer noch. Und weil wir – noch – in der Lage sind, die Nachteile einer Vollkaskomentalität zu erkennen, sind wir bislang nicht beim Versuch, jede erdenkliche Gefahr zu eliminieren, zum totalen Stillstand gekommen. Aber man spürt schon, wie das überzogene Sicherheitsdenken bremst. Den Absicherungsfans sei gesagt: Es ist unmöglich, ein System narrensicher zu machen. Narren sind einfach zu erfinderisch…