Wenn bestialische Straftaten bekannt werden wie die von Kürten, Haarmann, Charles Manson oder jetzt Josef Fritzel, fragen sich Psychologen, Richter und Laien immer wieder neu, ob nicht eine erbliche Anlage der Grund für solch unverständliche Grausamkeiten ist. Wären solch grausige Verbrechen angeboren, könnte das zwar die Schuld der Täters aufheben oder mindern, was der Volksseele und den Konservativen unter den Experten gar nicht behagte. Alle braven Bürger, die diese Erbanlage nicht haben, könnten sich aber mit Wilhelm Buschs Worten aus der Frommen Helene zurücklehnen und sagen: “Da bin ich aber wirklich froh, denn Gott sei Dank ich bin nicht so!”
Die immer neue Beschäftigung mit dem alten Thema der Vererbung krimineller Anlagen ist allerdings alles andere als müßig.
Schließlich sind die Neurowissenschaften der Lösung des Themas auf der Spur. Wo bisher nur die Philiosphie oder psychologische Hypothesen zum Zuge kamen, werden heute konkrete naturwissenschaftliche Phänomene ins Spiel gebracht wie die Macht der Gene und der Einfluss der Hormone auf das organisch und funktional immer überschaubarer gewordene zentralnervöse Organ des Menschen, den Sitz allen Wahrnehmens, Denkens, Fühlens und Handelns: das Gehirn.
Und schon hat die Wissenschaft den Übeltäter erwischt: es ist das Mao-A-Gen, das auf einem der beiden X-Chromonsome unserer DNA liegt. Ein Drittel aller Menschen haben ein schwächeres Mao-A-Gen, das weniger erfolgreich sein soll in der Herstellung eines Enzyms, das angeblich für die Kontrolle von Hormonen wie Adrenalin, Dopamin und Serotonin zuständig sein soll (Mao= Monoaminooxidase). Das Mao-A-Gen mit kürzerem Molekülschwanz soll zu wenig von diesem Enzym bereitstellen. Dadurch erhöht sich angeblich der Spiegel der Hormone Adrenalin, Dopamin und Serotonin, wodurch die Impulsivität und die Bereitschaft zur Gewalt erhöht werde. Frauen haben damit wohl weniger zu tun, weil sie auf ihrem zweiten X-Chromosomenstrang ein “normales” weiteres Mao-A-Gen haben, das den Schaden begrenzt. (vgl. Forschung aktuell: dradio.de vgl. auch: science.orf.at.)
Aber irgend etwas stimmt an der Erklärung nicht, denn fast allgemein wird in der Endokrinologie angenommen, dass ein Absinken des zerebralen Hormonspiegels beim Serotonin der Auslöser für Aggressionen ist. (vgl. uni-koeln.de)
Das Neurohormon Serotonin ist nach sicherem Wissen das Anti-Stress-Hormon, ohne das es dem Menschen in Stressituationen einfach nicht gelingt, die sog. Stresskaskade aus den sich aufschaukelnden Stresshormonen Adrenalin, CDH, Cortisol und Noradrenalin zu beenden. Serotonin wird auch das “Sozialhormon” genannt, weil nach umfangreichen Boobachtungen die Verbesserung über seine Verfügung zu mehr Besonnenheit und Toleranz führt. Schließlich ist Serotonin auch das Anti-Suizid-Hormon. In den Ländern des hohen Nordens, in denen die Dunkelheit im Winter der natürlichen Synthese von Serotonin entgegensteht, registriert man daher auch eine viel höhere Suizidalität.
Gleich wie man es erklärt, gesichert ist, dass die kurzschwänzige Version des Mao-A-Gens unverhältnismäßig häufig bei gewalttätigen Kriminellen gefunden wurde.
