Freitag, 9. Mai: Als wäre es Gottes Zorn, ist nun ein Sturm ausgebrochen. Aufgezogen aus dem Nichts. Es ist 2.20 Uhr morgens. Die ersten Blitze mit kurz darauf folgenden Donnerschlägen hielten wir noch für Explosionen. Wir wunderten uns nur, warum es derart hell aufleuchtete. Dann begann es zu regnen und mein erster Gedanke war es: welch Gnade Gottes. Wird der Irrsinn der Feuergefechte im Regen ein Ende finden?
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Jetzt tobt ein Sturm, der an den Fenstern rüttelt und, in der Tat, die steten Gewehrfeuersalven der letzten Stunden verstummen zum ersten Mal. Es scheppert und klappert. Rollläden schlagen, Wäscheleinen zittern, Tüten wirbeln durch die Luft. Wenn vorher Milizionäre wie Geister durch stumme Straßen huschten, dann und wann das Krachen der Maschinengewehre durch die Stille brach, bewegte sich jetzt all das, was Kulisse schien. Ich lag in meinem Bett im Dunkeln, im Gästezimmer von Sarah, einer befreundeten Palästinenserin in Caracas, einem Straßenzug in West-Beirut zwischen Hamra und Manara und dachte, nun meldet sich der Zorn Gottes – Weise er jene in die Schranken, die sich heute Nacht an ihm vergangen.
Die ersten Schüsse fallen in Hörweite
Im Ausbruch der Gefechte war ich im Stadtteil Hamra gefangen. Um 17.00 Uhr kamen Tamar und ich ins T-Marbuta Café um den Rest der Nasrallah Rede auf Leinwand zu verfolgen. Das linke Publikum folgte der Rede in respektvoller Stille, hier mit Sympathie, da mit angespannter Ruhe. Dann endete Nasrallah und wurde abgelöst von der Musik Ziad Rahbanis, dem populären libanesischen Musiker und erklärten Kommunisten. Eine Runde von Gästen klatschte im Takt und trommelte etwas nervös auf den Tischen, einige machten zynische Kommentare, aber schienen im Allgemeinen noch hoffnungsvoll. Eine Stunde später, ich war drauf und dran mich auf den Weg nach Hause zu machen (was die Mehrheit der Gäste in weiser Voraussicht längst getan hatte), fallen die ersten Schüsse in Hörweite und das Feiern nimmt ein abruptes Ende.
Auf Anweisung einiger Jungs auf der Straße, lassen wir die Gardinen runter und schließen die Fenster bis auf einen Spalt. Von den Straßen des sunnitisch dominierten Stadtteils Hamra dringt angespannte Unruhe. Die ersten Jungs haben ihre Waffen rausgeholt und nehmen Position ein, wenig später feuert einer eine Salve von seiner Verschanzung direkt unter den Fenstern unseres Cafés über die offene Fläche des Parkplatzes davor. Testlauf. Noch gibt es kein Ziel und keine Schüsse zurück. Die Jungs vom Café machen die Lichter aus, innerhalb der nächsten Minuten haben sich die verbliebenen Gäste und Angestellten in Distanz zu den Fenstern gruppiert und folgen schweigend den Nachrichten. Das Licht bleibt aus. Wir sitzen im Dunkel, starren auf Bilder von Straßengefechten und umherirrenden Soldaten in Corniche al-Mazraa, die in Endlosschleifen diverser Nachrichtensender gepackt sind. An dem Gefechtslärm in den Straßen unweit des Cafés hören wir, dass sich die Kämpfe zwischen shiitischen Oppositionellen und sunnitischen Regierungsanhängern längst ausgebreitet haben.
Die sonst so belebten Einkaufsstraßen Hamras sind wie leergefegt
Bis 21.00 Uhr sitze ich da mit den anderen Gästen. Es wird kaum gesprochen, bis sich in einer kleinen Ruhephase Aufbruchstimmung breit macht. Schüsse schallen jetzt vom weiter nördlich gelegenen Ain al-Mraisse. Endlich erreiche ich jemanden über Telefon. Während der fortwährenden Schusswechsel in immer mehr Teilen der Stadt, brachen die Handynetze überlastet zusammen. Nach langen Erwägungen und nervösem Hin- und her entscheide ich mich zu Bekannten nach Caracas hinunter zu laufen, anstatt den ungewissen Weg ins christliche Ost-Beirut aufzunehmen. Ich informiere Jonathan, einen Freund, dass ich mich auf den Weg zu ihm mache. Er stellt ein paar Fragen und wünscht mir Glück. Ein anderer Gast bietet mir und den drei anderen Ausländern an, in seinem Auto mitzukommen. Er selber kommt aus Dahiyye, dem Hezbollah-stronghold in den südlichen Vororten Beiruts. Ich willige ein.
