Israel – ein Freund darf kritisiert werden

Ein Gegenkommentar zu Lukas Lehmann Wer den Holocaust leugnet, gilt zu recht als Demagoge. Doch die Inflation und Instrumentalisierung des Begriffs geht auch von der israelischen Politik aus (1). Ein Schönreden der Nahost-Wetterlage wie in Merkels Knesset-Rede vermeidet jegliche Kritik (2). Wenn israelische Medien jetzt Nachrichtensperren über Fakten und Hintergründe

whoel.jpgEin Gegenkommentar zu Lukas Lehmann

Wer den Holocaust leugnet, gilt zu recht als Demagoge. Doch die Inflation und Instrumentalisierung des Begriffs geht auch von der israelischen Politik aus (1). Ein Schönreden der Nahost-Wetterlage wie in Merkels Knesset-Rede vermeidet jegliche Kritik (2). Wenn israelische Medien jetzt Nachrichtensperren über Fakten und Hintergründe verhängen ist das wenig förderlich (3). Was meint Kritik an Israel? Wie jüngste Beispiele britischer Juden oder das des Historikers Tom Segev zeigen, hat die Ablehnung israelischer Politik mit Antisemitismus wenig zu tun.

Die Logik der Vergeltungsakte

Für Empörung unter Shoa-Überlebenden sorgten Ende Februar die Äußerungen des israelischen Vize-Ministers, der Gaza eine “Shoa” bescheren wollte (1). Er forderte ein “Wegfegen” von Ortschaften, aus denen die Hamas Raketen feuerte – ganz im Verbalstil eines Ahmadinedschad (4). Die Opfer seiner eigenen Blockadepolitik überlässt Israel der radikal-islamistischen Hamas. Oder anders gesagt: jedes palästinensische Opfer, egal ob gezielt durch Israel liquidiert oder zufällig, geht von vornherein auf das Konto der Hamas. Kein Wunder, dass die Hamas mit Propaganda aufwarten kann, denn die verzweifelte israelische Blockadepolitik hält außer Gewalt keine Lösungen parat. Wenn der Ausschnitt, so wie Lukas Lehmann ihn in der Propaganda der Hamas zu recht entdeckt, die Politik bestimmt – so bestimmt andererseits eine Informations- und Eskalationspolitik einen Konfliktherd, der mitnichten allein als Kausalität der Hamas-Extremisten gelten kann (5). Diese singuläre Rechnung geht nicht (mehr) auf. Und immer mehr Menschen verstehen das – gerade in Israel.

Nicht nur Hamas dreht am Rad der Gewalt

Extremisten entlarven sich in der Regel dadurch, dass sie die für ihr Weltbild unangenehmen Fakten vertuschen oder verdrehen. Propaganda, so wie sie zweifelsohne Al-Aqsa-TV präsentiert, verfälscht Geschichte und instrumentalisiert Bilder. Das ist immer so gewesen. Ein Konflikt und ein Krieg werden gerade und vor allem über Bilder geführt. Und insbesondere in Zeiten von Konflikten bestimmt das Feindbild den Rückhalt der Bevölkerung hinter gemeinsamen Kampfzielen. So gesehen füttert jede Maßnahme der IDF mit Opfern an Menschenleben (Israeli Defence Force) direkt die Hamas-Politik. In der israelischen Regierung gibt es Politiker, die wie Liebermann offen mit ihrem Rassismus hausieren gehen (6). Radikale Zionisten und verblendete religiöse Fundamentalisten bestimmen die Siedlungspolitik und laufen mit Hamas zusammen um die Wette um Maß und Ausmaß der Eskalationsspirale. Immer wieder wird von Übergriffen radikaler Zionisten auf Einwohner der Westbank berichtet (7). Einige Vertreter der verbotenen Kahane-Bewegung sitzen wegen Terrorismusvorwürfen in israelischen Gefängnissen. Ihre Popularität ist wie der der Hamas-Märtyrer so ungebrochen, dass sie sogar vom israelischen Inlandsgeheimdienst überwacht werden (8). Während in den Medien allein von radikal-islamistischer Hamas die Rede ist, wird über die Hintergründe der radikal-zionistischen Extremisten nicht berichtet. In diese Lücke springt dann Hamas-TV.