Statistische Untersuchungen haben zudem ergeben, dass bei Gewalttätern regelmäßig zu der ungünstigen erblichen Veranlagung frühkindliche traumatische Erlebnisse hinzukamen. Die durch die Genschwäche ausgelösten Abweichungen funktionaler Natur im Verein mit den traumatischen Erlebnissen haben zweifellos in der Entwicklung des Menschen zu ungewöhnlichen neuronalen Verknüpfungen geführt. Bei offenbar gefühlskalten Schwerverbrechern wie Josef Fritzel, die ihre ruchlosen Taten akribisch planen, ist mit messbaren Veränderungen von Teilen des Stirnhirns wie auch der limbischen Region zu rechnen. Beispielsweise führen Fehlfunktionen in der Amygdala, dem uralten Schreckensgedächtnis des Menschen im Limbischen System, dem Ort der Gefühle, zu der Unfähigkeit, Mitleid mit anderen Menschen zu empfinden. Bei ihnen ist die Kommunikation zwischen dem oberen und dem unteren Teil des Stirnhirns reduziert.
“Der obere, dorsolaterale Teil, der Verstand und Intelligenz steuert, hat beim Gewalttäter nur eine schwache Verbindung mit dem unteren, orbitofrontalen Teil, in dem soziale Kompetenz und moralisches Empfinden sitzen. Es findet keine Kontrolle der Intelligenz statt”, erklärt der Bremer Hirnforscher Prof. Dr. Roth. “Man könnte auch sagen, ein Bereich des Hirns plant mit hoher Intelligenz und Raffinesse die grausamsten Taten. Während der für die Moral zuständige Teil dazu schweigt und keinen Einspruch erhebt, wie es bei jedem normalen Menschen der Fall wäre.” (vgl.berlinonline.de)
Es ist anzunehmen, dass die fehlende Verfügung über das zerebrale Serotonin ein maßgebender Grund ist für die fehlende Koordination dieser beiden wichtigen Hirnbereiche. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass unser Gehirn nicht hierarchisch organisiert ist. Zwar haben wir ein zentrales Bewusstsein, das uns an ein einheitliches kohärentes Ich glauben lässt. Das Gehirn besteht aber aus vielen autonomen lokalen Zentren mit jeweils eigener Steuerung und nur unvollständiger Anbindung an andere solcher lokalen Zentren, z.B. arbeiten Wahrnehmungszentren, Sprachzentren und Mobilitätszentren jedes für sich. Nur durch übergreifende Systeme, allen voran das serotonerge System als das effektivste von ihnen, kommt es zu einer Vereinheitlichung des ganzen Gehirngeschehens. Ausgehend vom Mittelhirn ziehen sich die Fortsätze seiner Nervenzellen wie ein riesiger
“Projektionsbaum” in alle Areale des Gehirns. An ihren Enden, den serotonergen Praesynapsen, schütten sie drei bis fünf Mal in der Sekunde ihren Botenstoff Serotonin aus, der den Erregungszustand der nachgeschalteten Nervenzellen beeinflusst. Damit übt das serotonerge System einen jederzeit präsenten großen Harmonisierungseffekt auf alle Aktivitäten in den getrennt operierenden lokalen Netzwerken. Nur während des Traumschlafes ruht die Aktivität dieses serotonergen Systems. (vgl. Prof. Dr. Gerald Huether in cyberdoktor.de)
Leichte Defizite in der Verfügung über diesen wahrlich wunderbaren Stoff Serotonin führen beim “Normalmenschen” schon dazu, dass er schlecht drauf ist, unfreundlich, unleidlich, intolerant und ungerecht. Die volle Verfügung über das “Wohlfühlhormon” Serotonin dagegen zeigt uns in allgemein freundlicher Grundstimmung, aufgeschlossen, belastbar und leistungsbereit. Niemand kann voraussagen, auf welche Weise ihn ein erheblicher Mangel an diesem Neurohormon trifft. Dem einen bringt es eine Depression ein, dem anderen eine Migräne, Panikattacken, eine Zwangs- oder Angststörung oder eine Fibromyalgie. Aggression liegt dabei oft nahe, meist besonders gegen sich selbst.
Den erblich und frühkindlich traumatisch Vorbelasteten führt sie in die Abgründe der schauerlichsten Verbrechen.
