Fernsehzuschauer öffentlich-rechtlicher Nachrichtensendungen wie “Tagesschau” (Das Erste, ARD) oder “heute” (ZDF), welche sich noch immer nicht angewöhnt haben, Nachrichtentexte genauer auf ihren Wahrheits- bzw. Vollständigkeitsgehalt (schließlich ist das Weglassen wichtiger Fakten beinahe schlimmer als eine Lüge) hin abzuklopfen, dürften gehört haben, was sie hören sollten:
Aus den Parlamentswahlen in Serbien, hieß es kurz nach dem Bekanntwerden erster Ergebnisse in den Nachrichten, seien die “Proeuropäer” um Präsident Boris Tadic, “erfolgreich” hervorgegangen. Geradezu als “historisch” müsse dieser Sieg bezeichnet werden.
EU lobt die richtige Wahl der Serben überschwänglich
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Aus den EU-Hauptstädten hagelte es umgehend Glückwünsche an die Sieger. Verständlich, diese Überschwänglichkeit: schließlich schienen die Serben aus Sicht der EU endlich einmal richtig gewählt zu haben. Und, vergaßen die verantwortlichen Redakteure der Medien – wohl zum besseren Verständnis- nicht hinzufügen: dieser Sieg der “proeuropäischen” Kräfte sei gleichzeitig eine Absage der Wähler an diejenigen serbischen Politiker (z.B. Tomislav Nikolic) gewesen, welche das Land statt an die EU näher an Rußland hatten binden wollen. Weniger aufmerksame Zuschauer bekamen so verklickert, die Serben haben also die “Guten”, die “Unsrigen” gewählt. Die Botschaft: Man kann aufatmen. Aus den Serben werden bald EU-konforme Demokraten wie wir. Merke: “Die Guten” sitzen immer im Westen.
Zuckerbrot und Peitsche für Serbien
Nur so einfach ist es dann doch nicht. Solche einseitige Nachrichten implizieren es aber: Hier sind die “proeuropäischen” Serben, welche ein demokratisches Serbien nach westlichen Vorbild wollen und in die EU streben. Da die unverbesserlichen Serben, welche sich rückwärtsgewandt an Nationalismus und Rußland klammern. Beide Denkmuster gibt es tatsächlich. Serbiens Bevölkerung ist eben zutiefst verunsichert, gespalten und kann sich deshalb nur schwer zwischen den sich ihr bietenden politischen Möglichkeiten entscheiden. Und freilich haben es die Serben – hauptsächlich die jüngeren von ihnen – auch satt, noch immer zumeist am weltpolitischen Katzentisch platziert zu werden, während Nachbar Slowenien bereits in der EU und Kroatien bereits auf dem Sprung dorthin ist. Natürlich wollen auch die Serben als Europäer wie alle gelten. Und Frieden, Wachstum und Wohlstand. Doch stattdessen wurde das serbische Volk immer wieder gedemütigt. Besonders durch die von den Mitgliedsländern der EU größenteils hingenommenen bzw. geduldeten, jedoch im Kern völkerrechtswidrig erfolgten Unabhängigkeiterklärung des Kosovo. Was letztlich die dauerhafte Loslösung der südserbischen Provinz vom serbischen Mutterland bedeutet. Zuletzt noch, unmittelbar vor den serbischen Parlamentswahlen, mischte sich die EU dann auch noch dreist in den Wahlkampf ein. Brüssel lockte mit Entgegenkommen in puncto weiterer EU-Annäherung Serbien betreffend. Man wollte offenbar den “Proeuropäern” in Belgrad etwas Zuckerbrot hinschieben. Dafür, dass die Serben schluckten, das Kosovo “auf dem Altar der europäischen Zukunft zu opfern”, wie es die serbische Zeitung “Politika” sah. Aber die EU drohte auch unverblümt mit der Peitsche: liefere Belgrad die gesuchten Kriegsverbrecher nicht nach Den Haag aus, seien alle gemachten Zusagen Makulatur. Dieses Vorgehen Brüssels wiederum führte zu Verstimmungen in Serbien. Besonders, wenn solche Belehrungen ausgerechnet aus dem Umfeld des hohen EU-Politikers Javier Solana kommen, welcher seinerzeit als Nato-Generalsekretär (1995-1999) den Befehl zum Beginn der Luftangriffe auf jugoslawische Ziele gab. Noch dazu völkerrechtswidrig, ohne ein Mandat der UN dafür gehabt zu haben.
Nachrichten-”Fastfood”
Die “Proeuropäer” gewannen also die Parlamentswahlen in Serbien. So sehen es die einschlägigen westlichen Medien. Abstoßend ist es irgendwie schon, hören zu müssen, dass Politiker und Medien für politisches Wohlwollen oder gar Willfährigkeit eines Volkes solche Etiketten wie “proeuropäisch” oder “westlich orientiert” verteilen. Die einen erhebt man auf diese Weise scheinbar großzügig. Die anderen werden stigmatisiert. Die Zwischentöne fehlen. Sie wären aber gerade so wichtig, um die tatsächliche Situation zu begreifen. Ihre Nutzer in die Lage zu versetzen, diese vermittels der verbreiteten Nachrichten selbst zu erkennen, wäre die Aufgabe der Medien, von Journalismus im Allgemeinen. Stattdessen aber bekommen wir Teilwahrheiten serviert. Wir erfahren nur, was wir denken sollen. Was ins jeweilige politische Konzept passt und den wirtschaftlichen bzw. militärischen Interessen dienlich ist. Eignes Denken ist offenbar nicht mehr gefragt. Dem entgegen haben wir es wohl vermehrt mit einer Art von ungesunden Nachrichten-”Fastfood” zutun. Eine Nachrichten-Vollkost, wie sie dringend wieder nötig, und zu dem über die Maßen gesund für das demokratische Allgemeinwohl wäre, dagegen wird schmerzlich vermisst.
Der Sieg ist gar keiner
Und wie sieht die Realität im vorliegendem Falle aus: Was die EU vollmundig als “klaren Sieg der proeuropäischen Kräfte” bezeichnete und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier einen “eindrucksvollen Sieg” und eine “tragfähige Ausgangsbasis für die nun anstehende Regierungsbildung” nannte, hat die innenpolitischen Fronten in Serbien alles andere als geklärt: Zwar liegt das “proeuropäische” Parteienbündnis um Präsident Boris Tadic mit 38,8 Prozent der Stimmen vor der Serbischen Radikalen Partei, die nur 29,2 Prozent einfahren konnte, kann aber trotzdem – auch gemeinsam mit den “prowestlichen” Liberaldemokraten (5,3 Prozent) zusammen – keine Regierungsmehrheit bilden. Tadic käme so nur auf 123 von 250 Sitzen im serbischen Parlament. Insider rechnen mit langwierigen KoalitionsVerhandlungen. Eine neue Regierung dürfte somit auf sich warten lassen. Einen eindeutigen Sieger hatten die serbischen Parlamentswahlen also nicht. Aber hatte das in den deutschen Fernsehnachrichten nicht ganz anders geklungen? Die Granden der EU und die zuständigen Redakteure in den Funkhäusern machten eben aus einer Mücke einen Elefanten. Das ist längst nichts Neues: Das macht die BILD-Zeitung beinahe jeden Tag…
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