… diese oder ähnliche Einleitungen hört man in Gesprächen über Religion häufiger. Was dann folgt ist oftmals ein auf Harmonie und Übereinkunft abzielendes Argumentieren, welches einer säkularen Gesellschaft geschuldet ist, die Religion immer noch mit einer Mauer von Respekt schützt, welche in keinster Weise gerechtfertigt ist. Im Gegensatz zu den meisten anderen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens genießt die Religion unverhältnismäßige Vorrechte und klagt, zumeist unwidersprochen, einen beispiellosen Respektanspruch ein, der es, mit Rücksicht auf “religiöse Gefühle” desjenigen verbietet, diese genauso offen zu diskutieren wie jede andere Meinung auch.
Eine Generalabrechnung mit der Religion
Der “Überraschungsbestseller” in den USA von 2006, “The God Delusion” von Richard Dawkins will unter anderem gegen diesen Missstand ankämpfen. Schließlich gehe es ganz nach H.L. Mencken darum, dass wir “die Religion des anderen respektieren müssen, aber nur in dem Sinn und dem Umfang, wie wir auch seine Theorie respektieren, wonach seine Frau hübsch und seine Kinder klug sind.” Auf knapp 600 pointiert und fesselnd geschriebenen Seiten unternimmt der Evolutionsbiologe und Autor zahlreicher, anderer ebenso empfehlenswerter Bücher (u.a. “Das egoistische Gen”, “Der entzauberte Regenbogen: Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie”) den Versuch einer Generalabrechnung mit der Religion. Systematisch arbeitet er sich zu diesem Zweck an verschiedenen, für den offenen Diskurs über Religion notwendigen Punkten ab. Religion wird hierfür aus historischen, wissenschaftlichen und ethischen Blickwinkeln abgeklopft.

Die Tendenz zum Agnostizismus wird unter anderem mit der Argumentation, dass die “Gotteshypothese” eine wissenschaftliche Hypothese wie jede andere auch ist und demnach auch genauso skeptisch analysiert werden sollte, angegangen und diskutiert. Des Weiteren schafft es Dawkins den Glauben, angesichts der Vielfalt des Lebens müsse es einen Gott geben, mit dem bedeutend eleganteren und nachvollziehbareren Erklärungsansatz der natürlichen Selektion, zu entkräften.
“Erklärung, Ermahnung, Trost und Inspiration”
Es sind insbesondere diese wissenschaftlich geprägten Kapitel, die zwar prägnant und verständlich daherkommen, die mich in ihrer Vehemenz und Ausführlichkeit dann doch ein klein wenig verwunderten. Die Diskussion um die Stellung der Religion findet für mich weniger auf diesem Feld als eher bei ethischen Fragen statt. Wenn die vier Funktionen der Religion in “Erklärung, Ermahnung, Trost und Inspiration” zu sehen sind, so begreife ich die erste Funktion als, in der Gegenwart hinreichend an die Naturwissenschaft abgetreten. Eine derart glühende Verteidigung der Evolution erschein mir daher ein wenig deplatziert. Aber dies mag durchaus der gesonderten Situation in den USA geschuldet sein. Schließlich ist in der größten Industrienation der Welt die Frage nach der Erschaffung der Welt keineswegs der Deutungsgewalt irrationaler Erklärungsmodelle entrissen.
Interessanter wird es tatsächlich wenn sich Dawkins über Ethik und Moral auslässt. Es ist hier dieses, schon eingangs angesprochene Problem, dass eine große Zahl an Menschen schon längst nicht mehr an Gott glaubt, sondern an den Glauben als solchen. Und hier verlässt der Autor die logische Argumentationsbahn und muss rhetorisch agieren. Wer zu diesem Zeitpunkt, am Ende des Buches, steht, hat alle Argumente gegen Religion vernommen und kann nun frei entscheiden, ob er einen Glauben nötig hat, um zu entscheiden was gut und böse ist oder um sich der Verantwortung des freien Denkens zu entziehen, in dem er auf Wunschdenken, Selbsttäuschung und weinerliches Selbstmitleid setzt. Denn Dawkins will den Menschen Ihren Glauben nicht absprechen – er will nur mit Ihnen darüber diskutieren.
