Naturkatastrophe in Burma – Erst blieb die Warnung durch die Burmesische Regierung vor dem Zyklon „Nargis“ aus, dem bis zu 100.000 Menschen zum Opfer fielen. Und jetzt muss die Welt tatenlos zusehen, darf nicht ausreichend mit Versorgungsgütern helfen. Zur Lage in Burma befragte ich für Readers Edition Ulrike Bey von der Burma Initiative.
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RE: Wie kann eine Regierung so verantwortungslos handeln und gibt es dafür überhaupt rational erklärbare Gründe?
Bey: Die burmesische Militärregierung ist äußerst misstrauisch gegenüber jeglicher internationaler Einmischung. Sie akzeptiert materielle Hilfe, will aber keine ausländischen Kräfte im Land. Kurz vor dem Verfassungsreferendum ist sie natürlich besonders skeptisch gegenüber internationalen Beobachtern – selbst wenn es sich um Mitarbeiter von Hilfsorganisationen handelt. Hinzu kommt die Selbsteinschätzung, nicht auf Hilfe von außen angewiesen zu sein. Die Regierung fürchtet Kontrollverlust und es muss deutlich werden, dass es hier um eine humanitäre Katastrophe und nicht Politik geht!
RE: Kann die Weltöffentlichkeit gegen den Willen der Regierung etwas tun, um den Menschen zu helfen oder ist sie zu wenig aussichtsreichen Bittstellungen um Kooperation verdammt?
Bey: Im Vorteil sind die internationalen Organisationen, die schon länger mit lokalen Partnerorganisationen vor Ort tätig sind und die bereits Hilfe leisten konnten, z.B. durch das Verteilen von Gütern. Die Lage in Rangun scheint schon einigermaßen entspannt, dramatisch ist es nach wie vor im Irrawaddy-Delta, zu dem kaum jemand Zugang hat. Zurzeit wird diskutiert, ob die Vereinten Nationen auf der Grundlage des Konzepts „der gemeinsamen Verantwortlichkeit zum Schutz der Zivilbevölkerung“ in Fällen, in denen der Staat seinen Pflichten gegenüber der Bevölkerung nicht nachkommt, intervenieren können – das gilt aber für Völkermord und nicht bei humanitären Katastrophen.
RE: Beobachter vermuten, dass die Junta mit der Not Geschäfte machen will. Werden die Hilfslieferungen, so sie denn hoffentlich bald zugelassen werden, bei den Bedürftigen überhaupt ankommen?
Bey: Tatsächlich ist es in der Vergangenheit vorgekommen, dass die Militärregierung Gelder abgezweigt hat, enorme Steuern erhoben oder internationale Hilfe als eigene umgedeutet hat. Das ist Missbrauch. Die internationalen und UN-Organisationen stehen unter strenger Beobachtung und dürften das kaum zulassen. Wichtig ist natürlich auch zu schauen, was langfristig mit der Wiederaufbauhilfe geschieht.
RE: So zynisch und makaber das klingen mag – manche Beobachter bezeichnen den Zyklon sogar als mögliche Chance für das Land, da sich das Regime internationalen Organisationen öffnen muss und das Volk sich aus Unmut gegen die Militärjunta erheben könnte – Stimmen Sie mit dem überein? Immerhin könnte doch die Volksabstimmung über eine neue Verfassung, welche die Junta in ihrer unfassbar ignoranten Haltung gegenüber den Opfern am Samstag abhalten will, für sie nach hinten losgehen, oder nicht?
Bey: Der Unmut der Bevölkerung gegenüber der Regierung ist spätestens seit der brutalen Gewalt gegenüber den Mönchen und Zivilisten im vergangenen Herbst enorm. Dass die Regierung nun so versagt, verstärkt den Legitimationsverlust nur noch. Vielleicht wird das beim Referendum zum Ausdruck kommen. Oppositionelle Gruppen führen ja eine „Vote-No“-Kampagne durch. Aber meine Befürchtung ist eher, dass der Prozess so kontrolliert ist, dass das Ergebnis jetzt schon feststeht.
RE: Wird die Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi die Lage ausnutzen können, um Burma vom Joch der Militärdiktatur zu befreien?
Bey: Aung San Suu Kyi steht nach wie vor unter Hausarrest und hat kaum Möglichkeiten, mit ihrer Partei und der Außenwelt zu kommunizieren.
RE: Wie groß sehen Sie die Gefahr eines Bürgerkrieges im Land?
Bey: In den Grenzgebieten herrscht teilweise seit Jahrzehnten Bürgerkrieg zwischen der Zentralregierung und ethnischen Minderheiten, auf Kosten der dort lebenden Zivilbevölkerung. Dass sich das auf Zentralburma ausweitet, halte ich für unwahrscheinlich.
RE: Abschließend die Frage: Was ist eigentlich aus den protestierenden Mönchen vom September letzen Jahres geworden? Damals war Burma schon wegen missachteter Menschenrechte weltweit in den Schlagzeilen.
Bey: Viele Klöster sind nach wie vor geschlossen, zahlreiche Mönche mussten in ihre Heimatorte zurückkehren, einige sind auch ins Ausland geflohen. Die Mönche in den burmesischen Klöstern in der betroffenen Region organisieren zurzeit Hilfsmaßnahmen für die Opfer der Naturkatastrophe. Sie sind im Land vernetzt und es hat sich die International Burmese Monks Organization gebildet, die weltweit auf die Lage in Burma aufmerksam macht und ein internationales Waffenembargo fordert.
Interview: Felix Kubach
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Ulrike Bey
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Photo1: TZA, Lizenz: cc creative commons 2.0 – Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr
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