An jeder Straßenkreuzung stehen jetzt Milizionäre, die regelrechte Checkpoints errichtet haben. Jede Kreuzung wird von bewaffneten und maskierten Männern in Zivil bewacht. Davon abgesehen sind die sonst so belebten Einkaufsstraßen Hamras wie leergefegt. Wir bremsen an jeder Ecke, heben die Hände und fragen nach Erlaubnis zu passieren. Unser Fahrer erklärt, eilig auf jeden fragenden Blick eines Bewaffneten reagierend, wohin er wolle und dass er Ausländer in seinem Auto habe. Die Männer weisen uns willig den Weg. Am Ende von Hamra steige ich aus, um die letzten hundert Meter zu Fuß zu gehen. Die anderen drehen um. Geradeaus sollten sie nicht weiterfahren, wurde uns erklärt. Auch vor Johnnys Haus stehen etwa ein Dutzend Männer, bewaffnet mit Ak-47 und Maschinenpistolen. Im Vorbeigehen schätze ich sie auf ein sehr gemischtes Alter von 18 bis 55 Jahren, mehrheitlich aber in den frühen 20igern. Sarah, die im Libanon für das Internationale Rote Kreuz arbeitet, berichtete später, sie habe mit einem der Typen gesprochen und ihn gefragt ob er aus der Nachbarschaft sei, und er habe gesagt, nein er sei „on duty” hier.
Ein Wink eines Führers reicht und der Libanon befindet sich erneut im Bürgerkrieg
Ein großer Schritt auf dem Weg zum Staatszerfall. Gewaltmonopol und Garant der Sicherheit sind nicht mehr Polizei und auch nicht Militär, im gegenwärtigen Ausnahmezustand Libanons, es sind die konfessionellen und von einigen Familien dominierten Milizen, die im gleichen Stil schon im libanesischen Bürgerkrieg 1975-1990 die Straßen Beiruts übernahmen. Seit Ende des Bürgerkrieges war dies womöglich der erste Tag, an dem die viel besagten Waffen, die jeder zu Hause habe, offen zur Schau gestellt wurden. Es reichten zwei Reden der politischen Führer Nasrallah und Saad Hariri, die nicht zum Straßenkampf aufriefen, aber die Gegenseite zur Eskalation per indirekter Kriegserklärung beschuldigten, dass die Treuen und Hörigen beider Seiten ihrem Frust mit Gewalt Luft ließen. Ein Wink eines Führers reicht und der Libanon befindet sich erneut im Bürgerkrieg. Die letzten 72 Stunden, aber insbesondere der letzte Tag offenbarten, wie nahe der Libanon am Abgrund steht. Die offene Bereitschaft zu kämpfen ist für ausreichend viele bewiesen. Bürgerkrieg ist nunmehr offensichtlich, eine reale Erwägung in den Köpfen bedingungsloser Unterstützer – auf beiden Seiten der politischen Lager.
Explosionen und Feuergefechte begleiten unsere notgedrungene Versammlung in Johnnys Wohnung. Durch die chaotische Bebauung hat man kaum Sicht auf die Straßen. Trotz hervorragender Übersicht aus der siebten Etage können wir nicht wirklich sehen was vor sich geht. Man hört nur die Schusswechsel durch die Straßen hallen. Zwischen den Häusern sehen wir hin und wieder maskierte Männer vorbeihuschen, bewaffnet mit kleinkalibrigen Maschinengewehren. Wir versuchen uns abzulenken und spielen Karten, mit Bernard, Diana und ihrer Freundin, die gestern erst mit einer der letzten Maschinen in Beirut gelandet ist. Mit ihrem Reisegepäck sind sie über die aufgeschütteten Erdbarrikaden gestiegen und in einem Taxi vorbei an den brennenden Reifen auf dem Highway in die Innenstadt gelangt, umgeben von aufgebrachten und bewaffneten Demonstranten.