Die freie Diskussion über Glauben oder das, was man dafür hält, wirkt aber auf unseren tradierten Kulturkosmos immer noch anmaßend und überheblich. Es sollte jedoch eine Überlegung wert sein, inwieweit viele Menschen ihren Glauben einfach übernehmen, ohne zu hinterfragen und welche Folgen das hat. Dawkins Hauptkritik richtet sich nicht gegen einen Gott, sondern gegen die Religionsvertreter, die sich auf politischen und wissenschaftlichen Terrain tummeln und dort emsig an der Trennung von Religion und Staat arbeiten, sich ins (private) Sexualleben einmischen, Ärzte umbringen und Kinder indoktrinieren. Und dies ist eben nicht mit dem Argument zu entkräften, dass es sich hierbei lediglich um religiöse Extremisten handele. Jeglicher Glaube, welcher keine Rechtfertigung braucht und keine Diskussion duldet, schafft letztlich die Voraussetzungen für Intoleranz und Selbstgerechtigkeit.
Ich muss gestehen, dass mich, obzwar Argumentation und Thema des Buches bei mir sofort Interesse auslösten, die Schärfe und teilweise, arg polemische Herangehensweise Dawkins anfangs irritierte. Dies schob ich zunächst darauf, dass die Debatte in einem religiös geprägten Land wie den USA eine ganz andere sei, als im, in diesem Sinne deutlich entspannteren Europa. Wenn laut einer, im Buch zitierten Gallup-Umfrage in den USA 1999 nur 49 Prozent einen ansonsten qualifizierten Menschen wählen würden wenn er Atheist wäre, spricht das eine deutliche Sprache. Die beunruhigende Arbeit von Kreationisten, Domionisten oder Rekonstruktionisten führt hier anscheinend zu einem Klima, dass mit mitteleuropäischen Verhältnissen keinesfalls zu vergleichen ist.
Für mich war das Phänomen Religion bislang ausschließlich von historischem oder literarischem Interesse. Umso überraschter war ich als ich einen kurzen Blick auf die Kundenrezensionen bei amazon.de warf. Sicherlich hat das Buch in den USA heftigere Reaktionen ausgelöst als im deutschsprachigen Raum (vgl. derzeit 1166 Rezensionen auf amazon.com), doch auch die 159 Rezensionen auf amazon.de sprechen für sich. Die auffällige Verteilung von extremen Benotungen zeigt, dass die Anzahl christlicher Fundamentalisten und Dogmatiker bei uns als keineswegs gering einzuschätzen ist.
Die Rezensionen atmen den Geist, den kontroverse Themen für gewöhnlich auszeichnen.
Jede Diskussion mit gegensätzlichen Standpunkten lebt (insbesondere im Internet!) entweder von arger Pauschalisierung, kurzangebundener Ablehnung oder von tauber Wiederholung. So auch in diesem Falle. Wenn es nicht so deprimierend wäre, könnte man manchen Gegenargumenten fast mit einer gewissen Nonchalance entgegentreten. “Sieht man sich die Natur an, mit ihrer mannigfaltigen komplexen Bauweise, wer soll angesichts dessen daran glauben, dass diese zufällig entstanden sein soll?”, fragt da zum Beispiel eine Anja Herrmanns empört. Und dies wo Dawkins in schon fast penetranter Form darauf hinweist, dass die natürliche Selektion genau das Gegenteil von Zufall ist. Angesichts solcher Wortmeldungen begriff ich die Hartnäckigkeit des Autors, welche bisweilen wie Arroganz wirkt, dann doch etwas besser.
