Am Sonntag um 15.48 Uhr war die Welt in Ordnung. Genau genommen hätte sie kaum besser sein können – vielleicht, aber nur vielleicht, wäre der Gewinn der Deutschen Meisterschaft für den 1.FC Köln noch ein wenig frenetischer bejubelt worden. So aber gab es „nur“ den Aufstieg in die 1. Bundesliga in der Domstadt zu feiern, das aber wurde in klassisch rheinischer Manier erledigt. Doch lange dauerten die Feierlichkeiten nicht an – der schon lange schwelende und jetzt aufbrechende Konflikt zwischen Vereinsführung und Trainer Christoph Daum ist der guten Stimmung alles andere als förderlich.
Ruhmreiche Jahre mit Daum
Viel ist schon geschrieben und gesagt worden über das leidenschaftliche Verhältnis der Anhänger zu ihrem Verein im allgemeinen und zu Trainer Daum insbesondere. In Zeiten medialer Zuspitzungen und einer zunehmenden Boulevardisierung der Medien verkauft sich die Geschichte der Fans vom Rhein, die angeblich schon beim kleinsten Anzeichen von Erfolg trotz Zweitligazugehörigkeit von der Champions League träumen und vom “Messias” Christoph Daum Heilung durch Handauflegen erwarten, immer wieder gut.
Tatsächlich kamen vor anderthalb Jahren beim ersten Training Daums zehntausend Menschen ins Stadion und tatsächlich waren die Hoffnungen groß. Schließlich erlebte der FC in den späten Achtzigern unter Daum die letzten Jahre einer bis dahin ruhmreichen Zeit. Zwei Vizemeisterschaften erreichte Köln mit Trainer Daum, bevor er unter merkwürdigen Umständen vom damaligen Präsidium entlassen wurde. Und in der nachfolgenden, bis heute andauernden, bleiernden Zeit mit vier Abstiegen in den letzten zehn Jahren und der Etablierung als Fahrstuhlvereins geisterte wieder und wieder der Name Daum durchs Geißbockheim, während die diversen Präsidien unter dem Druck der Kölner Medienlandschaft einen Trainer nach dem anderen verschlissen.
Alle waren glücklich
Als sich nun vor anderthalb Jahren die Chance ergab, Daum zurück zu holen, setzten Präsident Wolfgang Overath und Manager Michael Meier alles daran, den Traum wahr werden lassen. Und alle waren glücklich. Die Fans und die Medien, weil der „Heilije Christoph“ wieder da war, der doch Erfolg und mediale Präsenz versprach; der Präsident, weil es ihm nach nicht immer glücklichen Griffen zuvor gelungen war, den Trainer in die zweite Liga zu locken und Daum, nach seiner Kokainaffaire in Deutschland als Trainer lange untragbar, weil er wieder Fuss fassen konnte in Deutschland, noch dazu bei dem Club, bei dem er einst groß geworden war und dem er sich nach eigener Auskunft immer noch mit „Herzblut“ verbunden fühlt.
Doch offenbar erkaltete die Liebe schnell. Für die Fans des Vereins langsamer, bei ihnen kamen erst kritische Stimmen auf, als auch in der zweiten, also gerade ablaufenden Saison der Erfolg lange auf sich warten ließ. Zwar verlor der FC nie den Kontakt zur Spitze und damit zu den Aufstiegsplätzen, doch selten konnte die Mannschaft überzeugen. Spielerische Klasse bewies die für Zweitligaverhältnisse hochklassige Mannschaft nicht so häufig wie erhofft. Glaubt man Gerüchten über Kabinenprügeleien, so fand das im Sommer von Daum zur Chefsache gemachte Teambuilding nur höchst zäh statt und als dann noch vor wenigen Wochen zwei Spiele gegen Absteiger, die schon gewonnen zu sein schienen, unentschieden ausgingen, schien für aufmerksame Beobachter die Sache klar zu sein: Daum verläßt den Verein im Sommer. Bei einem Nichtaufstieg wäre das wohl so oder so geschehen, aber auch bei einem zu dem Zeitpunkt unwahrscheinlichen Gelingen des Unterfangens standen die Zeichen der Zeit auf Trennung – die Impulse dazu gingen allerdings eher von Daum aus, der wohl in seinem bis 2010 gültigen Vertrag eine halbjährige Austiegsklausel stehen hat.