Wir werden misstrauisch beäugt
Um Mitternacht beschließen Sarah und ich in ihr Haus umzuziehen. Sie wohnt keine 50 Meter entfernt um den Block. Der Eingang von Jonathans Haus ist schwer bewacht. Wir werden misstrauisch beäugt. Wir erklären unsere Absicht und sie weisen uns an geschwind die Straße runter zu laufen. Sowie wir die Wohnungstür hinter uns schließen, hören wir Schüsse aus der Richtung, aus der wir kamen. Erst gegen 4:00 Uhr kehrt endlich Ruhe ein.
Um 7:00 Uhr wache ich auf. Der milde Morgen wird durch schweres Gewehrfeuer durchrissen. Die Straßenkämpfe gehen von neuem Los, unmittelbar vor unserem Haus auf der Straße. Wie Donnerschläge hallen Explosionen. Um 7:15 Uhr gebe ich auf zu schlafen. Kurz darauf kommt Sarah mit weit aufgerissenen Augen in mein Zimmer. Aus unserem Fenster schauen wir runter auf die sunnitischen Milizionäre, die aus unserer Häusereinfahrt schießen. Zwei Männer knien am Boden und füllen Magazine nach. Ein junger Mann mit kugelsicherer Weste und Magazintaschen, feuert an die Häuserwand gestützt mit einer AK-47 mit brauner Laufverschalung und einem zusammengetapeten Doppelmagazin im Anschlag, aus unserer Ausfahrt auf die Straße. Später finde ich an dieser Stelle seine Base-cap in einer Blutlache. Ein vierter Mann, mit Armeeweste, kurz geschorenen, grau melierten Haaren und einer schwarzen Maschinenpistole über die Schulter gehängt telefoniert per Handy. Er scheint das Kommando zu haben. Auch auf der anderen Seiten des Hauses ertönt ratterndes Gewehrfeuer. Wir gehen ins Wohnzimmer und sehen durch die Gardinen zum Balkon ein ähnliches Bild bewaffneter Milizionäre die aus dem Haus gegenüber kommen und sich auf dem kleinen Hausparkplatz in der Einfahrt tummeln.
„The guy is dead”, sage ich mechanisch
Dann knallt es erneut im Innenhof. Und man hört Schreie. Ein junger Typ taumelt an der Hauswand in den Hof. Ich sehe eine Schusswunde an seinem Bein. Er wimmert um Hilfe und bricht zusammen. Wenig später knien Leute um ihn herum. Sie reißen ihm die Kleider vom Leib. Die Arme der Helfer sind voller Blut. Er liegt entblößt und regungslos am Boden. Jemand beugt sich über ihn und versucht ihn wiederzubeleben. Er bleibt reglos. Ein älterer Mann, der sein Vater sein könnte, wendet sich mit verzogenem Gesicht ab und klopft verzweifelt auf sein Autodach. Sie geben auf. Dennoch hiefen sie ihn ins Auto und fahren ab.
Wir setzen uns zurück ins Sofa. „The guy is dead”, sage ich mechanisch, Sarah ignoriert es. Ich fasse erst Stunden später was ich gesehen habe. Ich laufe von einer Seite der Wohnung auf die andere, versuche die Lage zu lesen. Plötzlich tauchen da uniformierte Männer auf, wo vorher noch die vier sunnitischen Milizionäre gestanden haben. Sie schleichen sich in die Häusereinfahrt. Einer, in vollständiger olivgrüner Tarnuniform und Stahlhelm trägt einen Raketenwerfer und vier Raketen in einem köcherartigen Ungetüm auf seinem Rücken. Die Libanesische Armee im Häuserkampf verwickelt? Mitnichten. Sie reißen ein Plakat von Saad und Rafiq Hariri von einem Zaun und fackeln es ab.