Es ist bekannt geworden, dass Josef Fritzel kein Ersttäter ist. Er ist wegen eines sexuellen Gewaltverbrechens vorbestraft, weil er mit Gewalt in eine Wohnung eingedrungen war und dort eine junge Frau vergewaltigt hatte. Man muss abwarten, ob er nicht frühkindlich selbst ein Opfer schlimmen Tuns oder großer Vernachlässigung war. (vgl. welt.de)
Die Kombination böser Erfahrungen in der Zeit der Reifung des Menschen mit unglücklicher erblicher Veranlagung führt weit in die Bereiche der Schuldunfähigkeit oder der Minderung der Schuld nach § 20 StGB. In ,”Tatort Gehirn”, vgl. Hans J. Markowitsch, Werner Siefer: Tatort Gehirn – Auf der Suche nach dem Ursprung des Verbrechens, Campus-Verlag 2007, haben Markowitsch und Siefer besonders die Gruppe der gefühlskalten Mörder unter die Lupe genommen. Josef Fritzel und Seinesgleichen weisen danach nicht die gleichen Hirndefizite auf wie Impulsivtäter, sondern offenbaren eine außergewöhnliche Gefühlsarmut und einen Mangel an Empathie. Sie sind häufig sehr intelligent. Fritzel hat immerhin eine kaum vorstellbare logistische Leistung vollbracht, indem er mehr als zwanzig Jahre lang zwei Familien unterhielt und auseinanderhielt – eine ganz normal nach außen und eine in den Katakomben seines Hauses – eine Rolle ganz nach den schauerlichen Figuren des Vincent Price. Höhere Intelligenz bedeutet aber nicht auch ein höheres Maß an Schuldfähigkeit, auch wenn unsere Gerichte in der Praxis das oft so beurteilen.
Radikale Konstruktivisten wie Prof. Dr. Roth, die glauben, dass es außer der in unserem Gehirn selbst gebildeten Vorstellung von der Welt keine Wirklichkeit gibt, tendieren dazu, den freien Willen zu negieren und mit ihm jede Fähigkeit, sich schuldig zu machen. (vgl. de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Roth_(Biologe)
Schon aus neurobiologischer Sicht ist es aber nicht gerechtfertigt, solche Sprünge zu machen. Denn in der wissenschaftlichen Diskussion muss eine neuere neurobiologische Erkenntnis erst noch verarbeitet werden: Wir wissen nämlich heute, dass es kein Zufall ist, dass ungünstige Mao-A-Gene keineswegs ohne besondere traumatische Erlebnisse kriminelle Aktivitäten begünstigen. Unsere Gene werden nämlich durch an ihnen haftende Proteine regelrecht an- und abgeschaltet. Wie das im Einzelnen gescheiht, wissen wir nicht. (vgl. mpg.de)
Ob und wieweit wir durch einen willentlichen Eingriff einen Einfluss auf diese Ansteuerung haben, ist eine offene Frage.
Vieles spricht dafür, dass wir im Zuge der Ausbildung des eigenen Charakters gar nicht nur ein Spielball der Anlagen und äußeren Einflüsse sind. Wie eine Gesellschaft aussehen sollte, die einmal ernsthaft jeden willentlichen Einfluss des Menschen selbst auf seine eigene Verfassung und sein Verhalten leugnete, mag ich mit nicht vorzustellen. Der heutige Stand der Wissenschaft jedenfalls gibt keinen Anlass, eine übermächtige biologische Determiniertheit des Menschen anzunehmen. Bei der Frage danach, was Schuld ist und wie man Gesetzesverstößen begegnen sollte, sind die schwer zu kontrollierenden biologischen inneren und von außen eindringenden Wirkungen aber gewiss korrekter einzuordenen als nach unserem überholten System von Schuld und Strafe.
Wieso versucht man, in den Genen und im Gehirn nach Ursache zu suchen die in der Seele und den Verstrickungen zwischen Seelen zu finden sind?
Und den kranken Ausdruck der durch einem Mangel an Herzensqualitäten sowie persönlicher Reife im Extremfall in solchen Kellergeschichten gipfelt.
Würde man die Familiengeschichte durchleuchten und dabei auch die letzten 2-3 Inkarnationen und die dadurch erfolgten Verstrickungen miteinbeziehen, käme man schnell auf die Kernursachen wodurch das Drama entstanden ist.
Klar bedeutet ein Inkarnationstrauma nicht das es so enden muss, aber eine Lösung kann es sein, hier mal hinzuschauen. Nicht nur bei den Schwerkalibern, auch bei sich selbst.
Alles Liebe