Drei Spiele, drei Siege und alles sieht anders aus
Doch dann kam die letzte Woche, und mit ihr drei Spiele, die der FC alle überzeugend gewann, unter anderem gegen die direkten Mitkonkurrenten aus Mainz und den Hoffenheimer Retortenclub. Plötzlich war aus dem zusammengewürfelten Haufen eine Mannschaft mit Herz geworden und nicht wenige sehen Daums unbestrittene Fähigkeit als Motivationskünstler dafür verantwortlich. Das stellt nun die Vereinsführung unter Präsident Overath, selbst ein Kölner Idol, vor ein Problem. Denn offenbar hatte man sich auch dort schon längst mit einer Neuorientierung in Sachen Cheftrainer abgefunden. Und, wie es scheint, war man auch nicht ganz unglücklich mit der Aussicht in Zukunft nicht mehr mit Daum zusammen zu arbeiten. Denn wie es die Kölner Spatzen mittlerweile von den Dächern pfeifen, haben sich schon frühzeitig Gräben zwischen der Führungsclique um Overath und dem Trainergespann Daum und Cotrainer Koch aufgetan.
Klüngel at its best
So war Daum angeblich bei dessen Amtsantritt versprochen worden, dass er Einfluss auf den wichtigen Posten des Chefscouts habe – tatsächlich wurde aber der Vertrag mit dem damaligen Chefscout Stephan Engels verlängert, ohne Absprache mit Daum versteht sich. Engels gehört zum Klüngel rund um Overath – eine kölsche Eigenschaft, die dem Verein von Overaths Vorgänger Caspers, von Fans und Medien aufgrund seiner Nüchternheit und Sparfreudigkeit ungeliebt, schon fast ausgetrieben worden war, vom amtierenden Präsidenten aber mit voller Wucht wieder installiert worden ist. Stimmen, die Engels, eine positive Bilanz als Scout ausstellen, sucht man vergebens, ob unter den Fans oder in den Medien, und das ist noch freundlich ausgedrückt. Trotzdem und gegen den ausdrücklichen Wunsch des Trainers blieb Engels bis zum heutigen Tag auf seinem Posten – Klüngel at its best.
Dieses und andere Vorkommnisse, deren Aufzählung hier den Rahmen sprengen würden, scheinen Christoph Daum amtsmüde gemacht zu haben. Stimmen aus dem Umfeld des Trainers berichteten davon, die Entscheidung gegen Köln sei schon längst gefallen. Doch Daum ist vor allem eins: Ein emotionaler Mensch. Und so scheint es derzeit, als sei der Kampfeswille in dem Trainer wieder erwacht, angefacht durch den plötzlichen Aufschwung in der Mannschaft, die neu entbrannte Liebe der Fans zum Aufstiegsmacher und die höchst emotionale Aufstiegsfeier am Sonntag.
Ein Showdown in zwei Akten – bislang
Und so entzündet sich langsam, was schon lange schwelt und die Stadt am Rhein, wie sie nun einmal ist, hält den Atem an. Im ersten Akt des Showdowns erzählte Präsident Overath direkt nach dem aufstiegsentscheidenden Spiel gegen Mainz, die Mannschaft habe „eine schlechte Saison“ gespielt. Über die Saison betrachtet nicht unrichtig, Minuten nach dem erlösenden Spiel aber mindestens höchst unglücklich. Daum hingegen erschien nach den ersten Feierlichkeiten auf dem Rasen des Kölner Stadions mit betrübter Miene zur Pressekonferenz. Und während der Präsident davon sprach, dass nun eine Entscheidung über die Zukunft des Trainerpostens vorgezogen werden müsste, da „es nicht länger unter dem Deckel gehalten werden könne“, ließ Daum über den Verein ausrichten, er sei erst in der nächsten Woche, nach dem abschließenden Spiel gegen Kaiserslautern, zu Gesprächen bereit.
