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Politik

“Libanon steht kurz vor dem “point of no return”" – Ein Interview

Donnerstag, den 15. Mai 2008 um 17:02 Uhr von Felix Kubach

Andreas Wischnat, AUB - Student

Als die Kämpfe im Stadtinnern von Beirut plötzlich offen eskalierten, war Andreas Wischnat, Student an der American University of Beirut (AUB), unfreiwillig live dabei. Seine Eindrücke schilderte er in einem schockierenden Erlebnisbericht “Notizen am Abgrund”. Mittlerweile hat sich die Lage etwas beruhigt und ich konnte ihn zur gegenwärtigen Situation in Beirut befragen.

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RE: Ein paar Tage nach Ausbruch offener Kampfhandlungen - wie ist die Lage in Beirut?

Wischnat: Die Milizionäre sind zunächst einmal runter von der Straße und die Armee hat Stellung bezogen. Aber die Ruhe in Beiruts Straßen ist trügerisch. Hier ist noch nichts vorüber. Universitäten und Schulen bleiben noch geschlossen. Viele Familien haben sich in ihre Dörfer zurück gezogen. Alles wartet jetzt nervös auf die Reaktionen der politischen Führer und die Vermittlungsbemühungen der Arabischen Liga.

RE: Welche Einschränkungen ergeben sich im Tagesablauf für Dich?

Wischnat: Mehr als die physischen Einschränkungen wirkt die unterschwellige Anspannung. Es ist nicht leicht sich auf etwas anderes zu konzentrieren, als aktuelle Ereignisse in den Nachrichten zu verfolgen. Und zu leiden haben die Beziehungen zu Nahestehenden. Alte Wunden zwischen den Konfessionsgruppen sind aufgebrochen. Die Reflexe der Feindseeligkeit sind wiederbelebt. Diese Gereiztheit geht selbst an Außenstehenden wie mir nicht vorbei. Ein anderer Gedanke kam mir häufiger die letzten Tage: es ist schier unfassbar wie Menschen im Irak leben können, wo der Wahnsinn von Gewalttaten und Bürgerkrieg seit nunmehr fünf Jahren tobt.

“Die Hezbollah ist keine Terrorzelle verblendeter Fanatiker.”

RE: Im libanesischen Volk stößt die Hisbollah zum Teil auf breite Unterstützung. Wie erklärt sich das - Kannst Du noch einmal ein paar Worte zum Wesen der Terrororganisation und ihren Zielen sagen?

Wischnat: Ich will es einmal pointiert formulieren: Die Popularität Hezbollahs darf man als Folge der Chronik israelischer Gewalttaten verstehen, im wesentlichen im Zuge der israelischen Besatzung (1982-2000). Die Hezbollah ist keine Terrorzelle verblendeter Fanatiker. In erste Linie ist sie eine nüchtern kalkulierende Organisation, die sich als Miliz und als politische Partei dem bewaffneten Widerstand gegen die israelische Besatzung verschrieben hat und damit effektiv das Sicherheitsdefizit der Menschen zu füllen wusste. Man darf nicht vergessen, dass die reale Bedrohung die von Israel ausgeht in die Zeit vor Hezbollah zurück reicht. Als Widerstandsbewegung der allen voran shiitischen Bevölkerung im Südlibanon hat sie sich profiliert und stetig an Popularität hinzugewonnen und in ihrem Befreiungskampf wurde sie im Übrigen auch von Deutschland und der Europäischen Union anerkannt. Unter die entrechtende Rubrik “Terrororganisation” fällt sie für nur fünf Staaten dieser Erde (einschließlich Israel und USA). Ich bin davon überzeugt, wer Hezbollah als Terrororganisation verteufelt und glaubt mit militärischer Gewalt Stabilität und Sicherheit für Israel erringen zu können, liegt einem Irrglauben auf und ist in dem Versuch Israels nördliche Landesgrenze zu befrieden, von vornherein zum Scheitern verurteilt. In diesem Sinne war auch Israels “Zweiter Libanonkrieg” (Julikrieg 2006) ein Schuss in den Ofen. Die Regierungskrise im Libanon steht in direktem Zusammenhang dazu. Israels Flächenbombardement shiitischer Siedlungsgebiete und die gezielten Attacken auf zivile Ziele verliehen Hezbollah erneut seine Exitenzberechtigung und gaben ihr den Auftrieb innerpolitisch drastisch an Einfluss zu gewinnen.

RE: Wie siehst Du die weitere Entwicklung, befindet sich der Libanon bereits unaufhaltbar auf dem Weg in einen neuen Bürgerkrieg?