“Ausgeklügelte Form von Israelkritik”´(Lehmann)

Antisemitismus ist keine Kritik. Die Hamas kritisiert Israel nicht, sie demontiert es. Sie propagiert puren Antisemitismus. Kritik ist etwas anderes. Kritik heißt zum Beispiel, unbequeme Aspekte auf gleicher Augenhöhe zu diskutieren. An dieser Stelle verrät sich Lukas Lehmann selbst als ein wenig propagandistisch, wenn er den “postsenilen” US-Präsidenten Carter quasi unter Antisemitismus-Verdacht stellt. Mag es daran liegen, dass er Broders “Die Irren von Zion” (9) zwar im Titel zitiert, aber dessen rechtskonservative Inhalte im Artikel als die eigenen deckt? Carter in eine Reihe mit Extremisten zu stellen zeugt vom Nicht-Verstehen historischer Zusammenhänge und Fakten und vom Unterliegen unter einer anderen Form von Propaganda. Lehmann gibt neben Broder die Meinung des israelischen Botschafters in den USA wieder, der Carter als “Fanatiker” beschimpft (10). Gegenstand der von Lehmann nicht erwähnten Kritik an Carter ist der Vergleich der israelischen Palästina-Politik mit einer Apartheid-Politik in seinem Buch “Palestine. Peace Not Aphartheid” (11). Der Vergleich provoziert die Unbequemen und fordert zur Stellungnahme. Denn Carter, der sich bereits für den Nahen Osten erfolgreich engagiert hat, verfolgt eine Politik der Entspannung – während die noch amtierende amerikanische und die israelische Regierung offen eine Politik der Eskalation im Nahen Osten nicht nur betreiben, sondern propagandistisch fördern, wie z.B. die Aufrüstung der Fatah gegen die Hamas (12). Wenn der Jüdische Weltkongress “Empfehlungen zum Umgang mit dem Iran” erlässt, so tut er dies mit einem moralischen Habitus. Kritik an diesen Empfehlungen zu äußern ist nicht Ausdruck der Verschwörung gegen das “böse kapitalistische Weltjudentum”, sondern Kritik am Ausdruck einer geopolitischen Weltkrise, die mit dem Erstarken des Iran im Nahen Osten eine Verschiebung der Macht- und Rohstoffkartelle nach sich gezogen hat (13). Darin wird die Bedrohungslage für Israel evident. Doch mit überzogenen Hitler-Vergleichen, wie in der israelischen Presse üblich, ist keinem gedient. Und erst recht nicht, wenn so notwendige Friedensverhandlungen – wie die des “postsenilen” Carter – torpediert werden.

Quoten um “Kinderleichen”

Kritiker sollten sich auf Fakten konzentrieren – und dabei die Rolle der Propaganda entzerren. Denn wie ist es anders erklärlich, dass der Autor Lukas Lehmann die “Kraft” beschwört, “Fakten zu unterscheiden und Wahrheit von Unwahrheit”? Er bleibt uns aber eine Erklärung schuldig, wie er diese Aufgabe bewältigen wird. Wenn er “Kinderleichen” als Instrumentarium der Hamas-Propaganda entlarvt, dann sitzt er dieser enger auf als er es wahrhaben möchte. Für die Propaganda zählen die Opfer auf der jeweils anderen Seite nicht dazu. So warb z.B. die Haaretz mit einer humanitären Aktion “Ein Herz für Siderot” für die Opfer auf israelischer Seite. Getroffene Häuser und verstümmelte Körper sind jeweils für die eine Sicht auf den Konflikt entscheidend. Sie werden – und das ist das eigentlich perfide – reflexartig zur “Trophäe” im Propaganda-Krieg der Gegenseite instrumentalisiert. Die Quassam-Raketen sind die Realität der einen Seite. Die “Kollateralschäden” der Gegenschläge die der anderen.

