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Kultur

Ein Robin Hood gegen den Werteverfall?

Sonntag, den 11. Mai 2008 um 20:51 Uhr von Julien Germain
Braucht Deutschland einen Robin Hood? Photo: screenshot (via sevenload.com)

Muschi Meyers Montagsmotto / 20. Woche 2008

- Hilf mir mal bitte, Julien! “Sittliches Verständnis” mit fünf Buchstaben, beginnt mit einem “E”…Muschi Meyers Kreuzwortrunde im strahlenden Sonnenschein auf Balkonien, schau an… Was sagst du? Fängt mit “E” an? Vom scheinbar vorhandenen “sittlichen Verständnis” der Leute her gesehen, müsste “ELEND” gut passen.

- Sehr witzig - nee, sag mal, was kann das sein?

“ETHIK” ist da wohl eher das richtige Wort.

- Hast recht, passt genau.

Und sowas wird heute noch im Kreuzworträtsel gefragt? Das ist ja für die heutige Gesellschaft eine richtige Herausforderung, die ja teils im andauernden Werteverfall Deutschlands aufgewachsen ist und gar nichts Anderes mehr kennt.

- O weh, ich merke schon, das artet mal wieder zur Diskussion aus. Jetzt erzähl’ mir bloß mal, welchen Werteverfall du meinst.

Es geht um die Werte, die vor noch nicht all zu langer Zeit für die Gesellschaft Bestand hatten und ein Garant für das gesunde Miteinander waren. Ich denke da zum Beispiel an “soziale Gerechtigkeit”.

- Und was soll das sein, soziale Gerechtigkeit?

Ich hab’s befürchtet. Dieser Begriff ist selbst dir nicht so richtig geläufig, nicht wahr? Also: Soziale Gerechtigkeit bedeutet etwa, dass jemand, der es nicht verdient hat, anderen Menschen gegenüber auch nicht übervorteilt wird. Gleiche Rechte und gleiche Pflichten für alle.

- Du meinst, es gibt Länder, in denen die Gesellschaft so etwas praktiziert?

Ja, natürlich. Das ist doch die Grundvoraussetzung dafür, dass die Bürger des Landes überhaupt schon mal ein Gefühl für so eine Art Gerechtigkeit bekommen. Woher sollen sie es denn wissen, wenn sie selbst durch ihre Staatsführung vorher niemals gerecht behandelt wurden?

- Das frag’ ich mich auch. Aber ich erinnere mich gerade: In der Schule haben wir damals durchgenommen, wie es die Engländer seinerzeit gelernt hatten, was Gerechtigkeit bedeutet. Da gab es doch diesen “Robin Hood”, der nahm es den Reichen und gab es den Armen…

Stimmt genau. Nur für unsere Begriffe wäre das, was Robin Hood gemacht hat, sowohl gerecht als auch kriminell. Er bemächtigte sich faktisch fremden Eigentums, um dieses an die Bedürftigen zu verteilen.

- Nur mit dem Unterschied, dass man es den armen Bürgern vorher durch die Regenten anhand einer steten Steuerausbeutung schon widerrechtlich abgenommen hatte. Hier dürfte wohl der Begriff “Eigentum” eine eher denkwürdige Bedeutung bekommen.

Na gut, was bedeutet schon “Eigentum”. Eigentum ist doch ohnehin nur eine Leihgabe, etwas, das wir nicht wirklich besitzen können. Wir können es zu irgendeinem Zweck nutzen, so lange wir es besitzen oder so lange wir am Leben sind. Danach gehört es immer jemand anderem. “Eigentum” kann also immer nur zeitlich begrenzt sein. Aber das Thema mit der Steuerausbeutung zu Zeiten Robin Hoods zeigt wirkliche Parallelen zur heutigen Zeit in Deutschland.

- Na logisch. Und deshalb kann der Deutsche auch nicht wissen, was Gerechtigkeit ist. Ich denke, dass Deutschland so einen Robin Hood braucht, der für eine gerechtere Verteilung steht.

Ja, Betty, so ein Robin Hood scheint aber wie ein Sechser im Lotto zu sein. Finde ihn erst einmal und wir hätten den zweiten Wert unserer verloren gegangen Werte in Deutschland zurück erobert. Selbst weitere Werte, wie Moral und soziale Verantwortung wären damit zu gewissen Teilen wieder zurückgeholt worden.

- Wobei ich unter sozialer Verantwortung vor allem verstehe, dass ich meine moralischen Aufgaben insbesondere in Bezug auf hilfsbedürftige Personen und Schutzbefohlene wahrnehme.