Wischnat: In der Tat gibt es einen Hoffnungsschimmer. Gestern traf die Delegation der Arabischen Liga ein und am späten Abend gab die Regierung bekannt, die zwei Entscheidungen zurückzuziehen, die von der Opposition als Kriegserklärung verstanden wurden: Die Amtsenthebung des Flughafen-Sicherheitschefs, sowie die Demontage des privaten Telekommunikationsnetzwerks der Hezbollah, dem angeblich zentralen Instrument des Widerstandes gegen Israel. Werden sich aber beide Seiten damit begnügen, sich auf ihre Ausgangspositionen zurück zu ziehen? Schwer vorstellbar nach dem Blutvergießen der vergangenen sechs Tage. Ich glaube, Libanon steht kurz vor dem “point of no return”. Es muss endlich einen Schritt nach vorne gehen in der Regierungskrise, die sich seit November 2006 stetig verschärft hat.

RE: Inwieweit hat der Konflikt im Libanon vielleicht Auswirkungen auf das gesamte Machtgefüge des Nahen Ostens? Immerhin unterliegt die libanesische Hisbollah dem Einfluß schiitischer Verbände im Iran und eine erneute Konfrontation mit Israel (unter US-amerikanischer Unterstützung) wie 2006 ist auch nicht auszuschließen.

Wischnat: Auseinandersetzungen im Libanon sind eingebettet im Arabisch-Israelischen Regionalkonflikt und der Auseinandersetzung zwischen den USA und dem Iran. Selbstverständlich wird es Konsequenzen für die Region haben, wie auch immer sich das Machtgefüge im Libanon verschiebt. Panikmache ist dennoch unangebracht. Im Libanon wird es keinen islamischen Vasallenstaat des Iran geben. Die konfessionelle Gewaltenteilung ist verfassungsmäßig verankert und auch von der Hezbollah unangefochten.

„Die USA wäre am besten beraten sich rauszuhalten”

RE: Wie sollte der Westen darauf reagieren, hält er sich zu sehr zurück und wäre vielleicht sogar eine militärische Intervention notwendig?

Wischnat: Eine militärische Intervention wäre fatal. Die Einmischung der involvierten Fremdmächte, sei es der Nachbarländer, des Iran oder der USA, ist ein Kernbestandteil des Problems. Bereits die unbedachte Rethorik ist Wasser auf die Mühlen der Populisten beider politischen Lager im Libanon, des sogenannten “pro-westlichen” Regierungsblocks und der “pro-syrischen” Oppositionsparteien. Die USA wäre am besten beraten sich gänzlich rauszuhalten, anstatt Kriegsschiffe vor der libanesischen Küste in Stellung zu bringen. Möglichkeiten eines konstruktiven Engagements sehe ich für die EU in Form einer vorsichtigen Vermittlung, mit dem langfristigen Ziel den Libanon als unabhängiges und demokratisch regiertes Land zu stärken. Und dazu bedarf es die allgemeinen Berührungsängste mit islamischen Parteien abzulegen und den Willen der Bevölkerung zu respektieren. Ob man das gerne sieht oder nicht, nur die erneute Einbindung der Hezbollah in die Regierung wird eine friedliche Entwicklung im Libanon und der Region gewährleisten können. Das ist unter den libanesischen Parteien im übrigen Konsens. Nun geht es darum die Bedingungen festzulegen. in diesem Sinne ist auch ein Statement des Parlamentsmitglieds Nabil Qaouq (Hezbollah) zu verstehen, der jüngts erklärte: “The battle today is over the election law.” (”Der Kampf heute dreht sich ums Wahlgesetz”)

Interview: Felix Kubach

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  1. Readers Edition » BEST OF READERS EDITION – eine Wochenbilanz

    am 17. Mai 2008 um 03:03 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] “Libanon steht kurz vor dem ‘point of no return’“, war diese Woche auf der Readers Edition zu lesen. Andreas Wischnat, Student an der American University of Beirut, gibt mit seiner Einschätzung wenig Anlass zur Hoffnung. Auch wenn sich die Lage mittlerweile wieder etwas beruhigt hat – Friede scheint noch lange nicht in Sicht. Seine bewegenden Schilderungen aus Beirut, die er uns am vergangenen Wochenende zukommen ließ, haben einen nachhaltigen Eindruck im fernen Deutschland hinterlassen. Denn während hierzulande nun wieder Grill und Würstchen ausgepackt werden, sieht es in anderen Teilen der Welt alles andere als rosig aus. Dass wir das jedoch nicht vergessen, dazu haben unsere engagierten Autoren in den letzten Tagen wieder eine ganze Menge beigetragen. […]

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