Man meint von der Druckwelle umgeworfen zu werden
Wenig später (etwa um 9:00 Uhr) haben sie auch den anderen Innenhof eingenommen. Wie ein erneuter Donnerschlag explodiert die Granate eines Raketenwerfers im dritten Stock des Hauses gegenüber, keine 20 Meter entfernt. Man meint von der Druckwelle umgeworfen zu werden. Vermutlich war es der Schreck. Unsere Fenster bleiben in Takt. Im Erdgeschoss liegen sie in Scherben. Kurz zuvor hatten vom zwei Meter daneben liegenden Nachbarbalkon noch Leute rausgeschaut. Als sich der Rauch legt, kann man in das verrußte Apartment schauen. Ein Fernseher steht noch auf einem Teetisch. Ein Kronenleuchter an der Decke. Dem Granateneinschlag folgt ein zweiter. Einen Stock tiefer, ins gleiche Haus. Die parkenden Autos und Roller sind übersät mit Schutt und weißer Farbe. Dachverdecks sind eingeschlagen, Scheiben gesprungen. Wir sitzen längst auf dem Boden im Wohnungsflur, eingekesselt zwischen zwei Fronten. Einige Wohnungsnachbarn haben sich im sicheren Hausflur versammelt. Eine aufgebrachte Frau beteuert, das beschossene Appartmentgebäude beherberge ein Parteibüro von Mustaqbal. Vielleicht die Privatwohnung eines Hariri-Funktionärs? Die Hezbollahmilizionäre kommen in den Innenhof, schwenken die Gewehrläufe schussbereit und in Erwartung eines Angriffs über die Fensterreihen. Einer schießt in die Luft und ruft man solle nach drinnen und weg von den Fenstern gehen. Später sehe ich noch einmal wie einige von ihnen aus dem Haus gegenüber kommen. Offensichtlich inspizieren sie ihre Treffer, möglicherweise suchen sie jemanden.
Wir machen den Fernseher an und schauen Nachrichten auf BBC, Al-Jazeera English, LBC und Al-Jadeed. Es lässt sich nicht allzuviel Detailiertes herausfinden. Der Tonus ist, dass die heftigen Sunnitisch-Shiitischen Gefechte sich im Laufe des gestrigen Abends und über Nacht in Beirut ausgebreitet haben. Es scheinen vor allem jene Sunnitisch-Shiitisch gemischten Viertel wie Corniche al-Mazraa, Mar-Elies, Zoqaq al-Blat, Ain al-Mraiseh, Koreitem und eben die Sunniten-Hochburgen Manara und Hamra betroffen zu sein. Zuletzt war von 11 Toten und mindestens einem Dutzend Verletzten die Rede. Des Weiteren heißt es, dass sich die Armee über die Gefechte aus einigen Stadtteilen zurückgezogen habe.
Die politische Teilung der Gesellschaft sitzt zu tief
Wie kann das sein, will man fragen. Die Antwort ist so profan wie unveränderlich. Die Libanesische Armee ist bei einer Eskalation der Gewalt vom Zerbrechen bedroht, kommentiert der Bürgerkriegs- erfahrene Korrespondent und Buchautor Robert Fisk. Denn natürlich setzt sich die Armee aus Soldaten aller Konfessionsgruppen zusammen und ist bisweilen die letzte neutrale und unpolitisierte Instanz im Libanon geblieben. Wenn sie aber in Feuergefechte zwischen den konfessionellen Milizen der jeweils einflussreichsten Parteien von Regierung und Opposition eingreifen muss, ist es kaum zu erwarten, dass die Soldaten tatsächlich das Feuer auf die eigenen Nachbarn und Glaubensbrüder eröffnen. Auf diesem Grad der Eskalation ist sie machtlos. Die politische Teilung der Gesellschaft sitzt zu tief. Die Selbstverständlichkeit des Reflexes auf die konfessionellen Milizen als Garanten für Sicherheit und Verteidigung zurückzugreifen ist verheerend, aber tief verwurzelt. Sollte es tatsächlich Feuerbefehle für Soldaten der Libanesischen Armee geben, kann man wohl mit Befehlsverweigerungen und Deserteuren rechnen, und mit dem Ende der anerkannten Neutralität.
Das Ablenkungspotential der Nachrichten ist nicht sehr tief, wenn vor dem eigenen Fenster Sperrfeuer schallt. Während wir die Bilder im Fernsehen verfolgen, schreiben wir im Minutentakt Nachrichten per Handy.