Soziale Verantwortung ist ein sehr breites Feld. Sie ist hinsichtlich der Pflegefälle und auch der Kinder in Deutschland wirklich nicht besonders ausgeprägt. Für manche Mütter oder Elternpaare wäre es sicherlich ratsam, bereits vor der Zeugung von Kindern einmal darüber nachzudenken, ob sie der bevorstehenden Erziehung und auch dem finanziellen Aufwand überhaupt gewachsen sind und gerecht werden können. Sind sie dazu bereit und in der Lage, ihren Kindern all das zu bieten, was für ihren künftigen Lebensweg notwendig erscheint? Das ist doch ein ganz wichtiger Punkt, eine Frage, die sich nicht viele zu stellen scheinen.

- Ja, das meine ich vor allem. Für die Alten nimmt man sich keine Zeit mehr und für die Kinder fehlt es weit und breit an Erziehungskompetenzen, so dass in den Fernsehmedien schon die “Super-Nanny” dafür herhalten muss, den Eltern zu zeigen, wie man seine Kinder in den Griff bekommt. Nur eine Super-Nanny wird spätestens dort keinen Einfluss mehr auf die Erziehung von Kindern haben, wo das soziale Umfeld von vornherein nicht stimmt.

Und genau dort, wo das soziale Umfeld nicht mehr stimmt, sind uns ja schließlich weitere Werte der Gesellschaft verloren gegangen. Hier sind die zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen häufig so groß, dass wir von der anstrebenswerten Gewaltfreiheit und dem Gewaltverzicht schon überhaupt gar nicht mehr reden können. Sehr eng damit verbunden sind zudem weitere Werte, wie vor allem Toleranz und die Achtung der Würde eines Menschen, sowie die damit einhergehende Gesetzes- und Verfassungstreue.

- Was du nicht sagst… Dann sollte man diesen Menschen erst einmal beibringen, was Werte wie Gesetzes- und Verfassungstreue, Gewaltverzicht, Toleranz und Würde überhaupt bedeuten. Glaubst du vielleicht, Vater Müller aus Block C der Trabantenstadt, der seine Arbeitslosigkeit mit ein paar Hobeln Bier pro Tag ’runterspült und seine Aggressionen an der Familie auslässt, würde sich jemals Gedanken darum machen? Möglicherweise regt er sich höchstens über die Würde auf, die er als Arbeitslosengeld II-Empfänger im Rahmen der staatlichen Behandlung längst verloren hat. Und was heißt schon “Toleranz”? So lange ich denken kann, hatte speziell Deutschland ein äußerst großes Defizit an der Übung von Toleranz. Wer nicht so dachte und handelte, wie der Intolerante selbst, wurde von diesem negativ bewertet, gemopt, verurteilt, verleumdet und angegriffen. Denn der Intolerante wollte der fröhlichen und vielfältigen, bunten Welt seinen langweiligen “Schwarzweiß-Stempel” aufdrücken.

Da liegt der Fehler im System. Der Staat sollte in der Tat mit gutem Beispiel vorangehen. Und er könnte es sogar, wenn ihm nicht selbst die Werte des Bildungswesens abhanden gekommen wären. Was spräche denn wohl dagegen, wenn man Langzeitarbeitslosen geeignete Bildungsmaßnahmen anböte, statt sie in kontraproduktive Ein-Euro-Jobs zu stecken? Hier könnten sie endlich erlernen, welche Werte unserer Gesellschaft wichtig sind. Aber wahrscheinlich müssten unsere Volksvertreter erst einmal selbst lernen, auf welche Weise sie wieder eine Vorbildfunktion einnehmen können, um den Bürgern gegenüber auch nur annähernd glaubwürdig zu erscheinen.

- Ha, mein Lieber, es stellt sich da wohl grundsätzlich die Frage, ob diese Werte, die wir noch als gut und erforderlich erachten, auch von der Politik gewollt sind und als solche gesehen werden. Deren Handlungsweisen nach zu urteilen, kann dies nämlich gar nicht der Fall sein.

Es kann nicht der Fall sein? Die Politiker wollen also den systematischen Werteverfall gar nicht aufhalten sondern begünstigen? Du meinst, das ist gewollt und politisch gesteuert?

- Wenn jemand vom Volk zum Volksvertreter gewählt wird, können wir wohl berechtigt voraussetzen, dass dieser Volksvertreter seine Qualitäten hat. Also wird er auch wissen, was er tut. Weshalb er es aber tut, das musst du ihn dann schon selbst fragen.