Antisemiten sind alle, die den Begriff missbrauchen

Niemand der die Geschichte kennt, kann den Holocaust leugnen. Wir reden hier nicht von einem Diktat, sondern von einer evidenten Beweislast der Geschichte. Holocaust-Leugnung ist daher die Beschönigung nationalsozialistischen Terrors und einer industriell-bürokratischen und systematischen Vernichtung von Menschenleben. Kritik an Israel ist etwas anderes – sie ist kein Ausdruck von Menschenverachtung. Sie ist Kritik, die an einem Freund geübt wird. Zum Beispiel feiern prominente britische Juden aus Protest keinen Israel-Geburtstag, da sie das Land auf falschem Kurs sehen. Der Historiker Tom Segev erlaubt sich, die Instrumentalisierung des Holocaust anzusprechen (14). Und Rolf Verleger, ehemaliges Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland, ruft immer wieder zur Kritik an Israel auf (15). Alles Antisemiten?

Apartheid-Staat (Carter) oder “ethnische Säuberung” (Pape)?

Dieser Vorwurf zieht nicht. Auch nicht bei Carter. Eine Kritik an der Praxis der Besatzer in den Palästinensergebieten bedeutet auch dass “Apartheid” als “Vorstufe zur Apartheid” verstanden werden und als solche bezeichnet werden kann. Dabei ist Ilan Pape sicher zuzustimmen, wenn er von ethnischen Säuberungen Palästinas spricht (16). Das Public Commitee Against Torture in Israel verzeichnet regelmäßig Verschleppungen und Vertreibungen aus den Palästinensergebieten (17). Wer seinen Blickwinkel so sehr dagegen verengt, dass er dies für unmöglich hält und konstruktive Kritik darüber als Antisemitismus brandmarkt, der handelt meines Erachtens fanatisch. Mehr noch: er missbraucht die Rolle der Opfer, um sich eine Realität schön zu lügen, die mehr Opfer als je zuvor hervorbringen kann: die Möglichkeit der völligen “Auslöschung” mittels eines atomaren Holocaust. Wo Fronten zwischen “Gut” und “Böse” errichtet und der Schurke personifiziert als “neuer Hitler” erscheint, da macht man es sich zu leicht. Denn auf dem Abzug sitzen wir schließlich alle. In der Logik der Vergeltungsschläge hieße das – Umkehr der Beweislast erst nach Angriff. Und damit gestaltet diese Propaganda-Logik die Welt zu einem einzigen Schlachtfeld um. Aus Sicht Israels ist die Lage denkbar ungemütlich: es sitzt mitten in der Schusslinie. Und wird schießen (18).

Freunde kritisiert man konstruktiv

Aus dieser Logik heraus hat Lukas Lehmann recht, wenn er befürchtet, dass es wieder eine “Vernichtungsmaschine” geben könnte. Ihm ist zuzustimmen, dass die geschmacklosen Videoclips der Hamas und das relativierende Holocaust-Museum der irre Ausdruck einer Realitätsverschleierung darstellt. Doch mit einer Idealisierung israelischer Politik durch EU-Machthaber oder Medien ist dem Land nicht gedient. Israel braucht keine falschen Freunde. “Die größte Gefahr, die Israel zu befürchten hat, ist ironischerweise nicht der Iran, sondern Israel selbst”, so der Historiker Dr. Meir Margalit in seinem offenen Brief an Frau Merkel. (19). Was es braucht, ist konstruktive Kritik – so die Botschaft. Die erhält es aber weder von den Broder-Jüngern, noch durch die staatlich inszenierte Israel-Harmonie. Aus dieser Sicht braucht Israel dringend mehr mutige Kritiker, braucht Israel uns, weil die Probleme Israels auch immer die unseren sein werden. Denn egal an welcher Stelle und wie viel relativiert wird: am Ende betrifft es uns alle.