Schlussendlich sei dieses Buch, welches auf mich wie ein Regenschauer nach einem schwülen Sommertag wirkte, jedem empfohlen, der sich mit dem Thema Religion offen auseinandersetzen möchte. Ich, für meinen Teil werde es ganz in diesem Sinne als Konfirmationsgeschenk verwenden.
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Je geringer das Bildungsniveau einer Gesellschaft, um so höher ist die Bereitschaft der Menschen, an den letzten Unsinn zu glauben. Altertum und Mittelalter sind eindrucksvolle Beweise für diese These. Erst mit der Aufklärung wurde in Europa der Schleier der religiösen Verblendung geliftet und die Menschheit konnte sich zu einer humaneren Wissensgesellschaft weiterentwickeln.
Im 21. Jahrhundert entdecken Politiker Religion erneut als Machtinstrument, um Menschen gegeneinander aufzuhetzen, die mit rationalen Argumenten nicht bereit wären, andere Menschen auszubeuten, zu quälen und zu töten (der kalte Krieg ist schließlich vorbei). Das hat in der Menschheitsgeschichte immer gut funktioniert und wird federführend durch die USA, erneut in die Welt getragen. Dazu werden Pseudouniversitäten gegründet, die eine Masse von willen- und ahnungslosen Gläubigen hervorbringen, die dann mit den Worten “Für Gott und Vaterland” ohne weiteres Nachdenken das große Abschlachten beginnen.
Vor wenigen Tagen erst wurde in den USA der bereits erreichte Grad an religiös erzeugter Volksverdummung mit Erfolg getestet. Gläubige Christen haben im ganzen Land doch tatsächlich für niedrige Benzinpreise gebetet (“Oh Gott gib uns Sprit aber günstig”).
Obwohl das alles recht lustig klingt, ist die Bedrohung durch Religiöse sehr groß. Diese Bedrohung ist leider auch tief in unser Gesellschaft verankert und wird mit unseren Steuergeldern großzügig gefördert. Durch kirchliche Einrichtungen konnte Hartz IV als institutionalisiertes Elend in Deutschland erfolgreich etabliert werden. Es war schon immer gute Christentradition, die Armen langsam verhungern zu lassen und sie dabei gleichzeitig auszubeuten. Demnächst sollen diese Opfer deutscher Politik und Kirche vermutlich auch noch für einen Euro in den Krieg ziehen. Wenn wir die USA formal als “gemeinnützige christliche Großkirche” anerkennen, können deutsche Ein-Euro-Kämpfer auch noch legal an die USA ausgeliehen werden.
Ich werde es sehr begrüßen, wenn diese “Glaubensgemeinschaften” auf den Status von Sportvereinen zurückgestutzt werden. Darüber hinaus ist dringend zu prüfen, ob nicht eine große Zahl dieser Zusammenrottungen als undemokratische Vereinigungen aufzulösen sind bzw. sogar terroristisches Gedankengut verbreiten.
Leider wird es keinen deutschen Politiker geben, der den Mut hat, diesen Sumpf auszutrocknen. Dann gibt´s nämlich künftig keine Weihnachtskarte mehr vom Papst. Allerdings müssen wir uns auch bewusst sein, dass in fünf Jahren jeder Politiker, der diese “Religionsgemeinschaften” verbieten möchte, von militanten Glaubensverblendeten verfolgt und ggf. getötet wird. Insbesondere die Anhänger der Freikirchen propagieren bei Ungläubigen die Linie der Nulltoleranz.
Ob es der richtige Weg ist, junge Menschen, die keine Ausbildungsreife erreicht haben, der Obhut dieser Glaubensfanatiker zu überlassen – doch besser nicht. Osama heisst dann bald Jan und sitzt mit seinem Bomben-Rucksack beim arabischen Imbiss um die Ecke. Eine Vision, die viele Christen haben.
Ich hoffe sehr, dass sich doch die Kräfte durchsetzen, die ein menschliches Miteinander befürworten und unterstützen. Religion kann das nicht sein!