Da fällt mir doch tatsächlich ein weiterer gesellschaftlicher Wert ein, der beispielsweise vom Volksvertreter vernachlässigt wird, nämlich das Pflichtbewusstsein.

- Wie kommst du jetzt auf Pflichtbewusstsein?

Nach meinem Dafürhalten hätte so ein Volksvertreter eben die unbedingte Pflicht, die Werte unserer Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Macht er es nicht, fehlt es ihm eindeutig an Pflichtbewusstsein.

- Dann ist er ja eigentlich fehl am Platze und unsere Jugend sucht derweil nach ihren Vorbildern in der Gesellschaft und findet sie nicht.

Natürlich gibt’s so genannte “Vorbilder” für die Jugend, zum Beispiel “Tokio Hotel”. Das weiß ich von der 13-jährigen Tochter unserer Nachbarin.

- Hervorragend. Ein paar Jungs, die fast noch in der Pubertät stecken und der Tochter deiner Nachbarin mit Sicherheit sehr viel von ihrer Lebenserfahrung mitteilen können. Oder wie?

Betty, das musst du anders sehen. Natürlich kann die Tochter meiner Nachbarin nicht von der Lebenserfahrung dieser Manga-Kehlchen profitieren. Da macht’s einfach die Musik, da machen’s die coolen Typen, die sie beeindrucken.

- Ja klar, wie konnte ich das vergessen. Und da sich die Jugend ohnehin nichts mehr sagen lässt, weil sie oftmals meint, schon alles zu wissen, reichen da eben die Kenntnisse von “Tokio Hotel” völlig aus, um von der Jugend vergöttert zu werden. Und zudem gibt’s dann auch noch so kleine Berühmtheiten, wie die von den Mädchen verehrten Ochsenknecht-Söhne, die mal eben in München ein paar Fahrräder, Blumenbeete und Telefonzellen auseinander nehmen. Die “Wilden Kerle live”. Und du bezeichnest diese Typen als Vorbilder?
Also…also nicht ich bezeichne sie als Vorbilder. Es gibt faktisch keine Vorbilder oder Idole für die Jugend, die man wirklich als solche bezeichnen könnte. Aber wem sollen sie nacheifern? Etwa den Menschen, die keine Werte mehr kennen, Menschen, die sie nicht für voll nehmen, Menschen, die sie nicht fördern, Menschen, die sie nicht ausbilden?

Beginnen wir also von vorn: “Sittliches Verständnis” entspricht also dem Wort “Ethik”. Ethik aber ist einer der Werte, die bei uns nicht mehr auf der Tagesordnung stehen, da wir einen allgemeinen Werteverfall registrieren. Demnach müssen wir diesen Werteverfall umgehend aufhalten, um unseren Kindern echte Vorbilder zu bescheren.

Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob der Werteverfall nicht schon so weit fortgeschritten ist, dass überhaupt die Definition eines Vorbilds noch möglich erscheint. Da aber bekanntlich alles relativ ist, wird man sich immer irgendwelche Vorbilder schaffen, wenn man welche haben möchte. Dadurch entstehen automatisch aber auch neue Werte, selbst, wenn es die falschen sein sollten.

Ja, Julien. Und die verkehrten Werte könnten sehr gefährlich sein…

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2 Reaktionen zu “Ein Robin Hood gegen den Werteverfall?”

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  1. Ingo

    am 12. Mai 2008 um 00:02 Uhr | Link | Kommentar melden

    Wunderbar, wie immer. Politiker beklagen ja gern den Werteverfall der Jungend, Rücksichtskosigkeit und asoziales Verhalten. Von wem sie das wohl abgekuckt haben könnten?

  2. M. Wessels

    am 12. Mai 2008 um 10:27 Uhr | Link | Kommentar melden

    Venezuelas Präsident Chavez sieht Bundeskanzlerin Merkel als Rechtsextremistin und vergleicht sie mit Hitler. Manchmal hat das Ausland eine bessere Beobachtungsgabe als wir selbst. Damit würde sich dann auch der innere Werteverfall erklären und dass die Dinge tatsächlich politisch gesteuert sind. Die Nationalisten (Nazis) haben es eben immer verstanden, nicht für sondern gegen das eigene Volk zu arbeiten. Vielleicht wäre es sehr interessant, zu wissen, wie viele Extremisten sich in Wirklichkeit in den demokratischen Parteien verstecken und Einfluss auf die politische Gestaltung haben. Wenn Deutschland nur noch aus Ruinen besteht, werden wir es vielleicht wissen…

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