Interkontinentale Zusammenarbeit. Kanzlerin Merkel in Lateinamerika

Dem kolonialistischen Traum vom „El Dorado“ hingen nicht nur Spanier und Portugiesen an, sondern auch Deutsche. Zum einen haben die deutschen Bank- und Handelshäuser der Fugger und Welser die Conquista Lateinamerikas im 16. Jahrhundert finanziert, zum anderen waren die Welser auch aktiv an der Exploration vor Ort beteiligt, da der

gjzj1.pngDem kolonialistischen Traum vom „El Dorado“ hingen nicht nur Spanier und Portugiesen an, sondern auch Deutsche. Zum einen haben die deutschen Bank- und Handelshäuser der Fugger und Welser die Conquista Lateinamerikas im 16. Jahrhundert finanziert, zum anderen waren die Welser auch aktiv an der Exploration vor Ort beteiligt, da der säumige Kaiser Karl V. ihnen 1528 die Verwaltung Venezuelas übertrug, verbunden mit dem Handelsmonopol auf den lukrativen Märkten für Sklaven, Gold, Perlen, Farbstoffe, Edelhölzer und Arzneimittel.

Weil die Augsburger Banker jedoch mehr dem spekulativen Hype um das sagenhaften Goldreich „El Dorado“ hinterher hechelten als sich um reale Handelsgeschäfte zu kümmern, scheiterte die Mission politisch und ökonomisch. Die kostspieligen militärischen Entradas der Welser unter Georg Hohermuth und Philipp von Hutten, die in einem von der Konzernzentrale ungehemmten Expansionsdrang erfolgten, sorgten für einen zunehmenden Interessenkonflikt zwischen den spanischen Herren des Landes und den deutschen Verwaltern. Bereits 1546 wurde der Kronvertrag wieder gekündigt.

Ausgerechnet um das kurzzeitig unter deutscher Verwaltung stehende Venezuela wird Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer Lateinamerika-Reise vom 13. bis 19. Mai einen großen Bogen machen. Und womit? Mit Recht. Denn auch heute wäre in dem Karibikstaat politisch und ökonomisch nichts zu erreichen, zu sehr hat sich Präsident Chávez mit seinem platten Anti-Amerikanismus ins Abseits gestellt; jüngste Andeutungen über eine Verbindung von Merkels CDU zum politischen Programm des Nationalsozialismus tragen ebenfalls nicht zum Aufbau von Vertrauen bei. Einen anderen – einen ganz anderen! – Grund dürfte es haben, dass Merkel ihre Kolleginnen Kirchner (Argentinien) und Bachelet (Chile) nicht besucht, stehen diese doch für das „andere“, nicht vom extremen Linksruck be- und getroffene Lateinamerika, das mit politischem und wirtschaftlichem Pragmatismus den Anschluss an Nordamerika und Europa sucht. Vielleicht fehlt ja einfach die Zeit.

Mit dem Süden Amerikas zusammenzuarbeiten, ohne den Norden Amerikas zu brüskieren

Eine kompromissbereite Gesprächskultur dürfte Merkel aber auch in Brasilien erwarten, dem ersten Ziel ihrer Reise (13./14. Mai). Mit Präsident Lula da Silva wird sie über die WTO und den Klimawandel (Stichwort: Biosprit) debattieren. Der Dialog wird längst auf Augenhöhe geführt, denn das riesige Brasilien ist mit seinen fast 200 Mio. Einwohnern eine aufstrebende Wirtschaftsnation und kommt in der Hierarchie der neureichen Globalisierungsgewinner gleich hinter China und Indien. Für die Bundeskanzlerin gilt es danach, auf dem EU-Lateinamerikagipfel in der peruanischen Hauptstadt Lima (15./16. Mai) gesamteuropäisch Verantwortung zu übernehmen, die in dem Spagat besteht, mit dem Süden Amerikas zusammenzuarbeiten, ohne den Norden Amerikas zu brüskieren, was bedeutet, wirtschaftliche Projekte zu fördern, ohne damit politische Programme zu unterstützen. Dem konservativen Uribe im Kampf gegen Drogenkriminalität und Guerilleroterror der FARC Mut zu machen, dürfte Ziel und Zweck der anschließenden Stippvisite in Bogotá (Kolumbien) sein. Merkels Reise endet in Mexiko (18./19. Mai), wo ihr Präsident Calderón, ein Wirtschaftsexperte, wird erklären müssen, warum trotz der international vielgepriesenen strukturpolitischen Fortschritte die Fluchtbereitschaft seiner Landsleute ungebrochen ist.

Das Besuchsprogramm macht deutlich, dass Merkel die konservativen und wirtschaftsfreundlichen Kräfte gegen den sozialistischen Trend stärken will. Wie zuhause. Vielleicht wird Merkel aber auch merken, dass steigender Lebensstandard die Unzufriedenheit mit sich selbst und das Misstrauen gegenüber den „Gringos“ nicht beseitigen kann und dass die Mischung aus Unzufriedenheit und Misstrauen eine stete Gefahr für diesen Teil der Welt bedeutet. Zwar hat der wirtschaftliche Fortschritt dazu geführt, dass Länder, in denen Militärputsche jederzeit möglich waren, heute einigermaßen stabile Demokratien sind, dass mit den ABC-Staaten eine mächtige Trias entstanden ist, die man nicht nur im Fußball ernst nehmen muss, dass auch die Spannungen untereinander abnehmen und dass sie, wenn es sie denn doch mal gibt, wie jüngst zwischen Ekuador, Kolumbien und Venezuela, auf diplomatischem Wege friedlich beigelegt werden.

Identitätskrise – Die Bürde der Kolonialvergangenheit

Doch das Grundproblem liegt woanders. Es betrifft die Frage der Identität. Es ist dieses Nichtwissen um das Eigene, dass den Umgang mit dem Anderen erschwert. Offenkundig ist es diese tiefe Identitätskrise, die den Anti-Amerikanismus nährt, dieses fehlende Selbstbewusstsein, das mit vorlauten Sprüchen überdeckt wird. Noch offenkundiger ist, dass solches Befinden viel mit der Kolonialvergangenheit zu tun hat, denn die Kolonialisierung hat den Kontinent seiner Kultur und die Menschen ihrer Würde beraubt. Die interkontinentale Zusammenarbeit zwischen Europa und Lateinamerika muss daher eine Einwirkung ohne Einmischung sein. Mehr noch als darauf bedacht zu sein, den Bündnispartner USA nicht zu brüskieren, muss es also darum gehen, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen.

Kommentare

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  1. Die Kolonialisierung hat den Kontinent seiner Kultur … beraubt?

    Falsch, “Los Colonos Alemanes” z.B. zusammen mit alle anderen Einwanderer haben die Kultur Chiles und des Kontinents bereichert.
    Ich selber habe lesen und schreiben in der Deutsche Schule Valparaiso gelernt.
    Oder haben etwa die Colonos Alemanes als deutschen Einwanderer Süd Chile nicht kolonializiert?
    Und bezuglich kulturelle Bereicherung, allein in Bereich der Musik ist Lateinamerika das reichstestes Kontinent dieses Planet.