Michael Meinicke hat endlich wieder ein Buch geschrieben – und ein Punkrocker hat’s heraus gebracht.Der Mann ist mittlerweile 60 Jahre alt. Er raucht, er trinkt und er lebt. Und kämpft immer noch. Selten geworden heutzutage, sich dem Zahnrad, der Bewegung in der Suppe aus Fremdbestimmung, Dummheit und Pop entgegen zu werfen.
Michael Meinicke ist Schriftsteller. Michael Meinicke ist Underground in Echtzeit, kein zur Ruhe Kommen, kein Stillstand – und er veröffentlicht immer wieder und weiter und gibt nicht auf. Gerade kam bei Boombooks seine Beatsatire “Bonsoir Bon Bon” heraus und die ersten Lesungen liefen fantastisch. Der durstige Pegasus, Europas älteste durchgängige Literaturreihe, durfte bei der Premiere behilflich sein. Das Schwalbennest der Moritzbastei in Leipzig brach förmlich aus den Fugen.
Wortgewaltig und voller Anspielungen
Und “Bonsoir Bon Bon” ist wirklich lesenswert. Sexistisch, frech, lustig – nicht so massenkompatibel flachgelegt wie Frau Roches “Feuchtgebiete”, eher wortgewaltig und voller Anspielungen. Dem Leser wird hier eine ganz schön dicke Portion Intelligenz und Beobachtungsgabe abverlangt, leichte Unterhaltung machen die Anderen. Das muss Meinicke nicht mehr. Seinen Ruf als Ausnahmeschriftsteller in Deutschland hat er schon mit dem wahrhaft einzigen Beatroman der DDR “Ostkreuz” begründet, mit “Revolution der Einsamkeit” und “Dazwischen das Letzte” und “Hetze” nachgelegt, alles Bücher aus der eher dramatisch realistischen Ecke.
Doch sein “Bon Bon” ist der Bruch mit der Schablone. Anarchistisch geht’s gegen die Normen, die Polizei ist nicht Freund und Helfer – eher eine Truppe von Eigenartigen, die Mafia rockt, die Frauen entblättern sich und der an den Strand Gespülte staunt Bauklötze über die Verwirrtheit der Welt. Das Land, in dem die Geschichte spielt, ist unbestimmt aber so nah am hier, ein Hund darf Timundstruppi heißen und die Hauptperson stolpert durch seine Abenteuer, wie in einen Absinthrausch.
Meinickes extrem schnelle Schreibe, ein Flächenbombardement an guten Ideen, hebt sich so angenehm vom Massenangebot Literatur ab, dass einem die Tränen kommen könnten, hätten wir sie nicht alle schon bei “Leolo” geweint.
Er weiß, wie schnell der Ruhm vergehen kann
Da ist auch Meinickes Tradition, Jack Kerouac, Miller, Bukowski – all dies mit noch mehr Pfeffer und Witz. Meinicke braucht glücklicherweise nicht mehr die Anerkennung des Literaturbetriebs, er weiß, wie schnell der Ruhm vergehen kann, lebt recht zurückgezogen in einem kleinen windschiefen Häuschen im Hessischen, trinkt fleißig aus seinen Weinballons und schreibt, anstatt Interviews zu geben oder sich über die neuesten Trends kundig zu machen. Ist eben ein Rocker, der noch Schallplatten sammelt und echte Fotografien auf Papier – und Freunde.
Einer davon ist Bohm. Der spielt ansonsten bei Interstate 5, einer Leipziger Punkrockband. Aber weil schon so viele Kirschpfückereien mit Micha Meinicke waren und so viele gute Gespräche über Gott, die Welt und das Leben kam’s zur Gründung des kleinen Independentverlages BoomBooks (mit einer lustigen kleinen Bombe im ersten O!) – und somit zur absoluten Freiheit des Schreibens.
Dies ist auch nötig. Sollten Literaten doch frei entscheiden dürfen, um den Lesern Futter für den Kopf und nicht nur fürs Zwerchfell zu liefern. Natürlich sind Bücher, zum Beispiel von Bastian Sick lustig – aber eben keine Literatur. Nicht jeder, der ein buntes, teures Buch zu Hause stehen hat, kann auch lesen – und verstehen und denken – und dann irgendwann das Heft der eigenen Verantwortung selber führen. Bücher sind eben keine Einrichtungsgegenstände, die nur sehr gut in eine Anbauwand von IKEA passen müssen, möglichst dick und in Leder. Bücher müssen verschlungen werden. Und Meinickes Bücher sind da die wahrhaft nährstoffreichste Kost der letzten Jahre.
Wie sagte Bohm bei einem kleinen Bier zu mir: “Oh, Mann, Volly, der Micha, weißt Du, der schreibt, wie sonst Keiner. Dieses Buch, das ist wie eine South Park Folge.”
Und da hatten die Verhinderer und Schlechtreder ja auch niemals an einen Erfolg geglaubt.
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