Auftritt: Die Boulevardmedien
Akt Zwei erfolgte dann über die in Köln allseits präsenten Boulevardmedien. Während am gestrigen Dienstag die Bild-Zeitung bundesweit Daums Rücktritt als beschlossene Sache verkündete und nach seinem Nachfolger suchte – Volker Finke, Mirko Slomka oder doch Jürgen Klopp? – blies Daum zum Gegenangriff. Zunächst war er im Interview mit seinem Intimus Rainer Callmund auf dessen Internetseite calli.tv zu sehen, wo er sich bitter über die Vereinsführung beklagte: „Jeder Verein hat seine spezifischen handelnden Personen und Probleme“, sagt der Trainer da, mit diesen „handelnden Personen“ habe er „immer wieder versucht, gewisse Prinzipien des Erfolgs zu diskutieren und durchzubringen. Aber das war nicht möglich.“ Das aber war nur der Auftakt. In der Boulevardzeitung Express, die in Köln noch wichtiger ist als die Bild, verkündete er heute (in der Printausgabe, online schon gestern) in seiner eigenen Kolumne: „An dieser Stelle muss ich alle irren Spekulationen beenden: Selbstverständlich will ich weiter beim FC bleiben.“. Um Geldsummen ginge es nicht, betont er, aber jeder Stein müsse umgedreht werden und weitere strukturelle Veränderungen seien unbedingt erforderlich – Scoutingabteilung, ick hör dir trapsen.
Natürlich ist es möglich, dass Daum sich nur einen angenehmen Abgang verschaffen will. Der schwarze Peter liegt zur Zeit bei Overath, denn sollte am Ende der Gespräche eine Trennung stehen, so ist für die Fans zum jetzigen Zeitpunkt – wer weiß, was der morgige Tag und die morgigen Boulevardzeitungen bringen – der Schuldige der Präsident. Wahrscheinlicher aber geht es Daum um die realistische Chance, seine Reputation als Trainer in Deutschland wieder vollends her zu stellen. Bleibt er Trainer in Köln und steigt der Verein, wie so oft in den letzten zehn Jahren, sofort wieder ab, so bleibt auch der Trainer Daum auf der Strecke. Wenn aber, wie die Kölnische Rundschau wissen will, die von Daum angeblich geforderten, 20 Millionen in die Manschaft investiert werden und es ihm tatsächlich gelingt, den Verein in kürzester Zeit mit Blick nach oben wieder in der Bundesliga zu etablieren, ist sein Ruf gerettet – und der Verein, an dem ihm soviel liegt, auch. Vor solchen Forderungen aber schreckt das Präsidum zurück, nicht ganz zu Unrecht – was, wenn in dieser Größenordnung investiert wird, aber das Unternehmen trotzdem schief geht?
Eine Zusammenarbeit könnte Großes gebären
Das für den Verein wirklich Tragische ist, das beide Seiten wichtig für ihn sind. Der Repräsentant Overath ist aufgrund seiner Popularität und seiner Kontakte von großer Wichtigkeit für den Verein. Der Trainer Daum ist es für die dringend nötige sportliche Weiterentwicklung. Dass die Strukturen des Vereins einer dringenden Generalüberholung bedürfen, steht außer Frage, insbesondere der Klüngel um Overath muss abgebaut werden. Dass bei aller Investionsfreudigkeit der Verein im Falle des immer möglichen sportlichen Misslingens nicht gegen die Wand gefahren werden darf, ist auch richtig. Es wäre alles so einfach, wenn alle Beteiligten miteinander arbeiten würden, statt gegeneinander. Ob das allerdings bei den Sturköpfen Daum und Overath möglich ist, muss bislang bezweifelt werden. Und so steht zu befürchten, dass beim Showdown der beiden Protagonisten der Verein auf der Strecke bleibt. Die Freude über den Aufstieg ist es schon fast.
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Guter Artikel. Wir haben den Text in der Bürgerzeitung Köln (bz.koeln.de) veröffentlicht (natürlich mit Autor- und Quellen-Angabe), damit wird er auch auf http://www.koeln.de angerissen.