Quellen:

(1) http://www.welt.de/politik/article1740503/Israel_warnt_die_Hamas_vor_einer_Shoah.html
(2) http://www.haaretz.com/hasen/spages/965760.html
(3) http://194.209.226.170/pdfdata/bund/2008/04/25/BVBU-003-2504-2.pdf
(4) http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/452/161011/
(5) http://www.readers-edition.de/2008/05/02/die-irren-von-zion-wie-holocaustleugnung-wieder-salonfaehig-wird-ein-kommentar
(6) http://www.tagesschau.de/ausland/meldung92106.html
(7) http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3538961,00.html
(8) http://www.netzeitung.de/spezial/nahost/333769.html
(9) http://buecher.hagalil.com/dtv/broder.htm
(10) http://www.welt.de/politik/article1937420/Israelischer_Diplomat_nennt_Carter_Fanatiker.html
(11) http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2006/12/06/AR2006120602171.html
(12) http://www.vanityfair.com/politics/features/2008/04/gaza200804
(13) http://www.netzeitung.de/spezial/judenindeutschland/415816.html
(14) http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/reportage/?em_cnt=1327880&

(15)

http://www.guardian.co.uk/world/2008/apr/30/israelandthepalestinians

http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2006/08/14/a0128

(16) http://www.ilanpappe.org/books.html
(17) http://www.stoptorture.org.il/en/announcements
(18) http://derstandard.at/?url=/?id=3323853
(19) http://www.swg-hamburg.de/Aus_der_Presse/Margalit.pdf

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.

  1. Carsten Klein sieht im (deutschen) Umgang mit dem “Israel-Palästina-Konflikt” u.a. den Versuch Komplexe angesichts des Holocausts abzubauen (“…dann wird die eigene historische Last ein Stück kleiner…”). Das kling logisch und nachvollziehbar, warum sollte es also nicht so sein.

    Eine weitere “Instrumentalisiserung” dieses Konfliktes sehe ich darin, ihn zu benützen, um die Erinnerung an den Holocaust in Deutschland wachzuhalten. An sich nichts Verwerfliches.

    Doch nicht, wenn damit Menschen in Deutschland “mundtot” gemacht werden sollen, denen man ihre rechtmäßigen Forderungen nicht zugestehen will.

    Ich spreche von den deutschen Heimatvertriebenen. Sie werden bewusst oder unbewusst als eine Art “Sündenbock” für so manche Gräueltat des Zweiten Weltkriegs betrachtet. Sobald dieser “Sündenbock” einen Mucks von sich gibt und sich nicht in seine ihm zugewiesene Rolle fügen will, wird auf ihn eingedroschen: “Was, der (Sündenbock) lebt noch? Warte nur, dir werden wir es zeigen…” Und schon drischt man auf ihn ein, vorzugsweise mit der “Holocaust-Keule”. Oder man spricht in menschenverachtender Weise von einer “biologischen Lösung”, nicht wissend, dass alle Nachgeborenen bis zum Jahrgang 1993 vor dem deutschen Gesetz als “Heimatvertriebene” gelten…

    Besonders von den extremen Linken werden die Heimatvertriebenen gerne “in die rechte Ecke” gestellt. Genau das entspricht aber der “Sündenbock-Funktion”. Man kann dann die ganze Wut über “die Rechten” (und die eigenen Komplexe…) an dieser Gruppe, die man zum Sündenbock gemacht hat, auslassen!

    Deutschland wurde nicht zuletzt mit Ende des Zweiten Weltkrieges riesiger Gebiete beraubt. Schlimmer noch ist die Vertreibung der Deutschen von dort und aus vorwiegend (Süd-) “Ost-Europäischen” Staaten…
    Dass damit massiv gegen Völkerrecht und insbesondere gegen die Menschenrechte verstoßen wurde, interessiert die wenigsten.

    Also, die einen bauen mit dem Israel-Palästina-Konflikt ihre Komplexe ab und andere bauen sie damit (gegen Deutschland) auf. (Natürlich gibt es auch Leute, die versuchen, aufrichtig damit umzugehen, weil sie die Juden als auserwähltes Volk Gottes betrachten oder Mitleid mit den Palästinensern haben…)