Coup d’États
Der Libanonexperte Rob Mosrie, der die Lage am Fernsehbildschirm, per Internet und Telefon aus Dubai verfolgt, schreibt dass es für ihn den Anschein eines Coup d’État mache. Den Anschein eines Coup d’États macht es auch aus unserer Warte, am Epizentrum der Gefechte. Adam bestätigt mir, dass auch weiter östlich, im Herzen Hamras geschossen wird. In weniger als 7 Stunden nimmt die Allianz aus Hezbollah-Millizionären und ihren verbündeten Parteien die Stadtteile Manara und Hamra und damit die Hochburg der Regierungsanhänger ein.
Als wir uns am frühen Nachmittag aus dem Haus wagen, erfahren wir von Jonathan, dass Hezbollah-Millizionäre auch in ihr Haus eingedrungen sind und von Wohnung zu Wohnnug gingen. Nach heftigen Gefechten unter anderem mit den Leibwachen der einflussreichen sunnitischen Itani-Familie, die in seinem Haus wohnt, haben sie gecheckt wer sich drinnen verbirgt. Ihr Landlord erklärte den bewaffneten Eindringlingen, dass Jonathan (Amerikaner), Bernard (Kongolese mit kanadischem Pass), Diana und Katherine (beide Britinnen) nichts mit der Angelegenheit zu tun hätten. Jonathan unterrichtet Englisch an der Lebanese American Univiersity. Diana ist arbeitet in einer NGO im shiitischen Dahiya an einem Projekt zur Vergangenheitsbewältigung des Bürgerkrieges. Bernard unterrichtet ebenfalls an der LAU (Lebanese American University).
Sie durchsuchten die Wohnung nach versteckten Personen und Waffen und führten sie aus dem obersten Stock des Gebäudes auf die Straße, angeblich um ihre Pässe zu inspizieren. Dort hatten sie bereits 15 andere Hausbewohner und junge Männer aufgereiht und die Hände auf den Rücken gebunden. Diana beschrieb die Szenerie als laut und gewalttätig und sie erwartete jeden Moment Zeugin einer Erschießung zu werden. Sie selbst wurden jedoch verschont und angewiesen sich auf der anderen Straßenseite hinzusetzen. So blieb ihnen nichts anderes als zuzusehen. Es gab wohl einige Schläge aber es fielen keine Schüsse. Wie im Hezbollah-Nachrichtensender Al-Manar verlautbart, wurden verhaftete Mustaqbal-Milizionäre entwaffnet und der Libanesischen Armee übergeben.
„Go, defend your neighbourhood!”
Wir haben uns erneut in Jonathans Wohnung versammelt und über unsere nächsten Schritte beratschlagt. Jonathan, Diana und Kathy entschieden sich, Beirut zu verlassen und in den Bergen in dem nahe gelegenen Mansourie bei einem Bekannten unterzukommen und erst einmal abzuwarten. Bernard und Sarah wollten ihre Wohnungen in Hamra nicht verlassen, lange Fahrten und das Risiko nicht mehr zurück zu kommen, nicht in Kauf nehmen. Wir überzeugten sie davon, in der ein- oder anderen Wohnung zusammen zu bleiben. Ich habe mich entschieden in meine Wohnung nach Gemayze zurück zu fahren. Aziz, ein junger Mann aus Jonathans Nachbarschaft mit einer weißen Mercedes S-Klasse und Nummernschild aus Dubai bot mir an, mich auf “die andere Seite” zu fahren. Nur über komplizierte Umwege fanden wir einen unverschütteten Zugang nach Ostbeirut. Auf der Fahrt erklärte er mir, dass Hariri in schierer Verzweifelung agiert habe. Allein in seiner Nachbarschaft hätten sie fünf Jungs in der Nacht verloren. Nicht alle von ihnen volljährig. Man hätte ihnen Gewehre gegeben und sie auf die Straße geschickt mit den Worten „Go, defend your neighbourhood!”. Und das gegen die wohl trainierte Miliz der Hezbollah, die mit Hundertschaften eingerückt wäre. Libanon sei ein schönes Land, aber als Libanese könne er sich nur schämen. Wir bogen in Gemayze ein, in die Straße der Bars und des Nachtlebens. Er setzte ein betrübtes Lächeln auf und sagte nostalgisch: „what a lovely road.”
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Andreas Wischnat (27) studiert seit September 2006 in Beirut in einem Mastersprogramm für Middle Eastern Studies an der angesehenen Elite-Universität AUB (American University of Beirut).
Wahl im Libanon: “Die politische Lage ist absolut fragil”
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